Eingeholt vom Schrecken

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Auf dem Zettel, der hier auf dem Küchentisch liegt, scheint die Szene in wenigen Strichen lebendig zu werden. „Dort auf der Sofalehne habe ich gesessen“, sagt Manuela, während sie mit dem Kugelschreiber an ihrer Skizze zeichnet: „Wir waren fünf Mädchen, alle völlig nackt.“ Schräg gegenüber habe „der Ingo“ in einem schwarzen Ledersessel Platz genommen; Manuela markiert seinen Standort mit einem kleinen Halbkreis. Er sei leger, aber gut bürgerlich gekleidet gewesen, im hellbeigefarbenen Jackett. Außer ihm sah Manuela an diesem Tag noch vier andere fremde Herren im Raum – allesamt Westdeutsche, „das spürte man sofort“. Micha, der Zuhälter, hatte die Besucher als „Geschäftsfreunde aus Hamburg“ vorgestellt. Die jungen Mädchen, die in dem heruntergekommenen Gründerzeithaus am Leipziger Stadtrand festgehalten wurden, sollten den Herren einen netten Abend bereiten.

Manuela erinnert sich, dass aus dem Kassettenrekorder gerade Tina Turner ihren Erfolgssong „We don’t need another hero“ krächzte, als der Mann im schwarzen Ledersessel sie zu sich hinüberwinkte. Kurz darauf sei Ingo mit ihr ins Schlafzimmer gegangen. Das geschah mehrmals an diesem Abend. Später sei der Herr, der bereits ergraut war, noch öfter zu der damals 16-Jährigen gekommen.

Während des Geschlechtsverkehrs, berichtet Manuela, habe sie im Stillen immer von 1 bis 17 gezählt. So viele Holzstreben hatte der dekorative Fächer, der an der Wand über dem Bett hing. Es war Manuelas Methode, sich über die Erlebnisse zu retten, die sie im Schlafzimmer der Leipziger Zwei-Raum-Wohnung erleiden musste. Wie viele Männer ihr dort zusetzten, weiß sie nicht mehr – doch an einige ihrer Gesichter meint sich Manuela noch zu erinnern.

Heute sitzt die mittlerweile 31-Jährige an dem langen, hölzernen Küchentisch eines hübsch restaurierten Weinbauernhäuschens in Westdeutschland. An den Wänden hängen Fotos mit strahlenden Kindergesichtern, auf der Anrichte steht ein aus Schiefer gemeißeltes Herz. Manuela ist mit einem Handwerker verheiratet und hat zwei Söhne. Draußen vor der Küchentür streicht die Frühlingssonne über die ersten Knospen des Rosenbogens. Leipzig scheint weit weg zu sein, die Ereignisse liegen 15 Jahre zurück. Drinnen am Küchentisch aber sitzt zitternd eine hübsche junge Frau, während sie über jene Monate im Winter 1992/93 erzählt, als sie zusammen mit einer Handvoll anderer Mädchen in einem illegalen Bordell an der Merseburger Straße in Leipzig zur Prostitution gezwungen wurde: „Es war eine immer wiederkehrende Vergewaltigung“, sagt sie.

Den Horrortrip aus ihrer Mädchenzeit hatte Manuela jahrelang gut abgekapselt hinter fröhlichen Gardinenstoffen und bunt verputzten Wänden. Jetzt ist plötzlich alles wieder gegenwärtig. Das hat mit den Skandalmeldungen über Leipziger Immobilien-Manager, Justizbedienstete und Polizeibeamte zu tun, die unter dem Stichwort „Sachsensumpf“ bekannt wurden. Ausgelöst durch eine Datensammlung des sächsischen Verfassungsschutzes, werden im Freistaat seit einigen Monaten längst abgeschlossen geglaubte Ermittlungen wieder überprüft: Da geht es um fragwürdige Gerichtsurteile und mögliche Erpressbarkeiten unter Richtern und Staatsanwälten, um Unregelmäßigkeiten bei Leipziger Häusergeschäften und vielleicht auch um anstößige Sexgeschichten mit Minderjährigen.

