Alice Schwarzer schreibt

Agnès Varda: Die Ewigjunge

Agnès Varda mit JR - mit ihm hat sie den Film "Augenblicke - Gesichter einer Reise" gemacht. - Foto: Cine Tamaris/Social Animals 2016
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Eigentlich dachte man vor zehn Jahren: Das ist das Finale. Agnès Varda hatte sich zum 80. selber ein Geschenk gemacht: ihren mitreißend poetischen Film „Die Strände von Agnès“. Sie, die als Kind Jahre am Mittelmeer gelebt hatte – und zeitweise sogar auf einem Hausboot, weil ihre Eltern aus Brüssel vor der deutschen Besatzung geflohen waren –, hatte sich an die Strände ihres Lebens begeben und in ihrer sehr eigenen Mischung aus Wirklichkeit und Fiktion ihr Leben erzählt.

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Der Film ist auch eine poetische Liebesgeschichte

Der Strand von Sète, wo sie aufgewachsen war; der Strand von Los Angeles, wo sie eine Weile mit ihrem verstorbenen Mann gelebt hatte; und der Strand von Noirmoutier, eine Insel im Atlantik, wo sie so viele Jahre Familienferien gemacht hatte und bis heute ein Häuschen hat. Sie hatte an den Stränden Spiegel aufgestellt, in denen sie sich und den Menschen ihrer Gegenwart und Vergangenheit begegnete. Denn, hat sie damals gesagt: „Ich sah die 80 auf mich zurasen, aber wollte mich nicht ernst nehmen. Also habe ich den Clown gegeben.“ Den melancholischen Clown, wie alle guten Clowns, versteht sich.

Aber nein. Agnès ist wieder da. Denn die „Erfinderin der Nouvelle Vague“ ist gerade 90 geworden. Sie hatte vor sehr langer Zeit als gelernte Fotografin und filmische Autodidaktin mit einem ­unter Amateurbedingungen gedrehten Film über ein ehekriselndes Paar, „La Pointe Courte“, 1955 den ästhetischen Anstoß für die berühmteste Periode des französischen Films gegeben: der Nouvelle Vague. 63 Jahre später liefert die Frau mit dem charakteristischen Topfschnitt (halb weiß, halb rot) uns einen neuen Film: „Augenblicke“, ein Roadmovie mit dem 54 Jahre jüngeren, nicht minder schrägen Fotografen JR.

Er ist zwei Köpfe größer als sie und die beiden sind Zwillinge bei der Geburt getrennt. Sie stürzen sich ins Leben, sie lieben die Menschen, sie nehmen sich alle Freiheiten. JR ist bekannt geworden mit seinen überlebensgroßen Porträts von Menschen, die sonst niemand wahrnimmt, an Hauswänden und auf öffentlichen Flächen.

Mit ihm reiste Varda von der Normandie bis in die Provence, den zu einem Fotostudio umgebauten Kleinlaster von JR immer im Schlepptau. Der spuckt diese plakatartigen Fotos von den Menschen aus, die sich in ihn hineinbegeben. Und die staunen dann: der Bauer, der mit seinen Traktoren heute eine zehnmal so große Fläche beackert wie früher; die alte Frau, die die letzte ist in dem Backsteinhaus in dem verlassenen Bergarbeiterdörfchen; die Ziegenbäuerin, die den Ziegen die Hörner lässt. Die haben die beiden auch, Agnès und JR, Hörner. Und sie scheinen sie auch nicht ablegen zu wollen.

Der Film ist auch eine poetische Liebesgeschichte zwischen Agnès, 89 – und JR, 35. Wie die beiden sich vergnügen in den Hafencontainern einer Frachtfirma oder philosophieren auf einer Bank im Feld. Zum Verlieben!

Ich habe den ersten Film von Agnès Varda 1961 gesehen, in Wuppertal. „Cléo von fünf bis sieben“. Zwei Stunden lang auf den Spuren einer Frau in Echtzeit. Sie ist in einer Midlife-crisis, vermutlich verlassen worden, und schlendert durch Paris. Sie geht zur Wahrsagerin, hat einen Termin beim Arzt und bekommt eine Krebsdiagnose, und sie trifft einen jungen Soldaten, der wieder zurück muss in den Krieg, den Algerienkrieg. Ein unvergesslicher Film. Und ein großer Film der Nouvelle Vague, der dennoch nicht so im kollektiven Gedächtnis geblieben ist wie die Filme von Godard oder Truffaut.

