In der aktuellen EMMA

Abtreibung: Und immer wieder §218

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"Der Arzt ist als ‚Metzger‘ bekannt. Der Abbruch war schmerzhaft, laut und der Dämmerschlaf fast ohne Wirkung. Der Arzt hat beim Vorgespräch Witze über tote Babys gemacht und dass eine Patientin Bestatterin sei, falls ich nicht überlebe. Ich musste aber zu dieser Praxis, weil alle anderen im Umkreis keine Termine mehr hatten für sechs Wochen.“ 

„Meine Haus-Gynäkologin führt keine Abbrüche durch. Deshalb musste ich zu einem anderen Arzt in die nächste größere Stadt. Es war eine Fließbandabfertigung. Der durchführende Arzt hat mich gezwungen, das Ultraschallbild anzuschauen. Er war sehr grob zu mir und ich habe sehr viel Blut verloren. Trotz starker Schmerzen habe ich erst nach mehrmaligen Bitten Schmerzmittel bekommen. Eine Woche nach dem Abbruch hatte ich eine Nachuntersuchung bei meiner Haus-Gynäkologin. Ich hatte wohl sehr schlimme Schnitte im Unterleib. Als meine Gynäkologin das gesehen hat, hat sie angefangen zu weinen.“ 

„Von Anfang an feindselige Behandlung in der Praxis, einschließlich Bruch der Schweigepflicht. Wohlgemerkt hatte die Verhütung versagt, das wussten sie dort auch, trotzdem wurde ich behandelt, als sei ich ‚zu doof zum Verhüten‘ und ein Straftäter. Abbruch selber: Untenrum freimachen, auf dem Stuhl festgeschnallt 20 Minuten warten lassen. Arzt legt Zugang und spritzt Narkose kommentarlos. Nach dem Eingriff schlimme Schmerzen, mehrfach erbrochen, keine Unterstützung. Im Hinterhof hätte es nicht schlimmer sein können.“

Das sind keine Stimmen aus Polen oder dem US-Bundesstaat Wisconsin. Es sind Stimmen mitten aus Deutschland. Das Recherche-Netzwerk Correctiv.Lokal, ein spendenfinanzierter Zusammenschluss aus Lokal-JournalistInnen, hatte im März 2022 Frauen dazu aufgerufen, ihre Erfahrungen mit Schwangerschaftsabbrüchen zu schildern. 1.505 Frauen folgten dem Aufruf. Was sie berichteten, zeigt: Wer glaubt, in Deutschland sei ein Schwangerschaftsabbruch eine normale medizinische Leistung und ein selbstverständliches Recht für Frauen, wird eines Besseren belehrt. Das rot-grün-gelb-regierte Deutschland ist von diesem Zustand weit enfernt – und es entfernt sich immer weiter. 

Das fängt schon bei der Beratung an, die hierzulande keineswegs ein Angebot ist, sondern eine Pflicht. Ohne Beratung kein Beratungsschein, ohne Schein keine Abtreibung. Dass die katholische Kirche in Deutschland auf Anweisung von Papst Johannes Paul II. schon 1998 aus der Beratung ausgestiegen ist, um nicht an den „Auftragsmorden“ (O-Ton Papst Franziskus 2022) mitzuwirken, verhindert Erfahrungen wie diese in weltlichen Beratungen nicht: „Die Beraterin machte mir Vorwürfe, ich würde mein Leben über das meines ungeborenen Kindes stellen und sagte, wir Frauen seien auf der Welt, um Kinder zu bekommen.“ Oder: „Es war furchtbar. Ich musste mich eine Stunde lang rechtfertigen, warum ich kein Kind haben möchte. Erst als ich vor Weinen nicht mehr reden konnte, habe ich die Bescheinigung bekommen.“ Auch dies gaben Frauen dem Recherche-Netzwerk zu Protokoll. 

