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Silvester: Und die Musliminnen?

© Mike Wolff/dpa
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Was hat sich seit der Silvesternacht für muslimische Mädchen und Frauen verändert?
Güner Balci: Silvester hat Wellen bis in die Wohnzimmer der türkischen, arabischen oder albanischen Familien geschlagen. Und dort wird jetzt der Spielraum für die muslimischen Mädchen noch enger. Es ist bezeichnend, dass die sexuellen Übergriffe nordafrikanischer Männer nur als Gewalt gegen deutsche Frauen betrachtet wurden. Aber an diesem Abend waren natürlich auch türkische und arabische Frauen unterwegs, die Silvester feiern wollten und auch bedroht wurden. Dabei sind doch gerade das die jungen muslimischen Frauen, die es tatsächlich geschafft haben, viele Hürden zu überwinden, um selbstbestimmt zu leben. Aber genau diese Mädchen, die sich die Freiheit erkämpft hatten, ohne Eltern oder den beschützenden Bruder ausgehen zu dürfen, erleben jetzt einen Rollback. 

Und die Jungen?
Einige fühlen sich jetzt darin bestätigt, dass es doch richtig war, die Schwestern abends nicht alleine raus zu lassen. Sie werden von den Eltern angehalten, jetzt noch besser auf ihre Schwestern aufzupassen. Das ist nicht nur für die Schwestern fatal, sondern auch für die Brüder: Viele junge Männer versuchen ja zunehmend, aus diesem kulturell-religiös bedingten Machismo auszubrechen. Und jetzt sind sie plötzlich konfrontiert mit anderen jungen Männern, die, frisch aus dem Mittelalter eingeflogen, diese überkommenen Geschlechterbilder in Reinkultur verkörpern. Und schon sind sie wieder in der Zwickmühle und müssen sich gemäß diesem Männlichkeits-Mythos behaupten. 

Und sie gelten nun vermutlich selbst als potenzielle Täter?
Natürlich. Ich kenne unzählige türkische und arabische Jungs, die jetzt nicht mehr in Clubs reinkommen, weil man ihnen unterstellt, sie würden dort die Frauen angrabschen. Von ihren Eltern werden die jungen Männer jetzt auch dazu angehalten, sich abends nicht auf öffentlichen Plätzen aufzuhalten, wo es zu solchen Situationen wie an Silvester kommen könnte. Auch der Aktionsradius dieser Jungen wird also enger. Und der neue Rassismus, der jetzt überall schwelt, wird in der mi­grantischen Community den neuen Zugewanderten zur Last gelegt. Die sagen: Bisher hatten wir ja halbwegs unsere Ruhe, aber jetzt haben wir die AfD und Pegida – und der Grund dafür sind die Flüchtlinge. 

Wie reagieren die Eltern?
Ich kenne Fälle von arabischen Müttern, die selbst noch als Kinder verheiratet wurden, aber hier in Berlin ihren Töchtern ­erlaubt haben, frei zu leben. Sie mussten kein Kopftuch tragen, durften Abitur machen und so weiter. Auch die Väter hatten eingesehen, dass sie ihren Töchtern mehr Freiheit erlauben sollten. Diese Mädchen haben sich noch bis vor kurzem völlig frei bewegt. Und dann wurde in dem Viertel ein Flüchtlingsheim in einem alten Warenhaus eingerichtet. Da wurden 300 Männer untergebracht. Und schwuppdiwupp ändert sich die gesamte Stimmung in diesem Viertel. Weil diese Typen die Frauen auf der Straße derbe anmachen, und zwar auf Arabisch. Denn in dem Moment, wo ein arabisches oder türkisches Mädchen sich „wie eine Deutsche“ benimmt, ist die halt auch vogelfrei. Das bekommen die Eltern natürlich mit. Und das kennen sie aus ihren Herkunftsländern: Wenn man sich als Frau nicht den moralischen Anstandsregeln entsprechend verhält, muss man sich nicht wundern, wenn man belästigt oder vergewaltigt wird. Die Frau ist ja in diesen Ländern immer selber schuld, wenn ihr sowas passiert. Deshalb reagieren die Eltern jetzt auch wieder so, wie sie es aus ihren Herkunftsländern kennen: Sie treffen noch mehr Vorsichtsmaßnahmen. Und die Mädchen müssen sich wieder „sittsam“ ­benehmen. So verändert die neue Einwanderung das Leben der Musliminnen und Muslime, die schon länger hier sind.

