Ariana Grande: Die Feministin

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Sie fragen sich, wer Ariana Grande ist? Dann sind Sie vermutlich über 19 Jahre alt, also keine Teenagerin mehr. Die US-amerikanische Sängerin – Markenzeichen: Pferdeschwanz und Katzenöhrchen – ist ein Superstar, zumindest für Mädchen und junge Frauen. Die Eckdaten: In drei Jahren hat die 24-Jährige drei ­Alben veröffentlicht, die alle an die Spitze der Charts sausten. Mit 109 Millionen Followern steht sie auf Platz zwei der weltweit am häufigsten abonnierten Menschen auf Insta­gram. Hinzu kommen 47 Millionen Follower auf Twitter und sieben Milliarden Views auf YouTube. Auf ihrer Welttournee zum aktuellen Album „Dangerous Women“ füllt Grande auch in der ganz realen Welt riesige Konzertarenen.

In die Manchester Arena kamen über 20.000. Seit diesem Konzert am 22. Mai ist Ariana Grande auch jenen Erwachsenen ein Begriff, die keine Tochter aus der Clique der „Arianators“ ­haben, so nennt sich Arianas eingeschworene Fangemeinde. An diesem Tag zündete der 22-jährige, libysch-stämmige Attentäter Salman Abedi nach der letzten Zugabe eine selbstgebaute Splitterbombe im Eingangsbereich der Konzerthalle. 22 Menschen kamen ums Leben, über 60 wurden teils lebensgefährlich verletzt. „Ich bin am Boden zerstört! Aus tiefstem Herzen: Es tut mir so leid. Mir fehlen die Worte“, twitterte Grande noch in derselben Nacht. Die jüngste Konzertbesucherin, die in dem Splitterhagel ums Leben kam, war acht Jahre alt. Der IS reklamierte das Attentat auf die „schamlose Veranstaltung“ für sich. Auf Twitter kursierten Tweets, die die Opfer als „Huren“ beschimpften, die es nur verdient hätten, zu sterben. Waren Mädchen das erklärte Ziel? fragten JournalistInnen von Washington bis Frankfurt.

Denn Ariana Grande-Butera, so ihr bürgerlicher Name, ist keine Musikerin, die heranwachsende Jungs vor die Bühne zieht. Und mit Sicherheit hat auch schon so manche Mutter Grandes ultra­knappen Lolita-Look mit Argwohn beäugt. Aber für die Millionen Mädchen, die Arianas Sprüche und Fotos im Netz mit virtuellen Herzchen überhäufen, ist die Sängerin viel mehr als das. Sie ist Vorbild, Schwester und Hoffnungsträgerin für ein selbstbewussteres Ich in den ach so zerrütteten Teenagerinnen-Jahren. „Meine ­Babes“ nennt Ariana ihre Fans. „Ariiiiii!“ jubeln die Babes zurück.

Als Grande noch im Alter ihrer Hörerinnen war, stand sie schon auf der Bühne. Mit acht Jahren debütierte sie als Waisenmädchen „Annie“ im gleichnamigen Musical in ihrer Heimatstadt, dem Florida-Küstenort Boca Raton. Mit 15 sang sie die Cheerleaderin „Charlotte“ in dem Teenager-Musical „13“ am New Yorker Broadway. Mit 16 ergatterte sie eine der Hauptrollen in der Nickelodeon-Serie ­„Victorious“ über die Ups und Downs von SchülerInnen an einer Schauspielschule in Los Angeles. In der Rolle der tollpatschigen Cat Valentine bewies Grande einem breiten Publikum, dass sie zwei ­Talente hat. Erstens: Eine beindruckende Sopranstimme über vier Oktaven. Zweitens: Das richtige Timing fürs Komische.

Ihre Sopranstimme katapultierte Grandes Debut „Yours Truly“ im August 2013 auf Platz eins der amerikanischen Billboard-Charts. Ein Jahr später wiederholte sich die Erfolgsgeschichte mit „My Every­thing“. „Dangerous Women“ heißt ihr drittes Album, im gleichnamigen Titelsong geht es darum, einen Typen anzuturnen. Dazu räkelt sich Grande im Musikvideo in Spitzenunterwäsche. Solche Versuche der Plattenbosse, der 1,55 Meter kleinen Halbitalienerin den Stempel „devot und sexy“ aufzudrängen, scheitern in der Praxis an Grandes entwaffnendem Humor. Ihre treffenden Parodien von Musiker-Kolleginnen wie Britney Spears, Christina Aguilera oder Céline Dion, die sie bei „Saturday Night Live“ und in der ­„Tonight Show“ zum Besten gab, gelten in den USA als legendär.

Berüchtigt ist auch Grandes Schlagfertigkeit, mit der die bekennende Feministin sexistische Interviewer in die Schranken weist. Auf Twitter und Instagram plädiert sie immer wieder für die Unabhängigkeit von Frauen – und wettert gegen den „allgegenwärtigen Frauenhass“. „Ich bin es leid, in einer Welt zu leben, in der Frauen lediglich als der vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Besitz von Männern betrachtet werden“, attackierte sie die Klatschpresse, als die ihre Trennung von Rapper Big Sean ausschlachtete. Aus der Kirche ist die katholisch erzogene Tochter aus einer italienischen Einwandererfamilie ausgetreten. Wegen ihres schwulen Halbbruders Frankie, der auch als Schauspieler arbeitet.

Den Women’s March im Januar besuchte Ariana in Los Angeles mit Großmutter „Nonna“ Marjorie und Mutter Joan, die das Grande-­Familienunternehmen für Kommunikations- und Alarmsysteme leitet (zu dessen Kunden die US-Navy zählt). Ihren Vater, den Grafikdesigner Edward Butera, sieht Ariana seit der Scheidung der Eltern nur noch selten. „Ich entstamme einer Linie aus Aktivistinnen!“, sagt die Sängerin heute stolz. Darunter auch ihre Tante, ­Washington-Korrespondentin Judy Grande, die per Du mit Gloria Steinem und außerdem für den Pulitzer-Preis nominiert war. Sie starb 2008 an Brustkrebs. Ariana: „Es ist meine Verantwortung, ihren Kampf fortzuführen!“

Und das tut sie. Drei Wochen nach dem Attentat in Manchester und nur einen Tag nach dem Folge-Anschlag in London steht Ariana Grande wieder in Manchester auf der Bühne. Für ihr Benefiz-Konzert „One Love Manchester“ hat sie ein gutes Dutzend Superstars gewonnen, darunter Robbie Williams, Katy Perry, Pharrell Williams und Miley Cyrus. Unter den 50.000 ZuschauerInnen stehen die Mütter und Töchter, die das Manchester Attentat überlebt haben. Ermutigt von ihrem Idol Ariana. Die hatte schon vier Tage nach der Bombenexplosion verkündet: „Wir werden den Hass nicht gewinnen lassen!“

Alexandra Eul

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