Dabei müssten die Beratungen laut „Schwangerschaftskonfliktgesetz“ eigentlich „ergebnisoffen“ geführt werden. Gleichzeitig aber sollen sie „dem Schutz des ungeborenen Lebens dienen“. Dieser Widerspruch ist einer der faulen Kompromisse, die der deutsche Gesetzgeber 1995 gemacht hat: Statt nach der Wiedervereinigung die Fristenlösung gesamtdeutsch zu übernehmen, die die DDR schon 1972 eingeführt hatte – und die heute alle westeuropäischen Länder haben – wurde eine Abtreibung nun eine gesamtdeutsche Straftat: „Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ So lautet der erste Satz des berühmt-berüchtigten § 218. Er steht im Strafgesetzbuch zwischen Mord, Totschlag und fahrlässiger Tötung. Nur unter bestimmten Bedingungen – nach der besagten Zwangsberatung plus drei Tage Wartezeit, nach einer Vergewaltigung oder wenn die Gesundheit der Schwangeren in Gefahr ist – ist eine Abtreibung innerhalb der ersten zwölf Wochen „rechtswidrig“, aber „straffrei“.

Dieser faulste aller Kompromisse steht nicht nur auf dem Papier, sondern hat handfeste Folgen. Die Zahl der Arztpraxen und Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, sinkt und sinkt. Waren es 2003 laut Statistischem Bundesamt noch 2.050 gewesen, sackte ihre Zahl bis 2020 um fast die Hälfte auf 1.109. Und der Abwärtstrend setzt sich fort. Die Folge: Ungewollt schwangere Frauen in Deutschland dürfen zwar theoretisch abtreiben, finden aber praktisch in immer mehr Regionen niemanden mehr, der die Abtreibung durchführt.

Zum Beispiel Bayern. „Wir haben eine echte Versorgungsnotlage“, klagt Stefanie Schäfer vom Landesverband Bayern der Pro Familia. Ganze 48 ÄrztInnen und Kliniken bieten in dem 13-Millionen-Bundesland noch Abtreibungen an. Nur neun davon sind auf der Landkarte der Bundesärztekammer eingezeichnet, die zu Zeiten vor der Streichung des §219a eingerichtet worden war, um Frauen den Zugang zu den Adressen zu verschaffen. Allein: Viele ÄrztInnen wollen nicht auf dieser Liste stehen. „Wir hören immer öfter aus der Kollegenschaft, dass diejenigen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, angefeindet werden – in den sozialen Medien, aber auch teilweise direkt vor den Praxen“, weiß Henrik Herrmann, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer. 

Auch wegen dieser öffentlichen Hetze bis hin zur Morddrohung werden die weißen Flecken auf der Landkarte immer größer. Zum Beispiel gebe es „von Augsburg bis ins Allgäu keine einzige Klinik, die Abtreibungen anbietet“, sagt Pro FamiliaVorstandsfrau Schäfer. „Und Augsburg selbst hat auch keine einzige – als drittgrößte Stadt in Bayern. Das ist himmelschreiend!“ Selbst die Augsburger Uniklinik macht nur Abtreibungen in medizinischen Notfällen, nicht aber nach der Beratungsregelung. Und da ist sie keine Ausnahme, sondern die Regel: Nur neun von 83 öffentlichen Krankenhäusern in Bayern bieten noch Schwangerschaftsabbrüche nach der Beratungsindikation an. 