Das Problem ist also nicht nur Silvester?
Nein. Nach Köln gab es ja unzählige weitere Übergriffe. Ich habe jetzt wieder von einem Vorfall in einem Hallenbad gelesen. Das waren Jungen aus Syrien, also Flüchtlingsjungs, alle um die 15 Jahre. Die haben Mädchen eingekesselt, bedrängt und begrabscht. Die Täter waren quasi noch Kinder. Kinder, die in einer Geschlechter­apartheid aufgewachsen sind. Die bringen sie jetzt ins Land und sie verschärft die ­Geschlechterapartheid, die sich hierzulande auch schon ohne Flüchtlinge in den Moscheegemeinden etabliert hatte. Dank einer Gruppe extrem konservativer Muslime, die sich hier als meinungsbildend etabliert haben und auch in der Islamkonferenz vertreten sind. Diese Geschlechterapartheid ist der Untergang für jede freie Gesellschaft. Und jetzt wird langsam klar, dass wir davon alle betroffen sind. Wenn wir Einwanderung in Zukunft positiv in unserer Gesellschaft nutzen wollen, dann ist die Frage nach der Gleichheit der Geschlechter die entscheidende Frage. Deshalb muss sie auch auf die Agenda der Kanzlerin. Und die darf sich nicht länger auf die Lippenbekenntnisse islamischer Verbandsfunktionäre einlassen, die sagen, das hätte alles nichts mit Religion zu tun. Als könne man kulturelle Traditionen völlig von der religiösen Prägung trennen, als wäre ein reaktionäres Islamverständnis kein Angriff auf die Gleichheit der Geschlechter. 

Dieses Problem wird aber in der muslimischen Community offenbar überhaupt nicht öffentlich angesprochen.
Ich kriege mit, dass diese Probleme in der Community ein großes Thema sind. Aber man ist sehr vorsichtig, damit nach außen zu gehen. Die Sarrazin-Keule ist immer noch nicht vergessen. Und in konservativen muslimischen Kreisen lässt man von diesen Problemen nichts nach außen dringen, um auf gar keinen Fall eine Möglichkeit zu eröffnen, um die Kultur oder Religion anzugreifen. Man will den Diskurs in eine bestimmte Richtung lenken, nämlich: Wir sind Opfer von Rassismus und jede Kritik, die an unsere kulturellen und religiösen Traditionen rührt, blenden wir aus. Dass aber das, was an Silvester passiert ist, sehr viel mit der kulturellen und religiösen Sozialisation der Täter und deren Geschlechterbild zu tun hat, das wird von denen, die behaupten, die Muslime in Deutschland zu repräsentieren, verschwiegen. 

Die fortschrittlichen Muslime bräuchten Solidarität, auch von der Politik. Kriegen sie die? 
Nein, und das ist tragisch. Muslime, die sich als Teil dieser freien Gesellschaft empfinden, sind von dieser neuen Integrationswelle und dem damit verbundenen Rollback in alte archaische Gesellschaftsmodelle, massiv betroffen. Aber diese Menschen, die Religion individuell oder gar nicht leben, finden sich in der ­öffentlichen Wahrnehmung kaum wieder. Die werden politisch von niemandem ­repräsentiert. Die haben keine Lobby. 

Was wünschen Sie sich von der Politik für die jungen muslimischen Frauen und Männer, die sich ein freieres Leben erkämpft hatten?
Jedenfalls keine Plakatkampagne wie die der CDU im Berlin-Wahlkampf. Da stand zum Beispiel der Slogan „Sicher feiern“ und zu sehen waren drei lachende junge Frauen – ohne Migrationshintergrund. Oder „Sicher Bahnfahren“ mit drei alten Frauen – ohne Migrationshintergrund. Und genauso wenig wünsche ich mir eine Pro-Kopftuch-Plakatkampagne wie die vom Bürgermeister-Kandidaten Michael Müller. Was ich mir wünsche ist, dass man die Auseinandersetzung um die sexuellen Übergriffe und die Tatsache, dass sie etwas mit der kulturellen und ­religiösen Sozialisation der Täter zu tun haben, nicht länger den Rechten überlässt. Die führt ja nur in noch mehr ­Abgrenzung und mehr Gewalt. 

Was wäre die Alternative?
Dass die Politik Verantwortung übernimmt für die große Gruppe schweigender Einwanderer und Einwandererinnen, die sich als Teil dieses Landes empfinden und genau diese Vorzüge von Freiheit und Demokratie schätzen. Die Politik muss auf genau diese Menschen zugehen, anstatt Islamkonferenzen zu veranstalten, bei denen fast nur noch der erzkonser­vative und rückwärtsgewandte Teil der Muslime vertreten ist. Denn die sind eine Bedrohung für die liberalen Muslime in Deutschland. Die Politik muss sich verantwortlich fühlen für die Unterdrückung, die in den konservativen Communitys aufgrund von Kultur, Tradition und Religion stattfindet – und die sich nach Silvester wieder verschärft hat.

Das Gespräch führte Chantal Louis.

Von Güner Balci, Sozialarbeiterin und Filmemacherin, erschien zuletzt: Das Mädchen und der Gotteskrieger (S. Fischer). Die Deutsch-Türkin engagiert sich im fortschrittlichen Muslimischen Forum Deutschland.

 

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