Deutschlands Sonderweg

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Jürgen Rudloff ist erfrischend offen, wenn er über das Prostitutionsgesetz spricht. „Sehr begeischtert“ sei er ­darüber, dass „der deutsche Staat diese ­Legalisierung ins Leben gerufen hat. Ich habe dadurch nur Vorteile genießen können.“ Das Wort „Vorteil“ fällt oft in den Statements des Stuttgarters, der in TV-Reportagen und Talkshows als „Bordellunternehmer“ firmiert. Früher, vor dem Gesetz, hieß er noch „Bordellkönig“, was irgendwie einen unschönen Beigeschmack hatte, und er saß auch nicht in Talkshows. Jetzt ist er ein gefragter Gesprächspartner. Das ist schon mal ein Vorteil. Aber es gibt noch mehr.

Zum Beispiel haben die „Unternehmen“ von Jürgen Rudloff sehr regen Zulauf nicht nur von deutschen Kunden, sondern auch von solchen aus den Nachbarländern. Denn da „isch diese Art der Prostitution verboten“. In Deutschland nicht. „Das isch mein Glück und mein Vorteil“. Und natürlich nicht nur seiner. Auch andere „Betriebe“ profitierten davon, dass die Kundschaft nach Deutschland pilgert, denn da gibt es inzwischen allerorten ­Unternehmen wie Jürgen Rudloffs Bordell „Paradise“. Das heißt gar nicht Bordell, sondern „FKK Saunaclub“, und verwöhnt die Kunden auf fünf Etagen und 5.000 Quadratmetern mit Oriental Lounge, Schneeparadies und VIP-Separees.

In diesem gepflegten Wellness-Ambiente teilen Andrea aus Bukarest, Candis aus Bulgarien oder Amanda aus Ungarn ihre „Vorlieben“, wie sie es auf der Paradise-Website nennen, mit den Gästen: „Französisch Total“ (sprich: ohne Kondom), „Anal“, oder „Körperbesamung“. Auch hier greift das Prostitutionsgesetz dem Unternehmer unter die Arme. „Wir haben den Vorteil, dass wir dadurch mehr Zulauf von inter­nationalen Damen haben“, sagt Rudloff und präzisiert: „Damen aus Osteuropa. Das fand ja früher ausschließlich in der Illegaliät statt.“ Seit 2002 aber sei es in dieser ­Hinsicht „wunderbar ruhig“ geworden.

Und so kommen jährlich 56000 Freier ins „Paradise“, die nicht mehr Freier heißen, sondern „Gäste“. Jeder Gast zahlt 69 Euro Eintritt, schon allein das macht gut 3,8 Millionen Euro Umsatz, Getränke kommen dazu. Die Prostituierten, also die „Damen“, zahlen natürlich auch. 50 Euro kostet ein Tag im Paradise, 25 Euro kommen dazu, wenn eine Dame auch in einem der Etagenbetten im Gruppenraum übernachten möchte. Bei 45 Damen macht das eine weitere Million Jahresumsatz. Neben dem Paradise betreibt der Familienvater Rudloff zwei weitere Unternehmen. Er sei, sagt Rudloff, „bei den Banken ein gern ­gesehener Kunde“. Auch das ein ganz entscheidender Vorteil des Prostitutionsgesetzes. Für den Unternehmer Rudloff.

Allerdings bringt das Gesetz auch gewisse Nachteile mit sich, zwar nicht für Jürgen Rudloff, aber für „die Damen“. Von denen erzählt Sabine Constabel am Nachmittag des 13. Juni in einem Saal des Berliner Reichstages. Ihre ZuhörerInnen sind die Mitglieder der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die zu einer Sachverständigenanhörung eingeladen haben. Constabel versteht viel von der Sache, über die sie da spricht. Seit 20 Jahren arbeitet die Sozialarbeiterin mit Prostituierten in der Stuttgarter Altstadt und versorgt sie im Prostituierten-Café La Strada mit Essen, Kondomen und Medikamenten. Sie kennt die „Damen aus Ost­europa“, von denen Jürgen Rudloff spricht, denn die sind häufig zu Gast bei ihr. Und sie machen fast 90 Prozent der Frauen aus, die der Stuttgarter „Ermittlungsdienst Prostitution“ in den letzten Jahren als „Neuzugänge“ im Milieu registriert hat.

