Hohe Strafe für Täter

Mutige Adèle. Sie verließ das Gericht hoch erhobenen Hauptes. - Foto: IMAGO
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Sie ist das Gesicht der französischen MeToo-Bewegung: die Schauspielerin Adèle Haenel, 37, die den Regisseur Christophe Ruggia, 62, bezichtigt, sie im Alter zwischen 12 und 14 bei ihren samstäglichen Besuchen missbraucht zu haben. Sie verdankte dem damals dreimal älteren Mann als Jugendliche ihre erste Filmrolle.

Es stand Wort gegen Wort, auch jetzt beim Berufungsprozess ein Jahr nach dem ersten Urteil. Das Gericht verurteilte Ruggia erneut für "schweren sexuellen Missbrauch", diesmal sogar zu einem Jahr mehr: zu fünf Jahren, davon zwei mit Fußfessel. Die Richter glaubten dem Opfer, nicht dem Täter. Der hatte bis zuletzt geleugnet („Ich würde nicht mehr in den Spiegel gucken können, wenn ich das getan hätte“). Und wie immer ging die Verteidigung, zwei Verteidigerinnen, auf Kosten des Opfers. Haenel sei "sexualisiert" und "hysterisch", erklärte der Angeklagte.

Christophe Ruggia verlässt nach der Urteilsverkündung das Gericht. - Foto: AFP
Christophe Ruggia verlässt nach der Urteilsverkündung das Gericht. - Foto: AFP

Doch da war Adèle. Sie sprach zitternd über das, was sie bis heute verfolgt. Die Samstagnachmittage bei dem väterlichen Freund, bei denen er ihr beim gemeinsamen Filmeschauen ("Ich habe 5.000 Kassetten") mit den Händen unter den Pullover glitt und in die Hose. "Ich schäme mich", sagte Adèle Haenel vor den Richtern. "Ich schäme mich, so gezeichnet zu sein. Ich wünschte, dass meine Depressionen aufhören." Und: "Ich würde am liebsten sagen, das alles ist nie passiert."

Aber es ist passiert. Öffentlich gemacht hat die Schauspielerin den frühen Missbrauch auf dem Höhenpunkt ihres frühen Ruhms: 2019. Sie spielte die Hauptrolle in dem Kult gewordenen Film von Céline Sciamma, "Porträt einer jungen Frau in Flammen". In ihrer Dankesrede für den César machte sie auch öffentlich, dass die Regisseurin ihre Lebensgefährtin war. Damals. 

Adèle Haenel klagte Roman Polanski bei der César-Verleihung öffentlich an.
Adèle Haenel klagte Roman Polanski bei der César-Verleihung öffentlich an.

Sie outet sich also gleichzeitig als Missbrauchsopfer und als lesbisch. Sie überstand es. Anscheinend. Sie blieb beliebt beim Publikum. Aber die Branche wurde unruhig. Endgültig, als Haenel im Jahr 2020 demonstrativ die Feier zur Verleihung des Césars für seinen Film "Intrige - J'accuse" an Roman Polanski verließ mit dem Ruf: "Bravo à la honte!“ und anschließend erklärte: "Das ist eine Verhöhnung aller Missbrauchsopfer und ein Schlag ins Gesicht seiner Opfer." Polanski ist ein Mann mit Vergangenheit. Und Gegenwart. Da war nicht nur dieses Urteil wegen Missbrauch, vor dem er vor Jahrzehnten aus Amerika geflohen war, sondern da sind auch lebenslang die Affären mit Minderjahrigen. Das ist bekannt, aber toleriert.

Haenel war nicht allein mit ihrem Protest, aber sie war die Unüberhörbarste. Und die Hartnäckigste. 2020 zog Adèle Haenel sich ganz vom Filmgeschäft zurück. Sie spielt heute Theater.

Christophe Ruggia war in Berufung gegangen und hat nun ein Jahr mehr bekommen: fünf Jahre. Auf Bewährung. Es ist also mehr symbolisch. Aber es bekräftigt: Wir glauben dem Opfer, nicht dem Täter.

Der verließ das Gericht gesenkten Hauptes. Adèle Haenel erklärte hocherhobenen Hauptes den wartenden Journalisten, sie habe mit ihrem Kampf alle Opfer ermutigen wollen und sei erleichtert, recht bekommen zu haben. Sie sei also am Ende ihres juristischen Weges.

 

 

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