Werden sie wieder vergessen?

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Razia ist etwa zwölf. Ganz sicher ist sie sich nicht. Sicher ist nur, dass sie zwei Köpfe größer ist als die anderen in ihrer Klasse. Das ist die Klasse eins der Grundschule Ariana im pakistanischen Peschawar. Dort sitzt Razia nun und krakelt auf einer Schiefertafel, schaut Hilfe suchend neben sich auf die Nachbarin. Die ist sechs und kann alles viel besser. Razia schämt sich. Aber sie ist auch glücklich. Schule – das war ihr Traum. Sie hatte gerade begonnen, schreiben und lesen zu lernen, als die Taliban in ihrer kleinen afghanischen Stadt auftauchten und erklärten: Schluss mit der Schule für Mädchen. Dabei hatte Razia sich doch Großes vorgenommen. „Daktar“ wollte sie werden, Ärztin. Ob das jetzt noch klappt?

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Erst seit kurzem geht Razia wieder zur Schule, entkommen der Hölle Afghanistan. Ihre Eltern in Jalalabad hatten alles, was sie noch besaßen, zusammengekratzt, das Schmiergeld für die Taliban, die Schlepper und die pakistanischen Grenzpolizisten. Dann hatten sie die drei Kinder allein losgeschickt – den älteren Bruder mit Razia und der kleinen Schwester Fatima an der Hand. Ins Ungewisse, das den Namen Peschawar trägt.

Die Eltern ahnten nicht, dass nur wenige Tage später das Regime der Taliban wie ein Kartenhaus zusammenstürzen würde. Wer wusste das schon? Nicht einmal die Amerikaner hatten damit gerechnet. Nun sitzen Razia und ihre Geschwister im Wellblechverschlag des Onkels in Tajabad, dem größten Afghanenslum von Peschawar, mit seinen nackten verrotzten Kindern, der stinkenden offenen Kana­lisation und den überall herumlungernden arbeitslosen Männern. Am liebsten möchte Razia sofort zurück nach Hause. Doch die Eltern in Jalalabad wollen das nicht. Sie haben einen Boten geschickt: „Bleibt, wo ihr seid, wir wissen doch nicht, wie es weitergeht.“ Auch Razias Lehrerin an der Ariana-Schule will erst einmal abwarten. „Wer weiß, was wird?“

Denn aus Kabul und den anderen Teilen Afghanistans kommen beunruhigende Nachrichten. Dort pokern die Männer um die Macht, wieder einmal, mehr noch: Sie kämpfen darum. Unterdessen huschen die meisten Frauen sogar in Kabul immer noch so, als ob es sie gar nicht gäbe, unter ihren Burkas durch die Straßen. „Wir können doch nicht sicher sein, dass die Taliban nicht zurückkommen“, klagt eine dieser „Unsichtbaren“. Und sie fügt nach einer kleinen Pause hinzu: „Die Männer bestehen darauf.“

Denn die radikalen Fundamentalis­ten sind überall, ob sie nun Taliban heißen oder Nordallianz. Abgrundtiefe Frauenverachtung ist der akzeptierte „way of life“ in Afghanistan. Selbst jenseits der Grenzen ist das so. „Bleib erst mal hier“, sagt auch der Onkel in Tajabad zu Razia. „Hier haben wir wenigstens Freiheit.“ Freiheit! „Anders als in Herakat“, sagt er und zeigt mit dem Kopf hinüber in Richtung Öde. Dort stehen die dunklen Zelte und die zerborstenen Lehmhütten des größten Flüchtlingscamps von Peschawar, und da, wie in vielen anderen, herrschen die Fundamentalisten – obwohl die Lager von den internationalen Hilfsorganisationen unterhalten werden. Eineinhalb Millionen Afghanen, mehr als in Kabul, leben in Peschawar.  Aber selbst in den Lagern sind sie nicht sicher vor den Fanatikern.

