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Viola Priesemann: Die Corona-Jägerin

Foto: Julia Steinigeweg
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Als die Physikerin Viola Priesemann ihren ersten, noch schüchternen Auftritt im deutschen Fernsehen hat, im Mai 2020, ist man versucht, sie in die Kategorie zu stecken: Weiblicher Nerd, den man sonst lieber im Keller versteckt. Und was hat eine Physikerin eigentlich schon zu Fragen der Epidemiologie zu sagen? Was sie dann sagt, ist allerdings hoch relevant. „Verlieren wir die Kontrolle über die Infektion und können Ansteckungsketten nicht mehr nachverfolgen, kommt ein Kipppunkt. Die Zahlen steigen dann mehr als exponentiell.“ Inzwischen gilt Priesemann als Beraterin von Merkel. Die Kanzlerin ist bekanntlich ebenfalls Physikerin.

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Viola Priesemann ist 39 Jahre alt, mit einem Kollegen verheiratet und Mutter einer vierjährigen Tochter. Seit 2015 leitet sie am „Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation“ in Göttingen eine unabhängige Forschungsgruppe. Zurzeit bewirbt sie sich um eine Professur. „Sie ist eine Überfliegerin“, sagt Theo Geisel, ein renommierter Chaostheoretiker, der sie gefördert hat.

Ihre Leitfrage: Wie wirken Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen?

Förderung war nötig, denn selbstverständlich war der Weg in die Wissenschaft für die Tochter einer Kunstpädagogin und eines Juristen nicht. Diskussionen über Geist, Seele, freien Willen und gesellschaftliche Fragen kennt sie seit frühester Jugend. Aber so viel bildungsbürgerliches Debattieren kann auch ablenken von den harten Anforderungen eines naturwissenschaftlichen Studiums – und tut es zeitweilig. Sie war auf der Waldorf-Schule, begeistert sich fürs Reiten – übrigens bis heute. Erst im fünften Semester ihres Physikstudiums in Darmstadt entdeckt Viola das Türschild einer Professorin, und ihr wird schlagartig klar: „Krass, als Frau kann man wirklich Professorin werden. Ich also auch – rein theoretisch.“

Sie beginnt, sich für komplexe Systeme zu interessieren, die sich selbst organisieren. In der Natur, aber auch in der Technik gibt es solche Strukturen, bei denen aus Einzelteilen ein großes Ganzes wird. Ihr Musterbeispiel: Wie bekommt das Zebra seine Streifen? Herausgekriegt hat das in den 1950er Jahren nicht etwa ein Zoologe, sondern ein Mathematiker – durch theoretische Überlegungen. So etwas will sie auch machen!

Bei der Wahl ihres Themas für die Physik-Diplomarbeit kommen Geist und Seele wieder ins Spiel. Die Physikerin wählt das Gehirn als Forschungsgegenstand, ein wahrhaft komplexes System. Wenn Nerven sich vernetzen, folgen sie lokalen Lernregeln. Diese Regeln kann Viola Priesemann mathematisch formulieren. Sie tut das in der Arbeitsgruppe von Wolf Singer am „Max-Planck-Institut für Hirnforschung“ in Frankfurt. Singer ist unter den deutschen Hirnforschern ein Star. Zu seiner interdisziplinären Arbeitsgruppe gehören auch Psychologen, Biologinnen und Philosophen.

Als weiblicher Nerd mischt sie das Fernsehen und Twitter auf

„Dynamik Neuronaler Systeme“ heißt die Arbeitsgruppe, die Viola Priesemann am Max-Planck-Institut in Göttingen leitet. Im Februar 2020 wechselt sie abrupt das Thema. Sie baut ihr theoretisches Modell des Gehirns um in ein Corona-Pandemie-Modell. „Ich hatte plötzlich den Eindruck, dass wir in meiner Arbeitsgruppe Sachen wissen, die für die Gesellschaft wichtig sind, die andere aber noch nicht wissen“, sagt sie heute. Wie wirken welche Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen? Das wird ihre Leitfrage. Der Physikerin ist klar, dass sie sich, um Antworten zu finden, mit KollegInnen aus der Psychologie, den Sozialwissenschaften und der Ökonomie vernetzen muss. Die Vernetzung gelingt, zunächst in Deutschland, inzwischen europaweit.

Bereits ab April 2020 veröffentlicht das Wissenschaftlerbündnis gemeinsam Stellungnahme um Stellungnahme, Studie um Studie. Alles unter größtem Zeitdruck. Alles zunächst ohne große Resonanz in Medien und Politik. Das ändert sich erst mit ihrem Gang in die Öffentlichkeit, als sich der weibliche Nerd ins Fernsehen traut und auf Twitter mitmischt. Geradezu berühmt ist sie mittlerweile, die Zeit veröffentlichte ein ausführliches Porträt der Wissenschaftlerin.

Fehlt nur noch eines, Frau Dr. Priesemann: Professorin werden. Mit Schild an der Tür.

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