„Die meisten dieser Frauen kommen aus Rumänien, gefolgt von Bulgarien und Ungarn. Der größte Teil entstammt der Volksgruppe der Roma“, berichtet Sabine Constabel den Abgeordneten. „So wundert es nicht, dass die meisten Frauen, die in Stuttgart in den Bordellen, den Clubs und auf dem Straßenstrich anzutreffen sind, kaum Deutsch sprechen und die Rate der Analphabetinnen frappierend hoch ist.“ Viele dieser Frauen würden von ihren Familien geschickt, von Cousins, Brüdern, manchmal auch Vätern begleitet. Andere von „Bekannten“.

Constabel kennt Damen, die im „Paradise“ angeschafft haben. Sie weiß zum Beispiel von einer, dass sie das Unternehmen erst betrat, nachdem sie von dem sie begleitenden Herrn auf dem Parkplatz vor dem Etablissement eine harte Ohrfeige bekommen hatte. Davon weiß Paradise-Besitzer Rudloff natürlich nichts, kann er ja auch nicht, das alles findet ja vor den Toren ­seiner Wellness-Oase statt.

Was der Vater von vier Kindern allerdings weiß, ist: Er möchte nicht, dass seine ­eigene Tochter in seinem Etablissement anfinge. In einer Talkshow antwortete er auf die Frage von Alice Schwarzer, ob er sich das vorstellen könne: „Es würde mir das Herz zerreißen.“

„Die Manager dieser Betriebe sind nicht mehr mit Goldketten behangene ­Zuhälter mit Knasterfahrung, sondern biedere Betriebswirte, die ihr Unternehmen wirtschaftlich führen“, erläutert Sozialarbeiterin Constabel. Das Prostitutionsgesetz hat es ermöglicht, dass sich diese Herren, mit ihren Anwälten im Hintergrund, straffrei und legal die Armut in den Herkunftsländern, die gewalttätigen Strukturen in den unterprivilegierten Familien, die dort herrschende Benachteiligung der Frau, ­zunutze machen.“

Die Damen und Herren Abgeordneten erfahren an diesem Nachmittag in Berlin viele interessante Dinge. Zum Beispiel, dass der Menschenhandel in Deutschland dramatisch angestiegen ist“. Zu diesem alarmie­renden Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, die Prostitution und Frauenhandel in 150 Ländern vergleicht und sich die Situation in Deutschland und Schweden als Fallstudien besonders genau angesehen hat.

Denn während Deutschland am 1. Januar 2002 mit seinem Prostitutionsgesetz das Gewerbe vollständig legalisierte, hat Schweden 1999 den Kauf sogenannter ­„sexueller Dienstleistungen“ verboten und unter Strafe gestellt. Resultat: Deutschland hat „einen der größten Prostitutionsmärkte Europas“, Schweden hingegen einen der kleinsten. Etwa 150000 Frauen arbeiten in Deutschland in der Prostitution, 60 mal mehr als in Schweden, obwohl das skandinavische Land nur neunmal weniger EinwohnerInnen hat. „Länder mit legaler Prostitution weisen signifikant mehr Menschenhandel auf“, erläutert Axel Dreher, einer der Autoren der von der Europäischen Kommission finanzierten Studie und Professor für Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik an der Univer­sität Heidelberg. Klaus Bayerl, Chef der Augsburger Kriminalpolizei, drückt es so aus: „Deutschland ist zum Eldorado für Zuhälter und Bordellbetreiber geworden.“

