In der aktuellen EMMA

Neukölln: Was ist los an den Schulen?

Martin Hikel, Bezirksbürgermeister von Neukölln: "Echt irre, was hier passiert!" - Foto: SPD Neukölln
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"Irre“, sei das, was da in den letzten Wochen in seinem Bezirk passiert ist, findet Martin Hikel. Immer wieder fällt im Gespräch mit EMMA dieses Wort, mit dem der Neuköllner Bezirksbürgermeister seine Fassungslosigkeit ausdrückt. Und weil Hikel, der in seinem Berliner Problembezirk das Erbe von Heinz Buschkowsky angetreten hat, selbst gebürtiger Neuköllner ist, sagt er: „Ürre. Einfach ürre.“ Und: „Mir fehlen da echt die Worte.“

Was war passiert? Die Kurzform der „irren“ Geschichte geht so: Ein kleiner Berliner Verein, der seit zehn Jahren Demokratie-Bildung und Rechtsextremismus-Prävention an Schulen betreibt, macht im Auftrag des Bezirksamts Neukölln im Dezember 2021 eine Umfrage an zehn Neuköllner Schulen. Gefragt wird nach sogenannten „konfrontativen Religionsbekundungen“ der SchülerInnen, also zum Beispiel: demonstratives Beten während der Unterrichtszeiten; Ablehnung bestimmter Unterrichtsinhalte wie Sexualkunde oder Lektüren mit der Begründung, sie seien nicht religionskonform; massiver Druck auf muslimische Schülerinnen ein Kopftuch zu tragen oder im Ramadan zu fasten.

Die Umfrage bestätigt, was besorgte LehrerInnen schon seit Jahren berichten: An neun von zehn befragten Schulen gibt es massive Probleme dieser Art. Denn die Agitation islamistischer Gruppen sowie die Indoktrinierung von SchülerInnen in Koranschulen und radikalen Moscheegemeinden hat längst ihren Weg in die Klassenzimmer gefunden.

Erschrickt nun die rot-rot-grüne Berliner Regierung und bewilligt, was die befragten LehrerInnen sich dringlich wünschen, nämlich: Unterstützung bei der Bewältigung dieser Konflikte?
Nein. Vielmehr diffamieren einige grüne und linke Abgeordnete im Schulterschluss mit islamistischen Verbänden die Umfrage als „antimuslimisch“ und „sehr gefährlich“. Vorläufiges Ende der Geschichte: Die von dem kleinen Verein namens „Demokratie und Vielfalt“, kurz: DEVI, mit dem Plazet des Neuköllner Bezirksamts geplante „Anlauf- und Dokumentationsstelle konfrontative Religionsbekundung“, die diese Unterstützung hätte bieten können, wird es nicht geben. Dem Verein werden Gelder gestrichen, er kann seine wenigen MitarbeiterInnen nicht mehr bezahlen und steht kurz vor der Auflösung.

„Das war eine massive Kampagne bis hin zur Rufschädigung“, sagt DEVI-Leiter Michael Hammerbacher. Der Pädagoge und Soziologe fragt sich: „Woher kommt diese ungeheure Aufregung, die wir mit unserem kleinen Projekt ausgelöst haben?“ Und gibt die Antwort gleich selbst: „Man hat an uns ein Exempel statuiert.“

Die irre Geschichte hatte eigentlich schon im Herbst 2020 begonnen. Am 16. Oktober enthauptet der 18-jährige Islamist Abdullah A. in einem Pariser Vorort den Lehrer Samuel Paty. Zwei Wochen später, am 2. November, erschießt der 20-jährige IS-Anhänger Kujtim F. in einem Wiener Ausgehviertel vier Menschen und verletzt 23 weitere teilweise schwer. Abdullah A. hat tschetschenische Wurzeln, Kujtim F.s Familie stammt aus Nordmazadonien. Die beiden jungen Männer sind in Frankreich bzw. Österreich aufgewachsen und dort zur Schule gegangen.

Am 26. November unterzeichnen über 400 PädagogInnen aus dem Berliner Bildungs- und Schulbereich einen Offenen Brief an die damalige Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). „Das Wirken des politischen Islams ist nicht auf Frankreich und Österreich beschränkt“, erklären sie. „Auch in Deutschland und in Berlin ist der Einfluss des politischen Islams deutlich wahrzunehmen und in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Und das auch und besonders an den Schulen.

