Sisters werden gecancelt
„OnlyFans – Jung, schön und bald reich?“ – unter diesem Titel sollte Ende November in Ulm ein Podiumsgespräch über „Pornografie, Selbstvermarktung und Machtverhältnisse“ stattfinden. Eingeladen hatte das Ulmer „Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution“. Darin vertreten waren auch die Volkshochschule und die Stadt Ulm. Doch die Veranstaltung fand nie statt. Warum? Das „Flinta-Kollektiv Ulm“ und Mitglieder von „Die Linke Ulm“ witterten „Transfeindlichkeit“ und brachten die Veranstalter zum Einknicken.
Um das Thema Trans sollte es in dem Podiumsgespräch zwar gar nicht gehen, aber allein die Referentinnen passten den Ulmer Queer-Linken schon nicht in den Kram. Charlotte vom Kolke, Mitglied bei Sisters, und Felicitas Vogt-Herr, Anti-Porno-Aktivistin, hätten schließlich „eine gewisse Nähe zu Alice Schwarzer und EMMA“. Und da kriegt die Linke Queer-Jugend ja Schnappatmung. Die Ulmer Büroleiterin der Linken, Sophia Ognissanti (22), warf den Referentinnen „Transfeindlichkeit“ und „eine feindliche Einstellung gegen Sexarbeit und Sexarbeiterinnen“ vor. Und das sei mit ihrem „Queerfeminismus nicht vereinbar!“.
Interesse, über Inhalte zu sprechen,
hatten die Protestierenden nicht.
Referentin Felicitas Vogt-Herr kann da nur mit dem Kopf schütteln: „Diese Menschen, die sich als links bezeichnen, begreifen nicht, dass OnlyFans ein Paradebeispiel für kapitalistische Ausbeutung ist und in höchstem Maße frauenfeindlich. Sie halten sich für antifaschistisch und merken nicht einmal, welcher Methoden sie sich da bedienen.“
Eine „Diffamierungskampagne“ und „Cancel Culture“ nennt das auch die Ulmerin Solveig Senft, Lehrerin und seit Beginn von Sisters aktives Mitglied. Sie hatte die Veranstaltung unterstützt. „Ich bin schockiert, dass das Thema Pornografie zu solchen Angriffen führt“, sagt Senft. KeineR der Beteiligten hätte auch nur das geringste Interesse daran gehabt, über Inhalte zu sprechen.
Die Sisters kennen das Canceln von Veranstaltungen bereits zur Genüge. Seit zehn Jahren helfen sie Frauen in der Prostitution und jenen, die daraus aussteigen wollen. Wenn sie Veranstaltungen machen und auch Aussteigerinnen öffentlich sprechen lassen, werden ihnen kurzerhand auf Druck linker oder queerfeministischer AkteurInnen (die Übergänge sind fließend) kurzfristig die Räume abgesagt. Die Absagen erfolgen nie nach einem Austausch über Inhalte, sondern schlicht durch massiven Druck auf die Veranstalter.
Die Absagen erfolgen durch massiven Druck auf die Veranstalter
Oft rufen die „queerfeministischen“ AkteurInnen auf Social Media auch zu Protesten auf und drohen so manches Mal auch mit Gewalt. So in Ulm. Dort machten Sophia Ognissanti und Nicklas Boden (Linke) in Antifa-Schwarz gehüllt auf Instagram Stimmung: „Wir hoffen, dass die Veranstaltung jetzt nicht in der Form stattfindet. Und wenn doch, rufen wir alle Leute auf, sich dagegen …“ Dann hören die beiden lachend auf weiterzusprechen, weil ihnen scheinbar jemand hinter der Kamera signalisiert, dass ein direkter Aufruf zur Gewalt auch in der Kommunalpolitik wohl doch nicht so cool ist.
In Leipzig stürmten 60 Vermummte Ende 2024 in eine Filmvorführung der Sisters. In der Uni sollte der Film „Bordell Deutschland“ gezeigt werden, mit anschließender Diskussion. Ganz in Schwarz und mit Palästinenser-Tuch besetzten die Vermummten den Saal, machten Krach mit Trillerpfeifen und schrien Parolen wie „Terfs gibt’s in jeder Stadt – bildet Banden, macht sie platt“ oder „Ganz Leipzig hasst euch Swerfs und Terfs“ und „Alerta Queerfeminista“. Die Linse des Beamers für die Filmvorführung wurde verdunkelt.