Deshalb hat auch Razias Lehrerin alles daran gesetzt, dass sie nicht ins Camp musste, sondern bei Verwandten im Afghanenslum unterschlüpfen konnte. „Zum ersten Mal ohne Burka“, sagt sie. „Es ist wie eine  Befreiung.“ Es ist eine Befreiung! Die Befreiung, von der Millionen afghanischer Frauen träumen. Aber nicht in Peschawar, nicht sonstwo in Pakistan oder irgendwo in der Welt, sondern zu Hause, in Afghanistan. Doch besteht irgendeine Chance, dass dieser Traum wahr wird?
So, wie es jetzt aussieht, wohl eher nicht. Denn wahrscheinlich wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern in diesem Land, in dem Frauen gezwungen werden, sich unsichtbar zu machen zu einem Nichts. Deshalb kann es in Wahrheit leider nur einen Rat an alle Frauen Afghanistans geben: Seht zu, dass ihr da rauskommt, und zwar so schnell wie möglich! Leider ist es ein schlechter Rat, denn er ist nicht praktikabel. Wie sollen die Frauen flüchten und vor allem wohin? Wo doch niemand sie haben will draußen.

Alle reden sie nun von einem neuen Afghanistan, und sie schmieden Pläne für neue Regierungen auf einer noch nie dagewesenen breiten Basis unter Berücksichtigung „aller gesellschaftlichen Kräfte“, wie sie es nennen. Auch die Herren, die sich gleich hinter Razias Armenschule im schmucken Villenviertel versammelt haben, wo der reiche Herr Gailani, der Verwandte des Königs wohnt. Über den Frieden und die Zukunft Af­ghanistans wollten sie beraten: Mächtige Clanführer der großen paschtunischen Familien waren es, in prächtigen Roben und imposanten Turbanen, und die Stammesältesten mit ihren wohlgepflegten wallenden Bärten. 1.500 malerische Männer. Ihr Foto ging um die ganze Welt. Aber nie­mandem fiel offenbar auf, dass keine einzige Frau zu sehen war.

Diese Männer hatten wieder einmal von vornherein beschlossen, dass Frauen bei den Verhandlungen auch über ihre Zukunft nichts zu suchen hätten. Und die Welt hat sich offenbar daran gewöhnt, dass afghanische Frauen unsichtbar und stimmlos sind. Aber das geht nicht nur auf das Konto der Fundamentalisten, der Taliban und der Mujaheddin vor ihnen, dieser so genannten Heiligen Krieger, die auch nichts anderes waren als eine Bande machtgieriger Krimineller.

Nach dem Abzug der Sowjets hatten die Mujaheddin das noch relativ intakte Land in eine Räuberhöhle verwandelt, in der nach Lust geraubt und gemordet wurde und wo Frauen dazu da waren, vergewaltigt und entführt zu werden. Ob sie sich nun respektabel „Nordallianz“ nennen oder sonstwie, es sind eben diese Leute, die nun ihren Anteil am Nach-Taliban-Afghanistan anpeilen. Frauen sollen dann weiter ein Nichts bleiben, denn Frauen sind nur zur Befriedigung der eigenen Lust, zum Gebären von Kindern und zur Arbeit im Hause oder auf den Feldern der Dörfer da.

Dass diese absolute Missachtung der Frauen überhaupt möglich ist, geht auch auf das Konto der westlichen Toleranzlinge in den Hilfs­or­ganisationen. Diese überlebens­notwendigen Hilfsorganisationen verstecken sich seit Jahren hinter „Brauchtum“ und „Tradition“, weil sie sich nicht trauen, den Islamisten die Stirn zu bieten, wenn es um die Frauen geht. Die Herren Fundamentalisten wünschen keine Schulen für Mädchen? Also weg damit; auch aus den Lagern, die mit westlichen Spenden finanziert werden. Die Herren Radikalen finden, Frauen brauchen keine medizinische Versorgung? Also lassen wir die Krankenhäuser schließen und die Ärztinnen verjagen und sorgen nur für das Allernötigste in schmutzigen Ver­schlägen. Die Herren wünschen nicht, dass Frauenprojekte aus „Dingen“ eigenständige Lebewesen machen? Bitte sehr, dann streichen wir sie eben.

