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Sarah Wiener: Warum kandidiert sie?

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Alle Gesetze, die mir wichtig sind, werden auf EU-Ebene bestimmt. Der Klimaschutz zum Beispiel, das kannst du gar nicht natio­nal regeln. Und dann die gemeinsame europäische Agrarpolitik, die liegt mir ja besonders am Herzen. Wir brauchen eine Landwirtschafts- und eine Ernährungswende.

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Bei Klima-
katastrophen sind als erstes die Frauen betroffen.

Da sagen viele: Haben wir denn keine anderen Probleme? Aber es geht ja nicht nur um unsere Bauern, sondern um unser aller Zukunft. Wir haben 75 Prozent Insektensterben; die Mikro-­Organismen im Boden nehmen ab; durch Mineraldünger werden die Kleinstlebewesen auf dem Acker zerstört, die eine Pflanze braucht, um Nährstoffe überhaupt erst aufnehmen zu können. Es gibt immer mehr Chemie, weil die Erträge sinken, und dann müssen die Landwirte noch mehr spritzen und der Boden wird immer unfruchtbarer. Das ist das System, das die Agrarpolitik der EU fördert. Und das muss sich ändern.

Aber wir stehen ja auch noch aus einem anderen Grund an einem Scheideweg: Doppelt so viele Rechtspopulisten und stramme Rechte drohen ins Parlament einzuziehen. Politiker, die sich in die EU wählen lassen, um sie abzuschaffen. Da müssen wir wie eine Eins aufstehen und sagen: Nein! Die betreiben ja ein Anknabbern an allen Ecken: Frauenrechte, Pressefreiheit, Umweltschutz.

Wenn man die Leute dann fragt, wieso wählst du denn die Rechtspopulisten, dann sagt dir ein 25-Jähriger: Ja, wegen der Sicherheit! Du, da antworte ich: Meinst du, es wird in deinem Leben Sicherheit geben, wenn Außengrenzen und Vermögen die einzigen Themen sind, die dich interessieren? Auf diese Sicherheit kannst du pfeifen.

Bei Klimakatastrophen sind als erstes die Frauen betroffen – weil unter jedem armen Mann eine noch ärmere Frau steht. Deswegen kandidiere ich auch für die österreichischen Grünen. Ich kann mir ein EU-Parlament ohne sie einfach nicht vorstellen! Die Basis hat mich im März mit 95 Prozent auf den zweiten Listenplatz gewählt. Dabei hieß es im Vorfeld in den Medien: Die Basis ist gegen die Wiener! Angeblich, weil ich Deutsche bin – was ja nicht einmal stimmt. Und dann haben sie auch noch behauptet, ich wäre gegen eine vegane Lebensweise – was so pauschal auch nicht stimmt. Ich bin gegen eine industriell verarbeitete Nahrungsmittelproduktion, egal, wer was isst.

Ernährungstrends sind zu einer Ersatzreligion geworden.

Ernährungstrends sind generell ja zu einer Art Ersatzreligion geworden. Wer nicht in der gleichen Kirche ist, ist ein Gegner. Und so läuft das auch in der Politik. Wenn du mal einem Politiker aus der Opposition inhaltlich zustimmst, darfst du das keinesfalls laut aussprechen! Eine solche Kultur lehne ich ab.

Ich habe auch keine Lust, mich diffamieren zu lassen. Wenn man sich so die Kommentare im Internet anschaut, da merkt man schon, dass Frauen besonders attackiert werden. Und zwar auf eine so unappetitliche Weise, dass wir alle aufstehen und sagen sollten: Freundchen, so nicht! Aber auf der anderen Seite: Was kümmert’s den Mond, wenn ihn der Hund anbellt? Da bin zumindest ich robust und Gott sei Dank schon ein älteres Mädchen, das nicht gleich in ­Tränen ausbricht."

Aufgezeichnet von Alexandra Eul.

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Barley: Ich bin für Fristenlösung!

Ministerin Barley im Gespräch mit Alice Schwarzer.
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Andrea Nahles hat gesagt, Sie seien eine geborene Europäerin. Was meint sie damit?
Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Brite. Die beiden haben sich in Berlin kennengelernt und sind bis heute ein spannendes, binationales Paar. Ich bin zum Studieren für ein Jahr nach Frankreich gegangen und habe da den Vater meiner beiden Söhne kennengelernt. Dessen Mutter ist Niederländerin und der Vater Spanier. Heute wohnen wir glücklich getrennt in einem Vierländereck: Luxemburg, Belgien, Frankreich, Deutschland. Und mein jetziger Partner ist Niederländer.

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Und was haben Sie von den vielen Natio­nalitäten geerbt?
Den britischen Humor natürlich. Und das deutsche Pflichtgefühl. Aber auch diese britische Seite, die wir jetzt beim Brexit erleben: Die Gelassenheit auch in der größten Katastrophe und das What next?

Sie haben in Bezug auf die bevorstehenden EU-Wahlen von einer Schicksalswahl gesprochen.
Ja, aus zwei Gründen. Da ist zum einen der Brexit. Wir spüren: Europa ist keine festgeschmiedete Einheit, es kann jeden Moment auseinanderbrechen. Und dann ist da der in vielen Staaten aufkommende Rechtspopulismus. Im Europäischen ­Parlament sind sie zurzeit bei 19 Prozent.

Und es sieht so aus, als hätten Frauen da noch mehr zu befürchten als Männer.
Absolut! Da, wo die Rechten an die Macht kommen, geraten vier Dinge unter Druck: die freie Presse, der Rechtsstaat, die kritische Kultur und die Rechte von Frauen. (...)

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