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Simone de Beauvoir: Begabt zum Glück

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Die Autorin nähert sich Simone de Beauvoir als Philosophin. Getreu der Erkenntnis der Porträtierten geht es dabei selbstverständlich auch um ihr Leben. Denn: „Mein Leben ist mein Werk“, hat sie einmal gesagt. Und: „Es gibt keine Trennung zwischen Philosophie und Leben. Jeder lebendige Schritt ist eine philosophische Entscheidung.“ Und bei jedem dieser Schritte geht es in Werk wie Leben einer der bedeutendsten Frauen des 20. Jahrhunderts, wenn nicht der bedeutendsten, um eines ihrer beiden zentralen Themen: um Liebe und Gleichberechtigung bzw. um Freiheit und Verantwortung.

Es ist dies die zweite Biografie über Simone de Beauvoir. Auch sie wurde von einer Ausländerin verfasst, der englischen Philosophin Kate Kirkpatrick. Deren Vorteil ist, dass sie nicht nur auf Beauvoirs mitgeteilte und veröffentlichte Erinnerungen – also das, was diese preisgeben wollte und wie sie es tat – zugreifen konnte, sondern auch auf erst posthum veröffentlichte Briefe und vor allem: auf Beauvoirs frühe Tagebücher, die 2007 in Frankreich, jedoch bisher nicht auf Deutsch, erschienen sind.

Die Autorin tut das mit einem gelassenen Blick und in dem Bewusstsein, wie ungeheuerlich Beauvoirs öffentliches Leben, Denken und Schreiben für eine Frau ihrer Zeit war – und noch ist. Sie versucht, den Innen- und Außenblick auf diese Frau zusammenzuführen, die weltweit zum Rollenmodell für mehrere Frauengenerationen wurde – und gleichzeitig zu der von der Kritik und ihren politischen Gegnern und Gegnerinnen wohl am meisten fehlinterpretierten und verleumdeten weiblichen Persönlichkeit.

Kirkpatrick hatte zunächst über Sartre gearbeitet. Dabei waren die „Schieflage“ und das zweierlei Maß, mit dem die beiden gemessen wurden, aufgefallen. Sie schließt ihre über 450 Seiten umfassende Biografie mit Pressestimmen nach Simone de Beauvoirs Tod am 14. April 1986 ab. Und die sind wahrlich erschütternd. „Ihr Werk: Mehr Popularisierung als Kreation …“, so Le Monde. Sie war „Sartres Krankenschwester“, seine „Biografin“ und „eifersüchtige Frau“, so die New York Times. „Sie besaß ebenso wenig Fantasie wie ihr Tintenfass“, und „weil sie eine Frau ist, blieb Simone ein Fan des Mannes, den sie liebte“, so die wissenschaftliche Revue de deux Mondes. So hatte es auch zu ihren Lebzeiten über Jahrzehnte getönt. Wie hat diese Frau das nur ausgehalten?

Was hatte Simone de Beauvoir verbrochen, dass man ihr noch nach dem Tod solche Kübel von Dreck hinterherwarf? Sie hatte sich erlaubt, eine wirklich unabhängige Denkerin und Autorin zu sein, sich „männliche“ Freiheiten zu nehmen – und die Relativität der Frauen in Bezug auf den Mann, die Geschlechterhierarchie infrage zu stellen. Sie hatte die Parallelen zwischen Rassismus und Sexismus und die Funktion der Liebe analysiert und war zu dem Schluss gekommen: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ Doing Gender, heißt das heute.
Kirkpatrick ist nicht die erste, die es darlegt, aber sie tut es mit Akribie: Die 18-Jährige war eine „Tochter aus gutem Hause“, jedoch ökonomisch hart deklassiert. Sie beginnt schon im Alter von 18 Jahren, die zentralen Thesen ihrer Philosophie zu entwickeln, zwei Jahre bevor sie Sartre begegnete. In der Eliteschule École Normale hat sie einen rasanten Ruf: als Frau, die man unbedingt kennenlernen muss! Und das nicht nur wegen ihres „männlichen Verstandes“, sondern auch wegen ihres hinreißenden Aussehens. Die brillantesten Männer ihrer Jahrgänge umschwärmten sie, Sartre war nur einer von vielen. Aber er machte das Rennen.