Die afghanische Ärztin Sima Samar, deren Organisation „Schuhada“ afghanischen Frauen in pakistanischen Flücht­lingslagern und in Afghanistan selbst hilft, sagte jetzt bei einem Treffen mit Europa-Parlamentarierinnen, wie es ist: „Aus angeblichem Respekt vor der Kultur Afghanistans wird der Ausschluss der Frauen aus dem öffentlichen Leben toleriert. Doch die Kultur wird hier nur als Ausrede für die Diskriminierung von Frauen vorgeschoben – und leider vom Westen akzeptiert.“

Lakhdar Brahimi, ehemaliger algerischer Außenminister und Sonder­beauftragter Kofi Annans für Afgha­nistan, beteuert zwar, dass den Frauen natürlich eine wichtige und auch politische Rolle im Nach-Taliban-Afghanistan eingeräumt werden müsse. Es gibt viele Rezepte, die jetzt für eine neue Regierung herumgereicht werden.

„Unsere größte Hoffnung ist jetzt der König“, sagt eine Exil-Afghanin, die einmal alle Hoffnungen auf den Kommunismus gesetzt hatte. Aber der König ist alt und schwach, und – das ist eben typisch für die Verhältnisse in Afgha­nistan – es ist auf lange Sicht eher wahrscheinlich, dass nicht er, der Liberale, Erfolg hat, sondern so jemand wie der unselige Gulbuddin Hekmatyar, der für ein Bündnis aller Fanatiker trommelt: Hekmatyar im Verein mit der Nord­allianz und den Taliban – gegen den satanischen Westen...

Hekmatyar war derjenige unter den so genannten Heiligen Kriegern, der vor 15 Jahren während des Stellvertreterkrieges gegen die Sowjetunion am üppigsten von den USA und deren Bundesgenossen, dem pakistanischen Geheimdienst ISI, ausgestattet worden war: Fünf Milliarden Dollar ließ sich Washington den ersten Afghanistan-Krieg kosten! Und der dann zwei Jahre seine ehemaligen Kampfesbrüder in Kabul unter Artilleriebeschuss nahm, weil er die Nummer 1 sein wollte nach dem Abzug der Sowjets.

Es waren nicht die Bombardements der Amerikaner, die Kabul jetzt so aussehen lassen, wie es allabendlich über unsere Fernsehschirme huscht. Es war der Dauerbeschuss Hekmatyars, der die einstmals so vitale und welt­offene Metropole an den Kreuzwegen Zentral­asiens in Schutt und Asche legte. Fast 100.000 Menschen starben bei diesem internen Machtkampf der Männer, 60.000 Witwen blieben ohne Versorger zurück. Und Hekmatyar, der religiöse Fanatiker – der schon als Student seinen Kommilitoninnen an der Universität Säure ins Gesicht schüttete, wenn sie in Jeans und ohne Schleier daherkamen – , er spinnt immer noch seine intriganten Fäden.

Die westliche Welt freilich hätte gerne, dass die Vereinten Nationen sich auf Dauer durchsetzen, die irgend eine Art von breit gefächerter Übergangsregierung zusammenzimmern wollen: mit dem König als Symbolfigur und allen Stämmen, Völkerschaften und Religionen gleichberechtigt nebeneinander. Und natürlich unter Ausschluss der Taliban. Brahimis Versicherung, ohne Beteiligung der Frauen werde nichts laufen, ist zwar löblich, aber wenig glaubhaft. Die UNO ist bekannt dafür, dass sie auf dem Frauenauge blind und geneigt ist, schnell wegzusehen, wenn Männer sich wichtig machen. Unter den Namen, die jetzt für eine Interimsregierung gehandelt werden, befindet sich nicht ein einziger Frauenname.

Dabei, was haben die Männer aus ihrem Land gemacht? Ein Totenreich der Angst. Seit fast einem viertel Jahrhundert herrscht in Afghanistan Krieg. Jeder Mann hat ein Gewehr zu Hause, als Beweis seiner Männlichkeit. Krieg ist ein Handwerk, im wahrsten Sinne des Wortes, wo es sonst kaum etwas zu verdienen gibt. Und Krieg scheint diesen Männern richtig Spaß zu machen. Den Eindruck hatte ich immer wieder in den letzten 20 Jahren, wenn ich als Korrespondentin in Afghanistan unterwegs war. Mit glänzenden Augen ballern schon die Zwölf­jährigen auf ihre Opfer, je größer der Schießprügel, desto besser. Eine ganze, nein, zwei ganze verrohte Generationen. Und alles im Namen des Islam.

