In der aktuellen EMMA

Solidarität mit Iran!

80.000 Menschen protestierten am 22.10.22 in Berlin gegen das Mullah-Regime. - Foto: J.MW/Future Image/IMAGO
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Am 10. März 1979 demonstrierten Iranerinnen zum ersten Mal in den Straßen von Teheran gegen die neuen Machthaber der „Islamischen Republik“. Sie riefen: „Die Freiheit ist weder westlich noch östlich, sie ist universell!“ und forderten die Rücknahme des Kopftuchzwangs. Unter ihnen waren auch verschleierte Frauen. Eine erklärt in unsere Videokamera: „Ich bin eine gläubige Muslimin. Aber lieber lege ich das Kopftuch ab, als in einem Staat mit Kopftuchzwang zu leben!“

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Wenige Tage später ging ich zusammen mit einem Dutzend weiterer Journalistinnen und Schriftstellerinnen aus Frankreich durch dieselben Straßen. Die waren gesäumt von übermütigen jungen Männern mit Kalaschnikows in der Hand, in den Gewehrläufen steckten Blumen. Sie lächelten uns, den Westlerinnen ohne Kopftuch, freundlich zu. Sie waren voller Hoffnung.

"Frau! Leben! Freiheit!" Die Demonstrationen in Iran reißen nicht ab, trotz Todesgefahr für alle, die auf die Straße gehen. - Foto: IMAGO
"Frau! Leben! Freiheit!" Die Proteste in Iran reißen nicht ab, trotz Todesgefahr für alle, die auf die Straße gehen. - Foto: IMAGO

Wir waren dem Hilferuf der protestierenden Frauen gefolgt. Die trafen wir noch am selben Tag. Sie waren verzweifelt. Und enttäuscht. Sie hatten an die islamische Revolution geglaubt und für sie gekämpft, nicht selten mit der Kalaschnikow unter dem Tschador. Wenige Monate später waren sie im Gefängnis. Oder tot. Oder im Exil. Mit einigen von ihnen blieb ich jahrzehntelang in Kontakt und bis heute mit mancher ihrer Töchter.

Schon wenige Wochen nach der Machtergreifung, am 8. März (dem internationalen Frauentag!), hatte Ayatollah Khomeini alle unverschleierten Frauen aus den Büros und den Unis und von den Straßen jagen lassen: „Geht nach Hause und zieht euch erstmal anständig an!“ lautete die Order. „Anständig“ bedeutete: die „sündigen“ Haare und den „sündigen“ Körper komplett bedecken. Diese totale Kontrolle und Unsichtbarkeit des weiblichen Körpers war vom ersten Tag an der obsessive Kern der Ideologie des „Gottesstaates“, das Kopftuch, die Flagge seines Kreuzzuges.

Wir waren 1979 dem Hilferuf
der Iranerinnen nach Teheran gefolgt

Der Schleier ist das Symbol der Entrechtung der Frauen: Sie haben keine vollwertigen Bürgerrechte, juristisch nur eine halbe Stimme, keinen Pass und kein Recht zu reisen ohne Zustimmung eines männlichen Vormunds (Vater, Bruder oder Ehemann), sie haben nur das halbe Erbrecht und der Mann hat das Recht, sie zu züchtigen. Auch die Steinigung bei angeblichem Ehebruch (der Frau) ist Gottesgesetz und die von Homosexuellen sowieso.

Das alles bestätigten uns damals nicht nur die Ayatollahs, sondern auch deren Ehefrauen, Schwestern und Töchter, die in der „Iranischen Frauenunion“ die neue Elite bildeten. Nicht selten hatten sie in Paris oder Berlin studiert.

"Freiheit ist weder westlich, noch östlich, sie ist universell." Frauendemo in Teheran am 10.3.1979.
"Freiheit ist weder westlich, noch östlich, sie ist universell." Frauendemo in Teheran am 10.3.1979.

Als ich zurück in Deutschland war, schrieb ich auf, was ich gesehen und gehört hatte (und veröffentlichte es in EMMA und der ZEIT). Daraufhin überschwemmte mich eine Flut von Diffamierungen, allen voran von taz & Co, also aus der Linken. Aber auch von etlichen Feministinnen. Ich sei eine „Schahfreundin“, hieß es, sei rechts und eine Rassistin. Meinen Mitreisenden erging es in Frankreich nicht anders und Kate Millett in Amerika ebenso, die war zur fast gleichen Zeit in Teheran gewesen wie wir.