„Er ist in meinem Herzen, in meinem Körper und vor allem: der unvergleichliche Freund meines Denkens (denn in meinem Herzen, in meinem Körper könnten viele andere sein)“, schreibt sie in ihr Tagebuch. Und er blieb es bis zu seinem Tod. Die beiden sollten sich lebenslang an ihren 1929 geschlossenen Pakt halten – da war sie 20: Dass es sich bei ihrer Beziehung um eine „notwendige Liebe“ handele, die jedoch keine „Zufallslieben“ ausschließe.
Er war der Freund ihres Denkens – sie war die Freundin seines Denkens. Noch wenige Monate vor seinem Tod bekräftigte Sartre: „Ich habe noch nie ein Manuskript veröffentlicht, das sie nicht vorher gelesen hätte.“ Und oft genug auch redigierte, das ist schon lange kein Geheimnis mehr. Auch nicht, dass sie nie zögerte, ihn scharf zu kritisieren – zu seinem Vorteil. Er präzisierte seine Theorie, geschärft an ihren Argumenten.

Beauvoirs Denken hat sich in ihren philosophischen Essays niedergeschlagen, mehr noch jedoch in ihren Romanen. Sartre theoretisierte es. So wie in seinem philosophischen Essay „Das Sein und das Nichts“ (1943), geschrieben nach Lektüre ihres Romans „Sie kam und blieb“ aus demselben Jahr. Sie war es, die der existenzialistischen Aufforderung zur Freiheit die Zwänge der Faktizität entgegenhielt: „Welche Freiheit hat eine Frau im Harem?“

Hat Sartre seiner Gefährtin also die Erkenntnisse geklaut? Das britische Philosophenpaar Edward und Kate Fullbrook behauptete das vor 25 Jahren, basierend auf der akribischen Analyse der Abläufe der jeweiligen Publikationen beider. Da hatte in der Tat immer sie als erste das existenzialistische Denken weiter entwickelt – und er scheint nachgezogen zu haben. Es kann jedoch auch einfach so gewesen sein, dass diese zwei Intellektuellen ihr Leben lang so im Gespräch und Austausch waren, dass manchmal kaum noch zu unterscheiden war, wer was zuerst gedacht hatte – zum Nutzen beider. In einer Welt jedoch, in der dem Mann die Kreation zugeschrieben wird, und der Frau die Reproduktion, lässt man kein gleichberechtigtes Paar gelten. Da ist immer Er der Eigentliche und Sie die „Andere“. Niemand hat das treffender analysiert als Beauvoir selber.

Simone de Beauvoir gab in ihren autobiografisch geprägten Romanen und in den Memoiren viel von sich preis, aber nicht alles. Sie hatte auch nie behauptet, das zu tun. Seit ihrem Tod nun veröffentlicht ihre Erbin Sylvie le Bon de Beauvoir, Adoptivtochter und letzte Weggefährtin, sukzessive literarische Hinterlassenschaften und persönliche Dokumente: Briefe und Tagebücher. Allmählich beginnen wir zu ahnen, was Beauvoir alles nicht geschrieben hatte.

1978 hatte sie zu mir in einem unserer Interviews gesagt: „Ich hätte gern eine wirklich sehr ehrliche Bilanz meiner eigenen Sexualität gezogen. Und zwar vom feministischen Standpunkt aus.“ Sie hat es nicht getan. Vor allem „aus Rücksicht auf Dritte“ nicht, wie sie damals sagte.

Da lebte auch Olga noch, eine ihrer drei Ex-Schülerinnen, mit denen sie Ende der 30er/Anfang der 40er Jahre Verhältnisse eingegangen war. So weit, so heikel. Ganz heikel wurde es, als sie fast gleichzeitig ein Verhältnis mit Jacques-Laurent Bost hatte, Ex-Schüler von Sartre, und der wiederum hatte auch eines mit Olga, die er später heiratete. Und Sartre wiederum hatte bis zu seinem Tod ein Verhältnis mit Olgas Schwester Wanda. Beauvoir und Sartre blieben mit allen lebenslang befreundet. Olga aber erfuhr nie die Wahrheit und wollte sie wohl auch nicht wissen.

