Ulla Lohmann: Todesmutig

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Die Erde zittert, sie brodelt, reißt auf. 1.200 Grad heiße Lavafontänen schießen mit ohrenbetäubendem Lärm in die Höhe. Es riecht nach Schwefel. Endzeitstimmung. Doch für Ulla Lohmann ist dies der Beginn allen Lebens. Denn ohne Vulkane gäbe es höchstwahrscheinlich kein Wasser auf unserem Planeten.

Die 42-jährige Vulkan-Expertin erforscht aktive Vulkane und klettert sogar in sie hinein. Weltweit macht das nur eine Handvoll Menschen, selbst auf dem Mond waren schon mehr. Ulla Lohmann ist die einzige Frau, die sich an die ­glühende Lava herantraut. 

Als wir sie in Köln bei einem ihrer seltenen Deutschland-Besuche treffen, sagt sie: „600 Meter hinunter in einen Vulkan sind kein Problem für mich, aber nachts U-Bahnfahren kommt nicht in Frage!“ Und sie erzählt.

Mit acht Jahren stieg Ulla während eines Italien-­Urlaubs mit ihren Eltern, eine Geografie-Lehrerin und ein Mathe-Lehrer, zum ersten Mal auf einen Vulkan, den Vesuv. In Pompeji sah sie die versteinerten Opfer des Ausbruchs aus dem Jahr 79 nach Christus. Ulla war fasziniert. Während andere „was mit Medien“ machen wollten, wollte sie „was mit Vulkanen“ machen.

Zunächst studiert Ulla in Australien Umweltmanagement, heute arbeitet sie als Expeditionsfotografin und Dokumentarfilmerin für GEO, Natio­nal Geographic, BBC oder das ZDF. Dafür hat sie alle fünf Kontinente bereist. Ein Jahr lang hat sie zu Fuß, mit dem Rad, kletternd und auf Skiern die Dolomiten durchquert, in 470 Tagen hat sie 47 Berge in 47 Ländern bestiegen. Einige Jahre lebte sie unter indigenen Völkern in Papua-Neuguinea und auf Vanuatu. Und noch heute campiert sie am liebsten im Dschungel.

„Tiere sind berechenbar, sie wollen mich eigentlich nicht fressen“, sagt sie lachend auf die Frage nach der Angst. Da scheinen ihr manche Männer weitaus gefährlicher: „Frauen sind in einigen Urvölkern im Südpazifik weniger wert als Schweine, es gibt grausame Rituale, da kann man seinen Glauben an das Gute im Menschen schon verlieren“, sagt die Forscherin. Sie unterstützt vor Ort Projekte für die Bildung von Mädchen.

Ihre Sehnsucht nach der Ferne hat auch mit der Flucht vor der Nähe zu tun. Ulla war in der Schule gemobbt worden. Als sie 15 Jahre alt war, nahm sich ihr unter einer Psychose leidende Vater das Leben: Er sprang von einer Brücke. Seine Tochter gab sich lange die Schuld dafür.

Mit 18 finanziert sie sich ihre erste Weltreise: Mit der Rekonstruktion eines Lurchskeletts holt sie bei „Jugend forscht“ den Bundessieg – und ein ordentliches Preisgeld. Damit reist sie in den Südseestaat Vanuatu und blickt dort zum ersten Mal in einen aktiven Vulkan: in den Krater des Benbow. „Ich wollte tief in sein Innerstes klettern, so nah wie möglich an den Lavasee gelangen“, erzählt sie. Sie beginnt zu forschen, lernt das ­Extrem-Klettern.

Zehn Jahre später steigt sie tatsächlich 600 Meter tief in „ihren“ Vulkan hinab. Als erster Mensch. In einem Hitzeschutzanzug der Feuerwehr, der ihr eigentlich viel zu groß ist, weil er für Männer gemacht wird, blickt Ulla in die brodelnde Lava und ist begeistert.

Auf einer ihrer Abenteuerreisen lernte die Vulkanforscherin den Alpinisten Sebastian Hofmann kennen, einen Kletterlehrer und Forscher. Er machte ihr am Rand „ihres“ Vulkans einen Heiratsantrag. Sie sagte Ja. Die Geburt ihres Sohnes passierte eigentlich mehr „so nebenbei“. Als die Hebamme hörte, was die Mutter beruflich macht, sagte sie: „Aha, jetzt verstehe ich.“

Manuk, benannt nach einem indonesischen Vulkan, ist jetzt eineinhalb Jahre alt und reist mit den Eltern um die Welt. In Hohenschäftlarn beim Starnberger See ist die Familie zuhause, wenn sie denn mal in Deutschland ist. Das passiert selten zwei Wochen am Stück. Denn Vulkane gibt es nicht in Bayern.

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