Das ist ein handfester Skandal, auch in rechtlicher Hinsicht. Denn gesetzlich festgeschrieben ist, dass die Bundesländer „ein ausreichendes Angebot ambulanter und stationärer Einrichtungen zur Vornahme von Schwangerschaftsabbrüchen sicherstellen“ müssen. Aber was ist „ausreichend“? Während der Schlüssel für die Beratungsstellen verbindlich bei einer Vollzeitstelle pro 40.000 EinwohnerInnen liegt, ist bei den ÄrztInnen die Definition von „ausreichend“ den Ländern überlassen. „Und das bayerische Gesundheitsministerium ist eben der Ansicht, dass eine Tagesreise der Frau zuzumuten ist“, sagt Stefanie Schäfer. Pro Familia hingegen findet es unzumutbar, dass „Frauen für eine Gesundheitsleistung eine halbe Weltreise machen müssen. Oft haben sie Kinder, die sie versorgen müssen. Viele haben kein Auto und müssen die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen.“ Die meisten dieser oft über 100 Kilometer langen Fahrten führen nach München. In der Landeshauptstadt werden zwei Drittel der jährlich rund 11.000 Abtreibungen gemacht, ein Drittel davon in der Klinik von Friedrich Stapf.

Stapf ist 76 Jahre alt und würde sich gern zur Ruhe setzen. Aber er findet keinen Nachfolger, obwohl er händeringend sucht. Selbst sein eigener Sohn, ebenfalls Gynäkologe, will sich nicht dem Terror aussetzen, den sein Vater seit Jahrzehnten erlebt. Anzeigen, Drohungen, Demonstrationen sogenannter „Lebensschützer“, die Pro Familia-Mitarbeiterin Schäfer lieber „Selbstbestimmungsgegner“ nennt, vor seiner Klinik. Der Frauenarzt gehört zu jener Generation MedizinerInnen, die noch erlebt haben, wie Frauen täglich „nach illegalen Abbrüchen schwer verletzt in die Klinik kamen“. Etliche davon hat er sterben sehen. „Da konnten wir gar nicht mehr helfen“.

Diese Zeiten sind zwar vorbei, aber Stapf sieht mit Besorgnis, dass nicht nur eine Klinik nach der anderen Abtreibungen von der Liste ihrer Leistungen streicht, sondern dass auch unter den Frauen das Tabu wieder stärker wird. „Frauen, die ungewollt schwanger sind, kommen oft zitternd hierher und denken: Das passiert nur mir und ich mache was ganz Schlimmes.“ Deshalb lässt er die Paravents weg, die eigentlich zwischen den Betten stehen müssten. Damit die Frauen miteinander sprechen können und merken: Sie sind nicht allein.

Zum Beispiel Köln. „Haben Sie jemanden zum Sprechen?“ Das fragen Consuelo Wrobel und Ulla Engel-Horstkötter jede Frau, die zu ihnen in die Pro Familia-Beratungsstelle in Köln-Chorweiler kommt. In den meisten Fällen lautet die Antwort: „Ich spreche mit niemandem darüber.“ Auch nicht mit der besten Freundin. Höchstens, wenn die selbst einen Abbruch hatte. Aber oft wissen das sogar beste Freundinnen gar nicht voneinander. Die Ärztin und die Sexualpädagogin, die die Beratungsstelle leitet, machen ihren Job bei Pro Familia jetzt seit Jahrzehnten. Und sie haben erlebt, wie nach dem Aufbruch der Frauenbewegung in den 1970ern, die aus dem Kampf für das Recht auf Abtreibung entstand, „eine gewisse Selbstverständlichkeit mit dem Thema“ herrschte. „Aber diese Selbstverständlichkeit kippt wieder. Die Menschen denken wieder konservativer über Schwangerschaftsabbrüche.“

Und das gilt nicht nur für katholische Polinnen, russisch-orthodoxe oder muslimische Frauen, von denen es im 48-Nationen-Stadtteil Chorweiler eine Menge gibt. Sicher, die Beraterinnen hören Sätze wie: „Meine Familie würde mich umbringen!“ Oder sie erleben, dass eine Abtreibung nicht deshalb gemacht werden soll, weil das junge Paar kein Kind will, sondern weil es Sex vor der Ehe hatte. Aber sie hören, wenn sie in Schulklassen gehen, auch von jungen deutschen Mädchen regelmäßig den voller Überzeugung vorgetragenen Spruch: „Also, für mich käme eine Abtreibung nicht in Frage!“

