Schura boykottiert Frauenmarsch

Teheran am 8. März 1979: Die Iranerinnen gehen für ihre Freiheit auf die Straße.
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In Hamburg wird es morgen eine Premiere geben. Im Jahr der Frauenproteste werden sich um 14 Uhr auch in der Hansestadt auf dem Rathausmarkt Frauen (und sicher auch etliche Männer) versammeln, die sich - in Deutschland erstmalig - gegen beides zugleich wehren wollen: gegen die Rechten und gegen die Islamisten! Oder wie es die Veranstalterinnen des Hamburger „Frauen- und MigrantInnenmarsch" formulieren: „Weder die rechtspopulistische Propaganda noch der religiöse Fanatismus darf an Boden gewinnen“.

Bis vor wenigen Tagen ließ sich alles gut an, die Initiatorinnen freuten sich auf tausende Teilnehmerinnen. Doch plötzlich gerieten sie in ein scharf munitioniertes Störfeuer: am Abzug die Scharia-Freunde vom Verband "Schura Hamburg". Sie wollen den Frauenmarsch verhindern.

„Es passiert gerade genau das, wogegen wir auf die Straße gehen. Sie wollen Frauen wie mich mit ihrer Kampagne zum Schweigen bringen und uns spalten“, sagt Hourvash Pourkian vom Verein „Kulturbrücke Hamburg“. Sie hat den Marsch initiiert. Gegen Rechtsradikale, die Flüchtlingsheime in Brand setzen; befeuert von RechtspopulistInnen, die nicht nur gegen Flüchtlinge, sondern auch gegen Frauenrechte Stimmung machen. Aber auch gegen Islamisten, die mit ihrer Ideologie in Moscheen mitten in Deutschland „Gehirnwäsche betreiben“ und die Frauen radikal entrechten wollen.

Hourvash Pourkian
Hourvash Pourkian

Seit über zehn Jahren ist die Unternehmerin Pourkian in der Hamburger Integrationspolitik aktiv, bis Ende 2011 als Vertreterin im Integrationsrat der Stadt. Die Menschen müssten „endlich aufwachen!“, findet die im Iran geborene, die 1974 mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert ist. Also wurde sie aktiv. Sie druckte Flyer und verteilte sie nicht nur in der Stadt, sondern auch in Flüchtlingsunterkünften. „Darüber haben sich gerade viele Migrantinnen sehr gefreut“, erzählt sie. „Mit und ohne Kopftuch"

Auch offizielle Unterstützung fand sich rasch, darunter Terre des Femmes, Der Paritätische Wohlfahrtsverband, der Landesfrauenrat Hamburg, die Landeszentrale für politische Bildung, die Frauenstiftung filia und auch die Stadt Hamburg. Etwa 3.000 Frauen und Männer werden erwartet.

Als Rednerinnen lud Pourkian die deutsch-türkische Autorin Necla Kelek ein, die auch im Vorstand von Terre des Femmes sitzt; sowie die Ex-Feme Zana Ramadani, die gerade mit ihrem autobiographischen Buch „Die Verschleierte Gefahr“ Furore macht. Zanas Eltern kommen aus Mazedonien.  

Doch Montag dieser Woche änderte sich plötzlich alles. Der Anruf kam um halb sechs, erinnert sich Pourkian. „Ein Vertreter der Schura war am Telefon. Er hat mir das folgende Angebot nahe gelegt: Wenn ich Necla Kelek und Zana Ramadani auslade, würden sie alle Frauenverbände mobilisieren, die unter ihrem Dach vereint sind.“ Wenn nicht....

Die Schura ist der „Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg“, der Name kommt von den Räten der Religiösen. Unter dem Dach der Schura sind nicht nur über 30 Hamburger Moscheen, sondern auch eine Vielzahl von „Frauen-, Jugend-, Studenten und Bildungsvereinen“ vereint. Der Verband plädiert offen für die Scharia.  Auf seiner Webseite ist zu lesen: „Als Bürger dieser Gesellschaft, in Anbetracht der Grundsätze der Menschenrechte und Demokratie wie auch der Dynamik des islamischen Rechts und der kollektiven Vernunft, besteht für uns keine Unvereinbarkeit zwischen Grundgesetz und Scharia."

