In der aktuellen EMMA

Spanien: Libres y combativas

8. März 2019. In Madrid gehen 375.000 Frauen auf die Straße. Foto: Bruno Thevenin/Imago Images/ZUMA Press
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Ana García ist noch immer euphorisch, ebenso wie alle ihre Kommilitoninnen von der studentischen Frauenbewegung „Libres y Combativas“ (Frei und kämpferisch). „Wir haben mit unserer beeindruckenden Demo und unserem Generalstreik am 8. März der ganzen Welt bewiesen, dass wir Frauen hierzulande stark und entschlossen sind, unsere mühsam erkämpften Rechte zu verteidigen“, sagt sie.

Tatsächlich täuscht das Bild des modernen Spaniens, einem Land, in dem Frauen elf von 17 Ministerposten bekleiden, in dem eine Frau der größten Bank des Landes vorsteht, und wo im Leben anscheinend stets Frauen die Hauptrolle spielen, wie es die Filme von Almodóvar suggerieren. „Wir Spanierinnen sind es, die hauptsächlich die Zeche für die schwere Wirtschaftskrise der letzten Jahre bezahlt haben“, sagt Ana, die für einen „revolutionären und antikapitalistischen Feminismus“ kämpft. Auch ihre Situation ist typisch für die junger Frauen in Spanien. Trotz eines abgeschlossenen Studiums in audiovisueller Kommunikation hat sie keine Anstellung gefunden und hält sich mit Gelegenheitsjobs wie Kellnern über Wasser. Jetzt sattelt Ana in Madrid noch ein Sprachstudium drauf. „Wir Frauen sind nicht nur die Opfer einer strukturellen Ungleichheit, die von jeher von der Kirche und von rechten Politikern fest zementiert wurden. Am schlimmsten ist, dass viele von uns tagtäglich gequält und seelisch misshandelt werden.“

In der Tat haben sich die Fälle machistischer Gewalt gegen Frauen im neuen Jahr weiter gehäuft. So wurden in den ersten drei Monaten laut feminicidio.net 20 Frauen in Spanien von ihrem eigenen Mann erschossen, erstochen oder zu Tode misshandelt. Seit 2003 verloren so 988 Frauen ihr Leben. Das sind mehr Opfer, als die Bombenattentate der inzwischen aufgelösten baskischen Untergrundorganisation Eta forderten.

„Alle acht Stunden wird eine Vergewaltigung angezeigt“, sagt Ana. Es sind immer öfter ­Gruppenvergewaltigungen, die Spaniens Frauen empören und auf die Straße gehen lassen. Etwa als die spanischen Richter im Sommer letzten Jahres ein laxes Urteil gegen die so genannte „Manada“-Bande verhängten. Es handelt sich um eine Horde von fünf Männern, die sich selbst Manada (Wolfbande) nannten und im Sommer 2016 eine 18-Jährige auf dem Stierfest in Pamplona über Stunden vergewaltigten und misshandelten und ihre Verbrechen sogar filmten. Die Richter fanden, dass das Opfer sich nicht „genügend gewehrt“ habe. Sie verurteilten alle fünf Männer zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren. Die Männer kamen nach Zahlung einer Kaution bis zur Berufungsverhandlung auf freien Fuß.

„Derartige Fehlurteile und die generelle Banalisierung der machistischen Gewalt zeigen, wie tief patriarchalische Denkmuster, Frauenverachtung und Chauvinismus hierzulande in den Köpfen verankert sind“, klagt Beatriz Simó Roig (66), Lehrerin im Ruhestand. Als bekennende Lesbe musste Simó 1972, also noch während der Franco-­Diktatur, ins Exil nach Frankreich gehen und kam erst nach dem Tod des Diktators zurück. Seit fünf Jahren ist Simó mit einer Französin verheiratet. Spanien führte als eines der ersten Länder Europas 2005 die gleichgeschlechtliche Ehe ein, damals waren die Sozialisten an der Macht.