Selbst in der frohsinnigen und sich mit ihrer Toleranz schmückenden Großstadt Köln haben die Beraterinnen inzwischen große Probleme, genügend ÄrztInnen zu finden, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Bei den medikamentösen Abbrüchen gehe es bisher noch einigermaßen, aber die sind nur bis zur neunten Woche erlaubt. Danach muss ein operativer Abbruch vorgenommen werden: per Absaugmethode und/oder Ausschabung. Und das machen in Köln nur noch ein halbes Dutzend Praxen, nach der elften Woche sogar nur noch eine. „Das reicht für ein Millionenstadt nicht aus, vor allem in der Urlaubszeit im Sommer“, sagt Ulla Engel-Horstkötter. „Wir schicken die Frauen dann bis nach Wuppertal, Mönchengladbach oder Aachen. Erklären Sie das den Frauen mal!"

Also müssten laut gesetzlichem Auftrag die Krankenhäuser übernehmen, aber: Von acht Kölner Kliniken mit gynäkologischer Abteilung sind drei in katholischer und eins in evangelischer Trägerschaft. Alle vier verweigern Abtreibungen. Vor dem Gesetz dürfen sie das. „Niemand ist verpflichtet, an einem Schwangerschaftsabbruch mitzuwirken“, heißt es in § 12 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes. Zwei Kölner Kliniken führen „nur in absoluten Ausnahmefällen“ Abtreibungen nach der Beratungsregelung durch, eine davon ist die Uniklinik, die sich nur für die medizinischen Notfälle zuständig erklärt. Bleiben zwei Kliniken, die Abtreibungen „nach Kapazität“ durchführen.

Das ergab eine Anfrage der Grünen, der größten Kölner Ratsfraktion, an die Kölner Stadtverwaltung.

Und warum weist der Stadtrat nicht wenigstens die Städtischen Kliniken an, ein ausreichendes Angebot für hilfesuchende Frauen bereitzustellen? Zumal man „das Problem erkannt“ habe, wie Ralf Unna, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen in der Kölner Ratsfraktion, erklärt. Aber: Der Stadtrat sei gegenüber den Städtischen Kliniken nicht weisungsbefugt und selbst der Aufsichtsrat, dem Unna angehört, dürfe sich zwar „strategisch“ äußern, für die konkreten Angebote der Klinik sei aber die Geschäftsleitung zuständig. Mit ihr sei er „zu diesem Thema im Gespräch“, so Unna. Bei den niedergelassenen Gynäkologen suche man derzeit nach Lösungen, „durch die der personelle Engpass in der Sommerzeit behoben wird“, zum Beispiel durch die Abstimmung von Urlaubsplänen. Außerdem prüfe man den „gezielten Einsatz einer gesonderten Gynäkologin für solche Eingriffe“. 

Die derzeitige Situation sei ein „Armutszeugnis für Köln“, findet Julia Smidt. Sie ist eine der wenigen Kölner GynäkologInnen, die in ihrer Praxis Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Smid ist 49 Jahre alt und gehört, genau wie ihre PraxisKollegin Sevinc Sünter, nicht mehr zur Generation Stapf. Dennoch findet sie: „Wir müssen das als gesellschaftliche Aufgabe begreifen.“ Dass sie das so sieht, mag daran liegen, dass Julia Smidt aus Berlin kommt, an der Charité gearbeitet hat und ihre Ausbildung als „Ärztin im Praktikum“ in der Havellandklinik im brandenburgischen Nauen absolvierte. Dort lernte sie selbstverständlich auch, wie man Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Das ist andernorts keineswegs selbstverständlich. 

