In der aktuellen EMMA

Unsere Forscherinnen

Özlem Türeci gewann den weltweiten Wettlauf um den ersten Impfstoff. - Foto: Pressefoto Biontech
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Frauen bringen Licht ins Corona-Dunkel. EMMA hat sieben beeindruckende Wissenschaftlerinnen im Kampf gegen Covid-19 porträtiert. Allen voran die „Heilsbringerin von BioNtech“, Özlem Türeci, die zusammen mit ihrem Mann den weltweit ersten Impfstoff auf den Weg gebracht hat. Doch der hat zwei Mütter. Türeci zur Seite steht Kathrin Jansen von Pfizer. In Deutschland unbekannt, ist sie die Chefin der Impfstoffentwicklung in den USA.

Die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann hat als erste die Gefahr der Mutanten erkannt und erkämpfte die Verlängerung des Lockdowns. Auch Marylyn Addo, Virologin vom Hamburger Zentrum für Infektionsforschung, gehört zu den derzeit gefragtesten Wissenschaftlerinnen; ebenso ihre Kollegin aus Frankfurt, Sandra Ciesek, die uns mit ihrem NDR-Podcast „Coronavirus Update“ auf dem Laufenden hält.

Helga Rübsamen-Schaeff hat ein Medikament gegen Corona entwickelt. Und dann wäre da noch Mariola Fotin-Mleczek vom Tübinger Unternehmen Curevac, die einen Impfstoff entwickelt hat, der bei Kühlschranktemperatur gelagert werden kann. Was haben diese Frauen gemeinsam? Und wer sind sie?

Alle Porträts in der aktuellen März/April-EMMA lesen!

 

 

 

ÖZLEM TÜRECI
Der Spiegel eröffnete das Jahr mit einer Heldensaga: „Die BioNTech-Heilsbringer“ waren auf dem Titel, ein Forscher-Ehepaar. Aus Frankreich kam die Frage: Sind das die neuen Curies? Tatsächlich haben Özlem Türeci und Uğur Şahin, die VordenkerInnen des Mainzer Unternehmens BioNTech, einiges mit dem legendären Nobelpreisträgerpaar gemein. Vor allem die Bedeutung: Sie brachten der Welt den ersten Impfstoff gegen das Corona-Virus. Und das in Lichtgeschwindigkeit. „Project Lightspeed“ hieß ihr im Januar 2020 gestartetes Entwicklungsprogramm. Özlem Türeci ist dabei die Chefforscherin, ihr Mann der Chefmanager der Firma, der CEO. Türecis Vater war Arzt, er kam aus Istanbul nach Deutschland. „Geprägt durch meinen Vater konnte ich mir schon als Mädchen keinen anderen Beruf vorstellen“, schreibt sie. Sie studierte Medizin an der Universität des Saarlandes in Homburg, wo sie Sahin kennenlernte. Er ist auch der Vater ihrer Tochter. Als Forscherin ist Türeci eine Pionierin der Krebsimmuntherapie. Und Corona bekämpfen, das kann sie natürlich auch.

Kathrin Jansen - Foto: Carlo Allegri/Reuters/picture alliance
Kathrin Jansen - Foto: Carlo Allegri/Reuters/picture alliance

KATHRIN JANSEN
Der lichtschnelle Erfolg des BioNTech/ Pfizer-Impfstoffs hat zwei Mütter: Özlem Türeci von BioNTech und Kathrin Jansen von Pfizer. Kathrin wer? Kennt hier keiner, dabei ist sie Deutsche. Die Chefin der Impfstoffentwicklung des US-Pharmakonzerns ging ein hohes Risiko ein, als sie sich im März 2020 für eine Kooperation mit der Mainzer BioNTech entschied. Denn die mRNA-Technologie, die BioNTech ebenso wie Curevac und Moderna vorantreibt, war noch nie in der Impfpraxis eingesetzt worden; es gab kein einziges zugelassenes Präparat. Unter der Führung von Kathrin Jansen entstand das erste. Aus dem Homeoffice in New York, wo sie mit ihrem Mann lebt, managte sie ein weltweites Team von 650 Personen, oft mittels Zoom-Konferenzen. Jansen hat in Marburg Mikrobiologie, Biochemie und Genetik studiert und dort auch promoviert. Ihre Karriere führte sie durch mehrere bekannte Pharma-Unternehmen, für Merck entwickelte sie den ersten Impfstoff gegen das humane PapillomaVirus, das Gebärmutterhalskrebs verursacht. Uğur Şahin von BioNTech ist voll des Lobes über sie: „Sie ist unermüdlich“, sagt er. Die Zeitschrift nature wählte Kathrin Jansen zu ihren zehn Top-WissenschaftlerInnen des Jahres 2020.