Vor allem Beauvoir hat diese Spielchen später sehr bereut. 1973 befragte ich für ein Filmporträt über sie beide nach der Rolle der „Dritten“ in ihrem Leben. Da haben sie mir in die Kamera geantwortet: Denen hätten sie leider oft Unrecht getan durch die Priorität ihrer „notwendigen“ Beziehung. Und das würden sie rückblickend sehr bedauern.
Doch war Simone de Beauvoir keineswegs die von Sartre permanent betrogene Frau, die seine Eskapaden im Namen der beidseitigen Freiheit lebenslang erduldete. Sie hat von Anbeginn an die zunächst von Sartre proklamierte Freiheit auch für sich zu nutzen gewusst, aber aus Takt nicht darüber geschrieben, auch nicht über ihre Frauenbeziehungen. Man bedenke die Zeit, Homosexualität war noch geächtet – und die Autorin vom „Anderen Geschlecht“ hatte längst den „saftigen Ruf einer Lesbe“.

In jener Zeit hatte sie eine leidenschaftliche Affäre mit Nelson Algren. Hätte sie damals auch noch ihre Bisexualität öffentlich eingestanden, wäre sie erledigt gewesen. Sartre war für sie also nicht nur Schatten, sondern auch Schutz. Und da wir gerade bei den in den vergangenen Jahren so viel betratschten Affären von Beauvoir sind, bringen wir es gleich ganz hinter uns: Es gab nicht viele, aber doch ein paar Männer. Jedoch nur einen, der Sartre hätte gefährlich werden können: das war der Amerikaner Nelson Algren, der Autor von „Der Mann mit dem goldenen Arm“. Er machte ihr einen Heiratsantrag, doch sie sagte „Nein“. Auch in Sartres Leben gab es, neben unzähligen Affären des notorischen Eroberers, wohl zweimal eine andere Frau, die den „Biber“, so Beauvoirs Spitzname, hätte infrage stellen können. Doch es blieb bei dem Pakt – und beide wussten, warum.

Wobei Folgendes wohl ein wesentlicher Faktor dafür war, dass dieses riskante Unterfangen gelang: Die sexuelle Beziehung zwischen den beiden hatte nie eine große Bedeutung eingenommen und spielte laut Aussagen beider nach den ersten zehn Jahren überhaupt keine Rolle mehr. Sartre war ein berüchtigt schlechter Liebhaber, das gestand er auch selbst ein. Ihn interessierte nur das Erobern. Und Simone de Beauvoir hat ihren ersten Orgasmus tatsächlich erst 1947 erlebt, mit Nelson Algren. Die Biografin schreibt, ein Freund von Nelson habe das kolportiert, wohl in gehässiger Absicht. Doch auch Beauvoir hat mir das Anfang der 80er Jahre anvertraut. Die Feministin und berüchtigte Femme fatale entdeckte ihren eigenen Körper tatsächlich erst im Alter von 38 Jahren. So wie viele Frauen ihrer Generation.

Gleichzeitig aber – und das weiß ich auch aus eigenem Erleben, als Freundin der beiden zwischen den Jahren 1971 und 1980/86 – war die Beziehung zwischen ihnen keineswegs auf eine intellektuelle Komplizität beschränkt. Sie hatten bis zuletzt eine sehr zärtliche und ironische, innige und lebendige Beziehung. Sartre erklärte noch kurz vor seinem Tod über seine Beziehung mit „dem Castor“ in einem Interview: „Es war ein einziges großes Glück.“

Das sind die Fakten. Und die Legende? Versteht sich, dass man die Frau, die ihre Geschlechtsgenossinnen in der ganzen Welt zum Aufstand verführt hatte und zur Vordenkerin der Frauenbewegung geworden war, nichts durchgehen ließ! Sie wurde als „alte Jungfer“ geschmäht, als „Sexsklavin von Sartre“, als „frustrierte Lesbe“. Und vor allem hielt man ihr nach Bekanntwerden ihrer Affären so manches Mal vor, sie habe im Umgang mit den „Dritten“ ihre eigenen Prinzipien, also die von ihr postulierte Ethik und Empathie verraten.