Wer sich in den Wochen nach den Attentaten unter LehrerInnen in Deutschland umhörte, erfuhr, dass es nicht nur, aber vor allem an Brennpunktschulen schon seit Jahren massive Probleme gibt. „Große Teile meiner Schüler leben in einer Parallelgesellschaft, die wir jetzt schon nicht mehr erreichen“ erklärte die stellvertretende Vorsitzende des Berliner Schulleitungsverbandes, Karina Jehniche, im Gespräch mit EMMA. „Man hat diese Entwicklung ja jahrzehntelang zugelassen“, klagte Astrid-Sabine Busse, damals Vorsitzende des „Interessenverbandes Berliner Schulleitungen“ und Rektorin einer Grundschule in Neukölln, an der 97 Prozent ihrer SchülerInnen einen Migrationshintergrund haben. „Wenn wir etwas über Darwin machen oder die Kinder im Museum griechische Statuen sehen, drehen sich viele um und halten sich die Ohren zu“, berichtet Busse. Es könne aber „nicht sein, dass das Problem an der einzelnen Schule hängenbleibt“.

Genau dagegen protestieren die UnterzeichnerInnen des Offenen Briefes von der Schulsenatorin: „Die Berliner Schulen brauchen ein qualifiziertes und grundrechtsklares Unterstützungsangebot, um wirksam gegen religiöses Mobbing, konfrontative Religionsbekundung und islamistische Ideologisierung vorzugehen.“

Der Verein „Demokratie und Vielfalt“ hat ein solches Angebot: Seit 2017 bildet er PägagogInnen zu „BeratungslehrerInnen für weltanschauliche und religiöse Vielfalt“ fort, 60 so spezialisierte Pädagogen an 30 Berliner Schulen gibt es schon. Und es sollen noch mehr werden. DEVI bietet Fallbegleitungen an, veranstaltet Projekttage an Schulen. Doch schon 2020 ist die Arbeit von Michael Hammerbacher und seinen KollegInnen offenbar so manchen in der Berliner Senatsverwaltung ein Dorn im Auge. Ausgerechnet im Jahr der islamistischen Attentate in Paris und Wien werden dem Verein die Gelder gekürzt.

Der DEVI weiß, dass das Thema „politisch extrem aufgeladen“ ist. „Allein die Beschäftigung mit dem Thema in Schulen gilt manchen irrtümlich als verdächtig nah an rechtspopulistischer Stimmungsmache“, schreibt der Verein in einer Broschüre und warnt: „Gibt man diesem Druck aber nach, entsteht ein blinder Fleck in der Präventionsarbeit an Schulen und öffnet Tore für menschenrechts- und demokratiefeindliche religiös begründete Haltungen unter Schüler*innen. Die Schulen werden mit dem Problem allein gelassen.“

Michael Hammerbacher hat nicht vor, dem Druck nachzugeben und die Schulen alleinzulassen. Bestärkt wird er darin von den SchulleiterInnen, LehrerInnen und SchulsozialarbeiterInnen, mit denen der Verein seit Jahren zusammenarbeitet. Gemeinsam mit ihnen entsteht die Idee der Anlauf- und Dokumentationsstelle. „Deren Aufgabe wird es sein, mehr Licht ins Ausmaß konfrontativer Religionsbekundung an Schulen zu bringen, die Vorfälle zu dokumentieren und insbesondere die Schulen bei der Bearbeitung von Vorfällen zu unterstützen.“

Das Konzept entspricht exakt dem, was auch der Deutsche Lehrerverband fordert: 1. Eine Studie. „Weder die zuständigen Ministerien noch die Schulbehörden wissen, wie groß das Problem ist“, erklärt Verbandschef Heinz-Peter Meidinger. 2. Hilfe für die Schulen. „Es müssen Experten an die Schulen, um sie beim Kampf gegen islamistische Einflüsse zu unterstützen.“ 3. Ombudsstellen für die LehrerInnen. „Es muss Ansprechpartner für Lehrer geben, die an ihrer Schule ein Problem mit islamistisch indoktrinierten Schülern haben, und zwar außerhalb des Dienstwegs.“

