Wenn aus dem kleinen Kerl ein Pink Boy wird

Am Abend, bevor Susan und Rob ihrem Sohn erlaubten, in einem Kleid in den Kindergarten zu gehen, schickten sie eine E-Mail an die anderen Eltern: „Alex lebt zwischen den Geschlechterrollen, seit wir denken können. Im Moment begeistert er sich gleichermaßen fĂŒr Fußballer und Prinzessinnen, Superhelden und Ballerinas, Dinosaurier und Glitzer-Regenbogen.“ Sie erklĂ€rten, dass ihr Sohn untröstlich war, als sie ihm verboten, im normalen Alltag Kleider anzuziehen.

Nachdem sie einen Kinderarzt und einen Psychologen konsultiert und mit anderen Eltern mit Ă€hnlichen Erfahrungen gesprochen hĂ€tten, seien sie nun zu folgendem Schluss gekommen: „Es ist jetzt das Wichtigste, ihm beizubringen, dass er sich nicht dafĂŒr zu schĂ€men braucht, wie und was er ist.“ Also wĂŒrde Alex am nĂ€chsten Morgen das pinke Kleid mit den gelben Streifen tragen. Außerdem fĂŒgten seine Eltern einen Link mit Informationen ĂŒber Kinder bei, die sich geschlechtsrollenuntypisch verhalten.

Als Alex vier Jahre alt war, hatte er sich selbst als „Junge und MĂ€dchen“ bezeichnet. Aber bald darauf wurde ihm klar, dass er einfach nur ein Junge ist, der manchmal gern mit „MĂ€dchensachen“ spielt und „MĂ€dchenkleidung“ anzieht. An manchen Tagen trĂ€gt er Kleider, lackiert seine FingernĂ€gel und spielt mit Puppen. An anderen Tagen ist er ruppig, schmeißt sein Spielzeug durch die Gegend und ist Spiderman.

Es gab immer schon Menschen, die Geschlechter-
normen durchbrachen

Klar, wĂ€re Alex ein MĂ€dchen, das sich manchmal jungenhaft anzieht oder spielt, wĂ€re keine E-Mail an die anderen Eltern nötig gewesen. Niemand hĂ€tte die Augenbraue gehoben beim Anblick eines MĂ€dchens, das Fußball spielt oder ein Spiderman-T-Shirt trĂ€gt. Aber Alex ist ein Junge. Biologisch gesehen.

Alex Verhalten ist nicht neu. Es hat immer schon Menschen gegeben, die die Geschlechternormen durchbrachen. Auf dem Höhepunkt der historischen Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts erklĂ€rten Mediziner, weibliche „Invertierte“ seien mit einer „Abneigung und manchmal UnfĂ€higkeit zur Handarbeit“ und einem „Hang zu den Naturwissenschaften“ ausgestattet. MĂ€nnliche „Invertierte“ hingegen hĂ€tten eine „starke Aversion gegen Ballspiele und andere AktivitĂ€ten im Freien“. Bis weit ins 20. Jahrhundert versuchten Ärzte geschlechtsuntypisches Verhalten mit „Korrektions-Therapien“ auszumerzen.

Heute lehnen viele Eltern und MedizinerInnen solche Therapien ab, so dass wir es nun mit der ersten Erwachsenen-Generation zu tun haben, die es Jungen ermöglicht, sich so anzuziehen und zu spielen, wie es bisher den MĂ€dchen vorbehalten war – und in einem, wie es Psychologen nennen, „middle space“ zwischen traditionellem Jungesein und traditionellem MĂ€dchensein zu leben.

Diese Eltern fĂŒhlen sich bestĂ€tigt durch eine wachsende Internet-Community Gleichgesinnter, deren Söhne sich als Jungen sehen, aber trotzdem Stirnreifen und Einhorn-RucksĂ€cke tragen. „Es mag die Welt aufgerĂ€umter machen, wenn es nur zwei sauber getrennte Möglichkeiten der GeschlechtsidentitĂ€t gibt“, schreibt eine Mutter aus North Carolina in dem Blog „Pink Is for Boys“ (Rosa ist auch was fĂŒr Jungen). „Aber wenn man den Raum dazwischen leugnet, dann geht das an der RealitĂ€t vorbei. Dann leugnet man, dass mein Kind existiert.“

Viele dieser Eltern, die ihren Kindern erlauben, den „middle space“ zu erkunden, waren schon fortschrittlich, bevor sie einen „Pink Boy“ hatten. Sie stritten fĂŒr Gleichberechtigung und Homosexuellen-Rechte und stellten traditionelle MĂ€nnlichkeit und Weiblichkeit in Frage. Aber als ihre eigenen Söhne plötzlich begannen, diese Ideen in die RealitĂ€t umzusetzen, brachte sie das doch reichlich durcheinander.

