Experte Schreiber: Die Kraft des Islam
Wie gut, dass der ehemalige Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber seinen Darsteller- Job aufgegeben und auch seinen Schwur aufgegeben hat: „Ich äußere mich nie mehr zum Islam.“ Denn nach einschlägigen Drohungen und einer Torte ins Gesicht fing er an, sich Sorgen zu machen. Doch es nutzt ja alles nichts. Für einen politisch denkenden Journalisten sind die Themen Islam und Islamismus unausweichlich, vor allem, wenn sie sein Spezialgebiet sind. Ich weiß, wovon ich rede.
Also hat Constantin Schreiber, der fließend Arabisch spricht und ein profunder Kenner muslimischer Länder ist, jetzt ein Buch zum Thema vorgelegt: „Die Kraft des Islam“. Es ist ein sehr informatives und einfühlsames Buch über die Geschichte dieser Weltreligion und ihre heute fast 2 Milliarden Gläubigen. Und es sieht ganz so aus, als könnte es in naher Zeit mehr Muslime als Christen auf der Welt geben. Höchste Zeit also, es nicht länger bei den Klischees, positive wie negative, zu belassen, sondern mehr zu wissen über „die Muslime“, „den Islam“ und vor allem den Islamismus, diese Ideologie radikaler Muslime, die auf Dominanz, auf Eroberung des Westens aus ist. Dabei setzen die Islamisten durchaus auch die „emotionale Kraft“ des Islam ein, die eigentlich etwas Positives ist.
Constantin Schreiber interessiert das Verstehen und der Dialog. Das sieht auch der ägyptische Sender Al Azhari TV so, die Stimme der Al-Azhar-Universität, die die höchste wissenschaftliche und religiöse Autorität des Islam ist. Al Azhari TV wird ab 2027 eine Sendung mit Constantin Schreiber starten, den „Islam Talk“. Acht Sendungen sind schon aufgezeichnet. Darin befragt Schreiber in Kairo hohe religiöse Autoritäten nach der Bedeutung zentraler Begriffe „im wahren Islam“ – im Gegensatz zum fanatischen Islamismus. Wie zum Beispiel das Kopftuch oder die Juden (auf beide Antworten darf man gespannt sein).
Constantin Schreibers Buch zeigt: Es ist nicht fünf, sondern eins vor zwölf
Al Azhari TV verspricht sich von Schreiber eine Verstärkung des Dialogs zwischen der arabischen und der westlichen Welt. Und vor allem die Unterscheidung zwischen dem Islam und dem Islamismus, dieser hassverzerrten Karikatur, die wie ein dunkler Schatten über dem Islam liegt.
Nachdem der Autor den großen Bogen von 1.300 Jahren Islam geschlagen hat, kommt er zum Heute des Islam und vor allem des Islamismus in Deutschland. Er beklagt die „falsche Toleranz“ mit den Islamisten, deren Missbrauch von Datenschutz und Rechtsstaat und die beklagenswerte Tatsache, dass Deutschland, ja ganz Europa, beim Dialog mit Muslimen die falschen Gesprächspartner frequentiert: nämlich die Islamisten statt der gemäßigten Muslime (siehe auch S. 31).
Der Verfassungsschutz zählt heute allein in Deutschland 27.200 Islamisten. Die sind zum Teil legalistisch tätig, also Unterwanderer, die Kreide gefressen haben und Demokratie predigen, aber den Gottesstaat und die Scharia wollen. Zum Teil aber auch sind sie gewaltbereite Schläfer.
All das benennt Schreiber in aller Klarheit. Sein Buch zeigt: Es ist nicht fünf vor, sondern eins vor zwölf.
Constantin Schreiber: Die Kraft des Islam. Wie wir auf ein neues islamisches Zeitalter zusteuern (Hoffmann & Campe, 25 €).