Über das Ausmaß des Skandals ist ein unerbittlicher Streit in Sachsen ausgebrochen, nicht nur unter Politikern, Ermittlern und Justizangestellten, auch zwischen Journalisten. Während die einen alles für „heiße Luft“ erklären, meinen andere, einen Abgrund an Fehlentwicklungen zu entdecken. Beteiligte überziehen sich gegenseitig mit Straf- und Verleumdungsanzeigen, Staatsbedienstete wurden vorübergehend vom Dienst suspendiert oder mit Disziplinarverfahren belegt. Insgesamt mehr als 30 Ermittlungs- und Prüfverfahren hat die Staatsanwaltschaft schon eröffnet. Freilich ist auch sie nicht von Kritik verschont: Zeugen klagen über rüde Verhörmethoden, Anwälte werfen den Ermittlern vor, sie würden Willkür bei der Akteneinsicht walten lassen und manchen Beschuldigten großzügig Einblick gewähren, anderen hingegen weniger. „Das ist“, sagt ein sächsischer Jurist „wie ein Stück aus dem Tollhaus.“

Auch Manuela ist in den letzten Wochen zweimal schon stundenlang von den Staatsanwälten vernommen worden, stets ging es um die Frage, wer der Freier namens Ingo gewesen sein könnte: ein städtischer Immobilien-Manager in Leipzig, ein ehemaliger Richter am Landgericht der Messestadt oder vielleicht doch nur ein unbekannter Geschäftsmann aus Hamburg?

Wenn Manuela in ihrem Gedächtnis kramt, fallen ihr ein paar Details ein, die sie mit „Ingo“ verbindet – zum Beispiel ein schwarzer Ledergürtel, „das Leder war wülstig wattiert mit auffälliger Silberschnalle“. Auch eine Brille ist ihr gegenwärtig, „mit sehr feinem Rahmen, so etwas kannten wir damals im Osten nicht“. Und sie meint auch einen markanten Herrenduft zu erinnern – „Ich glaube, ich würde ihn am Geruch erkennen“, behauptet Manuela.

Eine andere junge Frau, die in den letzten Wochen vernommen wurde, machte ähnlich belastende Aussagen. Doch wie verlässlich sind Erinnerungen? Kann das Gehirn nicht zuweilen der Psyche ein Schnippchen schlagen oder die Psyche dem Gehirn?

Die Ereignisse in der Merseburger Straße haben tiefe Verletzungen bei Manuela hinterlassen. Zusammen mit einer Freundin landete sie im Herbst 1992 in dem Etablissement. Die beiden Leipziger Mädchen, 13 und 16 Jahre alt, waren aus Angst vor ihren Stiefvätern von zu Hause ausgerissen und hatten nach einer Schlafmöglichkeit gesucht.

Mit Alkohol oder KO-Tropfen außer Gefecht gesetzt, strandeten sie nachts in der Merseburger Straße. Am Morgen versuchte Manuela die Wohnung zu verlassen, doch Micha, der Zuhälter, habe sie brutal geschlagen – und kurz darauf zum ersten Mal vergewaltigt, berichtet sie. Später sei sie immer mal wieder mit Schlagstock, Peitsche und Elektroschocks traktiert worden, nach einem vergeblichen Fluchtversuch habe der Zuhälter ihr ganze Haarbüschel ausgerissen. „Ich musste ihm sogar die Schuhe ablecken“, erzählt Manuela.

Mittels Anzeigen in Bild wurden die Freier rekrutiert: „Jasmin, süßer Stundenservice“, lautete der Hinweis auf die minderjährigen Mädchen. „Die Kundschaft war zum Teil sehr zahlungskräftig“, gab der Zuhälter Micha später zu Protokoll. Auch die Mädchen erinnerten sich im Polizeiverhör an „Nadelstreifenhosen, Aktenkofferträger, Schlipstypen“.

