Die kämpferischen Frauen von Van

Gülnay G. (mi) ist die Vorsitzende der Frauengruppe. Fotos: YAKA-KOOP
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Freiheitsliebende und aufgeklärte Türken sind in einer schwierigen Lage, das ist bekannt. Am schwierigsten ist die Lage für die Türkinnen. Wer kann, emigriert. Doch in einem kleinen Städtchen im Osten von Anatolien gibt es eine Handvoll Frauen, die tapfer kämpfen. Und erfolgreich. Es sind die Aktivistinnen der Frauenkooperative YAKA-KOOP in Van, einer ehemals armenischen, heute mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt.

Die Frauen von Van kämpfen gegen Männergewalt, das Komplott des Schweigens und die Ohnmacht der Frauen. Im Zentrum steht die Aufklärung über die Unsitte der Kinderehe. Die ist zwar rechtlich verboten, jedoch weiterhin sehr verbreitet: Vier von zehn Bräuten in der Türkei sind minderjährig. Dadurch geraten die Mädchen in eine oft ausweglose Lage.

Die Selbstmordrate unter diesen jungen Frauen ist erschreckend hoch. Kinderehen sind nicht nur Missbrauch, sondern bringen die Mädchen in eine ausweglose Lage. Sie können nicht mehr zu Schule gehen, keine Ausbildung oder Studium machen. Sie bekommen meist sehr schnell Kinder und sind im Haus und in der Familie gefangen.

 

Die Verhinderung von Kinderehen ist deshalb eines der Hauptanliegen von YAKA-KOOP. „Aber“, sagt Vorsitzende Gülnay G., „ohne die Männer können wir die Gesellschaft nicht verändern.“ Die Frauen versuchen also, die Dorfältesten, Imame und Lehrer auf ihre Seite zu bekommen. Mit Erfolg: „Letzte Woche bekamen wir einen anonymen Anruf aus einem Dorf hier in der Nähe“, erzählt Gülnay, „ein 14-jähriges Mädchen sollte mit einem 30-jährigen Mann verheiratet werden. Wir sind in das Dorf gefahren, haben mit den Eltern geredet. Aber die waren uneinsichtig, weil sie es für ihr Recht hielten, schließlich sei es Tradition und das Mädchen sei damit versorgt. Wir haben die Polizei gerufen, die die Hochzeit verhindert hat.“ Denn offiziell sind in der Türkei Ehen unter 18 Jahren verboten.

Der anonyme Anruf ist auch eine Folge der Aufklärungsaktionen, die YAKA-KOOP machen. Sie wenden sich dabei an diejenigen, deren Geschäft die Ausrichtung von Hochzeiten ist. „Geht lieber mit einem Brot, mit ein paar Lira weniger nach Hause und macht euch nicht mitschuldig an diesem Unrecht“, appelliert Gülnay G. an die Bewohner von Van und den umliegenden Dörfern.

Die Aufforderung verhallt nicht ungehört. So haben zum Beispiel die 300 Mitglieder der „Vereinigung der Köche“ beschlossen: „Wir kochen nicht für Kinderbräute“. Die örtliche Musikervereinigung sagt: “Wir spielen nicht auf Kinderhochzeiten“. Und 600 Friseurinnen der Handwerkskammer Van weigern sich, Kinderbräute zu frisieren.

Die autonome Frauenorganisation YAKA-KOOP bietet auch Beratung in Not, geht gegen häusliche Gewalt vor und gegen Zwangs- und Kinderehen. Die Aktivistinnen machen Informationsveranstaltungen in über 90 Dörfern. Und sie organisieren Ausbildungskurse oder kleine Werkstätten, damit die Frauen ein eigenes Einkommen erwirtschaften können.

Gülnay und ihre Mitstreiterinnen haben es sogar geschafft, den Vergewaltiger eines 12-jährigen Mädchens vor Gericht zu bringen. Dann haben sie tagelang mit Plakaten vor dem Gericht demonstriert. Das ist eines von acht Verfahren wegen Vergewaltigung und Misshandlung, das die Frauen von Van zurzeit begleiten.

Christa Stolle (li) & Necla Kelek (re) von TdF in der Türkei.
Christa Stolle (li) und Necla Kelek (re) von TdF in Van.

In der Türkei werden in jedem Jahr etwa 30.000 Vergewaltigungen angezeigt, die Dunkelziffer liegt um ein vielfaches höher. Zwei Drittel der Taten geschehen in der Familie oder durch Vertrauenspersonen wie Lehrer und Nachbarn. Die Mädchen sind den Tätern meist schutzlos ausgeliefert, ja werden oftmals sogar noch von ihren Familien bestraft, weil sie die Männer „gereizt“ hätten.