Dass es so weit kommen konnte, ist der rot-grünen Reform des Prostitutionsgesetzes zu verdanken. Als das Prostitutionsgesetz am 1. Januar 2002 in Kraft trat, hatte sich die rot-grüne Koalition angeblich weniger das Wohlergehen der Bordellbesitzer auf die Fahnen geschrieben, sondern das der Prostituierten. Mit der Aufhebung der Sitten­widrigkeit der Prostitution sollten sich die Frauen kranken- und rentenversichern und Arbeitsverträge abschließen können, hieß es. Und: Indem man die Prostitution aus der Grauzone ans Licht hole, stärke man die ­Position der Prostituierten gegenüber Bordellbetreibern und Zuhältern, jubelten die Initiatorinnen. Dass die damalige Frauen­ministerin Christine Bergmann (SPD) und die Grüne Kerstin Müller an diesem großen Tag ausgerechnet mit der Berliner Bordell­betreiberin und Gestütbesitzerin Felicitas Weigmann öffentlich auf ihr neues Gesetz anstießen, ließ allerdings nichts Gutes ahnen.

Zehn Jahre später ist klar, was EMMA schon damals prophezeit hatte: Das Schlimmste ist eingetreten. Die behauptete Absicht, die Prostituierten stärken zu ­wollen, hat sich als Luftnummer erwiesen. Nur eine verschwindend geringe Zahl Prostituierter nutzt die Möglichkeit, sich zu versichern, Arbeitsverträge gibt es im Milieu bis heute so gut wie keine. Dafür erfreuen sich Bordellbetreiber wie Jürgen Rudloff glänzender Profite. Dessen Wellness-Tempel wäre nach der Rechtslage vor 2002 unter den Straftatbestand der „Förderung der Prostitution“ gefallen. Aber auch der wurde gestrichen. Seither schießen in Deutschland Großbordelle wie das Paradise in Stuttgart, das Artemis in Berlin oder das Pascha in Köln wie Pilze aus dem Boden, und das keinesfalls nur in Großstädten, sondern auch in ländlichen Gegen­den, wo das Bauland günstig ist. Außerdem steigt nun auch dort die „Nachfrage“, denn die Hemmschwelle der (potenziellen) Freier ist gesunken. Prostitution ist in Deutschland schließlich nicht nur legal, sondern auch normal geworden. Diejenigen, die ihre Megaprofite mit der Ware Frau machen – der Frauenhandel ist nach dem Waffen- und Drogenhandel der drittgrößte Sektor der organisierten Kriminalität – finden hier also beste Bedingungen vor: vom „Unternehmer“ Jürgen Rudloff über die Hells Angels (die im Stuttgarter Prostitutionsviertel ein „Büro“ betreiben) bis zum rumänischen „Cousin“.

Während also hierzulande die desaströsen Folgen des Prostitutionsgesetzes ihre Blüten treiben, ist ganz Westeuropa auf Gegenkurs. Nachdem bereits Norwegen und Island das schwedische Modell übernommen haben, das Freier kriminalisiert – nicht die Prostituierten – zieht jetzt auch Finnland nach. Dort stand Prostitution bisher nur dann unter Strafe, wenn die Prostituierte ein Opfer von Zwangsprostitution war – ein Gesetz, das übrigens auch in Deutschland seit 2005 in den Koali­tionsverträgen steht, dann aber regelmäßig in den Schubladen verschwand und nie verabschiedet wurde. Jetzt will Justizministerin Anna-Maja Henriksson den Sexkauf generell verbieten. Denn allein mit den ­bestehenden Gesetzen komme man nicht weiter. „Finnland ist ein Land geworden, in dem Menschenhandel sich lohnt“, klagt die Ministerin. „Prostitution und Menschen­handel gehen Hand in Hand.“

„Wo Prostitution legalisiert wurde, ist der Menschenhandel explodiert.“ Zu diesem Ergebnis kam auch in Frankreich eine parlamentarische Kommission, im Dezember 2011 erklärte die Nationalversammlung, wohl nicht zuletzt unter dem Eindruck der Affäre Strauss-Kahn, einstimmig in einer Resolution, der Kauf „sexueller Dienstleistungen“ solle unter Strafe gestellt werden. Nach dem Wahlsieg der Sozialisten scheint die neue Frauenministerin Najat Vallaud-Belkachem, trotz Gegenwind aus den eigenen Reihen, dabei bleiben zu wollen. „Mein Ziel ist es, die Prostitution verschwinden zu sehen“, erklärte sie.

