68erinnen: Sauer auf die Genossen!

Flugblatt des Weiberrats 1968
Artikel teilen

Wir machen das maul nicht auf!

wenn wir es doch aufmachen, kommt nichts raus! wenn wir es auflassen, wird es uns gestopft: mit kleinbürgerlichen schwänzen, sozialistischem bumszwang, sozialistischen kindern, liebe, sozialistischer geworfenheit, schwulst, sozialistischer potenter geilheit, sozialistischem ­intellektuellem pathos, sozialistischen lebenshilfen, revolutionärem ­gefummel, sexualrevolutionären argumenten, gesamtgesellschaft­lichem orgasmus, sozialistischem emanzipationsgeseich GELABER!

wenn’s uns mal hochkommt, folgt: sozialistisches schulterklopfen, väterliche betulichkeit; dann werden wir ernst genommen, dann sind wir wundersam, erstaunlich, wir werden gelobt, dann dürfen wir an den stammtisch, dann sind wir identisch; dann tippen wir, verteilen flugblätter, malen wandzeitungen, lecken briefmarken: wir werden theoretisch angeturnt! kotzen wir’s aus: sind wir penisneidisch, frustriert, hysterisch, verklemmt, asexuell, lesbisch, frigid, zukurzgekommen, irrational, penisneidisch, lustfeindlich, hart, viril, spitzig, zickig, wir kompensieren, wir überkompensieren, sind penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch. frauen sind a n d e r s!
 

 

Artikel teilen

Die Genossinnen: Ratlos

Ein typischer Studentinnen-Treff in einer WG 1968 in Berlin.
Artikel teilen

13. September 1968. Klatsch. Die berühmte Tomate knallt an den Kopf des Genossen Krahl. Genauer gesagt, waren es sogar drei Tomaten, die an diesem denkwürdigen Tag auf das Podium flogen, ein halbes Pfund. Sigrid Rüger hatte sie vor dem SDS-Kongress in Frankfurt eingekauft. Eigentlich zum Kochen. Aber nun feuert die hochschwangere Soziologie-Studentin ihre Esswaren auf Hans-Jürgen Krahl und seine Genossen vom Sozialistischen Studen­tenbund (SDS). Denn Genossin Sigrid ist sauer. Sauer darüber, dass die eigenen Genossen einfach so gar keinen Bock haben, der Frau zuzuhören, die auf dem 23. SDS-Kongress gerade eine Rede hält.

Helke Sander ist die erste Frau, die auf einem Kongress des 1946 gegründeten Studentenbundes, einem Linksausscherer der SPD, sprechen darf. Was an sich schon gewöhnungsbedürftig für die Jungs ist, die es gewohnt sind, selbst die großen Reden zu schwingen. Verschärfend hinzu kommt: Sander hat die Unverfrorenheit, nicht über „den Kapitalismus“ und „die Proletarier aller Länder“ zu sprechen, sondern über ihre eigene Lebenslage als Frau in einer Männerwelt, ob proletarisch oder nicht. Denn, so erklärt sie: Das Private ist politisch.

Die Jungs sind es gewohnt, selbst die großen Reden zu schwingen

Selbst privilegierte Frauen, die studieren könnten, „merken spätestens, wenn sie Kinder bekommen, dass ihnen alle ihre Privilegien nichts nützen“, sagt Sander. „Sie werden auf Verhaltensmuster zurück­geworfen, die sie meinten, dank ihrer Emanzipation schon überwunden zu ­haben. Das Studium wird abgebrochen oder verzögert, die geistige Entwicklung bleibt stehen oder wird stark gemindert durch die Ansprüche des Mannes und des Kindes.“

Deshalb fordert die Schauspielerin, Studentin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) und Mutter eines neunjährigen Sohnes, „den Klassenkampf auch in die Ehe zu ­tragen und in die Verhältnisse. Dabei übernimmt der Mann die objektive Rolle des Ausbeuters oder Klassenfeindes.“ Und die Frau in die Rolle der Ausgebeuteten. Ein paar Jahre später werden Yoko Ono und John Lennon das so formulieren: ­„Woman Is the Nigger of the World“.

Helke Sander, die Beruf, Studium und Mutterschaft unter einen Hut bringen muss, weiß, wovon sie spricht. (...)

Den ganzen Text in der Mai/Juni-EMMA lesen.

 

 

Weiterlesen