Jetzt hat Simó Angst vor der neuen ultrarechten Partei Vox, die im Dezember letzten Jahres ausgerechnet in Andalusien, einer Hochburg der Sozialisten, aus dem Stand zwölf von 109 Sitzen eroberte. „Vox würde am liebsten allen Homo- und Transsexuellen sämtliche Rechte entziehen“ klagt Simó, eine Stammwählerin der Sozialisten. Schon jetzt versucht der Vox-Vorsitzende Santiago Abascal Conde im Wahlkampf mit Sprüchen gegen Frauen und „militante Feministinnen“ zu punkten. Das vor rund 15 Jahren verabschiedete „Gesetz zum Schutz der Frauen“ (Ley de Violencia del Genero) kommt nach Abascals Ansicht einer Vorverurteilung der Männer gleich. Er fordert, dass das Gesetz wieder abgeschafft wird. Unterstützt wird Abascal von der erzkatholischen Gruppierung Hazte Oír, die kurz vor dem Frauentag einen Bus durch Madrid schickte, mit einem Bild von Hitler mit roten Lippen und Wimperntusche und mit dem Spruch #StopFemi­nazis darunter. Die Vox-Partei hat laut aktueller Umfragen wegen ihres radikalen Kurses gegen die katalanischen Separatisten immer mehr Zulauf und dürfte bei den vorgezogenen Parlamentswahlen am 28. April erstmals auch ins spanische Abgeordnetenhaus einziehen. Auch die übrigen konservativen Kräfte Spaniens wie die Volkspartei (PP) und die rechtsliberale Ciudadanos schlagen einen immer aggressiveren Ton an. Berührungsängste mit den Ultrarechten haben sie offenbar nicht. „Ich will in keinem Land leben, das meine Tochter gegen meinen Sohn aufhetzt“, sagte der neue PP-Spitzenkandidat Pablo Casado, dessen Partei sich bei der Frauenförderung auffallend zurückhält. Casado setzt darauf, dass ihm Vox, die spanische AfD, nach den Wahlen helfen wird, an die Macht zu kommen.

„Wir müssen wachsamer sein als je zuvor, denn wenn ein Triumvirat der Rechten die Geschicke unseres Landes lenken sollte, dann droht wirklich ein Rückschritt für uns“, sagt Marta Cardaba (60), eine Sozialarbeiterin im Rotkreuz-Krankenhaus in Madrid. Sie gehört zum „Forum feministischer Politik“, einem der ältesten der 139 Frauenverbände Spaniens. „Vox will mit seinem ranzigen Diskurs und seinen Attacken gegen Abtreibung den gesellschaftlichen Grundkonsens unterhöhlen.“

Frauen verdienen in Spanien für die gleiche Tätigkeit im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer. „Es ist diese unglaubliche Wut, die uns so stark macht“, sagt Cardaba. In 500 Städten und Gemeinden gingen die Spanierinnen am Frauentag auf die Straße, allein in Madrid waren es 375.000, doppelt so viele wie im Vorjahr, in Barcelona und Valencia weit über je 200.000. Auch die Landfrauenverbände marschierten mit. „Wir haben wirklich 1.000 Gründe“, sagt Cardaba. Die Frauen des Forums kommen jetzt jeden Montag zu ihrem Treffpunkt in der Madrider Bravo Murillo Straße und beraten, wie sie die Wahlen am 28. April noch beeinflussen könnten. Tenor: „Wir müssen handeln, bevor es zu spät ist.“

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Spanien: Costa Protesta

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Bis heute hat Yolanda García keine Kraft in der rechten Hand. Sie leidet unter dem Karpaltunnelsyndrom, eine Folge ihrer jahrelangen Tätigkeit als Zimmermädchen. 26 Doppelzimmer musste die heute 54-Jährige in sechs Stunden putzen, plus Betten abziehen. Das war kaum zu schaffen, wenn man bedenkt, dass ein Zimmermädchen in der Regel eine halbe Stunde pro Zimmer benötigt. „Ich war im Dauerstress“, erinnert sich Yolanda, die seit dieser Zeit chronische Rückenschmerzen hat. Wenn Yolanda ihr Pensum nicht schaffte, musste sie Überstunden machen, die wurden nicht bezahlt.