Stimmt, sie hat nicht immer alles richtig gemacht. Wie sollte sie auch. Sie war ja kein Denkmal, sie war ein Mensch. Allerdings ein lebenslang extrem mitfühlender und engagierter Mensch, mit Individuen und mit Gesellschaften. So setzte siesich schon für die Rechte der Schwarzen in Amerika ein, als das, Ende der 1940er Jahre, für Weiße noch kaum ein Thema war. Sie weinte Nächte durch während des Befreiungskampfs der AlgerierInnen in den 50er/60ern, aus Scham über die Kolonialmacht Frankreich. Sie unterstützte aktiv algerische Freiheitskämpferinnen und korrespondierte persönlich mit den vielen, vielen Frauen, die ihr aus der ganzen Welt ihre Verzweiflung und Hoffnung schrieben, mit manchen über Jahre. Sie half auch immer wieder mit Geld – und finanzierte zum Beispiel Claude Lanzmanns „Shoah“ mit.

Ich vermisse in dieser Biografie nur eines: Simone de Beauvoirs ungeheuren Lebenshunger und ihre Lebenslust, trotz aller Probleme. „Ich kenne niemanden, der so begabt ist zum Glück wie ich“, sagte sie einmal. Und wenn sie einmal etwas erkannt hatte, setzte sie es auch um. In lebendigen Schritten.

Die Autorin des 1949 erschienenen „Anderen Geschlechts“, dieser „Bibel der neuen Frauenbewegung“, ohne die wir neuen Feministinnen nicht so weit hätten denken können, hatte sich übrigens selber lange nicht als Feministin verstanden. Sie glaubte, wie so manche Linke ihrer Generation, an eine automatische Lösung der Frauenfrage im Sozialismus. Doch die Klassenkämpfer reduzierten den Geschlechterwiderspruch zum „Nebenwiderspruch“, sowohl in den realsozialistischen Ländern wie auch innerhalb der westlichen Linken.

Auch Kate Kirkpatrick endet mit dieser Erzählung: Als wir Frauen Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre aufbegehrten und unsere Sache selber in die Hand nahmen, schloss Beauvoir sich uns an. Sie wurde zur „Weggefährtin“ der Neuen Frauenbewegung. Zusammen mit einer Handvoll Feministinnen, mit denen sie politisch und emotional sympathisierte (darunter auch ich), wurde die Theoretikerin erstmals zur Aktivistin: Sie stellte ihren Namen für spektakuläre Aktionen zur Verfügung und ging mit uns auf die Straße.

Bis heute legen Frauen aus der ganzen Welt Tag für Tag Blumen, Metrotickets und Briefchen auf das Grab von Simone de Beauvoir und hinterlassen Lippenstiftküsse auf dem hellen Grabstein, auf dem Friedhof Montparnasse, wo sie zusammen mit Sartre begraben liegt. Denn Werk und Leben dieser singulären Intellektuellen waren und sind für uns, die in Richtung Freiheit und Gleichheit aufgebrochenen Frauen, eine anhaltende Ermutigung.

Alice Schwarzer

 

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MLF wird 50: Allons les filles!

Cathy Bernheim (vorne li) mit Blumengesteck für "die unbekannte Frau des unbekannten Soldaten".
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26. August 1970. Neun Frauen überqueren die Champs-Élysées und nähern sich dem Arc de Triomphe. In ihrer Mitte tragen sie ein Blumengesteck mit einer Schärpe, auf der steht: „Für die unbekannte Frau des unbekannten Soldaten“. Zielstrebig schreiten sie auf das Grab des unbekannten Soldaten zu, das unter dem Arc steht und auf dem eine ewige Flamme brennt. Die gilt dem unbekannten Toten aus dem Ersten Weltkrieg, ja allen gefallenen Soldaten. Der unbekannten Frau des unbekannten Soldaten gilt sie nicht. Das wollen die neun nun ändern.

Der Frauentrupp ist noch nicht ganz am Grabmal angekommen, da tritt ihm die Polizei entgegen. Denn das hier ist ein heiliger Ort, hier wird nicht protestiert. Da nutzt es auch nichts, dass unter den neun zwei bekannte Schriftstellerinnen sind, Monique Wittig und Christiane Rochefort, und eine unbekannte Stripteasetänzerin aus dem Crazy Horse, Monique Bourroux.

PassantInnen bleiben stehen. Vorab informierte Journalisten rufen: „Wehrt euch!“ Kameras klicken. Mikros werden hingehalten. Doch nichts zu machen: Die neun werden abgeführt in die Wache gleich nebenan, die in einem der Pfeiler des Arc residiert. Dort nerven die Frauen die Polizisten über Stunden durch das Schmettern von auf Heldinnen umgeschriebenen Heldenliedern. Gegen Abend werden sie vor die Tür gesetzt.

