Alice Schwarzer: Angst in Amerika

Eine Demonstrantin protestiert in Minneapolis gegen rassistische Polizeigewalt. - Mark Vancleave/Abaca/DPA
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Als ich 1986 erstmals in New York war, brauchte ich ein paar Tage, bis es mir auffiel: In meinen fortschrittlichen Kreisen, in Greenwich Village und der Bowery, auf den Bookpartys und Tanztees, begegnete ich nur weißen Menschen. Wo waren die Schwarzen?

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Am Sonntag ging ich sie suchen, in Harlem. Ich durchquerte mit einer deutschen Freundin zu Fuß das Schwarzen-Viertel und besuchte zum Abschluss spontan einen schwarzen Gottesdienst in einer Hinterhofkirche. Wir zwei waren die einzigen Weißen. Überall war ich freundlich, ja herzlich empfangen worden – doch das anschließende Entsetzen bei meinen weißen amerikanischen FreundInnen war groß. Was, du warst in Harlem? Zu Fuß? Ja, bist du denn verrückt geworden! Weißt du nicht, wie gefährlich das ist!

Gerade las ich in einer Reportage den Satz eines jungen Schwarzen, der sagte, was ihn beim Anblick eines weißen Polizisten am meisten erschrecke, sei die Angst - die Angst in dessen Augen.

Das hatte ich schon verstanden, als ich 2002 in den Südstaaten war. Zu Gast wieder mal in sehr fortschrittlichen Kreisen, diesmal keine Intellektuellen, sondern KünstlerInnen, wieder rein weiß. Erneut zog ich irgendwann allein mit einer deutschen Freundin los, auf der Suche nach den Schwarzen.

Ich begegnete nur weißen Menschen.
Wo waren die Schwarzen?

Im Frühstücksraum des Hotels saß das alte schwarze Ehepaar neben mir, das noch voll die Rassentrennung erlebt haben musste, und las gerade die Seite 1 der Tageszeitung. Da stand, dass der Mörder eines Schwarzen, ein Ku-Klux-Klan-Mitglied, erst gestern, Jahrzehnte nach der Tat, verurteilt worden war. Auf dem karstigen, Unkraut überwuchernden Friedhof am Ufer des Mississippi, auf dem einst die BaumwollarbeiterInnen verscharrt worden waren, trieb mir die Tristesse noch hundert Jahre später die Tränen in die Augen. Und in dem in ein Luxushotel umgewandelten Südstaatenhaus beschämte mich die eilfertige Dienstbarkeit und unterwürfige Begrüßung eines Schwarzen: „Good Morning, Missis. It’s a wonderful day, isn‘t it?“ Jede Drecksarbeit in den Südstaaten, einfach jede, wird von Schwarzen gemacht.

Wie erleichternd, später in der Altstadt von New Orleans die gelassen-selbstbewussten schwarzen Jazzmusiker zu erleben und in Atlanta beim Gottesdienst den stolzen schwarzen Frauen mit ihren eleganten Hüten zu begegnen.

Auf dem Rückflug dachte ich nach. Über die amerikanische Paranoia, die mir überall begegnet war. Ja, dieses Volk hat Angst. Es hat einfach zu viele Leichen im Keller – und Angst vor Rache. Angst vor den Schwarzen. Von den indianischen Ureinwohnern, die außerhalb der Reservate überhaupt nicht mehr zu sehen sind, ganz zu schweigen.

Seither hat sich nicht viel geändert. Im Gegenteil. Unter der polarisierenden Trump-Regierung haben die Fronten sich noch stärker verhärtet.

Alice Schwarzer

 

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