Mehr als eine Million Tote, und jeden Tag kommen neue hinzu. Nicht nur wegen der Kämpfe, sondern weil noch 30 Millionen Minen im Boden versteckt liegen. Ein Drittel der Bevölkerung kann sich nicht mehr selbst ernähren, jedes vierte Kind unter fünf stirbt an Unterernährung, die Müttersterblichkeit ist die zweithöchste in der Welt, nur vier Prozent der Frauen können lesen und schreiben. Das ist die afghanische Horrorstatistik nach 25 Jahren Männerterror im Namen des Islam.

Statistisch nicht erfasst wird, dass die Frauen die eigentlichen Opfer dieses Terrors sind, weil sie zum Schweigen gebracht wurden. Als die Taliban (dieses Monster so genannter Koran-Studenten, das der pakistanische Geheimdienst ISI zusammen mit den fundamenta­listischen Mullahs Pakistans zur Durchsetzung der Macht­interessen Islamabads geschaffen hatte) 1994 auf der Bildfläche erschienen und 1996 Kabul besetzten, „waren wir Frauen noch weniger wert als Tiere“, sagt eine ehema­lige Ärztin. Aus der Öffentlichkeit verdrängt, hinter geschwärzten Scheiben in ihren Häusern versteckt, wurde ihnen nicht mehr erlaubt, auf die Straße zu gehen, etwa zum Einkaufen auf dem Markt. Nur bei Begleitung eines männlichen Verwandten war es für eine Frau überhaupt möglich herauszu­kommen, für eilige Gänge unter der alles verhüllenden Burka, durch deren Augengitter nicht einmal die eigenen Füße zu sehen sind. Heiß ist es unter einem solchen Krähengewand, die Orientierung schwindet, und die Konfusion wächst.

Kein Wunder, dass die blauen Gestalten wie schwankend durch die Trümmerwüsten ihrer Städte huschten, als schmutzige Bündel auf dem Boden hockten und jammererweckend ihre von der Burka bedeckten Hände zum Betteln erhoben. Das wurde zwar mit Auspeitschen bestraft, aber was sollten zum Beispiel die 60.000 Kriegerwitwen tun, die nicht mehr arbeiten durften, die keinen männlichen Begleiter hatten, aber zu Hause kleine Kinder, die vor Hunger schrien. Betteln, Prostitution – das wird mit dem Tode bestraft – oder still sterben. Lachen – verboten. Musik – verboten. Fernsehen – nicht existent. Geräusche mit den Schuhen zu machen – verboten. Die Sittenpolizei war allgegenwärtig, gnadenlos gab es Schläge. Schläge für das Verrutschen der Burka, Schläge, wenn eine Frau ihre Hände zeigte. Abgehackt wurden sie, wenn die Nägel lackiert waren. Öffentliche Hinrichtungen vor allem von Frauen waren als Volksbelustigung sehr beliebt. Steinigungen. Erschießungen. Alles ein „freudiges Ereignis der Freizeitgestaltung“, wie es die Taliban formulierten. Sicher, dass all das nicht wieder kommt, darf niemand sein. Sie nennen es Scharia. 

Allen, die hierzulande ein Ende der Bombardements forderten, aber keinen Vorschlag hatten, was stattdessen geschehen sollte – wobei zu befürchten ist, dass sie an einen „Dialog“ mit Monstern denken –, sollte der bedrückende Film von Saira Shah (Im Reich der Finsternis) zum täglichen Pflichtprogramm gemacht werden – damit sie sehen, mit wem sie da einen Dialog führen wollen. Es ist skandalös, dass dieser Film, der wie noch kein anderer zuvor das wahre Gesicht von Taliban-Afghanistan gezeigt hat, in Deutschland erst mit großer Verspätung und nur zu später Stunde gesendet wurde, als wollte man weiterhin verschleiern, was dort passierte.