Am nächsten Morgen titeln quasi alle Pariser Tageszeitungen mit dem unerhörten Event. Mitten im Sommerloch ist das Spektakel herzlich willkommen. Und die Medien geben den Frauen auch bald einen Namen: „Le Mouvement de libération des femmes“. Die Bewegung zur Befreiung der Frauen: le MLF. Die Frauenbewegung in Frankreich ist geboren – und sollte von nun an Freude und Schrecken verbreiten.

Ab da ging es Schlag auf Schlag. Wenige Wochen später sind aus den neun schon ein paar hundert geworden. Ich bin dabei. Wir treffen uns jeden Mittwochabend in einem großen Saal im ersten Stock der Beaux Art an der Seine und wissen kaum, wohin mit all unserem Elan und unserer Leidenschaft. Jede redet, und wer am lautesten redet, schafft es, gehört zu werden. Wir nennen uns: Féministes Révolutionnaires oder Gouines Rouges (Rote Lesben) oder Oreilles Vertes (Grüne Ohren). Wir schreiben Flugblätter, Gedichte und Lieder. Wir singen und schreien. Und wenn wir abends gegen 22 Uhr die Rue Bonaparte Richtung Saint-Germain hochstürmen, kneifen wir auch schon mal einem harmlosen Passanten in den Hintern.

Im Dezember 1970 erscheint die erste von sieben Ausgaben des Torchon brûle (wörtlich: brennendes Spültuch, übertragen: Der Haussegen hängt schief). Jede der sieben Ausgaben wird von einer anderen Gruppe gemacht. Am 5. April 1971 erscheint das von einigen unter uns initiierte „Manifest der 343“, darunter auch die neun vom Arc de Triomphe. Die 343 Französinnen erklären: „Ich habe abgetrieben – und fordere das Recht dazu für jede Frau!“ Auch Simone de Beauvoir ist inzwischen mit von der Partie. Neun Wochen später, am 6. Juni 1971, wird ein ganz ähnliches Manifest im (k)Stern erscheinen. Ich hatte die Idee nach Deutschland exportiert. Dieses Manifest der 374 sollte zum Auslöser der deutschen Frauenbewegung werden.

Doch ganz wie in Deutschland war auch die französische Frauenbewegung nicht aus dem Nichts gekommen. Es hatte schon vorher rumort, auf den Barrikaden von Mai 68, an den Universitäten und vor allem in der „Roten Fakultät Vincennes“, die 1969 am Rand von Paris gegründet worden war und Sammelbecken und Brutstätte der Post-68er und sozialen Bewegungen wurde.

In Vincennes hatten Studentinnen bereits im Frühling 1970 eine erste Vollversammlung abgehalten. Die war von linken Machos mit dem Slogan gestürmt worden: „Le pouvoir est au bout du phallus“ (Die Macht ist an der Spitze des Phallus). Die Frauen antworteten ein paar Tage später mit einer Demo und Slogans wie: „Wir sind alle hysterisch!“ – „Wir sind alle frustriert!“ – „Wir sind alle lesbisch!“ – Damit machten sie die Klischees über sie zu einer ironischen Waffe.

Im Juli 1970 war eine Ausgabe des (k)Partisan (das französische Kursbuch) erschienen mit dem Titel: „Libération des Femmes, l’an zéro“. Da glaubten die neuen Feministinnen noch, sie seien die ersten in der Geschichte, es schlage die Stunde Null. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis sie ihre Vorgängerinnen entdeckten, in Frankreich wie Deutschland.

Auf den 26. August 1970, der aus Solidarität mit den am gleichen Tag demonstrierenden Amerikanerinnen gewählt worden war, folgte eine wahre Kulturrevolution. Der MLF war rasch in aller Munde, zur Freude vieler Frauen und zum Schrecken einiger Männer. Aktionen, Projekte, Bewusstseinsveränderungen und Gesetzesänderungen, Verschiebung der Machtverhältnisse. 

Cathy Bernheim, eine der neun vor 50 Jahren am Arc de Triomphe und damals 24 Jahre alt, ruft heute, zusammen mit weiteren Frauen der ersten Stunde, bekannte und unbekannte Frauen, auf: Kommt alle am 26. August zum Arc de Triomphe! Wir haben Grund zum Feiern!  

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