Es war der Beginn der Spaltung der Frauenbewegung in der ganzen Welt, die Spaltung zwischen Universalistin nen und Identitären, der Beginn einer offenen Identitätspolitik auch innerhalb des Feminismus. Auf der einen Seite Universalistinnen, wie ich. Wir plädierten für uneingeschränkte Menschenrechte für jedes Individuum, unabhängig von Religion und Kultur, und für die freie Verfügung über den eigenen Körper. Also gegen den Kopftuchzwang ebenso wie gegen das Abtreibungsverbot.

Auf der anderen Seite die kulturrelativistischen Identitären, die damals noch nicht so hießen. Sie traten und treten als Gruppenangehörige auf, stellten „andere Sitten“ und „andere Religionen“ über die allgemeinen Menschen- und Frauenrechte und maßregelten, „weiße westliche Feministinnen“ seien elitär und sollten sich raushalten aus anderen Kulturen und Sitten, wie Genitalverstümmelung oder Kopftuchzwang.

Das Kopftuch war von Anfang an
die Flagge des islamischen Kreuzzuges

In den folgenden Jahren schlugen die „Revolutionswächter“ Frauen, denen das Kopftuch verrutschte, das Tuch auch schon mal mit Nägeln in die Köpfe. Sie wurden, ganz wie 43 Jahre später die 22-jährige Mahsa Amini, zu tausenden verhaftet, gefoltert, getötet. Dasselbe galt und gilt für alle freiheitsliebenden Männer, die nicht bei Drei auf den Knien liegen.

Derweil zogen wortmächtige islamistische Propagandatruppen – Intellektuelle, Imame, Söldner – gut ausgestattet mit den Petrodollars der islamischen Ölstaaten durch Afghanistan, Tschetschenien, Algerien, Libyen – bis in die Herzen der westlichen Metropolen. Sie unterwanderten ab Mitte der 1990er Jahre systematisch Universitäten und Medien, ja sogar Parteien, Stichwort: Toleranz. Die heute die Universitäten der westlichen Welt terrorisierenden Woke-IdeologInnen sind nicht zuletzt gut munitioniert durch diese Islamisten, ideologisch wie ökonomisch.

Nach fast 44 Jahren willkürlicher staatlicher Gewalt gegen das eigene Volk reicht es jetzt diesem Volk. „Nieder mit dem Diktator“, skandieren sie. Und zwar alle. Alle Ethnien, Frauen wie Männer, Junge wie Alte, Wohlhabende wie Arme. Das iranische Volk ist es leid. Es kann nicht mehr! Es macht Revolution. Endlich. Doch generiert Iran im Vergleich zur Ukraine heute vielleicht ein Prozent der öffentlichen Aufmerksamkeit und politischen Solidarität. Dabei werden diese Frauen und Männer, die da so unerschrocken ihr Leben riskieren, untergehen ohne Hilfe von außen.

Alice Schwarzer 1979 mit dem "Commitée Simone de Beauvoir" im Iran.
Alice Schwarzer 1979 und Mitstreiterinnen des "Comité Simone de Beauvoir" im Iran.

Doch wieder wird weggesehen. Allen voran von Deutschland, wo jetzt Linke und Liberale an der Macht sind. Dieses Deutschland will weder seine Wirtschaftsbeziehungen gefährden und noch weniger zukünftige Gas- und Öllieferungen, noch den sogenannten Atomdeal. Den hatte einst blauäugig der grüne Außenminister Joschka Fischer eingefädelt. Dabei geht es darum, Iran das Versprechen abzunehmen, sein selber gewonnenes Uran friedlich und nicht zum Bau einer Atombombe zu nutzen. Versprechen von islamischen Diktatoren? Nicht nur sie, jedes sich bedroht fühlende Land träumt von der Atombombe. Denn die wäre das Einzige, was sie vor „Befreiungs“-Gelüsten der Weltmächte schützen könnte. Iran wird also wohl um jeden Preis versuchen, Atommacht zu werden. Diplomatische Verhandlungen könnten Irans Besitz der Atombombe im besten Fall nur um einige Monate verzögern.

