In der aktuellen EMMA

„Das ist gegen die natur“

Foto rechts: Turkish Presidency/Murat Centinmuhurdar/Handout/dpa
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Sie wollte sich auf ein paar Drinks treffen, mit ihrem ehemaligen Chef und einem Bekannten. Wenige Stunden später ist sie tot. Şule Çet fiel in Ankara zwanzig Stockwerke tief, schlug auf der Straße auf an einem Frühlingsabend. An ihrem Anus fanden sich Risse wie nach einer Vergewaltigung, auf ihrer Hüfte eine mögliche Biss-Spur, Kratzer, Prellungen, in ihrem Blut Spuren eines Beruhigungsmittels, unter ihren Finger­nägeln die DNA einer der Männer. Doch das ist zunächst nicht bekannt: Eine Autopsie wird erst zwei Monate später folgen. Denn ihr früherer Chef sagt aus, Çet habe sich aus dem Fenster gestürzt. Er habe versucht, sie daran zu hindern. Der Staats­anwalt behandelt den Fall zunächst als Selbstmord.

Çet teilt ihr Schicksal mit vielen türkischen Frauen. Hunderte werden jedes Jahr in der Türkei ermordet, von ihren Ehemännern, Ex-Männern, Partnern, Verflossenen, Vätern oder Brüdern, aber alle von Männern – wie mutmaßlich auch Çet. Jahr für Jahr steigt die Zahl der Femizide, also der gezielten Morde an Frauen. Allein 2018 wurden 440 Frauen von Männern getötet, gibt die Organisation „Kadın Cinayetlerini Durduracağız“ an („Wir werden Frauenmorde stoppen“).

Hinzu kommt: Die Bemühungen um Aufklärung sind oft mau, es mangelt an politischem Willen, an gesellschaftlichem Bewusstsein. İpek Bozkurt von der Frauenrechtsinitiative, die die Zahl der Femizide in der Türkei erfasst, kennt viele solcher Fälle – und weiß auch, dass Männer es in der Türkei oft leicht haben, ihre Taten zu rechtfertigen. „Männer denken, es sei in Ordnung, einer Frau Schaden zuzufügen, wenn sie sich nicht so verhält, wie es politisch und gesellschaftlich gewünscht ist.“

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan persönlich fällt immer wieder mit frauenfeind­lichen Aussagen auf. „Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen. Das ist gegen die Natur“, sagte er 2014 auf einer Veranstaltung, damals noch als Premierminister. Verhütung lehnt er ab, „keine muslimische Familie sollte so etwas tun“.

Das war das Jahr, in dem Bülent Arınç, zu der Zeit Erdoğans Stellvertreter, Frauen verbieten wollte, in der Öffentlichkeit zu lachen. Er klagte: „Wo sind unsere Mädchen, die leicht erröten, ihren Kopf senken und die Augen abwenden, wenn wir in ihre Gesichter schauen, und somit zu einem Symbol der Keuschheit werden?“ Ein Jahr später fiel er einer Abgeordneten der pro-kurdischen Partei jäh ins Wort, als diese ihn kritisierte. „Sie als Frau, seien Sie still!“

Radikal-islamische Geistliche erklären im türkischen Fernsehen, um keine Spuren zu hinterlassen, solle man seine Frau nur mit der flachen Hand und nicht ins Gesicht schlagen. Und in Kütahya erklärte eine Ratgeber-Broschüre der Stadt frisch verheirateten Paaren: Es sei in Ordnung, die Frau ab und an zu schlagen, sollte sie ihrem Mann nicht gehorchen oder sich nicht für ihn schön machen.