Nur die öffentliche Solidarität anderer Frauen kann das Schweigekartell durchbrechen, denn die Justiz ist oft auf beiden Augen blind und in Männerhand. Kommen diese Fälle vor Gericht, fallen die Strafen meist gering aus; oder die Anzeigen werden zurückgezogen, weil die Familien der Täter inzwischen „Blutgeld“ an die Familien der Opfer gezahlt haben.

Die Frauen von Van sind stolz auf ihre Erfolge. Gülnay G. sagt: „Viel zu lange haben wir die Gräueltaten als Schicksalsschläge angesehen. Aber seit wir an die Öffentlichkeit gehen, bekommen wir viel Unterstützung.“ Unterstützt werden sie durch Spenden, wie auch von der deutschen Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, die das Projekt der Frauenselbsthilfe seit einigen Jahren begleitet. Jüngst besuchte ich zusammen mit der Terre des Femmes-Geschäftsführerin Christa Stolle die Frauen in Van. Auch wir waren stolz - auf sie!

Necla Kelek

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Ein Marsch für Adalet: Gerechtigkeit!

Hunderttausende folgten dem Marsch des Oppositionsführer Kilicdaroglu und forderten Gerechtigkeit. © Imago/depo Photo
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Erst haben sie darüber gespottet. Heute ist „Adalet Yürüyüsü“, der Marsch für Gerechtigkeit, eine machtvolle Demonstration gegen die Erdogan-Herrschaft. Es war höchste Zeit. Am Schluss des Protestzuges versammelten sich gestern mehrere hunderttausend Menschen am Ufer des Marmara-Meeres im Stadtteil Maltepe in Istanbul. Das ist eine machtvolle Demonstration des Widerstandes.

Die Stärke Erdogans ist nicht nur seinem Machtwillen geschuldet, sondern hat auch mit der Schwäche der Opposition zu tun. Die republikanische Partei des Staatsgründers Atatürk, die CHP, war immer staatstreu. Das manipulierte Verfassungsreferendum ließ ihre Führer begreifen, dass Erdogan von jedem Türken Unterwerfung fordert. Und als dann im Juni der stellvertretende Vorsitzende der CHP wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, wurde auch Parteichef Kemal Kilicdaroglu klar, dass die Türkei eine Diktatur geworden ist.

490 Kilometer von Ankara
nach Istanbul -
zu Fuß

Aber anders als die Intellektuellen, die sich in die innere Immigration zurückgezogen haben, ging „Onkel Kemal“ auf die Straße. Am 15. Juni war er zu Fuß in Ankara gestartet und über drei Wochen unterwegs nach Istanbul: zu dem Gefängnis, in dem sein Parteifreund eingekerkert ist. Eine 490 Kilometer lange Abbitte des Demokraten an den Verurteilten und an das Volk. Kilicdaroglu trug dabei ein Schild, auf dem nichts weiter als „Adalet“, Gerechtigkeit, stand. Über 20. 000 Menschen haben sich Onkel Kemal auf dem langen Marsch angeschlossen, darunter auch die Schriftstellerin Asli Erdogan.

Und Frauenorganisationen erinnerten in der Nähe von Gebze, einem Ort vor Istanbul, an die italienische Frauenaktivistin Pippa Bacca: Sie war 2008 im Brautkleid auf einem Friedensmarsch von Mailand zu den Palästinensern getrampt, aber in Tavsanli/Gebze in der Türkei von einem LKW-Fahrer vergewaltigt und ermordet worden. Die Frauenrechtlerinnen forderten auf ihrem Schild: „Gerechtigkeit mit Frauen“. Der CHP-Chef hatte sich andere Parolen als die Forderung nach Gerechtigkeit verbeten, und so verhindert, dass die untereinander konkurrierenden Oppositionsgruppen wie die Kurden, Nationalisten und Linke die gerechte Sache vereinnahmen.

Außergewöhnlich ist nicht nur der Marsch, sondern auch die Tatsache, dass sich die Demonstranten nicht provozieren ließen. Es gab keine Gelegenheit für die Polizei einzugreifen. Für Erdogan sind die Demonstranten trotzdem „Terroristen".

Der Marsch für Gerechtigkeit - Start einer basis-demokratischen Bewegung?

Es scheint fast so, als sei dies eine 490 Kilometer lange Abbitte an den Verurteilten Enis Berberoglu und eine Rückkehr der CHP auf die Straße, zum Volk. Kilicdaroglu ging die letzten Kilometer allein mit seinem Schild und wurde von Hunderttausenden auf der Abschlusskundgebung im Istanbuler Stadtteil Maltepe empfangen. Wird dieser Marsch der Anfang einer basis-demokratischen Bewegung in der Türkei?

In der letzten Woche hat Erdogan elf MenschenrechtlerInnen von Amnesty International festnehmen lassen. Die Zeit drängt. Vielleicht nimmt das Volk ihn jetzt beim Wort und dreht die Sache und fordert noch lauter von ihm „Adalet“: Gerechtigkeit.

Necla Kelek

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