Schüler: Klage gegen Handschlag?

Foto: Matthias Willi
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Als die Meldung Anfang April in einer Schweizer Sonntagszeitung ­erschien, war klar, dass sie Wellen schlagen würde: Zwei syrische Brüder, 14 und 15 Jahre alt und Söhne eines Imams, verweigerten ihrer Lehrerin den täglichen Handschlag zur Begrüßung mit der Begründung, sie dürften aus religiösen Gründen keine Frau berühren, die nicht mit ihnen verwandt sei. Der Leiter der Schule in Basel-Therwil, Jürg Lauener, zeigte Verständnis für die beiden jungen Muslime und befreite sie vom morgendlichen Händeschütteln.

Die Konflikte entzünden sich an der Rolle der Frau

Die Reaktionen waren heftig. Aber sie waren diesmal überraschend einheitlich; die Haltung der Schulleitung stieß ganz überwiegend auf Unverständnis. Der Lehrerverein Basel-Land stellte umgehend klar, dass die beschlossene Order nicht auf seiner Linie liege. Es handle sich um den Bruch einer Tradition und um eine Diskriminierung der Frauen: „Wir wollen nicht ins Mittelalter zurück.“ Selbst Bundesrätin Simonetta Sommaruga mischte sich ein: „Dass ein Kind der Lehrperson die Hand nicht gibt, das geht nicht. Der Handschlag ist Teil unserer Kultur und gehört zum Alltag der Schweiz. So stelle ich mir Integration nicht vor, auch unter dem Titel Religionsfreiheit kann man das nicht akzeptieren.“ 

Die kantonale Bildungsdirektorin Monica Gschwind ließ sich von den ungewohnt deutlichen Worten der Justizministerin indes nicht beeindrucken und erklärte trotzig, sie lasse ein „Rechtsgutachten“ erstellen, um auf der sicheren Seite zu sein. Da konnte Saida Keller-Messahli, Präsidentin des „Forum für einen fortschritt­lichen Islam“ lange erklären, die Haltung der beiden Brüder sei inakzeptabel, denn es würden damit „Forderungen gestellt, die politische Auswirkungen auf das soziale Zusammenleben haben“.

Inzwischen beteuerten die beiden Jungen in der Sonntagszeitung ihre Unschuld: Sie hätten nicht provozieren wollen. Der Fall werde benutzt, um „Stimmung gegen Muslime zu machen“. Die Jungen gaben das Interview in der König Faysal-­Moschee. Anwesend bei dem Gespräch war ihr Vater, der als Imam in der Moschee predigt, sowie ein „Medienbeauftragter“ des „Islamischen Zentralrats“ der Schweiz. Die König Faysal-Moschee steht seit langem im Verdacht, fundamentalistische Propaganda zu betreiben. Und die Brüder waren wenige Tage zuvor von der Jugendanwaltschaft überprüft worden, weil sie Propagandamaterial des „Islamischen Staats“ auf ihrer Facebook-Seite verbreitet haben sollen. Er sei „gegen den IS“, verteidigte sich der 14-Jährige, es sei ihm „nur um die Musik gegangen“.  

In der Schweiz leben zwischen 350.000 und 400.000 Muslime, Dreiviertel davon stammen aus dem Balkan oder der Türkei. Das Zusammenleben verläuft weitgehend friedlich, Problemquartiere wie die Banlieues in Frankreich oder das belgische Molenbeek gibt es nicht. Dennoch sorgt der Islam auch in der Schweiz immer wieder für Schlagzeilen. 2009 stimmte eine deutliche Mehrheit von 57,5 Prozent der Bevölkerung einer Initiative zu, die den Bau von Minaretten verbot (nicht Moscheen). Insbesondere viele Wählerinnen hatten für die Annahme der Initiative gestimmt, was überraschend war, da Frauen in der Regel weniger radikal abstimmen als Männer. Aber offenbar wollten viele von ihnen ein Zeichen setzen. Aus demselben Grund wohl bejahte das Stimmvolk des Kantons Tessin 2013 das Burka-Verbot. Zwei Jahre später, just im selben Monat, im dem das Tessiner Parlament das Verbot bestätigte, erging jedoch von oberster Stelle ein Urteil in einer gänzlich anderen Stoßrichtung: Das Bundesgericht erlaubte einer Schülerin im Kanton St. Gallen, mit Kopftuch den Unterricht zu besuchen. 

In der Regel verlaufen die Diskussionen – egal, ob beim Kopftuch, dem Burka-Verbot oder dem Verweigern des Handschlags –, nach immer demselben Muster: Die breite Öffentlichkeit reagiert empört, fordert eine Anpassung an unsere Werte – aber immer sind da auch die Stimmen, die sich dagegen verwahren. Kritik an Muslimen wird gerne und schnell als rassistisch bezeichnet, irgendwann fällt der Begriff der „rechten Hetze“, denn vor allem die Linke zeigt viel Verständnis für islamisch begründete Sonderwünsche. 

Was wäre, wenn die Jungen einem Schwarzen die Hand ver-
weigern?