Afghanistans Frauen werden immer noch mit systematischer Perfidie physisch und psychisch umgebracht. In der Moschee predigt der Mullah: „Der Koran sagt, es ist sittenwidrig, wenn die Frau das Haus verlässt, um mit den Männern zu arbeiten. Denn die Frauen sind das Schmuckstück des Hauses.“ Die Männer, es sind nur Männer in der Moschee, nicken zustimmend. Und es nickt die Welt zu dieser überall in der islamischen Welt immer populärer werdenden männlichen Koranauslegung. Denn im Westen wiegt Toleranz schwerer als der Verstand: Drum lasst uns das „Brauchtum“ ehren.

Dass unter solchen Bedingungen Afghanistan zum Terroristennest Nummer eins in der Welt wurde, ist wenig verwunderlich. Erst die Mujaheddin, dann die Taliban, und seit fast 20 Jahren Osama bin Laden: von den Amerikanern finanziert und gepäppelt und von Pakistan für die eigenen Zwecke missbraucht: weil man dort, wegen der Auseinandersetzungen mit dem feindlichen Nachbarn Indien, einen freundlich gesinnten Vasallenstaat haben wollte, ein pakistanisches Anhängsel sozusagen, geeint im islamischen Zusammengehörigkeitsgefühl und in fundamen­talistischer Frömmigkeit. Dass Pakistan – wo ebenfalls in manchen Landesteilen die Scharia herrscht – darüber selbst fast vollständig in die Hand seiner eigenen, allgegenwärtigen Taliban geraten ist, mag die Außenwelt immer noch nicht so recht zur Kenntnis nehmen. Aber die fundamentalistischen Mullahs und die bewaffneten Milizen, die in den afghanischen Camps für den Kampf nicht nur in Kaschmir, sondern in aller Welt ausgebildet werden, sie terrori­sieren auch Pakistan. Kaum auszudenken, wenn nun auch noch dieses Land mit seinen 140 Millionen Menschen kippt. „Als nächstes ist dann Indien dran“, brüsten sich die Gotteskrieger.

Natürlich hat das alles mit dem Islam zu tun, eben mit jener spezifischen Auslegung des Korans, mit der die radikalen Eiferer der aufgeklärten Welt den Kampf angesagt haben. Das sind nicht die normalen Afghanis, sondern diejenigen, die sich Afghanistan untertan gemacht haben. Doch noch immer scheint man in Europa nicht begriffen zu haben, was da auf uns zukommt. Wie könnte man sonst zynisch behaupten, die Opfer von New York seien selbst an ihrem Schicksal schuld. Die Zeit der Entschuldigungen und Beschönigungen muss ein Ende haben. Denn jetzt gibt es nur noch eine Frage: Was wäre die Alternative gewesen? Es waren die Bombardements, die die Taliban gestürzt haben.

Die Arbeit für Frauenrechte, für Menschenrechte ist unsere Antwort auf den 11. September“, sagt Shoukria Haidar. Die ehemalige Tischtennismeisterin von Afghanistan lebt in Frankreich und ist Vorsitzende der Organisation „Negar“, einer Gruppe afghanischer Exilafghaninnen, die heimlich Schulen in Kabul betrieben hat. Nun ist sie unermüdlich überall im Westen unterwegs, um darauf zu drängen, dass die Rechte der Frauen nicht auch im neuen Afghanistan wieder untergehen. Seit der Konferenz vom Juni 2000 in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe liegt die „Erklärung der Grundrechte der afghanischen Frauen“ allen internationalen Gremien vor, die in vielen Punkten zu den alten Verfassungen von 1964 und 1977 zurückkehrt, welche von Frauen mitgestaltet wurden und die Diskriminierung, wenigstens auf dem Papier, beendeten.

Ausgerechnet unter den Sowjets sollten die Frauen Afghanistans dann ihre freieste Zeit haben, eine Zeit, die vielen von ihnen Bildungschancen eröffnete wie nie zuvor, auch dank eines Studiums in Moskau. Heute sind all diese Frauen, wenn sie es irgendwie geschafft haben, im Exil. Aber diese Exil-Afghaninnen sind keine homogene Gruppe, sie kämpfen keinen gemeinsamen Kampf. Noch nicht einmal jetzt. Geradezu aberwitzig ist es, dass all die gebildeten Frauen Afghanistans, die ja fast ausnahmslos im Exil leben, sich dort erbittert bekämpfen: „Royalistinnen“ gegen „Kommunistinnen“ und umgekehrt. Ausgerechnet jetzt, wo ihr Land sie dringend braucht. Da ist die Gruppe der alten Elite, die noch aus der Königsperiode stammt und die beim Putsch der Kommunisten 1979 floh. Und da ist die in der Sowjetzeit ausgebildete zweite Gruppe, die nach 1992 ging, als die Mujaheddin nach dem Fall des letzten Moskau-Statthalters Najibullah ihre Schreckensherrschaft begannen.