Für „Vogelfrei“, eine obdachlose verstörte junge Frau, die durch das winterliche Südfrankreich zieht, erhielt Agnès Varda als erste Frau 1985 in Venedig den „Goldenen Löwen“. Vorher hatte sie Dokumentarfilme über die Black Panther und die ­Flower-Power-Bewegung gemacht. Fürs Vernünftig- und Angepasstsein gab es im Leben von Agnès bisher nie auch nur einen Wimpernschlag.

Ihr Leben ist ein Film, ihre Filme sind Leben

Seit über 50 Jahren wohnt Agnès Varda in Paris in der Rue Daguerre, dieser lebendigen Marktstraße hinter dem Friedhof Montparnasse. Da hat sie ein Haus in einem Hof, das sie knallrot angestrichen hat. Und natürlich war auch die Rue Daguerre Teil ihrer Lebensbilanz vor zehn Jahren. Aber weil mitten in Paris kein Strand ist, hat Agnès eben mehrere Laster Sand abladen lassen in ihrer Straße. Ihre Katzen haben sich gefreut. Es sind immer mindestens ein halbes Dutzend. Die so genannte Work-Life-Balance scheint im Leben dieser Frau noch nie ein Problem gewesen zu sein: Ihr Leben ist ein Film – und ihre Filme sind Leben.

Termine
"Augenblicke: Gesichter einer Reise“, ein Film von Agnès Varda und JR, jetzt im Kino.

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And the Oscar goes to... #MeToo?

Stars und Aktivistinnen auf den diesjährigen Golden Globes. Foto: Axelle/Bauer-Griffin/FilmMagic/Getty Images.
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So tun, als sei nichts gewesen, kann auf jeden Fall keine und keiner. Und es ist auch sehr unwahrscheinlich, denn Hollywoods Frauen sind in Aufruhr. Und nicht nur die. „A tectonic shift“ hatte Frances McDormand in ihrer Dankesrede für den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin das genannt, was gerade in den USA passiert. Eine tektonische Verschiebung, das ist ­etwas wirklich Gewaltiges: Ganze Kontinentalplatten bewegen sich, die Erdkruste platzt auf, oft gibt es gleichzeitig ein Erdbeben. Es bleibt, im wahrsten Sinne des Wortes, kein Stein auf dem anderen.

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Hollywood erlebt eine tektonische Verschiebung

Tatsächlich brodelt es seit #MeToo so gewaltig, dass in den Erdspalten schon reihenweise mächtige Männer versunken sind: Filmboss Harvey Weinstein und Oscar-­Preisträger Kevin Spacey, Amazon-Studiochef Roy Price und Uber-CEO Travis ­Kalanick, die Fox-News-Flaggschiffe Roger Ailes und Bill O’Reilly, die Modefotografen Bruce Weber und Mario Testino. Sie alle mussten gehen, weil die Zeit, in der sexuelle Erpressung und Gewalt als Kava­liersdelikt galten, vorbei ist. In Deutschland rutscht gerade Dieter Wedel in diese Spalte.

So haben 300 Frauen aus der Filmindustrie ihre Kampagne genannt, die sie am 1. Januar 2018 lancierten. Die Liste der Schauspielerinnen, die das „Time’s Up“-Manifest unterzeichnet haben, ist lang und prominent: von Charlize ­Theron bis Emma Thompson, von Halle Berry bis Julianne Moore, von Reese ­Witherspoon bis Meryl Streep. Als eine Woche nach dem Kampagnen-Start die Golden Globes verliehen wurden, trugen viele Schauspielerinnen zu ihren fast ausnahmslos schwarzen Kleidern den Sticker mit dem schwarz-weißen „Time’s up“-­Logo am Revers, und auch so mancher Schauspieler. Fast alle Frauen, die an diesem Abend mit einer Trophäe ausgezeichnet wurden, nutzten die Chance, um ­etwas zum Thema Sexismus zu sagen.