Nachdem eine Delegation wütender Frauen im November 2017 beim Europaparlament vorgesprochen hat, ist man sogar in Brüssel auf die schwierige Lage der spanischen Zimmermädchen aufmerksam geworden. Im April noch empfing ­Mariano Rajoy, inzwischen Ex-Premier,  eine Gruppe von Putzfrauen in seinem Regierungssitz. Der steife Konservative wollte Mitgefühl demonstrieren, es stand schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gut um seine Popularität. Die Zimmermädchen wollten von Rajoy wissen, wie es möglich sei, dass Spanien von Jahr zu Jahr Rekorde beim Tourismus aufstellt und die Wirtschaft boomt, sie aber davon so gut wie nichts abbekommen.

Yolanda García etwa musste zusehen, wie ihr Monatslohn in den letzten 14 Jahren ihres Berufslebens zunehmend schrumpfte. Bekam sie vor der Krise noch 950 Euro im Monat, waren es zum Schluss noch klägliche 550 Euro. In acht Hotels arbeitete sie in den letzten Jahren, aber die Bedingungen wurden immer mieser. Mal liefen die Verträge über elf Monate, mal über drei, zuletzt wurden sie nur noch ­monatsweise verlängert. So sparen die ­Hoteliers Sozialversicherungsbeiträge und können Urlaubsansprüche unterlaufen.

„Das Problem ist, dass es in Spanien kaum Alternativen zum Tourismus gibt, entweder du arbeitest zu miesen Bedingungen oder du bist eben arbeitslos“, sagt García. Sie lebt in Benidorm, dem Mekka von Millionen von TouristInnen im Jahr. Berühmt berüchtigt für volle Strände und Wolkenkratzer, die dem einst verschlafenen Dorf den Spitznamen „Manhattan am Mittelmeer“ einbrachten. Die überwiegend britischen Touristen feiern endlos Party, nicht selten mit bis zu fünf Betten in einem Zimmer. Yolanda wurde trotzdem nur pro Zimmer bezahlt. Sie erinnert sich: „Die Betten waren oft verstellt, der Boden und die Zudecken voller Erbrochenem, die Spiegel verdreckt von Coca-Cola oder Sonnencreme, Gläser am Boden, die Handtücher alle eingeweicht in der Badewanne.“ Einmal ging Yolanda in ein Zimmer in der Annahme, es sei leer. Der Gast, der sich auf dem Balkon versteckt hatte, trat hinter sie, als sie gerade das Bad reinigte und fing an, vor ihren Augen zu masturbieren. Vor zwei Jahren hängte Yolanda den Job an den Nagel, aller­dings unfreiwillig. Nach einem ­Motorradunfall wurde sie wegen „geringer Produktivität“ entlassen, noch während sie krankgeschrieben war.

Nun kämpft Yolanda für die Würde und die Anerkennung ihrer Kolleginnen. Sie nennen sich die „Invisibles“, die Unsicht­baren. 250.000 solcher unsichtbaren Zimmermädchen und Putzkräfte gibt es hier­zulande. Ohne sie würde rein gar nichts laufen im Tourismus. Der trägt immerhin zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. „Doch die prekären Jobs sind für Frauen, Armut ist weiblich und man verachtet uns, weil wir nur Putzfrauen sind“, sagt Yolanda. „Ein Koch hingegen – und alle Köche, die ich kenne, sind Männer –, wird respektiert und ordentlich entlohnt.“