Und er kämpft für das "Recht" auf das Kopftuch: „Frauen müssen das Recht haben, sich nach islamischen Vorschriften zu kleiden, auch am Arbeitsplatz und auch im öffentlichen Dienst.“

Unter dem Dach der Schura finden sich auch Moscheen wie das „Islamische Zentrum Hamburg“. Das Zentrum beruft sich in Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens direkt auf den iranischen Großayatolla Khamenei. Auf der Webseite des Islamischen Zentrums heißt es unter anderem: Der Handel mit dem „räuberischen und feindlichen Besatzer Israel" ist verboten. Und Frauen dürfen ein Kleid, dessen Farbe zum Dunkelblau neigt, nur tragen, solange daraus „keine Verdorbenheit erfolgt“. Etc., etc.

Pourkian lehnte die Forderung des Schura-Vertreters, ihre Gäste auszuladen, entschieden ab. „Ich will ja genau solche Frauen wie Necla Kelek und Zana Ramadani auf die Bühne bringen. Mutige, emanzipierte Frauen mit Migrationshintergrund.“ Das sieht die Schura natürlich ganz anders.

Inzwischen steht auf der Schura-Webseite ein offizielle Distanzierung, also quasi ein Boykottaufruf zum Frauenmarsch. Den hat der Islamische Rat zusammen mit dem „Sisters’ March" aus Hamburg verfasst. Die Organisation hatte in Anlehnung an den Women’s March am 8. März auch eine Demo auf die Beine gestellt. Pourkian war dabei. „Ich habe damals total viele Frauen dafür mobilisiert“, erinnert sie sich. Auch ihrerseits hatten die anonym agierenden Hamburger "Schwestern" bisher den von Pourkian initiierten Marsch unterstützt.

Necla Kelek
Necla Kelek

Jetzt aber verkünden die Sisters kryptisch: „Wir möchten uns solidarisch zeigen mit unseren muslimischen Mitmenschen.“ Was sie damit meinen? „Am Beispiel ‚Frauen und MigrantInnenmarsch’ zeigt sich, wie leicht es derzeit für populistische Positionen und Stimmen ist, sich auf prominenter Bühne zu präsentieren.“ Namentlich „wissenschaftlich und politisch umstrittene Personen wie Necla Kelek“, eine „prominente Vertreterin von anti-islamischen Weltanschauungen.“

Unterzeichnet ist die „Distanzierung" unter anderem von der DITIB (!) Hamburg und Schleswig-Holstein, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Hamburg und dem interreligiösen Frauennetzwerk Hamburg. Dass eine islamistische Organisation wie DITIB sich nicht über so einen emanzipatorischen Frauenmarsch freut, überrascht nicht, schließlich ist der Verband der verlängerte Arm von Erdogan. Aber der Paritätische Wohlfahrtsverband?

Im Selbstverständnis des Hamburger Frauenmarsches fand sich bis vor einigen Tagen noch ein Statement zum Kopftuch: „Das Kopftuch ist nichts Islamisches. Es ist ein historisches Produkt der patriarchalen Gesellschaft, um Frauen zu kontrollieren. Viele entscheiden sich für das Kopftuch, um in Ruhe gelassen zu werden.“

Inzwischen bezeichnet Pourkian diese Sätze nur noch als „ihre persönliche Ansicht“. Verständlich. Sie will den Schulterschluss und den für Samstag geplanten Frauenmarsch retten. Auf der Webseite des Hamburger Frauenmarsches steht nun: „Das Thema des Kopftuches ist für den Marsch nicht relevant und wird dort unsererseits nicht diskutiert werden.“ Ob das die Schura besänftigt?

Dabei ist Pourkian eine von Millionen, die von dem Thema Verschleierung existentiell betroffen sind. Ihre Familie verließ den Iran 1974, also nur wenige Jahre vor der Errichtung von Chomeinis Gottesstaat. „Mein Vater hat jede Form von Religion immer abgelehnt. Er war ein Feminist, der Simone de Beauvoir gelesen hat und uns Töchter gezielt gefördert hat“, erinnert sie sich.

Die Reden von Necla Kelek und Zana Ramadani hat Pourkian zunächst einmal aus dem Programm gestrichen. Necla Kelek wird trotzdem da sein, zusammen mit MitstreiterInnen von Terre des Femmes. Sie ist davon überzeugt, dass viele Frauen, Kopftuch oder nicht, sich freuen würden, wenn sie das Wort ergreift. Und sie ist entschlossen: „Ich lasse mich von Islamisten nicht einschüchtern!“

Nicht nur Kelek hofft darauf, dass viele Frauen, egal welcher Herkunft, die mutige Initiative von Pourkian und ihren Mitstreiterinnen unterstützen.