Schließt das iranische Zentrum Hamburg!
Und hütet euch vor der Ditib-Moschee Köln!

Jetzt kann es nur noch darum gehen, die aufbegehrenden Menschen in Iran mit allen Mitteln zu unterstützen – und endlich auch die islamistische Propaganda innerhalb unserer Länder zu stoppen. Dazu würde z. B. die sofortige Schließung des „Islamischen Zentrums“ (IZH) in Hamburg gehören, ein verlängerter Arm der islamistischen Diktatur Iran; sowie eine realistische Haltung zur Ditib-Moschee in Köln, ein verlängerter Arm des islamistischen Autokraten Erdoğan.

Doch statt endlich zu begreifen, machen die Grünen so weiter. Ihr Kuschelkurs mit den islamischen Fundamentalisten geht weit. So kam auf dem grünen Parteitag am 15. Oktober ans Tageslicht, dass Außenministerin Baerbock in geheimer Abstimmung der Lieferung von Kampfflugzeugen an Saudi-Arabien im Wert von über 36 Millionen Euro zugestimmt hatte. Die murrende Basis beschwichtigte die Ministerin mit den Worten: Würde der deutsche Staat nicht dank dieser Lieferung Geld sparen (wie, das hat sich mir nicht erschlossen), dann hätte „Lisa keine Mittel mehr für die Kinder, die sie dringend brauchen“. Waffenlieferungen an islamistische Diktaturen für die Grundsicherung deutscher Kinder. Im Ernst? Ja. Die grüne Basis jedenfalls klatschte Beifall. Aber ob sich wohl auch die Kinder im Jemen freuen, die mit diesen Waffen getötet werden?

Außenministerin Baerbock hat jüngst den iranischen Botschafter „einbestellt“. Einbestellt? Sie müsste den iranischen Botschafter umgehend außer Landes verweisen. Das meinen nicht nur Exil-Iranerinnen in Deutschland, das fordert auch die Menschenrechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin (2003) Shirin Ebadi. – Weitere Forderungen sind: das Einfrieren hier geparkter Vermögen der verantwortlichen iranischen Elite, Visa für bedrohte IranerInnen etc.

Und dann ist da noch etwas: Seit April 2021 ist Iran Mitglied der UN Frauenrechts Kommission. Kein Witz. Mindestens vier von 15 Staaten haben dem bei der geheimen Abstimmung zugestimmt. Deutschland soll dabei gewesen sein. Trotz mehrerer Anfragen hat das Außenministerium bisher darauf noch nicht geantwortet.

Legt das Kopftuch ab! Aus Solidarität
mit den Opfern in Iran und Afghanistan

Keine Partei hat in den vergangenen Jahrzehnten so zur Verharmlosung und Romantisierung, ja Propagierung des Kopftuches und des politischen Islam beigetragen wie die Grünen. Wäre das also nicht der Moment für ein Innehalten? Für ein Erschrecken? Im Gegenteil, noch jüngst erklärte angesichts der Revolte in Iran die Außenministerin, das habe nichts, rein gar nichts „mit Religion oder Kultur“ zu tun. Mit was denn sonst? Es ist der Islamismus, der den Glauben in Geiselhaft genommen hat und den Menschen im Namen Gottes die Hölle bereitet. Seine Flagge ist das Kopftuch. Der Tod von Mahsa Amini war für die IranerInnen nur der letzte Tropfen.

Frauen haben die aktuelle Revolution ausgelöst; Männer ziehen mit, erstmals in diesem Ausmaße und öffentlich. MuslimInnen, geborene wie konvertierte, die in unseren Breitengraden das Privileg haben, das Kopftuch „freiwillig“ tragen zu können, wären jetzt in der Pflicht, ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen der Solidarität für die Frauen, die ihr Leben riskieren im Kampf gegen das Kopftuch, dieses Symbol ihrer Unterdrückung. Legt euer Kopftuch ab! Aus Solidarität mit den Zwangsverschleierten und den Opfern.

ALICE SCHWARZER

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In der aktuellen November/Dezember-EMMA mehr über die Repressionen und todemutigen Proteste in Iran und Afghanistan sowie die klägliche Rolle der deutschen Politik.

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