Alice Schwarzer schreibt

Islamismus: Der Gefährder-Nachbar

Foto: Bettina Flitner
Artikel teilen

Man kann nicht sagen, dass die Sicherheitsbehörden ihn nicht im Auge gehabt hätten. Doch diesmal geht es nicht um einen illegalen Flüchtling, sondern um einen 21-jährigen Berliner mit deutscher Staatsangehörigkeit und libanesischen Eltern. Es geht um die Blauäugigkeit und das Versagen der Justiz. Und das hat Gründe.

An diesem Samstag, dem 25. Juli, filmt die Überwachungskamera Abdul Ballout um 20.58 Uhr ein letztes Mal beim Verlassen seiner Wohnung. Da hatte er bereits anderthalb Stunden zuvor unbemerkt den weißen Van gemietet, mit dem er gegen 22 Uhr in die feiernde Menge rasen, aussteigen und mit einer Machete weiter wüten wird. Resultat: eine Tote, über 30 Verletzte und ein geschocktes Land. 

Der Täter wohnte nur drei Autominuten vom Tatort entfernt. Er gehörte zu den laut aktuellen Studien 50 Prozent der muslimischen jungen Männer, die in Deutschland leben, aber für die die Scharia heute über dem Grundgesetz steht. Und er ist einer von 9.100 statistisch geführten sogenannten „Gefährdern“, also potenziellen islamistischen Attentätern. Sie verachten die Kuffar, die Ungläubigen, und halten das Töten homo­sexueller Menschen für eine „göttlich geforderte Bestrafung“ ihrer Sünden.

Abdul Ballout ist in dieses Milieu hineingeboren worden. Seine Eltern gelten als „streng gläubig“, Mutter und Schwestern sind verschleiert, zwei Cousins sind als „Märtyrer“ im Kampf beim IS gestorben, ein Onkel ist ein berüchtigter „Hassprediger“ in England. Allerdings: Die Eltern sind getrennt, der Vater ist mutmaßlich homosexuell, meldet die Berliner Morgenpost, und lebt mit seinem Freund zusammen. Sollte das stimmen, käme für den Sohn einer alleinerziehenden Mutter noch ein persönliches Motiv dazu beim Hass auf Homosexuelle. 

Schon mit 19 wollte er zum IS in Mauretanien - und wurde im Libanon verhaftet.

Wer ist Abdul Ballout? Er fiel schon im Alter von sechs als besonders aggressiv auf. In den Zeugnissen hagelte es die Sechsen. Die Lehrer suchten Hilfe, aber die Eltern „kooperierten nicht“. Der Vater war „konfrontativ“, wie es höflich heißt, die Mutter konnte kaum Deutsch. Mit 16 machte Abdul Street Dawa, muslimische Straßenmission. Mit 19 versuchte er, zum IS in Mauretanien zu kommen. Auf dem Weg dahin wurde er im Libanon verhaftet und kam drei Monate ins Gefängnis.

Im Januar 2026 wird Abdul Ballout von den Sicherheitsbehörden als „Gefährder“ eingestuft, also als potenzieller Attentäter. Vier Monate später, im Mai 2026, wird er von einem Berliner Richter und zwei Schöffen für die „Vorbereitung einer schweren Straftat“ (den Versuch, sich dem IS anzuschließen) zu einem Jahr und zehn Monaten Gefängnis verurteilt, auf Bewährung. Sein mildes Urteil begründet das Gericht mit den Worten, es habe „den Eindruck, dass der Angeklagte sein Fehlverhalten wirklich einsieht und versuchen will, sich in Zukunft besser zu verhalten“.

Hätte dasselbe Gericht auch bei einem Rechtsradikalen mit einer so extremen Radikalisierungs-Karriere so ein einfühlsames Urteil gesprochen? Vermutlich nicht. Die Blauäugigkeit dieses Urteils ist nur so zu erklären, dass dem Gericht gar nicht klar war, dass der Islamismus des 21. Jahrhunderts eine Ideologie ist, die in Wort und Tat dem Faschismus gleichzusetzen ist. 

Mehr EMMA lesen! Die September/Oktober-Ausgabe als Printheft oder eMagazin im www.emma.de/shop
Mehr EMMA lesen! Die September/Oktober-Ausgabe als Printheft oder eMagazin im www.emma.de/shop

Abdul Ballout ist 2005 geboren. Zu einer Zeit also, als die islamistischen Parallelwelten in Deutschland schon seit Jahren blühten. „Hier im Viertel sind alle radikal“, sagte eine Nachbarin der Ballouts den recherchierenden Bild-Reportern. Doch keiner durfte es sagen. Probleme mit der Integration? Gab es vor 2015 nicht. Und danach auch erst seit kurzem.