Termin
"Hamburger Frauen- und MigrantInnenmarsch", am 13. Mai, Start: 14 Uhr am Rathausmarkt

Richtigstellung
In einer ursprünglichen Fassung des Artikels wurde berichtet, auch die Jüdische Gemeinde Hamburg habe die Distanzierungserklärung der Schura von dem ‚Frauen- und MigrantInnenmarsch‘ unterzeichnet. Diese Darstellung traf nicht zu. Die Jüdische Gemeinde Hamburg hat weder die Distanzierungserklärung unterzeichnet noch auf sonstige Weise Unterstützung für dieses Statement kommuniziert oder sich anderweitig zu der Veranstaltung geäußert. Wir haben die entsprechende Passage in dem Artikel deshalb entfernt. Die Redaktion.

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MuslimInnen müssen sich stellen!

Muslimische Frauen zeigen Solidarität mit den Opfern des Londoner Anschlags.
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Wenn muslimische Frauen mit oder ohne Kopftuch auf der Westminster Bridge in London mit einer Schweigeminute gegen den Terror protestieren, den ein Attentäter im Namen ihrer Religion verübt hat, ist das ein gutes Zeichen. Endlich distanzieren sich Muslime öffentlich vom Terror. Wenn sie aber gleichzeitig sagen: „Diese Tat hat nichts mit unserem Glauben zu tun“, stellen sie sich nicht ihrer Verantwortung. Sie wollen nur sich und die Welt beruhigen.

Es reicht nicht, sich pauschal vom Bösen zu distanzieren

Doch es reicht nicht, sich pauschal und demonstrativ vom Bösen zu distanzieren. Alle Muslime müssen sich die Frage stellen: Warum bringt unsere Religion in so großer Zahl Gewalttäter hervor? Religiöse Verirrung ist keine ausreichende Erklärung. Wenn die islamische Gemeinschaft wahrhaft gegen Gewalt eintreten will, hat sie große Aufgaben zu lösen.

Da wäre zum Einen die Aufgabe, sich mit der heiligen Schrift der Muslime, dem Koran, auseinanderzusetzen. Über 25 Mal wird im Koran direkt zu Tötungen von Ungläubigen aufgerufen. Über 200 Stellen diskriminieren Andersdenkende, legitimieren Gewalt oder Straftaten im Namen der Religion.

Für die islamische Welt ist der Koran göttliche Offenbarung und wird bisher nicht historisch-kritisch gelesen. Wer den Koran kritisch liest, gilt als Dissident oder als „islamophob“, also krank. Die Weigerung, die eigene Religion an den Fortschritt der Welt anzupassen, hat den Islam von der Entwicklung der modernen Welt abgekoppelt. Was bleibt, ist die geistige Regression des Mittelalters.

„Allah will Blut“ hat der Islamwissenschaftler Hamed Abdel Samad dieses Paradigma des Islam genannt. Will der Islam friedlich werden, müssen die Stellen, die das Töten und die Geschlechterapartheit legitimieren, gebannt und getilgt werden. Und die Muslime müssen sich mit der Figur ihres Propheten Mohammed kritisch auseinandersetzen. Er war kein Friedensfürst. Er war ein Kriegsherr, der seinen Glauben mit dem Schwert verbreitete. Wer sich auf Mohammeds Taten beruft, muss sich gleichzeitig vom Judenmord distanzieren.

Die Religion muss an den Fortschritt der Welt angepasst werden

Der Islam und seine Gläubigen müssen sich fragen lassen, ob der Kollektivismus, der den Einzelnen unter die Herrschaft der Umma zwingt und Unterwerfung verlangt, in einer Gesellschaft, die auf Freiheit und Verantwortung setzt, noch zeitgemäß ist und den Menschenrechten gerecht wird. Die Muslime können nicht einen Glauben verteidigen, der eine Gesellschaft in hie Gläubige und da Ungläubige trennt. Sie können auch nicht behaupten, Schuld seien die Anderen, die Ungläubigen oder die Radikalen. Und auch der Einsatz von Muslimen für Flüchtlinge wäre glaubwürdiger, wenn er sich nicht nur auf Glaubensbrüder und –schwestern sowie Missionsarbeit beschränken würde.

Beim Women´s March, der in den USA als Bewegung gegen die Frauen- und Islamfeindlichkeit Trump initiiert wurde, trugen Frauen den Schleier der Unterdrückung als Zeichen ihrer Freiheit. Für die Millionen unter den Schleier gezwungenen Frauen ist das Verrat.

Islam ist Frieden? Leider reicht dafür keine Schweigeminute. 

Necla Kelek

 

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