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Die Malerin Sylta Busse

Sylta Busse 1940: "Ich möchte noch nicht so schnell weg..."
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Im März 1940 schreibt die deutsche Exilantin Sylta Busse an ihren in Paris lebenden Ehemann aus einem französischen Internierungslager folgende ungewöhnliche Bitte: „Bitte überstürze nichts wegen meines Aufenthaltes hier. So unendlich grotesk es klingt, ich möchte noch nicht so schnell weg, ich muß erst richtig bei voller Gesundheit 2 Monate gearbeitet haben, mindestens, damit ich was Entscheidendes mitkriege, verstehst Du, aus Vergnügungssucht geschieht es nicht!!“

Und in der Tat, Vergnügen wird ihr der Aufenthalt in Rieucros nicht bereiten. Aber die Künstlerin wird in dieser Zeit einmalige, bewegende Zeugnisse vom Leben im Frauenlager und ihren Mithäftlingen schaffen – und die haben wunderbarerweise die Katastrophe auch noch überlebt.

Geboren wurde Sylta vor 120 Jahren auf Sylt. Der Vater Georg Busse hatte das erste Haus am Platz, das Hotel Miramar. Es stand – und steht immer noch – unmittelbar am Meer. Bei gutem Wetter konnte man „beinahe bis England gucken“, erinnert sich Sylta. Mit ihrer Schwester Mira schwimmt sie oft weit ins Meer hinaus. Dass sie in ihrem abenteuerlichen Leben so neugierig geblieben ist, führte sie selbst auf das freie Leben in der Kindheit zurück. 

Im Winter 1923 macht Sylta am Kunstgewerbemuseum in Berlin eine dreijährige Lehre zur Buchbinderin. Und sie besucht einen Kurs für Aktzeichnen, was für Frauen in dieser Zeit keineswegs selbstverständlich war. Doch es war gleichzeitig eine Zeit des gesellschaftlichen und politischen Aufbruchs, der an Sylta Busse nicht vorüber geht. Alljährlich finden am Ende des Studienjahres in München aufwändig gestaltete Kostümbälle statt. Sie inspirieren Sylta zu ihrer späteren Arbeit als Kostümbildnerin. Auf einem der Bälle trifft sie den später bekannt gewordenen ungarischen Fotografen Janos Reismann. Als der 1932 den Auftrag erhält, für die bekannte Avantgarde-Zeitschrift „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (A.I.Z.) eine Fotoreportage über Sibirien zu machen, folgt sie ihm. 

Der Aufbruch in eine gerechtere Welt ist geprägt von Reperession und Hunger

Doch der Aufenthalt im Land der Verheißung stellt sich rasch als schwieriger dar als erhofft. Sylta Busse ist zwar vom Aufbruch in eine gerechtere Welt begeistert, doch sie sieht auch die problematische Seite, die Repression und den Hunger der Bevölkerung. Und sie ist schwanger. Sie treibt ab. Die Genossinnen forderten und bekamen die freie Partnerwahl, eine selbstbestimmte Sexualität und das Recht auf Abtreibung. So auch Sylta. In ihren Lebenserinnerungen beschreibt sie sehr ausführlich die freie Abtreibung in der Sowjetunion – doch ohne die Gefahr des Missbrauchs der leicht erreichbaren Abtreibungen zu verschweigen.

Sylta hatte sich schon in den Monaten vor ihrer Ausreise vorbereitet, angefangen Russisch zu lernen und einen Schneiderkurs gemacht. Sylta wollte dabei sein und nicht nur ihren fotografierenden Mann begleiten. Sie stellt sich unangemeldet dem bekannten Bühnenbildner Boris Erdmann in Moskau vor und bietet ihre Dienste als Kostümbildnerin an. Erdmann ist von ihrem Enthusiasmus beeindruckt und lässt sie für ihn arbeiten. So entwirft die inzwischen 30-jährige Sylta insbesondere die Kostüme für die Inszenierung von Verdis Oper „La Traviata“ 1937 am Bolschoi-Theater. 

Nach und nach findet Sylta auch Anschluss an die deutschsprachige Emigrantenszene in Moskau. Sie schließt sich zunächst dem deutschen Emigrantentheater „Kolonne Links“ an. Außerdem wirkt sie beim Aufbau des Deutschen Gebietstheaters in Dnepropetrowsk mit. Doch die Repressionen Stalins machten all dem ein Ende. Sie trafen in aller Härte auch die deutschen Emigranten. 1938 wird Janos Reismann ohne Angabe von Gründen aus der SU ausgewiesen. Die beiden retten sich nach Frankreich.