Am Anfang
war es auch
fĂŒr die Eltern
das Grauen

Wie kann es sein, dass es mir etwas ausmacht, dass mein Sohn mit Puppen spielt? Und warum stört es mich so sehr, dass er ein Kleid tragen will? Auch fĂŒr Susan war es am Anfang das Grauen. Sie hatte Angst, dass Alex gemobbt wĂŒrde, selbst in der liberalen OstkĂŒsten-Stadt, in der sie lebten. Sie las die Statistiken, laut denen homosexuelle und transgender Teenager eine höhere Drogen- und Selbstmordrate hĂ€tten. Sie ging davon aus, dass Alex eins von beidem werden wĂŒrde. Sie hatte Panikattacken. „Wenn es schon fĂŒr mich so schwierig war, die Sache zu akzeptieren – wie wĂŒrde dann der Rest der Welt auf Alex reagieren?“

Bisher gibt es relativ wenig Forschung ĂŒber Kinder, die sich jenseits der Geschlechternormen bewegen. Studien schĂ€tzen, dass zwei bis sieben Prozent der Jungen unter zwölf Jahren regelmĂ€ĂŸig ein „cross-gender“-Verhalten zeigen. Nur wenige dieser Jungen sagen, dass sie sich wĂŒnschen, ein MĂ€dchen zu sein. Im Alter von zehn wird das unkonventionelle Verhalten der meisten „Pink Boys“ immer seltener, sei es, weil sie „rauswachsen“ – oder weil sie es verdrĂ€ngen.

Andere Studien zeigen, dass sehr viele homosexuelle MĂ€nner keine „Pink Boys“ waren, dass aber 60 bis 80 Prozent aller „Pink Boys“ spĂ€ter homo sexuell werden. Die anderen werden „normale“ MĂ€nner oder, mit Hilfe von Hormonen und manchmal auch Chirurgie, Frauen.

Das nicht-konforme Rollenverhalten bei MÀdchen ist noch viel weniger untersucht als bei Jungen. Sicher auch, weil die Abkehr von der traditionellen Weiblichkeit bei MÀdchen akzeptierter ist als die Verweigerung von MÀnnlichkeit bei Jungen. Die wenigen Studien, die es gibt, zeigen, dass Tomboys zwar eher bisexuell, lesbisch oder mÀnnlich identifiziert werden als andere MÀdchen. Die meisten aber werden heterosexuelle Frauen.

Susan und Rob suchten im Internet nach Informationen und fanden BestĂ€tigung fĂŒr ihr BauchgefĂŒhl, das ihnen sagte, es sei besser, Alex’ Verhalten nicht zu unterdrĂŒcken. Vor ein paar Jahren hĂ€tte es dafĂŒr kaum UnterstĂŒtzung gegeben. Aber die Frauen- und Homosexuellenbewegung hat einiges verĂ€ndert, und auch die verstĂ€rkte Sichtbarkeit Transsexueller hat es fĂŒr Menschen einfacher gemacht, die zwischen den Geschlechtern leben. Viele Kommunen und Schulen haben inzwischen Regeln, die jegliche Diskriminierung aufgrund der GeschlechtsidentitĂ€t verbieten.

Und Transgender-AktivistInnen machen Druck auf die Psychiatrischen Standesorganisationen, die Kinder, die unsicher ĂŒber ihre GeschlechtsidentitĂ€t sind, offiziell immer noch als „krank“ definieren. Jetzt will die American Psychiatric Association fĂŒr die nĂ€chste Ausgabe ihres „Handbuchs fĂŒr die Diagnose mentaler Störungen“ die Diagnose „Störung der Geschlechts-IdentitĂ€t bei Kindern“ noch einmal ĂŒberprĂŒfen.

Allerdings wird die PrĂŒfkommission ausgerechnet von Dr. Kenneth Zucker geleitet, dem Leiter einer bekannten Klinik in Toronto und prominentesten Verfechter der traditionellen Behandlung bei Kindern, die sich nicht geschlechts-konform verhalten. Zucker drĂ€ngt Eltern, ihre Kinder nur mit geschlechtertypischem Spielzeug spielen und sie nur entsprechende Kleidung tragen zu lassen. Er rĂ€t ihnen, den Kindern Verhalten zu verbieten, das man eigentlich dem anderen Geschlecht zuordnet.

Andere ÄrztInnen halten dem entgegen, dass die Verwirrung der Kinder damit keinesfalls kleiner, sondern grĂ¶ĂŸer wird. Sie lehnen solche „Behandlungen“ strikt ab. Statt die Kinder in eine Rolle zu drĂ€ngen, helfen sie ihnen, der Intoleranz zu begegnen, die ihnen entgegenschlĂ€gt. Sie ermutigen Eltern, das geschlechtsuntypische Verhalten ihrer Kinder zu akzeptieren.