Obwohl eine Abtreibung der häufigste gynäkologische Eingriff ist, ist er in Deutschland auch ein halbes Jahrhundert nach der Aktion „Wir haben abgetrieben“ und dem Aufbruch der Frauenbewegung nicht Teil der Ausbildung. Aber auch das, sagt Frauenärztin Smidt, könne für GynäkologInnen kein Grund sein, keine Abtreibungen durchzuführen. Sowohl der operative Eingriff wie auch der medikamentöse Schwangerschaftsabbruch seien „keine große ärztliche Kunst“ und ließen sich „sehr leicht lernen“. Für sie und ihre Kollegin sei es selbstverständlich, diese Leistung anzubieten. „Wir haben den Anspruch, Frauen in allen Lebenslagen zu begleiten. Und in vielen Frauenleben gehört eine ungewollte Schwangerschaft eben dazu.“

Natürlich treibe keine Frau leichtfertig ab, aber dass die Abtreibung angeblich eine traumatische Erfahrung sei, unter der die Frauen lebenslang litten, „ist in großen Studien widerlegt, und das erlebe ich in der Praxis genauso“, sagt Smidt. Im Gegenteil: „Ich sehe oft, wie erleichtert sie hinterher sind.

Zum Beispiel Flensburg. Es sollte ein Vorbild-Projekt werden: Das „Malteser-Diako“-Klinikum in Flensburg, das erste ökumenisch geführte Krankenhaus in Deutschland, das größte und modernste Krankenhaus Schleswig-Holsteins. Nach der Fusion des katholischen St. FranziskusKrankenhauses mit den evangelischen Diakonissen wird die Klinik, die 2024 eröffnet werden soll, Flensburgs einziges Krankenhaus sein. Das Problem: Die katholischen Malteser lehnen Abtreibungen ab. Und die evangelischen Diakonissen stimmten zu, um das Projekt nicht zu gefährden. Beide Träger verkündeten: Künftig werde nur noch „in Notfällen, etwa wenn der Frau Lebensgefahr droht, ein Abbruch möglich sein.“ Beide Krankenhauschefs erklärten, dass Schwangerschaftsabbrüche eigentlich nicht in den Aufgabenbereich eines Krankenhauses gehörten, sie würden zu 90 Prozent ohnehin bei niedergelassenen GynäkologInnen durchgeführt.

Nur: „In Flensburg ist kein einziger Arzt eingetragen, der Abtreibungen macht. Die haben alle Angst“, erklärt Doris Scharrel von der Landesärztekammer Schleswig-Holstein. Scharrel selbst kennt eine befreundete Frauenärztin, in deren Praxis-Umfeld „Lebensschützer“ Zettel in die Briefkästen warfen: „Gehen Sie nicht zu dieser Ärztin!“ Und das Angebot wird immer kleiner – und das Problem immer größer. „Innerhalb der nächsten fünf Jahre gehen 30 Prozent der niedergelassenen Ärzte in Ruhestand.“ 

Gegen die Entscheidung formierte sich Widerstand. Eine Petition, unter anderem initiiert von der Flensburger Gleichstellungsbeauftragten und Pro Familia forderte „die medizinische Grundversorgung unabhängig von Glaubensgrundsätzen und die Enttabuisierung von Schwangerschaftsabbrüchen“. Erfolglos. 

Doch nicht nur konfessionelle Krankenhäuser ziehen sich aus dem Angebot zurück. Eine Anfrage des Recherche-Netzwerks Correctiv.Lokal an alle 309 Kliniken in öffentlicher Trägerschaft mit gynäkologischer Abteilung ergab: Nur etwa die Hälfte (57%) bieten Abtreibungen an. Etliche aber nur solche nach medizinischer oder kriminologischer Indikation. Abbrüche nach der Beratungsregelung, sprich: nach freier Entscheidung der Frau, bieten nicht einmal 40 Prozent der Krankenhäuser an. „Dabei machen diese Abbrüche 99 Prozent aller Abtreibungen aus“, weiß Doris Scharrel. Die Situation sei „unerträglich.“ 