Rückendeckung bekommt die Ministerin dabei gleich von mehreren Seiten: Zum Beispiel von der Kampagne „Abolition 2012“. 44 Frauenorganisationen fordern in einem ­Appell die Bestrafung von Freiern, Ausstiegsprojekte für Prostituierte und an den Schulen eine „Erziehung zu einer freien ­Sexualität“, die „die Gleichheit zwischen Frauen und Männern vermittelt“. Und auch das französische Männernetzwerk ­„Zéromacho“ fordert einen „effektiven Kampf gegen die Prostitution“ und erklärt: „Wir unterstützen die Ministerin bei ihrem mutigen Engagement!“

In Spanien hatte sich die Regierung unter Ministerpräsident Zapatero, einem bekennenden Feministen, bereits 2009 geweigert, Prostitution zum „Beruf“ zu erklären. Jüngst ging Barcelona einen Schritt weiter. Freier von Straßenprostituierten werden in der liberalen Hafenmetropole künftig mit 1500 Euro Geldbuße bestraft.

In Irland erschütterte Anfang des Jahres eine Fernsehdokumentation das Land. Der Filmemacher Paul Maguire hatte über Monate im Milieu recherchiert, fingierte Internet-Anzeigen geschaltet und Netz­werke aufgespürt. Ergebnis: Der irische Prostitutionsmarkt ist fest in der Hand von Zuhältern und Frauenhändlerringen. Nachdem „Profiting from Prostitution“ am 8. Februar 2012 ausgestrahlt wurde, waren PolitikerInnen aller Parteien in Aufruhr über den „entsetzlichen Missbrauch von Frauen im ganzen Land“ und kündigten gesetzliche Gegenwehr an. Im Juni legte Justizminister Alan Shatter eine erste Stellungnahme vor, in der er die Bestrafung von Freiern in Aussicht stellte.

Applaus für diesen Vorstoß gab es von der „Turn Off The Red Light“-Kampagne, einem breiten Bündnis aus 53 Organisationen, vom „Irish Feminist Network“ bis zum „Men’s Development Network“, von Gewerkschaften bis zum Immigrationsrat. Seit Jahren fordern die InitiatorInnen, der Rotlichtszene das Licht auszuknipsen. Denn: „Eine bedeutende Anzahl von ­Frauen landet in der Prostitution aufgrund von Armut, Schulden, Drogenabhängigkeit oder weil sie von ihrem ‚Freund‘ ­hineingedrängt werden. Viele Frauen, die sich prostituieren, sind als Kind oder ­Jugendliche missbraucht, misshandelt oder vernachlässigt worden.“ Der Weg zur ­Eindämmung der Prostitution: „Wir sind überzeugt, dass die effektivste Lösung ist, die Nachfrage nach bezahltem Sex zu redu­zieren, die Prostitution und Frauenhandel befördert.“ Damit liegt die „Turn Off The Red Light“-Kampagne ganz auf einer Linie mit der Europäischen Konven­tion zur Bekämpfung des Menschenhandels, die ebenfalls betont, die „Drosselung der Nachfrage“ sei ein entscheidendes Mittel bei der Bekämpfung des Frauenhandels.