Doch es scheint, als ob manche Kräfte genau dieses Licht scheuen und das Ausmaß des Problems lieber im Dunkeln ließen. Denn als im Dezember 2021 die Ergebnisse der Umfrage des DEVI an den zehn Neuköllner Schulen vorgestellt werden, bricht für den Verein die Hölle los. Es hagelt Shitstorms bis hin zu Morddrohungen – und „Stellungnahmen“: „Unwissenschaftlich und stigmatisierend“ sei die Befragung, befindet der „Rat Berliner Imame“, dem auch der Imam der DITIB Sehitlik Moschee angehört. Eine weitere Stellungnahme beklagt zu erwartende „Stigmatisierungseffekte“. Das Projekt berge „die Gefahr, die Diskriminierung einer bereits vielfach abgelehnten religiösen Minderheit zu befördern.“ Es werde „eine Kultur der Denunziation“ etabliert. Man solle die (Weiter)Förderung des Projekts unterlassen, forderten die UnterzeichnerInnen, darunter auch Fereshta Ludin.

Ludin wurde 1999 international bekannt, weil sie als Lehramts-Referendarin in Baden-Württemberg auf das Recht klagte, mit Kopftuch ins Beamtenverhältnis übernommen zu werden – durch alle Instanzen bis vor das Bundesverfassungsgericht, unterstützt u. a. vom „Zentralrat der Muslime“. Die Tochter eines afghanischen Ministers, verheiratet mit einem deutschen Konvertiten, hatte damals deutsche Frauen als „unrein“ bezeichnet und auf die Frage von EMMA, wie sie zur Todesstrafe in Afghanistan für unverschleierte Frauen stehe, erklärt: „Dazu möchte ich mich nicht äußern.“

Auch die Grünen-Abgeordnete Susanna Kahlefeld, Vorsitzende des Ausschusses für Bürgerschaftliches Engagement und Partizipation im Berliner Abgeordnetenhaus, verunglimpft die beunruhigende Bestandsaufnahme an den Neuköllner Schulen: Ihr Ziel sei „einzig und allein, Religion an sich als ein Problem darzustellen“. Und Ahmed Abed, Fraktionschef der Linkspartei im Neuköllner Bezirksparlament, fordert, das „antimuslimische“ Projekt nicht weiter zu finanzieren.

Dabei ist das, was die Bestandsaufnahme zutage fördert, keineswegs überraschend. Alle, die vor Ort in den Schulklassen sind, kennen die geschilderten Fälle und Situationen.
„Und da geht es nicht nur um die Fälle, die in der Zeitung landen. Wie zum Beispiel die Schüler, die sich geweigert haben, die Schweigeminute für Samuel Paty mitzumachen. Oder wenn im Ramadan Schüler anderen auf die Toilette folgen, um zu kontrollieren, ob Wasser getrunken werden oll“, sagt Michael Hammerbacher. Es gehe insbesondere um „den dauernden Konformitätsdruck im Alltag, den man gar nicht mitkriegt, wenn man nicht genau hinschaut und nachfragt“.

Bezirksbürgermeister Martin Hikel erinnert sich, wie eine alevitische Schülerin ihm erzählte, dass sie „ihre Halskette mit dem Schwert, dem Symbol der Aleviten, in der Schule lieber unter ihrer Bluse versteckt“. Oder das Kopftuch: „Wenn Mädchen dazu gedrängt werden, dann ist das fernab meiner Vorstellung von Gleichberechtigung.“ Auch Hikel haben die Ergebnisse der Umfrage „überhaupt nicht überrascht“. Was man von der Reaktion, die auf das folgte, was eigentlich sowieso alle wussten, nicht behaupten kann. „Die Reaktion hat mich in ihrer Vehemenz und Aggression schockiert.“

Die Angriffe haben Folgen: Die geplante Anlauf- und Dokumentationsstelle wird im Berliner Senat finanziell auf Eis gelegt. Da nützt es auch nichts, dass die Berliner Oppositionsparteien ganz andere Töne anschlagen: „Ein fundamentalistisches Religionsverständnis, das die freie Entfaltung gerade von muslimischen Mädchen bedroht, darf in unseren Schulen keinen Fuß fassen“, erklärt CDU-Fraktionschef Kai Wegener und begreift die Neuköllner Umfrage als „Mahnung zum Handeln“. Auch die Berliner FDP findet „religiöse Konfrontationen“ in Schulen „fehl am Platz“. Dass auch die AfD „religiös-kulturelles Mobbing“ für ein „gravierendes Problem“ hält, wird selbstredend gegen das DEVI-Projekt verwendet.