Auch vor Gericht haben türkische Männer es leicht, Gewalt gegen Frauen zu rechtfertigen und mit milden Strafen davonzukommen – wenn der Mann zum Beispiel behauptet, die Frau habe ihn provoziert. Im Fall der toten Studentin Şule Çet etwa landeten die beiden Verdächtigen acht Monate nach dem Tod der Studentin doch noch vor Gericht – aber erst nach der öffentlichen Empörung. Die beiden Männer bestanden darauf, unschuldig zu sein. Der Verteidiger argumentierte, die junge Frau sei keine Jungfrau mehr gewesen. Außerdem habe sie Alkohol getrunken, das sei der Beweis, dass sie mit sexuellen Handlungen einverstanden gewesen sei. Der Prozess gegen die beiden Männer läuft noch, ein Gericht wird entscheiden, welche Schuld sie am Tode Çets tragen.

Viele Frauen sind empört. Aber auch manche Männer. Im September veröffentlichten 20 türkische Musiker einen Rap, der die Missstände im eigenen Land kritisiert, bis hin zur Gewalt gegen Frauen. Das Video verbreitete sich rasend auf YouTube: Über 30 Millionen Menschen sahen bisher den Clip.

Eine der Strophen des 15-minütigen Videos handelt von Frauenrechten. „Man hat mich nicht gezwungen zu heiraten, ich wurde nie verschleppt, musste mich nie vor meinem großen Bruder fürchten, ich wurde nicht aus der Schule genommen. Ich wurde nie ermordet,“ singt Deniz Tekin sarkastisch. Die Namen von fünf türkischen Frauen werden eingeblendet, unter ihnen Şule Çet, Emine Bulut und andere Türkinnen, denen all das passiert ist. „Man tut Frauen keine Gewalt an, du Idiot!“, rappt ein zweiter.

Die Regierungspartei AKP reagierte prompt. Der stellvertretende Vorsitzende Hamza Dağ ­postete auf Twitter: „Kunst sollte kein Mittel für Provokation und politische Manipulation sein.“ Doch davon lassen sich junge, selbstbewusste Frauen in der Türkei nicht länger einschüchtern. Stattdessen fordern sie ihre Rechte.

Wie zum Beispiel die Menschenrechtsanwältin Tuğçe Duygu Köksal. Sie kämpft vor Gericht für Freiheitsrechte – trotz der Repressalien, die unabhängigen Juristen in der Türkei drohen. Ihre Familie kommt aus Bursa, einer konservativen Stadt im Nordwesten des Landes. Köksals Eltern ermutigten ihre Tochter stets, für ihre Meinung einzustehen und bei Ungerechtigkeiten nicht zu schweigen.

„Anwältin zu werden, war für mich der beste Weg, eine Stimme für all jene zu sein, die im Hintergrund bleiben und unterdrückt werden“, sagt die heute 35-Jährige. Ihr Jura-Studium begann sie an der Galatasaray-Universität in Istanbul, später studierte sie im französischen Straßburg. Dort wurde sie Prozessanwältin in der Kanzlei des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte. Vier Jahre lang arbeitete sie in Straßburg, vier Jahre, die für ihr Heimatland prägend waren.

Denn in der Zeit schränkte Erdoğan die Freiheitsrechte immer weiter ein. Er schickte zu den Kurden im Südosten des Landes die Armee. Knapp ein Drittel der Richter und Staatsanwälte wurde nach dem Putsch 2016 entlassen. Insgesamt kamen Hunderttausende ins Gefängnis, unter ihnen viele Oppo­sitionelle, Journalisten und Anwälte.

Köksal lebte in der Zeit in Frankreich, sie hätte einfach dortbleiben können. Doch sie entschied sich dagegen. 2016 kehrte sie nach Istanbul zurück.

Heute leitet die Anwältin das Menschenrechtszentrum der Istanbuler Rechtsanwaltskammer. Als Strafverteidigerin vertritt sie auch Frauen, die von ihren Männern misshandelt wurden. „Dabei habe ich gelernt: Wenn man Gewalt gegen Frauen toleriert, wird diese Gewalt niemals enden“, sagt Köksal. „Wir müssen noch viel lauter werden, um Frauen zu ermutigen!"

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