Das haben inzwischen sogar die Niederlande begriffen. Das einzige Land, das den deutschen Sonderweg mitgegangen ist und Prostitution ebenfalls vollständig legalisierte, rudert gerade mit aller Kraft zurück (siehe Seite 144). „Wir dachten, wenn wir Prostitution legalisieren, entziehen wir den Kriminellen den Boden und schützen so die Prostituierten“, sagt Lodewijk Asscher, der als Amsterdamer Dezernent zuständig ist für das berüchtigte Rotlichviertel De Wallen. „Heute denke ich: Wir waren total naiv.“ Gerade verschärft die holländische Regierung ihr Prostitutionsgesetz. Sollten die ­geplanten Maßnahmen – zum Beispiel eine Registrierungspflicht für Prostituierte – nicht greifen, steht auch hier das Modell Schweden zur Debatte.

Das offensichtliche Scheitern der Reform offiziell feststellen musste und die damalige Frauenministerin Ursula von der Leyen eine „Trendwende“ in der deutschen Prostitutionspolitik verkündete, passierte: nichts. Im Mai 2010 startete Baden-Württemberg eine Bundesrats-Initiative für eine Reform der Reform. „Die mit der Legalisierung der Prostitution notwendigerweise einhergehende Reduk­tion polizeilicher und ordnungsrechtlicher Maßnahmen birgt für Prostituierte nicht hinnehmbare Gefahren für Leben, Gesundheit und körperliche und seelische Unversehrtheit“, klagte Stuttgart. Ein „effektives präventives, aber auch repressives Vorgehen gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution“ könne mit diesem Gesetz nicht ­gewährleistet werden. Im November 2010 meldeten sich auch die Innenminister der Bundesländer zu Wort und alarmierten: „Die bestehende Gesetzeslage ist völlig ­unzureichend.“ Man beobachte außerdem „mit Sorge den Trend hin zu Flatrate-Clubs und Gang-Bang-Veranstaltungen“. Der Aufforderung, daran etwas zu ändern, schlossen sich alle Minister an, also die der SPD-­regierten Länder. Im Juni 2011 forderte auch die Konferenz der Frauen- und Gleichstellungsministerinnen eine „Initiative zur Schaffung eines Gesetzes zur Regulierung der Prostitution“.

Dann endlich legte Frauenministerin Schröder (CDU) im gleichen Monat „Eckpunkte zur Regulierung des Betriebs von Prostitutionsstätten“ vor. Die Öffentlichkeit erfuhr von diesem Vorstoß jedoch nichts, denn: Ausgerechnet die Justizministerin (FDP) sah offenbar keinen Handlungsbedarf. Der Vorstoß sei an der „grundsätzlich ablehnenden Haltung der Hausleitung des Bundesministeriums für Justiz“ gescheitert, heißt es aus dem Frauenministerium. Das Justizministerium bestätigt auf Nachfrage, dass man den Schröder-Entwurf abgelehnt habe, möchte sich aber nicht über die Gründe äußern. Auch auf die Frage, ob und wie Ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf die alarmierenden Zahlen und die Hilferufe von Polizei und Staatsanwaltschaften zu reagieren gedenke, gibt es keine Antwort.

Das will Hans-Peter Uhl (CSU) so nicht durchgehen lassen. Deshalb hat der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Frak­tion seine ParteikollegInnen an diesem Nachmittag zum Hearing geladen. Titel: „Mehr Schutz vor Zwangsprostitution und Menschenhandel – Änderungsbedarf im Prostitutionsgesetz“. Uhl war elf Jahre lang in München Kreisverwaltungsreferent, also das, was in Berlin Innensenator heißt, und hat daher „eine sehr präzise und praktische Vorstellung davon, wie es im Rotlichtmilieu zugeht“. Er kennt die „starke Anziehungskraft für Kriminelle aller Art, die vom ­Milieu nicht zu trennen sind.“ Deshalb, sagt Uhl, war „das rot-grüne Gesetz von Anfang an zum Scheitern verurteilt.“ Jetzt wünscht er sich „ein realitätsbezogenes Gesetz“.