In Paris hatte sich bereits ab Mitte 1933 ein deutsches Emigrantentheater etabliert. Seine Akteure hatten aus Deutschland fliehen müssen, weil sie Juden bzw. Freigeister oder Linke waren. Im Mai 1938 fand in Paris die Uraufführung des Brecht-Stückes „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ statt, die Kostümbildnerin war Busse. 

Die engagierten EmigrantInnen waren den Behörden ein Dorn im Auge. Auch in Frankreich grassierten Antisemitismus und Antikommunismus. Am Ende des linken Volksfront-Experimentes waren die Konservativen an die Macht gekommen. Ab 1938 wurden „feindliche Ausländer“ kontrolliert und interniert. Linke und Juden wurden für die allgemeine Krise verantwortlich gemacht. Im Januar 1939 errichtete man in den Pyrenäen ein erstes Internierungslager für Männer, das berüchtigte Lager Le Vernet. Für die Frauen wurde im Herbst 1939 ein Pendant errichtet: das Frauenlager Rieucros bei Mende im Departement Lozère. 

Ich bin an die feinen Damen herangekommen, die bereit sind zu posieren

Auch Sylta Busse wurde im Februar 1940 nach Rieucros verschleppt. Die Briefe und Karten aus der Internierungszeit, die sich in ihrem Nachlass befinden, vermitteln ein anschauliches Bild vom Zusammenleben der Frauen im Lager und ihren Lebensumständen. So schreibt Sylta kurz nach ihrer Ankunft im Februar 1940 an ihre Freundin Hilde: „Wenn man nicht so traurig wäre, könnte einen die Landschaft beeindrucken. Berge, Wälder und Täler umgeben uns. Idillisch (sic!) an einen Hügel geschmiegt in einen niedrigen Eichenwald liegt unser Lager. Es umfasst zwei grosse Steinhäuser, die Küche, den Waschraum mit den Toiletten und 9 Baraquen (sic!), deren dünne Holzwände jeden der eisigen Windstösse unbarmherzig eindringen lassen. In einer solchen Baraque hause ich nun mit 70 anderen Frauen, auf einem Platz gerade gross genug für einen schmalen Strohsack und meinen Koffer.“

Auf dem Lagergelände läuft ihr Steffie Spira über den Weg. Beide verbindet die gemeinsame Theaterarbeit in Paris. Steffie ist schon ein paar Monate länger da und trägt mit kleinen Sketchen zum kulturellen Leben im Lager bei. Für den Internationalen Frauentag am 8. März plant sie ein Fest. Sylta steuert ein Werbeplakat bei, mit dem Hintergedanken, dadurch Modelle zu ködern. Am 10. März 1940 berichtet sie vom Erfolg dieser Aktion: „Mein Zweck den ich listig damit befolgte, wurde erreicht, ich bin an die feinen Damen herangekommen, die bereit sind, mir zu posieren. Ich bin sehr froh darüber.“ 

Auch wenn die Lebensbedingungen in Rieucros nicht lebensbedrohlich waren, so litten die Frauen doch an Kälte, Hunger und an der räumlichen Enge. Außerdem hatte man sie in den meisten Fällen ohne Begründung aus ihrem Umfeld gerissen und ins Lager gebracht. Sie wußten nicht, warum sie hier waren und für wie lange. Für Sylta kamen gesundheitliche Probleme hinzu. Trotzdem arbeitet sie mit äußerster Disziplin an den Porträts. 

„Aber bis ich soweit war, war jedesmal Zwang, Anstrengung, Überwindung, Jetzt weiß ich, dass wenn man will, wenn man diese ehrgeizige Unrast in sich trägt, man allen Schwierigkeiten zum Trotz kann.“

Die Internierung der Frauen diente nicht nur der Überwachung der „Politischen“ aus dem linken Spektrum, sondern auch der Kontrolle und Disziplinierung von Frauen, die sich am Rand der Gesellschaft bewegten: Prostituierte und sogenannte „Asoziale“. Auch viele Kommunistinnen wurden unter dem Vorwand der „Galanterie“ verhaftet, womit im Klartext Prostitution gemeint war. Darin zeigt sich eine Besonderheit bei der Inhaftierung von Frauen. Die Gefahr geht in der männlichen Vorstellung immer auch von ihrem Körper, ihrer unkontrollierbaren Sexualität aus. 