Vor eineinhalb Jahren haben die Frauen eine schlagkräftige Truppe namens „Las Kellys“ ins Leben gerufen: Las que limpian (Diejenigen die putzen). Die Putzfrauen haben sich an touristischen Hotspots wie Barcelona, Madrid, Benidorm, Fuerteventura, Lanzarote und Mallorca zusammengetan und protestieren mit ­ihren grünen T-Shirts regelmäßig auf der Straße oder vor ausbeuterischen Hotels. „Das wahre Übel sind die Zeitarbeitsagenturen, an die die Hotels den Putzservice auslagern“, erzählt Angela Muñoz. Die ­Vizepräsidentin der Kellys hielt im November eine Rede vor den Brüsseler Parlamentariern. „Die Agenturen kassieren von den Hotels rund zwölf Euro pro Zimmer und geben uns Putzkräften gerade einmal zwei Euro weiter.“ Sie redet sich in Rage: „Wir sind das Rückgrat der Hotels, das wichtigste strukturelle Glied im Gewerbe, denn wer verkauft schon dreckige Zimmer.“ Angela hat Glück, sie arbeitet in einem Fünf-Sterne-­Hotel am Madrider Prachtboulevard Paseo de la Castellana und wird als Managerin beim Zimmerservice nach Tarif­vertrag bezahlt. Doch von der Plaza de España bis zur Plaza de Cibeles gibt es gerade noch drei Hotels, die auf Zeitarbeitsfirmen verzichten und tariflich entlohnen. Muñoz findet, sie sollten ein Gütesiegel bekommen. Denn: „Wie kann es sein, dass bei Übernachtungspreisen von durchschnittlich 129 Euro gerade einmal zwei Euro beim Zimmermädchen landen?“

Einmal pro Monat treffen sich die Aktivistinnen in „La Ingobernable“, einem Madrider Kulturzentrum schräg gegenüber vom Prado. Dort ziehen sie Bilanz. „Das Treffen mit Rajoy hat nicht viel bewegt“, klagt Muñoz. Auf Gesetzesinitiativen, die die Auslagerung von Servicejobs und Dumpinglöhne verbieten, warten sie vergeblich. 

Immerhin werden seit wenigen Wochen typische Leiden der Zimmermädchen wie Karpaltunnelsyndrom oder die Bursitis (Schleimbeutelentzündung) als Berufskrankheit anerkannt. „Alle unsere Arbeitsbedingungen müssten so sein, dass wir nicht krank werden“, klagt Muñoz. Sie berichtet von einer erst 30 Jahre alten, alleinerziehenden Marokkanerin, die in einem Madrider Hotel arbeitet und bereits einen Bandscheibenvorfall erlitt. „Solche Frauen werden besonders ausgebeutet, weil sie oft illegal hier sind und sich nicht wehren können.“ Sie hat dem Hotel jetzt die Beamten der Arbeitsaufsicht vom Sozialministerium auf den Hals gehetzt. Doch an das heikle Thema der ausbeuterischen Zeitarbeitsfirmen traut sich kein ­Beamter geschweige denn ein Politiker ran. Und die Leid­tragenden schrecken davor zurück, ihre Misere publik zu machen und vor die Kamera zu treten. Zu groß ist die Angst vor Repressalien, die meist in Form ­einer Kündigung daherkommen.

„Die Hoteliers sind reich und bilden eine mächtige Lobby, gegen die wir nicht ankommen“, so Muñoz. Simón Pedro Barceló etwa, der Chef von Hoteles Barceló, einer Kette mit über einhundert Hotels in vielen Ländern, will den Zimmermädchen jetzt ermöglichen, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Wie das gehen soll, nachdem die meisten nur wenig in die Rentenkasse einzahlen konnten, hat er nicht erläutert.

Zweimal haben die Zimmermädchen schon gestreikt, einmal in Madrid und einmal in Valencia. Jedes Mal war es in Fünf-­Sterne-Häusern, die sich vor ihrer sozialen Verantwortung drücken. Weitere Streiks sind angekündigt.

Im Netz:
www.laskellys.wordpress.com

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