Das hätte auch Reinhard Nemetz gern. Der Leitende Oberstaatsanwalt in Augsburg schildert seinen ZuhörerInnen auf dem Berliner Hearing die Realität wie folgt: Seine Behörde hatte versucht, gegen einen „FKK-Saunaclub“, sprich: Großbordell zu klagen, das seine rund 40 Prosti­tuierten vollständig kontrollierte. Man schrieb den Frauen Dumpingpreise vor, im gesamten Bordell herrschten Anwesenheitskontrollen und Handyverbot. Zimmer und Taschen wurden überprüft, bei Verstößen wurden Strafgelder verhängt. Aber das Landgericht Augsburg ließ die Klage gar nicht erst zu. Begründung: Den Prostituierten stände es ja jederzeit frei, das Bordell zu verlassen. Tut es das wirklich?

Das war auch die Frage bei einem Prozess vor dem Augsburger Landgericht, bei dem der Stuttgarter Unternehmer Rudloff eine gewisse Rolle spielte. Die 18-Jährige, um die es ging, eine Augsburgerin, hatte in Rudloffs Paradise angeschafft. Dorthin ­geschickt worden war sie von einem breitschultrigen Mann, der im Milieu als „Highlander“ bekannt war. Im Prozess werden Telefonmitschnitte vorgespielt. In einem der Telefonate kündigt ein Freund des Highlanders dem Unternehmer Rudloff an, dass er das Mädchen gleich vorbeibringe. Rudloff antwortet: „Super“. Vor Gericht ­erklärt er auch, dass er nicht gewusst habe, dass die junge Frau einen Zuhälter hatte. Der Highlander wird wegen „Beihilfe zum Menschenhandel“ zu anderthalb Jahren Haft verurteilt, drei weitere Angeklagte ebenfalls zu Gefängnisstrafen. Jürgen Rudloff ist im Verfahren lediglich Zeuge. „Wir arbeiten legal“, sagt er.

So legal, dass sein „Pressesprecher“ ­Michael Beretin jetzt als „Rotlichtexperte“ in der RTL 2-Serie Tipps für die Puff-­Optimierung geben darf. „Bordelle in Not“ heißt die Serie, in der der Mann mit der Gelfrisur zusammen mit „FKK-Club­leiterin“ Ulla Oberender das „Pimp my Puff-Team“ bildet. Mit Hilfe von „Testfreiern“ checkt Beretin, dass Mona an der Rezeption „zu unmotiviert“ und der Sex mit Vanessa „zu mechanisch“ ist. Sie muss sich einfach ein bisschen mehr Mühe geben. Und schon ist der „angestaubte FKK-Club“ eine „moderne Sex-Oase“. Kein Zweifel: Zehn Jahre nach dem ­Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes ist Prostitution in Deutschland uneingeschränkt salonfähig geworden.

In Brüssel schüttelt man über das Ausmaß der Akzeptanz und Verharmlosung des Frauenkaufs in Deutschland fassungslos der Kopf. „Together for a Europe free from Prostitution“ heißt die Kampagne, die die European Women’s Lobby (EWL), ein Dachverband von 2500 Frauenorganisationen aus 30 Ländern, schon im Jahr 2006 gestartet hatte. Zum Auftakt stellte die EWL den Videoclip „Not for sale“ (Nicht zum Verkauf) ins Netz, in dem (Ex-)Prostituierte über ihre Erlebnisse berichteten. „Wir halten dem glamourösen Bild, das in der Öffentlichkeit gezeichnet wird, die bittere Realität entgegen“, sagt EWL-Sprecherin Pierrette Pape. Die Realität sieht, das zeigen Studien aus verschiedenen Ländern, bedrückend aus: Drei Viertel der Prostituierten ertragen die Prostitution nur mit Alkohol oder Drogen, in der Straßenprostitution sind 95 Prozent der Frauen drogenabhängig. Ein überdurchschnittlich hoher Anteil wurde Opfer von Missbrauch oder Vergewaltigung. Zwei von drei Prostituierten leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Und: Neun von zehn würden aussteigen, wenn sie könnten. Die sogenannte Freiwilligkeit, die von den Verfechterinnen „selbstbestimmter Prostitution“ so gern im Munde geführt wird, ist also sehr relativ und in vielen Fällen ein Mythos.