Noch Anfang 2015 erklärte die damalige SP-Frauenpräsidentin Yvonne Feri im Fernsehen, sie verspüre angesichts einer Frau in einer Burka „kein Unbehagen“ und gehe davon aus, dass sie diese „freiwillig trage“. Die Haltung, die hinter der Burka steckt – Frauen zu entkörperlichen, gesichtslos zu machen – ist für Feri kein Problem. Die Burka sei dasselbe wie „das Tragen eines ­Motorradhelms“ oder „das Verkleiden an der Fasnacht“, erklärte die Frauenpolitikerin.

Auch der im Irak geborene Filmemacher Samir, der seit 1961 in der Schweiz lebt, nahm die beiden Handschlag-Verweigerer umgehend in Schutz. Und erklärte, solche Diskussionen seien lächerlich: „Da denke ich: Was ist das Problem dieses Landes?“ Das Problem ist, dass es hier nicht um eine Ausländer-Debatte geht, sondern um eine Geschlechter-Debatte. Denn man könnte sich ja auch fragen: Besteht der so gerne bemühte Rassismus nicht gerade darin, einer Frau den Handschlag zu verweigern? Ist also nicht vielleicht der Ausländer der Rassist? Würde man das im Falle eines Schwarzen, dem jemand die Hand nicht reichen will, nicht automatisch so sehen? Wieso nicht bezüglich einer Frau?

In all den Diskussionen, die im Zusammenhang mit dem Islam so zunehmend erbittert geführt werden, geht es immer nur um das weibliche Geschlecht. Um Mädchen und Frauen. Darum, was die dürfen. Oder vor allem: nicht dürfen. Darum, was für sie angemessen ist, was sich ziemt. Und darüber entscheiden Männer, Väter, Brüder, Ehemänner, Imame. Sie richten über die Frauen. Über deren Bewegungsspielraum, deren Kleidung, deren Körper, deren Würde, deren Leben. 

Wie wichtig es ist, diesen Wert zu verteidigen, beschreibt der Migrationssoziologe David Jacobson in seinem Buch „Of Virgins and Martyrs – Women and Sexuality in Global Conflict“. Er zeigt auf, dass sich der Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam an der Rolle der Frau entzündet. Jacobson warnt seit Jahren eindringlich davor, die Gleichberechtigung aus falsch verstandener Toleranz aufzuweichen, er spricht unumwunden von einer „Feigheit des Westens“. Und er kann mit Daten aus Frankreich und Grossbritannien nachweisen, wie fatal sich ein Entgegenkommen auswirkt – und vor allem, wie sehr es den Musliminnen selbst am meisten schadet. Denn: Je mehr Anpassung ein Staat fordert, desto mehr profitieren sie, sind besser ausgebildet, häufiger berufstätig und selbstständiger.  

Daher ist die Diskussion nicht, wie Samir sagte, „lächerlich“. Sie ist, himmeltraurig genug, bitter nötig. Denn offenbar sollen Frauen Verständnis an den Tag legen für Männer, die sich daran stören, wie wir uns kleiden, bewegen, wie wir auftreten, die sich überhaupt an unserem Platz in der Gesellschaft stören. 

Sollen die Lehrerinnen dann auch auf Lippenstift verzichten?

Bloß: Was bedeutet das längerfristig? Sind wir fortan nur noch geduldet, wenn wir uns in ihren Augen züchtig kleiden? Nach dem Dunkelwerden nicht mehr auf die Straße gehen?  Ist eine Lehrerin nur akzeptabel, wenn sie auf Lippenstift verzichtet? Verheiratet ist? Wo wird die Grenze gezogen? Und was, wenn ein Lehrer schwul ist? In nahezu allen muslimischen Ländern ist Homosexualität verboten, in manchen steht die Todesstrafe darauf. Müssten wir also vorsorglich lesbische Lehrerinnen und schwule Lehrer aus den Klassenzimmern verbannen, weil ein muslimischer Vater daran Anstoss nehmen könnte?

Muslimische MigrantInnen haben ihre Heimat bewusst Richtung Westen verlassen. Sie wählten nicht ein anderes muslimisches Land, von denen es ja eine Menge gäbe, sondern die Schweiz, Deutschland, England, Frankreich. Weil sie offenbar der Meinung sind, hier ein besseres Leben führen zu können, frei von Willkür und Gewalt, und nicht zuletzt, weil sie hier auf einen funktionierenden Rechts- und Sozialstaat sowie ein ebensolches Gesundheitswesen zählen können. Das alles sind Errungenschaften des Westens. Und dazu gehört auch die Gleichberechtigung. Das eine ohne das andere gibt es nicht, man kann nicht einfach jene Annehmlichkeiten rauspicken, die einem gerade so passen und sich den anderen verweigern. Deshalb kann es nur eine Antwort auf die Frage geben, ob hierzulande Männer einer Frau den Handschlag verweigern dürfen: Ein freundliches, aber sehr dezidiertes Nein.

Bettina Weber - Der Artikel erschien in EMMA Mai/Juni 2016

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