Eren Keskin todesmutig

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Eren Keskin ist einiges gewöhnt. Als die Anwältin zusammen mit Frauen, die in der Haft vergewaltigt worden waren, in Istanbul im Jahr 2000 eine Pressekonferenz abhielt, schlugen die Wellen hoch in den türkischen Medien. Der angesehene Journalist Fatih Altayli sagte in einem Radiointerview wörtlich: „Würde ich sie nicht bei der erstbesten Gelegenheit sexuell angreifen, wäre ich ein Feigling.“ Er sagte das ungestraft.

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Juristische Konsequenzen gab es in der Türkei bisher nur für die Anwältin und Kurdin Keskin. Weil sie das Schweigen über die sexuelle Folter in türkischen Gefängnissen gebrochen hat, musste sie sich jüngst wegen „Beleidigung der Sicherheitskräfte“ vor Gericht verantworten. Und auch gegen 16 der 138 Frauen, die es gewagt hatten, über ihr Martyrium öffentlich zu reden, wurde Anklage erhoben.

Ende 2002 wurde gegen die Juristin sogar ein einjähriges Berufsverbot verhängt. „Das war selbst für mich ein harter Schlag“, sagt sie. „Ich bin die erste Rechtsanwältin, die aus politischen Gründen nicht mehr arbeiten darf.“

Politisch unbequem war Eren schon immer. Schon als Schülerin hat sie sich für die Menschenrechte eingesetzt. Das waren die Jahre vor dem Militärputsch 1980, der - trotz ihrer eisernen Faust übrigens in der Tradition des Reformers Atatürk stehenden und für einen weltlichen Staat eintretenden - Generäle. Sie riefen den Ausnamhezustand aus, verhafteten über 180.000 Menschen, Zehntausende flohen ins Ausland. „In dieser Zeit musste man einfach politisch sein“, erklärt Keskin bei ihrem Besuch im Sommer 2003 bei Amnesty International in Berlin.

Die couragierte Anwältin stammt aus einer liberalen bürgerlichen Familie, in der immer viel diskutiert wurde. Schon Großmutter Muhterem war politisch engagiert. „Sie ist eine der ersten Frauen, die in der Türkei studierte und Chemieingenieurin wurde“, erzählt die Enkelin nicht ohne Stolz.

„Ich habe erst mit 14 Jahren erfahren, dass mein Vater Kurde ist“, berichtet sie. „Aus Angst, seine Stellung als Bankangestellter zu verlieren, hatte er all die Jahre seine Identität verleugnet. Aber ich wollte mich nicht dafür schämen, Kurdin zu sein.“

Die stolze Eren studiert Jura und arbeitete ab 1985 als Anwältin. Von Anfang an übernimmt sie auch politische Fälle. Als 1986 der Türkische Menschenrechtsverein (IHD) gegründet wird, geht sie sofort zu den Treffen. Doch erst als sich der Verein des bisher ungelösten Kurdenproblems annimmt, wird sie Mitglied und ab 2002 Vizepräsidentin.

Von Anbeginn an setzt Keskin sich für Folteropfer und gegen die Todesstrafe ein. Unzählige Male wird sie verhaftet und angeklagt. Schon nur ein Brief an das belgische Parlament, in dem sie das Wort „Kurdistan“ verwendet, bringt sie sechs Monate ins Gefängnis.

„Ich war in einer Gemeinschaftszelle untergebracht, da kommt man sich automatisch näher und schließt Freundschaften. Da traf ich dann auf Frauen, die vorher meine Mandantinnen waren“, erzählt sie. „Obwohl ich die Frauen zum Teil seit Jahren kannte, haben sie erst in der Zelle das Vertrauen gefasst, mir von ihren schrecklichen Erlebnissen zu berichten.“

Als Anwältin hatte Keskin die Frauen in früheren Prozessen vertreten, in denen sie Polizisten und Sicherheitsbeamte wegen Misshandlungen verklagt hatten. „Aber was ich nicht wusste, war, dass alle auch sexuell misshandelt worden waren. Die meisten wurden vergewaltigt.“

Nach ihrer Entlassung 1997 mietet die Anwältin in Istanbul ein Büro. Sie bschließt, sich ab jetzt auf die Rechte der Frauen zu konzentrieren - und endlich die volle Wahrheit öffentlich zu machen. Bis heute haben sich mehr als 170 Frauen aus dem ganzen Land gemeldet, die während der Haft vergewaltigt wurden. Sie erhalten kostenlos psychologische, medizinische und juristische Beratungen.

Auch Erens Mann Ahmet Zeki Okçuo?lu wird seit Jahren bedroht. Der in seiner Heimat bekannte Rechtsanwalt und Verleger kurdischer Schriften wurde immer wieder verhaftet und gefoltert. Zurzeit ist er auf Einladung der „Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte“ in Deutschland. Und auch Erin Keskin hat eine besondere Beziehung zu Deutschland. Als Amnesty International sie 1995 als politisch Gefangene „adoptierte“ und seine Mitglieder aufrief, sich für sie einzusetzen, macht sich die deutsche Sektion der Menschenrechtsorganisation besonders starkt für die Anwältin.

Woher Eren Keskin den Mut nimmt? Sie zuckt mit den Schultern:. „Die Angriffe und Bedrohungen sind Teil meines Lebens geworden. Ich denke gar nicht mehr daran. Entweder man entscheidet sich, weiterzumachen und nimmt die Konsequenzen in Kauf - oder man lässt es bleiben.“ Zwei bewaffnete Anschläge hat sie überlebt. Wie gesagt: Eren Keskin

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