Der Zuhälter hatte vorgesorgt und einen Ordnungshüter in die Geschäfte mit einbezogen. Der führte dem Etablissement eine 15-jährige Ausreißerin zu, mit der er zuvor im Polizeigewahrsam intim geworden war. Raue Sitten, doch im Prozess, der im Januar 1994 stattfand, gab es milde Strafen: Der Polizist bekam eine Bewährungsstrafe, der Zuhälter erhielt vier Jahre, obwohl man ihm in einem Fall sogar Menschenhandel nachweisen konnte. Noch besser erging es den Freiern – sie wurden gar nicht erst ermittelt.

Doch der Fall kam nicht zur Ruhe, immer wieder tauchten Querverbindungen zu anderen Leipziger Affären auf. Da war das beinahe tödliche Attentat auf einen Manager der städtischen Wohnungsgesellschaft LWB im Oktober 1994, das auf ungewöhnliche Weise gesühnt wurde: Drei Tatverdächtige wurden 1996 wegen versuchten Auftragsmordes zu Lebenslang verurteilt; zwei Immobilienhändler, die später als Auftraggeber angeklagt wurden, aber kamen mit geringfügigen Geldbußen davon.

Der Prozess gegen sie war 2003 nach einer Kette von Verfahrensfehlern geplatzt: Spurenakten fehlten, Sachstandsberichte wurden in geheimen Beiakten verwahrt – „wo verblieben die Unterlagen?“, heißt es in einem kürzlich fertiggestellten, vertraulichen Prüfbericht des sächsischen Innenministeriums, in dem die „völlig unverständliche Art der Aktenführung“ gerügt wird.

Jahrelang hatte man die Ermittlungen nur „gegen Unbekannt“ geführt, obgleich die Immobilienhändler gerichtsbekannt waren. Unterdessen wurden zwei Leipziger Polizisten kaltgestellt, die sich im Sommer 2000 auf die Spur der Freier des in Leipzig sogenannten Kinderbordells gemacht hatten. Auf Fotos, die sie Manuela und den anderen Mädchen vorlegten, meinten diese den LWB-Manager und die beiden Immobilienhändler wiederzuerkennen.

„Hello, are you there?“, haucht eine katzenhaft samtig klingende Frauenstimme in den Raum – es ist das Handy des Amtsgerichtspräsidenten, das sich meldet. Der Mann sitzt im eleganten Karojackett an seinem Schreibtisch hoch über der Innenstadt von Chemnitz, am Finger trägt er einen stattlichen Brillantring. Einst war er als Leipziger Staatsanwalt federführend für die Ermittlungen gegen die Immobilienhändler gewesen. Dass dabei, wie die Prüfer vom Innenministerium heute feststellen, etwas schiefgegangen sein könnte, weist er von sich. Selbstverständlich, sagt der Gerichtspräsident, habe er die Dinge auch „nie in eine Richtung gelenkt“.

In mehreren Ermittlungsverfahren zählt der Jurist derzeit zu den Beschuldigten, überdies läuft ein Disziplinarverfahren gegen ihn – und Manuela und eine andere junge Frau wollen ihn sogar in der Merseburger Straße gesehen haben. Doch der Beamte bestreitet dies entschieden und hält die Vorwürfe für „eine Lügengeschichte und Intrige“. Immerhin kann er sich über mangelnde Akteneinsicht nicht beklagen: „Ich bin bestens auf dem Laufenden“, sagt er.

Während andere Beschuldigte Mühe haben, auch nur Kopien einzelner Ermittlungsblätter zu bekommen, durfte der Sohn des Juristen, der ihn anwaltlich vertritt, ganze Originalakten der Staatsanwaltschaft tagelang ausleihen. Dabei gilt das Verfahren als so brisant, dass nicht einmal die Abgeordneten im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum so genannten Sachsensumpf Auskunft erhalten.

Wie die Zinnsoldaten waren die Juristen aus dem Westen Anfang der neunziger Jahre in die ostdeutschen Amtsstuben eingerückt. Viele kamen, um selbstlos zu helfen, andere erhofften sich neue Aufstiegschancen, die ihnen bislang so nicht geboten wurden. Manchen gelang eine steile Karriere im Osten, wie sich in den juristischen Jahrbüchern verfolgen lässt, wo die Berufswege von Richtern und Staatsanwälten festgehalten sind. Und zuweilen wanderten offenbar sogar die Fälle mit.