„Man hat systematisch versucht, uns in die rechte Ecke zu drängen“, sagt Michael Hammerbacher, der 2015 ein Buch über „Handlungsstrategien gegen eine rechtsextreme Jugendkultur und fremdenfeindliche Einstellungen“ veröffentlichte. Bezirksbürgermeister Martin Hikel ist auch davon nicht überrascht. „Die Netzwerke des politischen Islam haben ganz offenbar Einfluss in Teilen der Grünen und der Linken.“

Letztlich geht es bei der Auseinandersetzung um das DEVI-Projekt auch um „die Deutungshoheit“, sagt DEVI-Chef Hammerbacher. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die behaupten, dass „religiöses Mobbing“ und die Dominanz einer reaktionären bis radikalen Auslegung des Islam in den Klassenzimmern lediglich eine Folge von „antimuslimischem Rassismus“ sei. Die Schüler, die andere wegen ihres angeblich „ehrlosen“ und „nicht gottgefälligen“ Verhaltens unter Druck setzen, seien folglich keine Täter, sondern ausschließlich Opfer rassistischer Diskriminierung. Deshalb müssten, wie es die vom Berliner Senat geförderte „Anlaufstelle Diskriminierung an Schulen (ADAS) fordert, auch Begriffe wie „aggressive Religionsbekundung“ oder „religiöses Mobbing“ aus dem öffentlichen Diskurs verbannt werden – denn auch sie seien diskriminierend.

Eine Haltung, die Bezirksbürgermeister Martin Hikel keineswegs teilt. „Wir können nicht bei einer diskriminierten Gruppe weggucken, wenn sie selbst diskriminiert“, sagt er. Der Vorwurf des antimuslimischen Rassismus greife nicht, denn die Hauptbetroffenen von religiösem Mobbing seien: Muslime. Und zwar solche, die ihre Religion liberal – oder auch gar nicht – leben möchten. Wenn diese von islamistisch indoktrinierten MitschülerInnen drangsaliert würden, habe es „geradezu etwas Perfides, das zu ignorieren“. Und der Bezirksbürgermeister geht noch einen Schritt weiter: „Dass sich so viele LehrerInnen bei all den unzähligen Angeboten, die sich der klassischen Anti-Diskriminierungsarbeit verschrieben haben, trotzdem alleingelassen fühlen, ist absurd. Das passt nicht zusammen. Wir müssen diese Angebote in Gänze auf den Prüfstand stellen.“

Das heißt: Dass DEVI Klartext spricht über das, was in den Klassen tatsächlich los ist und was man dagegen tun müsste, ist eine reale Bedrohung für diejenigen, die den politischen Islam und die Folgen seiner Agitation verharmlosen – aus politischem Kalkül oder weil es im rot-rot-grün regierten Berlin opportun und mit finanzieller Förderung verbunden ist. Diese Bedrohung wurde spätestens mit der Schulbefragung im Dezember 2021 konkret.

„Wir haben es geschafft, den Diskurs zu verschieben“, sagt DEVI-Leiter Hammerbacher. „Wir haben eine gesellschaftliche Debatte angestoßen“, meint auch Bezirksbürgermeister Hikel. Eine Folge immerhin hat das: Der Berliner Senat will eine wissenschaftliche Studie fördern, die die Lage an den Berliner Schulen genauer untersucht. Das ist erfreulich. Doch alle Beteiligten wissen: Was bei dieser Studie herauskommt, hängt davon ab, wer den Zuschlag bekommt. Martin Hikel wünscht sich, dass es jemand „mit einem externen Blick“ sein wird. Und Michael Hammerbacher sagt: „Im Kern kommt es darauf an, dass sich Leute aus der Praxis aus den Schulen melden und berichten. Dazu gehört viel Mut – wie man an unserem Beispiel sieht.“

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