Die neue November/Dezember-Ausgabe als Printheft oder eMagazin im www.emma.de/shop
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Das bedeutete konkret, dass die im Lager lebenden Frauen in Rieucros sehr gemischt waren. Sylta Busse stellt am 25. Februar begeistert fest: „Unsere Baracke ist reichhaltigst assortiert von Prostituierten zu feinen ‚Damen‘, die in seidenen Schlafröcken und hochroten Fingernägeln wandeln bis zu wirklichen Damen. (…) Es ist ein fantastisches Studienfeld über Charaktere und Kulturen, die man machen kann; unbeschreiblich interessant diesbezüglich.“ Die Künstlerin kommt hier zum ersten Mal in engen Kontakt mit der mondänen (Halb)Welt.

Parallel dazu hält sie das Alltagsleben in einem farbigen Skizzenbuch fest. Daraus wird eine Serienproduktion, denn die Skizzenbücher kommen bei den Frauen gut an. Die farbigen Szenen geben zwar ein zu idyllisches Bild ab, doch das ist gewollt und verkaufsfördernd. 

Nach dem Krieg schreibt Sylta zur Erklärung über diese Büchlein: „Angefertigt in diversen Exemplaren, die pro Stück mit 25,-Fr verkauft wurden. Es gab guten Absatz – und so konnten Wally und ich unser Leben etwas verbessern mit z. B. in erster Linie Zigaretten!!!“ 

Sylta zeichnet Tag und Nacht, um ihr Ziel zu erreichen: „Gestern im Bett habe ich meine erste Federzeichnung von den um mich herumsitzenden Mädchen gemacht. Ich glaube, es kann werden. Manchmal habe ich das gräßliche Gefühl, mit der Fülle des Materials nicht fertig werden zu können. Die Gelegenheit ist so einzigartig, daß ich traurig wäre, könnte ich nicht ausgiebig davon profitieren.“ 

Dabei geht es Sylta immer auch um die Frauen und deren individuelle Geschichte. Jede Skizze versieht sie mit den Namen der Modelle, manchmal ergänzt durch liebevolle Kommentare. So verleiht die Porträtistin diesen Frauen, die ansonsten anonym geblieben wären, eine Identität, setzt ihnen ein Denkmal. Damit unterscheiden sich die Porträts auch von Darstellungen von Prostituierten durch anderer MalerInnen. Sylta zeigt die Frauen nicht als Objekt der Begierde oder Opfer von Gewalt, sondern mit Empathie und verleiht ihnen Würde. Über Betty, ihr „Leib-und Magenmodell“, die sich auf vielen ihrer Zeichnungen findet, schreibt sie: „Ihre Eltern sind polnische Arbeiter, die nach dem Weltkrieg nach Frankreich kamen. Sie selbst ist hier geboren, sie begann als Arbeiterin in einer Fabrik im Norden Frankreichs. Sie wurde arbeitslos, versuchte ihr Glück in Paris und endete auf der Straße. Im Januar ins Lager eingeliefert.“ 

Im Juni 1940 überollt die Wehrmacht Frankreich. Nach dem Waffenstillstandsabkommen wird die Situation für politische Häftlinge in Frankreich bedrohlich. Viele Frauen versuchen zu emigrieren, andere gehen in den Untergrund. Im Herbst 1940 gelingt es Sylta Busse mit der Unterstützung ihres Mannes, der als Ungar unbehelligt in Paris lebt, aus Rieucros zu fliehen. Auf nicht eindeutig geklärten Wegen kommt sie schließlich noch während des Krieges in eine Lungenheilstätte in Schleswig-Holstein. Dort wird die TBC geheilt, die sie sich im Lager zugezogen hatte. 

In den 50er Jahren lernt Sylta Busse in Stuttgart den Bühnenbildner Hans-Ulrich Schmückle kennen. Diese Begegnung markiert den Beginn einer lebenslangen künstlerischen Zusammenarbeit und Partnerschaft. Mit Schmückle wird sie bei bedeutenden Inszenierungen von renommierten Regisseuren in Ost-und Westdeutschland zusammenarbeiten. Sylta Busse starb 82-jährig. Ihr Mann sicherte ihren Nachlass. Ihre Bilder sind heute in der Ber-liner Akademie der Künste in Sicherheit. 

 

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