Nicole Kidman, die für ihre Rolle in „Big Little Lies“ prämiert wurde – einer Serie über eine geschlagene Frau – erklärte: „In der Rolle, die ich spiele, geht es um ­genau die Debatte, die wir gerade führen: Missbrauch.“ Sodann bedankte sie sich bei ihrer Mutter Janelle: „Sie war eine Aktivistin der Frauenbewegung und wegen ihr stehe ich heute hier. Danke für alles, ­wofür du so hart gekämpft hast!“

Natalie Portman, die die Nominierten für die beste Regie vorstellte, bemerkte mokant, dass diese mal wieder „alle männlich“ seien. Und dann kam Oprah. Ihre fulminante Rede riss das Publikum gleich mehrfach zu Standing Ovations von den Stühlen, die eine oder andere Schauspielerin kämpfte mit den Tränen. Meryl Streep war ebenso gerührt wie Emma Stone oder Sally Hawkins. „Viel zu lange wurde Frauen nicht zugehört oder man hat ihnen nicht geglaubt, wenn sie es wagten, die Wahrheit über jene mächtigen Männer zu sagen“, erklärte Oprah. „But their time is up!“

Aber es geht ja nicht nur um Hollywood

Oprah Winfrey weiß, wovon sie spricht. Die heutige Milliardärin wuchs als Tochter einer Putzfrau in Mississippi auf. Mit neun wurde sie von einem Cousin vergewaltigt, mit 14 bekam sie ein Kind aus ­einem weiteren Missbrauch. Es starb nach der Geburt.

Oprah erklärte: „Dies betrifft nicht nur die Unterhaltungsindustrie. Sondern auch die Frauen, deren Namen nie bekannt werden. Sie sind Hausfrauen, sie arbeiten auf Farmen, in Fabriken und in Restaurants, sie arbeiten in der Medizin und in der Wissenschaft, sie sind Teil der Welt der Technik, der Politik und der Wirtschaft, sie sind Olympia-Athletinnen und Soldatinnen in der Armee.“

Schon am 12. November 2017 waren in Los Angeles Tausende Frauen auf die Straße gegangen. Vier Wochen nach dem Start der #MeToo-Kampagne kamen sie zusammen zum „Take Back the Work­place March“.

Unter denen, die ihren Arbeitsplatz gegen übergriffige Chefs verteidigten, war auch die „Alianca Nacional de Campesinas“: der Verband der Farmarbeiterinnnen. „Di No al Acoso Sexual!“ – Sag Nein zu ­sexueller Belästigung!” stand auf ihren Schildern, von denen die meisten auf ­Spanisch geschrieben waren. Denn die schlecht bezahlte Arbeit auf den Feldern und in den Packstationen wird meist von den so genannten Hispanics geleistet, Einwandererinnen aus Mexiko oder der ­Dominikanischen Republik, nicht wenige von ihnen ohne Papiere.

Schauspielerinnen haben sich solidarisiert ...

An diesem Tag traten zwei Vertreterinnen der Campesinas ans Mikrofon und verlasen ihre Botschaft an die Kolleginnen aus den Filmstudios: „Liebe Schwestern“, sagten sie, „wir vertreten 700.000 Frauen, die in der Landwirtschaft und den Packhäusern der USA arbeiten. Wir haben mit Bedrückung gehört und gesehen, wie Schauspielerinnen und Models über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt durch ihre Bosse, Kollegen und andere mächtige Menschen in der Unterhaltungsindustrie berichtet ­haben. Wir sind nicht überrascht, denn wir kennen diese Erfahrungen nur zu gut. Unzählige Landarbeiterinnen im ganzen Land leiden still. Wir arbeiten nicht im Scheinwerferlicht, sondern im Schatten der Gesellschaft, auf abgelegenen Feldern und in Packhäusern, die niemand im Blick hat. Aber wir teilen eine Erfahrung: Jemandem zum Opfer zu fallen, der die Macht hat, uns anzustellen, zu feuern oder uns auf eine Schwarze Liste zu setzen.“

Und die Campesinas fuhren fort: „Ihr müsst gerade damit zurechtkommen, dass man euch mit Skepsis und Kritik begegnet, weil ihr mutig gegen die schlimmen Dinge aufbegehrt, die man euch angetan hat. Wir möchten euch sagen: Ihr seid nicht ­allein. Wir glauben an euch und stehen an eurer Seite!”