Schlimmer noch: Integration war gar nicht erwünscht, sie sei „rassistisch“, befanden progressive Kulturrelativisten. 

Sie haben es gut gemeint. So wie der Richter und seine Schöffen, die Abdul Ballout gute Besserung wünschten. Der hatte in den 21 Jahren seines Lebens außerhalb seiner Community mit zwei Sorten Mensch zu tun: mit der Minderheit von Rassisten, die es für unpassend befand, sich groß mit einem muslimischen Jungen aus dem Sozialbau zu befassen. Oder mit der Mehrheit der Antirassisten, gerade unter den SozialarbeiterInnen und LehrerInnen, die nie gewagt haben, ihn zu fragen, warum seine Schwestern sich verschleiern – und sich auf diese Weise demonstrativ von ihren deutschen Mitschülerinnen unterscheiden – und auch nicht, ihm beizubringen, dass in seiner Kultur, an die er sich so klammerte, so manches schiefläuft. Dass aber in dem Land, in dem er geboren ist, Gewalt keine Option ist. Dass Frauen gleich viel wert sind wie Männer. Dass Schüler Respekt haben sollten vor Lehrerinnen und Lehrern. Zum Beispiel.

Und dann sind da noch die muslimischen Organisationen und Moscheen, deren Mehrheit konservativ bis fundamentalistisch ist. So manche hetzt die Abduls in unserer Nachbarschaft in die Radikalisierung. Man hat sie lange gewähren lassen, zu lange. Und es ist neu, dass im Islamkreis des Innenministeriums aufgeklärte Muslime und kompetente Islamismus-KritikerInnen sitzen.

Alice Schwarzer (Hrsg.): Der Schock – die Silvesternacht von Köln (2016, KiWi)
Alice Schwarzer (Hrsg.): Der Schock – die Silvesternacht von Köln (2016, KiWi)

Nein. Man pflegte stattdessen gerade in fortschrittlichen Kreisen stolz eine falsche Toleranz. Eine Toleranz, nach der der Fremde immer recht hat; einen Kulturrelativismus, der von Muslimen keine Integration forderte. Und das ist immer noch nicht vorbei. Zehn Tage nach dem Attentat riefen KölnerInnen zu einem „Queer March“ auf mit den Worten: „Wir lassen uns nicht von Rechtsextremist:innen instrumentalisieren - vor allem nicht im Hass gegen Menschen muslimischen Glaubens!“ Obwohl ausnahmslos alle „queeren“ Ermordeten Opfer von Islamisten waren. Das wahre „Wir“ sind nicht die Biodeutschen, sondern die Aufgeklärten jeglicher Herkunft - das „Ihr“, die Anderen, sind nicht die Muslime, sondern die rechten, linken und muslimischen Fundamentalisten. 

Genau damit muss Schluss sein! Mit der falschen Toleranz.

Die Millionen Muslime unter uns sind keine Mitbürger, zu denen wir immer besonders nett sein müssen, sondern Bürger mit gleichen Rechten, aber auch Pflichten. Sie haben die Demokratie und den Rechtsstaat zu achten und das gegebenenfalls auch unter Beweis zu stellen. Wir schützen damit nicht nur „uns“, sondern auch die vielen liberalen MuslimInnen, die die ersten sind, die unter den fundamentalistischen Muslimen leiden.

Und das fängt lange vor dem Terrorismus an. Der Terror geht schon los beim Diktat des Kopf­tuches durch muslimische Jungs für musli­mische Mädchen in der Schule. Oder beim kollektiven Ramadan. Längst haben sich repressive muslimische Sitten auch in den deutschen Alltag geschlichen. Schon da sollten wir die Opfer stärken. 

Übrigens: Wer ist eigentlich das Opfer vom 25. Juli auf dem CSD? Wie heißt die 65-jährige Frau aus Warschau, die mit ihrer Tochter nach Berlin gekommen war? Warum kennen wir nicht ihren Namen und haben nicht erfahren, was für ein Mensch sie war? Und ob wir ihrer Tochter helfen können. 

ALICE SCHWARZER

WEITERLESEN
Alice Schwarzer (Hrsg.): Der Schock – die Silvesternacht von Köln (2016); Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus (2010); Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz (2002, alle KiWi).

Alice on Tour 
16.10.2026, 19 Uhr, Homburg/Saarland,
Siebenpfeifferhaus: Verleihung des Deutsch-Französischen Freundschafts­preises an Alice Schwarzer ("HomBuch26") 
25.10.2026, 11 Uhr, Wien, Stadtsaal: Lesung „Feminismus pur. 99 Worte“, mit Sabine Derflinger (Filmemacherin, u. a. Doku „Alice Schwarzer“).
6.11.2026, 18.30 Uhr, Baden-Baden, Bücherfestival, Rathaus 

 

Artikel teilen
 
Zur Startseite