Zum Beispiel Dresden. Viola Hellmann war 16, als die DDR 1972 das Recht auf Abtreibung festschrieb. „Die Gleichberechtigung der Frau in Ausbildung und Beruf, Ehe und Familie erfordert, dass die Frau über die Schwangerschaft und deren Austragung selbst entscheiden kann“, erläuterte das Gesetzblatt. Der Abbruch einer Schwangerschaft stand nun nicht mehr im Strafgesetz, sondern im Sozialgesetzbuch. „Deshalb war es für mich selbstverständlich, dass eine Frau selbstbewusst sagen konnte: Ich will einen Abbruch und den krieg ich auch!“ Auch als Hellmann mit dem Medizinstudium begann, war für alle, auch für die evangelischen Kolleginnen, klar: „Das gehört zu einem Frauenleben dazu.“ Dann kam die Wende. Und mit ihr die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs.

„Wir haben die Tragweite nicht begriffen, dass es jetzt im Strafgesetzbuch stand“, erinnert sich die Frauenärztin. Es war eine so bewegte Zeit, in der sich so vieles änderte. Und zunächst lief ja auch alles mehr oder weniger so weiter wie bisher. „Bis auf die Kliniken in kirchlicher Trägerschaft haben alle Abbrüche gemacht.“ 

1991 eröffnete Viola Hellmann zusammen mit einer Kollegin eine Praxis, in der sie auch Abtreibungen anboten. Das schrieben sie später auch „mit größter Selbstverständlichkeit“ auf ihre Website. Im Jahr 2006 begriffen sie schließlich, was die Sache mit dem Strafgesetzbuch bedeutete. Denn da wurden auch sie von dem Abtreibungsgegner Günter Annen wegen Verstoßes gegen das „Werbungsverbot“, also den § 219a, angezeigt. Die Ärztinnen waren schockiert, zahlten aber die 1.000 Euro Strafe und nahmen den Hinweis von ihrer Website. Erst die Gießener Ärztin Kristina Hänel würde 2017 mit ihrer Weigerung und Verurteilung für eine öffentliche Debatte über das skandalöse und bevormundende Gesetz sorgen. Im Mai 2022 wurde es schließlich von der Ampel-Koalition gestrichen.

Für die Gynäkologin Hellman in Dresden war die Anzeige ein Stein in einem Mosaik, in dem das Recht der Frauen auf Abtreibung zusehends verschwand: Die Chefarzt-Posten an den Kliniken wurden von Wessis übernommen. Die Kirche wurde vom Hort des Widerstands zum „mächtigen Wirtschaftsunternehmen“, an dessen Kliniken junge ÄrztInnen Abtreibungen „nicht mal sehen, geschweige denn lernen“. Immer mehr KollegInnen, die die DDR-Zeit und ihre liberale Haltung zum Schwangerschaftsabbruch noch erlebt haben, gehen in Rente. 

Heute gibt es auch in Ostdeutschland viele weiße Flecken auf der Landkarte. Viola Hellmann, die ihre Praxis inzwischen an jüngere Ärztinnen übergeben hat, erklärt: „Im Nachhinein muss man sagen: Wir sind über den Tisch gezogen worden.“ Und: „Ich hätte mir diese Entwicklung nicht vorstellen können.“ Sie fordert: „Abtreibung muss aus dem Strafrecht raus und wieder ins Sozialgesetzbuch!“

Dieses Wahlversprechen haben zwei von drei Parteien der Ampelkoalition auch gegeben: In einem Fragebogen vor der Bundestagswahl im September 2021 erklärten die beiden damaligen KanzlerkandidatInnen Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne): Der Schwangerschaftsabbruch muss raus aus dem Strafrecht! Unter Federführung des von Karl Lauterbach (SPD) geführten Gesundheitsministeriums soll nun eine Kommission eingesetzt werden, die „Regulierungen für den Schwangerschaftsabbruch außerhalb des Strafgesetzbuches prüfen soll“.