Die Zahl der medizinischen Publikationen, in denen eine Abkehr von der Pathologisierung geschlechts-unttypischen Verhaltens gefordert wird, ist in den letzten Jahren in den USA und Europa gestiegen. „Das Klima hat sich gewandelt“, sagt Edgardo Menvielle, Leiter des Programms fĂŒr nicht-genderkonforme Jugendliche am Children’s National Medical Center in Washington. „Viele Eltern gehen nicht mal mehr zu Ärzten, sondern nur noch ins Internet. Immer mehr entscheiden sich dagegen, ihr Kind in eine Geschlechterrolle zu drĂ€ngen, weil das das SelbstwertgefĂŒhl des Kindes untergrĂ€bt.“

Menvielle hat, gemeinsam mit der Psychotherapeutin Catherine Tuerk, in Washington eine Selbsthilfegruppe fĂŒr Eltern gegrĂŒndet. Tuerk ist selbst Mutter eines inzwischen erwachsenen Pink Boys. Als sie damals mit ihm zu einem Psychiater ging, riet der, ihren Sohn von MĂ€dchenspielzeug und ĂŒberhaupt von MĂ€dchen fernzuhalten und stattdessen aggressives Verhalten zu fördern. Also meldeten sie und ihr Mann den sanften Jungen zum Karate und im Fußballverein an und schleppten ihn viermal die Woche zum Analytiker. Er wurde trotzig und wĂŒtend. Mit 21 erklĂ€rte er seinen Eltern, er sei schwul. Heute betrachten Catherine Tuerk und ihr Mann ihre Maßnahmen von damals als eine Art Kindesmisshandlung. Tuerk will anderen Eltern helfen, nicht denselben Fehler zu machen.

Alex’ Mutter Susan stieß im Internet auf Tuerk. Nach einem langen Telefonat mit ihr kaufte sie ihrem Sohn ein paar Kleider. Zu seiner großen Irritation hielten ihn viele Leute auf der Straße fĂŒr ein MĂ€dchen. Als seine Eltern ihn fragten, ob sie ihn als „sie“ ansprechen sollten, antwortete er: „Nein, ich bin immer noch ein ER.“

Wie „MĂ€nnlichkeit“ und „Weiblichkeit“ sich artikulieren, ist eine Frage der Kultur und der Zeit. Im 19. Jahrhundert trugen MĂ€dchen wie Jungen bis zum Alter von sieben Jahren Kleider und lange Haare. Pink galt als „starke“ und folglich maskuline Farbe, wĂ€hrend Blau fĂŒr Empfindsamkeit und SchwĂ€che stand. Die Kleidung fĂŒr beide Geschlechter war mit Borten und RĂŒschen ausgestattet.

Das Ă€nderte sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Erstarken der Frauenbewegung. Eine Reaktion auf den Kampf fĂŒr die Gleichberechtigung war, dass die Kleidung der Geschlechter sich nun deutlich unterscheiden sollte. Borten und RĂŒschen verschwanden ebenso wie viele Farben in der MĂ€nnerkleidung.

Jahrzehnte spĂ€ter, ab den 1920er Jahren, begannen Frauen, Hosen zu tragen. Sie arbeiteten außer Haus und trieben Sport. UrsprĂŒnglich ausschließlich maskuline DomĂ€nen wurden neutrales Territorium, und die Vorstellung von MĂ€dchen, die sich „wie ein Junge benahmen“, verlor ihren Schrecken.

Eine Studie aus dem Jahr 1998, die in der wissenschaftlichen Publikation Sex Roles erschien, zeigte, wie normal es inzwischen – 20 Jahre nach dem Aufbruch der Zweiten Frauenbewegung – fĂŒr MĂ€dchen geworden war, im „middle space“ zu leben: 46 Prozent der Ă€lteren Frauen, 69 Prozent der Baby Boomer und 77 Prozent der in den 1980ern geborenen MĂ€dchen erklĂ€rten, sie seien als Kinder Tomboys gewesen.

Allerdings funktioniert die DurchlĂ€ssigkeit nur in eine Richtung, denn MĂ€dchen gewinnen an Status, wenn sie in die SphĂ€re der Jungs vordringen, wĂ€hrend Jungen beim kleinsten Hauch von Weiblichkeit an Ansehen verlieren. Diane Ehrensaft, Psychologin an der University of California, sagt: „Wenn ein Junge sich wie ein MĂ€dchen verhalten möchte, erschĂŒttert das unbewusst unsere GlaubensgrundsĂ€tze. Denn warum sollte jemand freiwillig zur schwĂ€cheren Gruppe gehören wollen?“

Jungen werden sieben mal hĂ€ufiger als MĂ€dchen zu psychologischen Untersuchungen geschickt, wenn sie sich nicht rollenkonform verhalten. Manchmal besteht der Verstoß gegen das Rollengebot schlicht nur darin, dass sich ein Junge zu Weihnachten eine Barbie gewĂŒnscht hat.