Melanie Brinkmann - Foto: Jens Schicke/imago images
Melanie Brinkmann - Foto: Jens Schicke/imago images

MELANIE BRINKMANN
Zu Redaktionsschluss Mitte Februar 2021 ist klar: sie hat sich durchgesetzt. Bund und Länder haben den Lockdown bis Anfang März verlängert, um Corona den Garaus zu machen und den neuen Mutanten gar keine Chance zu geben, sich in Deutschland auszubreiten. Die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann, 47, hat dafür mit allen Mitteln und in allen Medien gekämpft. Sie hat andere WissenschaftlerInnen mobilisiert zu einer wahren NoCovid-Bewegung. Sie hat erklärt, Modellrechnungen präsentiert und gewarnt: „Die Mutanten werden uns überrennen.“ Brinkmann gilt als „Merkel-Flüsterin“. Aber flüstern tut sie wahrlich nicht. Brinkmann redet Klartext, ob im Spiegel-Interview oder auf Twitter, wo @BrinkmannLab mittlerweile Kultstatus genießt. Die Familie – Brinkmann ist verheiratet und Mutter dreier Söhne – zieht mit. Ihr Ältester, 13 Jahre, sagte jüngst zu ihr: „Mama, es ist wichtig, dass du allen erklärst, was bei Corona passiert und dafür im Fernsehen bist. Du musst das weitermachen."

Marylyn Addo - Foto: Ulrich Perrey/picture alliance
Marylyn Addo - Foto: Ulrich Perrey/picture alliance

MARYLYN ADDO
Sie sei „eine rheinische Frohnatur“, verriet sie, als sie 2013 am Hamburger Zentrum für Infektionsforschung ihre Professur mit Schwerpunkt Virus-­Immunologie und Impfstoffentwicklung antrat. Die Frohnatur wird sie brauchen können in einem Jahr, in dem es wenig Karneval und viel Corona gibt. Wie Özlem Türeci ist sie die Tochter eines Mediziners, ihr Vater stammt aus Ghana. Aufgewachsen ist sie in der Nähe von Bonn, wo sie auch Medizin studierte. Geforscht hat sie 15 Jahre lang in Boston. Ihr Mann, ebenfalls Arzt, kam mit, zwei Kinder wurden dort geboren. In der Pandemie ist Addo nicht nur als Forscherin gefordert, sondern auch als Expertin. Laut Spiegel gehört sie zu den zehn WissenschaftlerInnen, die in den Medien zum Thema Corona am gefragtesten sind. Auch Addo hat einen Impfstoffkandidaten in der Entwicklung, sie forscht aber nicht in der Industrie, sondern innerhalb eines akademischen Konsortiums. Im Januar stellte sich heraus, dass ihr Vektor-Impfstoff nicht so gut wirkt wie erwartet. „Wir arbeiten jetzt eine Liste mit möglichen Fehlern ab, und dann versuchen wir es wieder“, kündigte sie unverdrossen an.