Auch diese Frauen, die nun als „Kommunistinnen“ beschimpft werden, treten für ein neues Afghanistan ein. „Ohne Frauen ist Demokratie nicht möglich“, sagt eine der „Moskau“-Ingenieurinnen beschwörend. Denn: „Wer ist es denn, der eine neue Zivilgesellschaft aufbauen könnte: die Kriegsherren, die nur zerstört haben – oder die Frauen, die dafür gesorgt haben, dass ihre Kinder überlebten?“ Auch Sippi Azerbaijani von der UN-Kommission für Flüchtlingsfrauen und -kinder fordert, dass die afghanischen Frauen eine Rolle an den Konferenztischen bekommen. „Wenn die Vereinten Nationen nach neuen politischen Führern Ausschau halten, dann müssen sie auch auf die Frauen schauen.“

Damit meinte sie wohl auch: unter die Burka schauen. Denn auch da ist mittlerweile eine ganze Truppe mutiger und entschlossener Frauen herangewachsen, die gegen die bedingungslose Unterwerfung kämpfen, in Afghanistan selbst und auch in den von den Fundamentalisten beherrschten Flüchtlingslagern mit ihren dreieinhalb Millionen Menschen in Pakistan und im Iran. Das ist vor allem RAWA zu verdanken, der „Revolutionary Afghan Women’s Association“, die seit dem 11. September plötzlich in aller Welt bekannt ist. Dabei besteht diese Gruppe schon seit 1977 und hat sich nicht nur als die wichtigste Stimme gegen Fundamentalismus und Taliban profiliert, sondern auch als aktivste Helferin in Afghanistan und in den Lagern, beides lebensgefährliche Orte für aufgeklärte Frauen, die ihre Mitschwestern wie Menschen behandeln.

RAWA unterhält seit Jahren heimlich Schulen für Mädchen und brachte Analphabeten–Frauen das Schreiben bei; daneben lag immer der offene Koran, falls die Geheimpolizei auftauchte. RAWA verkaufte Teppiche, Stickereien und Eingemachtes, das die Frauen heimlich herstellten, damit sie wenigstens irgendein Einkommen hatten. RAWA bildete Krankenschwestern aus, weil es keine medizinische Versorgung gibt für Frauen in den Dörfern und so gut wie keine in Kabul, ihre Mitglieder reisten in Burka-Verkleidung von Ort zu Ort, um die Frauen über ihre Rechte aufzuklären und darüber, was wirklich im Koran steht. Und sie machten etwas ganz Ungewöhnliches: Sie filmten heimlich das Afghanistan der Taliban. Damit riskierten sie ihr Leben.

„Wenn sie uns gefunden hätten, hätten sie uns gesteinigt oder erschossen“, sagt RAWA-Frau Salah, und RAWA-Frau Machmuda klagt: „RAWA ist vollkommen allein in ihrem Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus.“ Salah und Machmuda heißen in Wirklichkeit ganz anders. Aber seit der Ermordung von Meena, der Gründerin ihrer Orga­nisation, und mehrerer Frauen, die sich für Frauen eingesetzt haben, gibt es nur noch Pseudonyme und höchste Geheimhaltung. Ich habe selbst in den ver­gangenen Jahren zahlreiche RAWA-Schulen und Krankenhäuser gesehen, ohne zu wissen, dass RAWA dahinter steckt, und selbst Mitglieder der Gruppe kennen nicht die wahre Identität der Frau, die an ihrer Seite arbeitet.