Bis zum Eintreffen der Polizei mussten die Sisters den rasenden Mob aushalten – was sie tapfer getan haben. Im Nachgang positionierte sich der „Student*innenRat“ der Uni für die ExtremistInnen der „Anti-Terf-Demonstration“, stufte den Protest als „friedlich“ ein und forderte die Rektorin auf, die „Uni als Schutzraum zu verteidigen“. Solveig Senft: „So viel zum Thema Meinungsfreiheit. Die gilt bei Queerfeministinnen nur, wenn es die eigene Meinung ist. Täter-Opfer-Umkehr ist ihr Hobby.“
Die Sisters-Ortsgruppen erleben das Canceln und Anfeinden immer wieder.
Oder Dortmund. Anfang 2023 wollten die Sisters an der Ruhr-Universität einen Workshop machen, Titel: „Prostitution: Das System, seine Profiteure und soziale Folgen.“ Auch eine ehemalige Prostituierte wollte sprechen. Kurzfristig erteilte ihnen der „Fachschaftsrat Sozialwissenschaft“ eine Absage. Begründung: „Die Macherinnen des Workshops sind von der Existenz zweier biologischer Geschlechter überzeugt. Wir verurteilen jegliche transfeindlichen, ableistischen, rassistischen und menschenfeindlichen Kommentare an einer Universität“. Die ist eigentlich der Wissenschaft verpflichtet.
Proteste gab es auch gegen die Buchpremiere von "Feminismus pur. 99 Worte" in Berlin.
Das alles sind keine Einzelfälle. „Unsere Ortsgruppen, vor allem in Berlin und Leipzig, aber auch in Hamburg, Dresden, Dortmund und Ulm erleben dieses Canceln und Anfeinden immer wieder“, berichtet Senft. Die Kampfbegriffe, mit denen um sich geschmissen werde, seien die immer gleichen: Swerfs (Sexarbeit-Exkludierende Radikalfeministinnen), Terfs, Nazis, Rassistinnen – alle seien sexarbeiter- und transfeindlich. Neuerdings sei auch „islamophob“ und „Halt’ die Fresse“ dazu gekommen.
Sabine Constabel, Gründungsmitglied von Sisters und Trägerin des HeldinnenAwards 2025 der Alice-Schwarzer-Stiftung, erklärt: „Diese Leute wollen nicht, dass die Realität sichtbar wird. Denn die bringt ihre Ideologie zum Einstürzen.“ Sie zeigten ja nicht einmal ihr Gesicht. Sie träten vollvermummt auf und wollten einfach nur zerstören. Constabel: „Ich halte viele von ihnen für wohlstandsverwahrlost. Sie haben das Elend, in dem Prostituierte leben, nie gesehen.“
Das Gute an der Geschichte: Nach jeder Cancel-Aktion erreichen den Verein Sisters Spenden. Menschen melden sich, um Räume zur Verfügung zu stellen. Und es gibt massenweise Zuspruch von Menschen, die den ideologisch verbrämten Queerfeminismus und die plumpe Stimmungsmache gewisser Linker nicht länger ertragen. Und Sabine Constabel möchte noch eines klarstellen: „Das ist eine relativ kleine Gruppe, die hoch aggressiv ist und sich in ihrer Blase austobt, aber keinen Rückhalt in der Bevölkerung hat. Wir machen Veranstaltern jetzt verstärkt klar, dass wir das Publikum auf unserer Seite haben und wie sie mit diesen Störenfrieden umgehen müssen. Und das funktioniert sehr gut.“
Eine Szene ist Sabine Constabel als besonders absurd in Erinnerung in geblieben. „Da standen sich zwei junge gleichaltrige Frauen gegenüber. Eine, die schlimmste Erfahrungen in der Prostitution gemacht hat, und eine Queerfeministin. Und die schrie nur wie verrückt: ‚Du darfst nichts sagen!‘ Das sagte alles.“
ANNIKA ROSS