Als im Fall der drei wegen versuchten Auftragsmordes Verurteilten ein Verteidiger Jahre nach dem Prozess verlangte, das Verfahren wieder aufzurollen, landete der Antrag just in der neuen Strafkammer desjenigen Richters, der die Männer einst verurteilt hatte – der Antrag wurde im Frühjahr 2002 abgelehnt. Auch dem Oberstaatsanwalt in Dresden, dessen Ermittlungen heute Licht ins Dunkel bringen sollen, dürften die alten Geschichten nicht völlig fremd sein. Er war in eins der Verfahren gegen die kaltgestellten Polizisten eingebunden.

Mangels Wohnungen hatten viele Wessis anfangs noch in möblierten Zimmern genächtigt, abends saßen sie beim Bier zusammen. „Es war eine Stimmung wie in der Studentenzeit“, sagt der ehemalige Richter, der den Prozess über das so genannte Kinderbordell führte. Auch im Gericht sei vieles anders gewesen: „Wir hatten wahnsinnig viele Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch, anscheinend waren diese Dinge zu DDR-Zeiten totgeschwiegen worden.“

Im Prozess über das Etablissement in der Merseburger Straße einigte sich der Richter 1994 mit den Vertretern von Anklage und Verteidigung auf ein mildes Strafmaß, weil er „den Kindern eine traumatisierende Befragung in Gegenwart des Täters ersparen“ wollte, wie er heute erklärt. Mindestens zwei der Mädchen aber wurden doch eingehend befragt, eine davon war Manuela.

Auf dem Küchentisch malt sie jetzt eine neue Skizze. Da sitzt sie einsam auf dem Zeugenstuhl, gegenüber auf dem Richterpodium, wo der Vorsitzende seinen Platz hatte, zeichnet sie einen dicken blauen Kreis: „Da saß Ingo!“ Sie sei völlig irritiert gewesen, als sie im Gerichtssaal ihren einstigen Peiniger wiedererkannt habe, erklärt Manuela. Der frühere Richter weist ihre Behauptungen entschieden zurück: „Ich bin niemals im Bordell Jasmin gewesen, weder privat noch beruflich.“

Im Gerichtssaal war auch Manuelas späterer Ehemann zugegen. „Sie hat gezittert und geweint“, erinnert er sich, „von dem Richter hat sie mir damals nichts gesagt“. Erst 1999 will Manuela sich einem Psychologen offenbart haben, der sie wegen Essstörungen und anderer Probleme behandelte. Der Therapeut hat die Gespräche dokumentiert, mag sein, dass er das Rätsel lösen könnte. Doch die Staatsanwälte haben ihn nicht zur Vernehmung vorgeladen, sie wollen das Verfahren jetzt schnell beenden.

Durchs Küchenfenster im Winzerhäuschen blinzelt die Sonne. Manuela hat ein kostbar gebundenes Buch hervorgezogen, darin sind ihre selbstverfassten Gedichte: „Bitte höre, was ich nicht sage“, steht da in schön ziselierter Handschrift. Jahrelang litt die junge Frau unter nächtlichen Albträumen, sie lebte in Angst, vor allem seit den Vernehmungen durch die beiden Polizisten im Jahr 2000. „Damals habe ich auf einem der Fotos den Richter erkannt“, sagt sie, daraufhin seien die Polizisten „total erschrocken“ gewesen.

In den heute verfügbaren Akten aber findet sich davon keine Spur: Dem Vernehmungsprotokoll zufolge hatte Manuela vielmehr den LWB-Manager als „Ingo“ identifiziert. Ob die Akten korrekt sind, auch das ist nicht gewiss. Einer der Polizisten will heute nicht ausschließen, dass Manuela seinerzeit mehr Bilder vorgelegt wurden, als dokumentiert ist.

Klar scheint nur zu sein, dass „Ingo“ keine nachträglich erfundene Phantasiefigur ist: Nach einem Zeitungsbericht von 1993 soll er ein Wessi gewesen sein – mit „ganz ausgefallenen Wünschen“.

"Eingeholt vom alten Schrecken", Süddeutsche Zeitung, 2.4.2008

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