Dennoch ist bei der Kampagne der ­European Women’s Lobby der Deutsche Frauenrat nicht dabei. In Berlin teilt man die Brüsseler Vision eines Europas ohne Prostitution offensichtlich nicht. „Die Frauen, die freiwillig dieser Tätigkeit nachgehen wollen, sollen das tun dürfen“, ­erklärt Geschäftsführerin Henny Engels, warum die deutsche Dachorganisation von 57 Frauenverbänden die Kampagne nicht unterstützt. Man teile die Haltung der ­European Women’s Lobby nicht, die „Prostitution in jedem Fall als eine Form von Gewalt gegen Frauen ansehe“. Und der Frauenhandel? Darauf habe das deutsche Prostitutionsgesetz „keinerlei Auswirkungen“ gehabt, allerdings sei die Bekämpfung des Menschenhandels auch nie das Ziel des Prostitutionsgesetzes gewesen. „Dessen Ziel war es, bessere Bedingungen für Frauen zu erreichen, die der Prostitution freiwillig nachgehen“, so Engels. Dass die Zahl der Ermittlungsverfahren des BKA gestiegen seien, sei nicht etwa einem Anstieg des Menschenhandels in Deutschland geschuldet. Sondern? „Wir legen die Zahlen so aus, dass die allgemeine Aufmerksamkeit gestiegen ist und auch die Freier jetzt sensi­bilisiert sind und öfter melden, wenn sie Opfer von Frauenhandel vermuten.“ Aha.

Während sich der Deutsche Frauenrat die bittere Realität mit kaum zu überbie­tendem Zynismus ungebrochen schönredet, liegt der Ball jetzt beim Bundesinnenministerium. Dort soll nun ein neuer Gesetzentwurf erarbeitet werden, der voraussichtlich auf eine Regelung im Gewerberecht hinausläuft: die Konzessionierung von Bordellen, nachdem diese bestimmte Auflagen erfüllt haben. Zum Beispiel ein polizeiliches Führungszeugnis für den Betreiber. Das wäre eine kleine Verbesserung, denn bisher dürfen in Deutschland selbst verurteilte Menschenhändler ein Bordell betreiben.

Das Paradise von Jürgen Rudloff allerdings wird alle Auflagen erfüllen. Deshalb erklärt Sabine Constabel an diesem Nachmittag in Berlin: „Alle Regelungen, die Sie treffen, um dem Menschenhandel und der Zwangsprostitution zu begegnen, sind sinnvoll und notwendig. Aber besser wäre es, eine Gesellschaft derart zu gestalten, dass niemand auf die Idee kommt, den Zugang zum Körper eines anderen zu kaufen, und in der Sexualität weder mit Geld noch mit Gewalt verbunden ist. Denn das, was die Frauen zerstört, was sie derart ­beschädigt, dass sie ihr ganzes weiteres Leben darunter leiden, ist nicht die Ausstattung des Zimmers, in dem sie ihren Körper verkaufen müssen. Es ist auch nicht die Tatsache, dass sie ihren gesamten Prostitutionserwerb ins Heimatland schicken, anstatt sich selbst damit hier ein schöneres Leben zu finanzieren. Es sind nicht die Rahmenbedingungen der Prostitution, die tragen nur ihren Teil zu diesem Elend bei. Es ist die Prostitution selbst, die so zerstörerisch in Frauenleben wirkt. Frauen sind keine Ware.“

Noch sind sie das aber, zumindest in Deutschland. Hier genießt der Unternehmer Jürgen Rudloff bei seinem Handel mit der Ware Frau die „wunderbare Ruhe“ – und plant, heißt es, gerade seinen ­Börsengang.

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