Ellen R. und ihr zehnjĂ€hriger Sohn Nick leben in einem kleinen Vorort in New Jersey. Nick verbringt manchmal Stunden damit, Kleider fĂŒr seine 36 Barbies zu zeichnen und sie mit Stoff und Schleifen zu basteln. Eine Zeitlang schaffte er es, das vor seinen Freunden zu verbergen. Aber eines Tages kam ein Freund unerwartet vorbei und sah die vielen Barbies auf dem Wohnzimmerfußboden. Der Junge rannte weg.

Am nĂ€chsten Tag brĂŒllte er durch die ganze Schule: „Nick spielt mit Puppen!“ „Alle schauten mich komisch an“, erzĂ€hlt Nick. „Also habe ich gesagt, dass das nicht stimmt. Aber sie haben mir nicht geglaubt.“ Zwei Jahre lang verabredete sich niemand mehr zum Spielen mit ihm.

MĂ€dchen, die in
Jungs-SphÀren
vordringen,ge-
winnen an Status.

FĂŒr seine Mutter, die davon ĂŒberzeugt ist, dass Nick sich nicht schĂ€men muss fĂŒr das, was er ist, ist das hart. „Wenn dein Sohn im Kindergarten ein bisschen mĂ€dchenhaft ist, finden das die anderen Eltern noch sĂŒĂŸâ€œ, sagt Nick’s Mutter Ellen. „Aber in der Grundschule finden sie das schon nicht mehr. Bei den Elternabenden sitze ich mit den anderen Eltern zusammen und ich frage mich, ob sie sich ĂŒber mich oder meinen Sohn lustig machen.“

Als Alex im letzten Sommer in die Grundschule kam, hatten seine Eltern Angst, dass er gemobbt werden könnte. Sie verboten ihm, in der Schule Kleider anzuziehen. Er trug es mit Fassung. Er griff sowieso nur noch alle paar Wochen nach einem Kleid und trug inzwischen normalerweise Jungssachen. Aber er liebte immer noch seine Regenbogen-Halskette und lackierte sich die FingernĂ€gel. Seine Eltern erklĂ€rten ihm, dass er ĂŒber Schmuck, Nagellack, Socken und Schuhe selbst entscheiden dĂŒrfe.

Am Ende der ersten Woche kam Alex in leuchtend-pinken Socken in die Klasse. Die paar Zentimeter der verbotenen Farbe zeigten prompt Wirkung. „Bist du etwa ein MĂ€dchen?“ höhnte ein Junge. Alex erzĂ€hlte seinen Eltern von dem Vorfall und erklĂ€rte, er wĂ€re so verletzt gewesen, dass er noch nicht einmal antworten konnte. Aus SolidaritĂ€t kaufte sein Vater sich ein Paar pinke Converse Sneakers, die er trug, wenn er Alex zur Schule brachte.

Und auch Alex’ Lehrerin sprang in die Bresche. Im Stuhlkreis erzĂ€hlte sie von Freunden, die Nagelpolitur und Ohrringe trĂŒgen. Sie sagte, dass sie selbst frĂŒher gern Jungs-Turnschuhe getragen hatte. Ob sie deshalb ein Mann sei? Ob die SchĂŒler und SchĂŒlerinnen vielleicht dĂ€chten, dass sie sie nicht hĂ€tte anziehen dĂŒrfen? Ob sie fĂ€nden, dass es okay gewesen wĂ€re, sie deshalb auszulachen? Die schĂŒttelten die Köpfe.

Dann erzĂ€hlte sie ihnen, dass es Frauen frĂŒher verboten war, Hosen zu tragen und die Kinder rissen unglĂ€ubig die Augen auf. „Ich habe ihnen gesagt: ‚Könnt ihr euch vorstellen, dass ihr keine Hosen tragen dĂŒrftet? Dass jemand euch sagen wĂŒrde, das dĂŒrftet ihr nicht, weil ihr MĂ€dchen seid? Das wĂ€re doch schrecklich!‘“ Von da an verstummten die SprĂŒche ĂŒber Alex’ Klamotten.

Es brauchte noch ein paar Wochen, bis Alex sich wieder traute. Dann zog er seine pinken Socken und seine Glitzer-Sneakers an und stapfte damit in die Schule.

Der Text erschien zuerst im New York Times Magazine.

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