Es ist etwas Geheimnisvolles um RAWA, eine gewisse Undurchsichtigkeit. Doch das zeigt nur, wie schlimm es um Afghanistan steht, dass Frauen, die für Gleichberechtigung kämpfen, wie eine Geheimorganisation operieren müssen. Das „Revolutionär“ in RAWAs Namen, das hineinrutschte, als eine Gruppe von ultralinken „Mittelklässlerinnen“ vor fast 25 Jahren die Orga­nisation gründeten, hat RAWA häufig geschadet, vor allem wenn es um Spenden ging. Doch die maoistische Schwärmerei jener Tage ist längst einer prag­matischen Bewertung der Realität gewichen. „Demokratie und Gleichberechtigung sind die Voraussetzungen für ein neues Afghanistan“, erklärte Tahmina Faryal jüngst dem Sub-Komitee für Menschenrechte des amerikanischen Repräsentantenhauses.

Die Nachfrage nach RAWA-Informationen ist plötzlich enorm. RAWA-Frauen treten neuerdings bei Larry King auf und bei der wichtigsten Talkerin der USA, Oprah Winfrey, sie füllen die Titelstories ganzer Zeitschriftenberge und die Programme weltweiter Fernsehsender. Sie selbst haben erkannt, dass das Internet ihre wirksamste Waffe ist, und verfügen über eine hochprofessionelle glänzend gemachte und aufwändige Website, die eine Fülle von Informationen bietet, inklusive fürchterlicher Bilder, die die Grausamkeiten der Taliban belegen.

RAWA-Frauen waren es auch, die heimlich jene Aufnahmen filmten, die der Welt den Atem nahmen: Wie nämlich Zamina 1999 in das berüchtigte Fußballstadion von Kabul gebracht wurde, wie die unter ihrer Burka stolpernde Frau zur Elfmeterlinie von anderen Burka-Frauen, wohl Polizistinnen, gestoßen wurde, wie sie niederknien musste und offensichtlich immer noch nicht verstand, was da mit ihr geschah, wie ein Mann ihr in den Kopf schoss, ein-, zwei-, dreimal, und dann, offenbar unzufrieden, den Körper der auf dem Boden Liegenden mit Kugeln durchsiebte. Allah ist groß, jubelte derweil die herbeigeströmte Volksmenge, und Zaminas Kinder, die zusehen mussten, weinten. Es waren sieben. Es hieß, Zamina habe ihren Mann im Schlaf erschlagen. Warum sie das tat, danach hat niemand gefragt. (EMMA 3/2001)

Die Männer, die nun über Afghanistan verhandeln, sind wie immer zerstritten und nur in einem Punkt einig: Sie wollen Macht und Geld, jeder für sich. Frauen, die etwas ganz anderes wollen, nämlich Frieden und Gerechtigkeit, haben in diesem jahrhundertealten Spiel keine Chance. Es sei denn, es hilft ihnen jemand. Aber dieser Jemand ist nicht in Sicht.

Zwar hat sogar Laura Bush die wöchentliche Radiosendung des amerikanischen Präsidenten okkupiert, um ein Plädoyer für die Frauen Afghanistans abzugeben. Oder war das nicht doch politisches Kalkül und eher an die amerikanischen Wähler gerichtet? Es ist deshalb an der Zeit, dass eine so zentrale Frauenorganisation wie RAWA öffentlicher wird, ihre Finanzstrukturen darlegt, Anlaufstellen hat, die über eine E-Mail-Adresse oder ein Postfach hinausgehen. RAWA ist hoch gefährdet, das ist wahr, und die islamistischen Terroristen sind überall, auch das wissen wir inzwischen. Aber nun, wo es darum geht, die wohl einmalige Chance zur Gleichberechtigung der afghanischen Frauen in die Tat umzusetzen, ist es nötig, alle Frauenkräfte zu bündeln und gemeinsam zu handeln – auch wenn die Hoffnungen gering sind.

Es sieht schlecht aus für ein neues Afghanistan. Denn: Ohne Frauen keine Demokratie. So einfach ist das. Und so schlimm. Die Alternative nämlich ist ein rückwärts gerichteter, fana­tischer Männerislam. Der aber ist entschlossen, alles das, was uns in unserer Welt wichtig ist, zu zerstören.

Gabriele Venzky

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