Was ist an den Schulen los?

An Schulen herrscht ein massives Gewaltproblem, unter Kindern - und gegen LehrerInnen. Foto: Imago images
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„Wir müssten mal wieder was über Lehrerinnen schreiben“, sagte ich in der Redaktionskonferenz. Meine Kolleginnen rollten mit den Augen. „Schon wieder?“ „Ja, da gab es so eine Umfrage. Die Gewalt gegen Lehrerinnen, die nimmt wirklich überhand“, legte ich nach. Erneutes Augenrollen. „Das tut sie doch jedes Jahr.“

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Zum Glück bin ich hartnäckig und nehme ein Veto eigentlich sowieso nur vom Chef hin. Meine Kolleginnen wissen das und reagieren erwartbar mit: „Dann frag‘ halt Alice, aber die wird dir das Gleiche sagen. Wir schreiben da schließlich schon seit 1978 permanent drüber.“

So wirklich glücklich ist keine Lehrerin mit ihrem Job - das heißt mit den Umständen

Nee, Alice sagte: „Dann frag mal bei deinen Lehrerinnen rum und dann schreib die Geschichte.“ Nichts leichter als das. 70 Prozent meines Freundeskreises besteht aus LehrerInnen (was nicht immer einfach ist), meine Schwester ist Lehrerin, diverse Tanten und Cousins sind LehrerInnen und nicht zuletzt meine Frau (was auch nicht immer einfach ist). Die meisten Geschichten kenne ich also bereits. Probleme mit zu vielen SchülerInnen in einer Klasse, die praktisch nicht umsetzbare Inklusion, zu wenig SozialarbeiterInnen, überhaupt zu wenig Geld für den ganzen Wumms.

Viele Lehrerinnen haben Aspirin als stetigen Begleiter in der Schultasche, träumen von einem Sabbatical oder davon, „nochmal was ganz anderes zu machen“. So wirklich glücklich ist kaum eine mit ihrem Job. Das heißt mit den Umständen. Denn Lehrerin, das sind alle eigentlich gern. Ich bin oft echt überrascht, wie leidenschaftlich sie sich für ihre Schulkinder engagieren.

Die aktuelle Mai/Juni-EMMA gibt es als Print-Heft und als eMagazin im www.emma.de/shop
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Ich habe also angefangen, systematisch in meinem Umkreis zu fragen; Leserinnen, die Lehrerinnen sind, anzuschreiben, und habe alle gebeten, mal was aufzuschreiben oder zu erzählen. Das, was da zurückkam, könnte haarsträubender nicht sein. Marlene, Lehrerin in München, wurde von ihren Schülern in einen Deep-Fake-Porno geschnitten und wochenlang auf dem Schulhof verspottet. Barbara, Lehrerin in Hamburg, hat sogar Morddrohungen bekommen.

Die meisten Storys erreichten mich aus NRW. Hier bekamen Lehrerinnen Flaschen an den Kopf geworfen und wurden mit Messern bedroht. Ich hätte ein ganzes Sonderheft daraus machen können. Gewalt gegen LehrerInnen, Gewalt unter Schülerinnen und Schülern, Hass und Hetze auf Social Media - das hätte ich in dieser Drastik nicht erwartet.

Daher ist die Gewalt an Schulen das Titelthema dieser Ausgabe geworden. Was mich aber mindestens genauso beunruhigt, ist die Angst vieler LehrerInnen, die Probleme auszusprechen. „Ich kann dir das nur anonym erzählen.“ Verständlich. Keine bekommt Rückendeckung von ihrer Schulleitung. Gut, dass wir bei EMMA unabhängig sind. Wir bleiben mutig – bleibt ihr es bitte auch!

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