Die „lieben Schwestern“ aus den Filmstudios hörten – und handelten. Sie riefen „Time’s Up“ und den „Time’s Up Legal ­Defense Fund“ ins Leben. Mit diesem Fonds sollen Frauen unterstützt werden, die gegen ihre Belästiger und Vergewaltiger klagen wollen, aber nicht die Mittel dazu haben. Die Filmstars wenden sich an „jedes Zimmermädchen, das versucht hat, vor einem übergriffigen Gast zu fliehen“, an „jede Kellnerin, von der erwartet wird, dass sie dem grapschenden Kunden mit ­einem Lächeln begegnet“ und an „jede Migrantin, die ihr illegaler Status zum Schweigen bringt“. Die „Time’s Up“-Initiatorinnen versichern nun ihrerseits den „lieben Schwestern“: „Wir sind an eurer Seite. Wir unterstützen euch.“

... mit Zimmer-
mädchen, Farm-
arbeiterinnen & Kellnerinnen

15 Millionen Dollar sind bisher im „Time’s Up Legal Defense Fund“ zusammengekommen. Auch Steven Spielberg soll eingezahlt haben. Angesiedelt ist der Fonds beim „National Women’s Law Centre“ (NWLC), das sich seit 1972 für geschlechtergerechte Gesetzgebung einsetzt. 250 Anwältinnen gehören dem NWLC-„Netzwerk für Gender-Gerechtigkeit“ an.

Bei der Golden-Globe-Verleihung demonstrierten die „Time’s Up“-Initiatorinnen diesen Schulterschluss: Viele Schauspielerinnen hatten als Begleitung eine Aktivistin mitgebracht. So kam Meryl Streep Seite an Seite mit Ai-jen Poo, der Vorsitzenden der „Allianz der amerikanischen Hausangestellten“. Emma Watsons Begleiterin für den Abend war Marai Larasi, Direktorin von „Imkaan“, einer Initiative gegen Gewalt gegen schwarze Frauen und Mädchen. Michelle Williams hatte Tarana Burke mitgebracht, die Leiterin der New Yorker Initiative „Girls for Gender Equity“. Sie hatte vor zehn Jahren den Hashtag erfunden, der nach den Weinstein-Enthüllungen von Millionen Frauen in aller Welt wiederbelebt und zu einer Art Tsunami wurde: #MeToo.

Bei der Verleihung der Grammys zeigten auch die Kolleginnen der Musikbranche, dass sie nicht gewillt sind, zur Tagesordnung überzugehen. So trat Sängerin Kesha auf, die 2014 ihren Produzenten wegen schwerer sexueller Belästigung verklagt hatte. Der hatte mit einer Verleumdungsklage gekontert. Janelle Monáe, die Keshas Auftritt ankündigte, fand klare Worte. „An alle, die versuchen sollten, uns zum Schweigen zu bringen. Für euch haben wir zwei Worte im Angebot: Time’s up! Wir sagen: Time’s up für ungleiche Bezahlung! Time’s up für Diskriminierung! Time’s up für sexuelle Belästigung! Und Time’s up für Machtmissbrauch!“

Und das zeigt jetzt schon Wirkung

Auch am ersten Jahrestag der Amtseinführung von Pussygrabber Donald Trump nahmen die Rednerinnen kein Blatt vor den Mund. Über eine Million Frauen waren wieder auf die Straße gegangen, allein 600.000 kamen zum „Women’s March“ in Los Angeles. Natalie Portman prangerte in ihrer Rede den „sexuellen Terrorismus“ an, dem Frauen ausgesetzt seien. Und Scarlett Johansson sprach von einer „unaufhalt­samen Bewegung“.

„Vielleicht ist dies wirklich ‚der Moment‘, auf den so viele Frauen gewartet haben“, hofft Ms., EMMAs amerikanische Schwester in ihrer aktuellen Titelgeschichte „Smash the Patriarchy!“: „Die Büchse der Pandora ist geöffnet.“ Und es sieht so aus, als ob sie sich bis auf weiteres nicht wieder schließen wird. Die ersten „Time’s Up“-Effekte gibt es jedenfalls jetzt schon zu verzeichnen.

Mit Greta Gerwig ist eine Frau für die beste Regie nominiert (die fünfte in 90 Oscar-Jahren) und mit Rachel Morrison die erste Kamerafrau überhaupt.

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