Sandra Ciesek - Foto: rheinmainfoto/imago images
Sandra Ciesek - Foto: rheinmainfoto/imago images

SANDRA CIESEK
Der beliebte NDR-Podcast „Coronavirus Update“ bekam im September 2020 Verstärkung durch die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek. Zuvor hatte ihn Christian Drosten allein bestritten. Bei ihrem Debüt musste Ciesek sich allerhand gefallen lassen. In einem Spiegel-Interview wurde sie angeschossen: „Ihnen ist schon klar, dass Sie die Quotenfrau sind?“. Auf Twitter entspann sich unter dem Hashtag #Quotenfrau eine rege Debatte. Ciesek selbst konterte souverän: „Ich glaube schon, dass der NDR gerne eine Frau haben wollte. Aber nüchtern betrachtet halte ich genau die gleiche Stellung inne wie Herr Drosten.“ Wohl wahr! Sandra Ciesek, 1978 geboren, ist Direktorin des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt sowie Professorin für Medizinische Virologie an der GoetheUniversität. Vor Corona hatte die Medizinerin vor allem über Hepatitis-C-Viren geforscht. Im März 2020 erhielt sie von der Johanna-Quandt-Stiftung innerhalb 24 Stunden nach Antragstellung die Fördersumme von 250.000 Euro für die Suche nach wirksamen Medikamenten gegen COVID-19. Sandra Ciesek ist verheiratet und Mutter einer Tochter.

Helga Rübsamen-Schaeff - Foto: Jürgen Heinrich/imago images
Helga Rübsamen-Schaeff - Foto: Jürgen Heinrich/imago images

HELGA RÜBSAMEN-SCHAEFF
„Sie kann sehr begeistern“, das sagen alle, die Helga Rübsamen-Schaeff einmal begegnet sind. Drei große Karrieren hat die inzwischen 72-jährige Virologin hintereinander gemacht: Sie war Aids-Forscherin in Frankfurt in den 1980er Jahren, Leiterin der Virusforschung bei Bayer in Wuppertal in den 1990ern und gründete 2006 ihr Unternehmen Aicuris. Heute ist Aicuris eines der wenigen deutschen Unternehmen, das bereits ein Medikament gegen das Corona-Virus entwickelt hat: AIC649. Das ist ein inaktiviertes Parapox-Virus, das Immunantworten auf nicht verwandte Viren verstärkt. Es könnte direkt nach einer Covid-Infektion als Erste-Hilfe-Präparat eingesetzt werden. Eine klinische Pilotstudie läuft gerade an. Helga Rübsamen-Schaeff, inzwischen Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats von Aicuris, sitzt derweil am 1. Februar 2021 im Studio von „SWR 1 Leute“ und beantwortet Hörerfragen zu Corona und den neuen Impfungen. Die alleinerziehende Mutter eines mittlerweile sehr erwachsenen Sohnes war schon immer eine Teamplayerin. Und eine Feministin. Schon auf dem Flur ihrer Abteilung bei Bayer verrieten Plakate: Hier ist feministisches Terrain.

Mariola Fotin-Mleczek
Mariola Fotin-Mleczek

MARIOLA FOTIN-MLECZEK
Für das Tübinger Unternehmen Curevac war 2020 ein dramatisches Jahr. CEO Ingmar Hoerr fiel wg. Krankheit aus. Das Team in Tübingen machte weiter. Im Zentrum des Geschehens: Chefwissenschaftlerin Mariola Fotin-Mleczek. Sie ist eine Perfektionistin. Ihr verdankt Curevac unter anderem, dass der Impfstoff der Firma, dessen Zulassung vor der Tür steht, schon in winzigsten Dosen wirkt und deshalb wenig Nebenwirkungen hat. Und auch, dass er – anders als der von BioNTech – bei normaler Kühlschranktemperatur gelagert werden kann. Fotin-Mleczek hat in Stuttgart Biologie studiert und promoviert. Sie wechselte nach Tübingen an ein Uni-Labor, dann rasch zu Curevac. Immunologie und Zellbiologie sind ihre Spezialgebiete, sie hält mehrere Schlüsselpatente im Zusammenhang mit der mRNA-Technologie, die Hoerr 1999 begründet hat. Sie sei „eine Wissenschaftlerin im Kopf und im Herzen“, sagt sie über sich. Dass sie wie ihr Mann in Polen geboren ist, wird fast nie erwähnt. Nur die Deutsch-Polnische Gesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. jubelt auf Facebook: „Dr. Mariola Fotin-Mleczek – die Hoffnung gegen Corona aus Polen.“ Aus Polen kam auch Marie Curie.

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