Nach einem halben Jahrhundert Kampf und Diskussion über und gegen das Abtreibungsverbot in Deutschland? Nach Dutzenden von Studien, Hunderten von Artikel, Tausenden Argumenten? Nachdem alle westeuropäischen Nachbarn das Recht auf Abtreibung, die Fristenlösung, längst eingeführt haben, inklusive stockkatholischer Länder wie Italien und Irland? Danach will Deutschland sich den Luxus erlauben, zu dem Problem eine Kommission einzusetzen? Nehmen die Parteien dieses elementarste aller Frauenrechte, die selbstbestimmte Mutterschaft, denn überhaupt nicht ernst? Eine Partei, die nicht im Laufe dieser Legislaturperiode für eine Streichung des § 218 oder mindestens die Fristenlösung sorgt, dürfte 2025 von keiner Frau mehr gewählt werden. Und von den solidarischen Männern ebenso wenig. 

Doch eine Ampel-Partei hat schon jetzt ihr Veto eingelegt: die der Gegner des Tempolimits und Porschefahrer, Männeranteil in Partei und Bundestag: 80 Prozent. Ausgerechnet die Liberalen, die 1971 die konsequentesten Verfechter des Rechts auf selbstbestimmte Mutterschaft waren und die heute selbst das Geschlecht zu einer Frage der „Selbstbestimmung“ erklären, postulieren: „Wir stehen glasklar zu der durch § 218 statuierten Regelung.“ Mit den Liberalen werde „es kein Abrücken vom Lebensschutz geben“. Ein solches Vokabular hörte man früher nur von religiösen Fundamentalisten. Jetzt also gehört Lindners Boy Group zu jenen rückwärtsgewandten Kräften in Europa, die Frauen das Recht auf Abtreibung ohne Bevormundung vorenthalten wollen. Europa ist in dieser Frage gespalten. Auf der einen Seite stehen Länder wie Holland und Schweden mit einer traditionell liberalen Haltung sowie Frankreich, wo Präsident Macron nach dem Urteil des US-Supreme Court erklärte, er wolle „das Recht auf Abtreibung in der Verfassung verankern“. In Spanien verabschiedete die Regierung gerade ein Gesetz, das Kliniken verpflichtet, Abtreibungen durchzuführen. Auf der anderen Seite stehen Länder wie Polen und Malta, aber auch Italien. Das Land hat zwar seit 1978 die von seinen kämpferischen Feministinnen erstrittene Fristenlösung, aber inzwischen weigern sich drei von vier ÄrztInnen an den meist in katholischer Trägerschaft befindlichen Kliniken, Abtreibungen auch durchzuführen. 

Am 16. Oktober 2016 starb in Sizilien Valentina Miluzzo an einer Sepsis. Zwei Wochen lang hatte die 32-Jährige mit Schwangerschaftskomplikationen im Krankenhaus gelegen. Auch ihr hatten die Ärzte die Abtreibung des nicht lebensfähigen Fötus verweigert – obwohl ihnen, anders als in Polen oder Malta – keinerlei Strafe gedroht hätte. Sie beriefen sich auf „ihr Gewissen“. Solche Fälle, erklärte die italienische Gynäkologin Lisa Canitano, „wiederholen sich fast täglich vor unseren Augen. Viele schwangere Frauen riskieren ihr Leben, wenn in der Schwangerschaft eine Komplikation auftritt.“ Deutschland wird sich bald entscheiden müssen, auf welcher Seite es stehen will.

PS Die sogenannte Fertilitätsrate, also die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau, liegt in Schweden bei 1,7 und in Frankreich sogar bei 1,8. In Deutschland liegt sie bei 1,5. Am niedrigsten aber liegt sie mit 1,4 in Polen. Und mit 1,1 in: Malta.

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