Die Wahrheit über Linda Lovelace

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45 Minuten lang fragt man sich, was die Regisseure sich bei diesem Mist gedacht haben.

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Wie können sie die Geschichte von Linda Boreman alias Linda Lovelace (Foto oben li) nur derart unkritisch und weichgespült erzählen? Da lernt die 20-jährige hübsche Linda (Amanda Seyfried, Foto oben re) aus dem puritanischen Elternhaus den charmanten Chuck Traynor kennen und heiratet ihn. Mit ihm hat sie endlich scharfen Sex und er zeigt ihr, wie sie ihren Würgereflex überwindet, damit sie seinen Penis oral komplett aufnehmen kann. Mit dieser „Schlüsselqualifikation“ bekommt Linda die Rolle in „Deep Throat“. Der Film, der 1972 erscheint, holt den Porno aus dem Schmuddelkino auf den roten Teppich und spielt 500 Millionen Dollar ein. Linda Lovelace wird zum gefeierten Pornostar.

Statt dem hellen Schein sehen wir die dunkle Realität dahinter

Doch dann begreift man, dass die Regisseure Rob Epstein („Harvey Milk“) und Jeffrey Friedman („Howl“) keineswegs verharmlosen wollen. Sondern, dass sie einen Kniff gewählt haben: Nach diesen ersten 45 Minuten nämlich beginnt die Geschichte noch mal von vorn – und nun sehen wir die dunkle Realität hinter dem hellen Schein. Die Seite, die auch der Öffentlichkeit so lange verborgen blieb, bis Linda Lovelace 1980 die grauenvolle Wahrheit berichtete. Ihr Buch heißt „Ordeal“ – Martyrium.

Der charmante Chuck Traynor war ein sadistischer Zuhälter, der seine Frau misshandelte und mit vorgehaltener Waffe zur Prostitution zwang. Als sie nach Hause flüchtet, schickt die gläubige Mutter (großartig: Sharon Stone!) sie zurück zu ihrem Ehemann. Das coole Filmteam hört weg, als Traynor sie bei den Dreharbeiten zusammentritt. Der Maskenbildner überschminkt am nächsten Tag die blauen Flecken.

Nachdem Linda Lovelace den Fängen des Tyrannen entkommen war, wurde sie, an der Seite von Gloria Steinem und Catharine MacKinnon, zur Aktivistin gegen sexuelle Gewalt und Pornografie. Damit endet der Film: Linda Boreman, inzwischen verheiratete Marchiano und Mutter eines Sohnes, beantwortet in einer Talkshow die Fragen der Zuschauerinnen.

„Lindas Zeit als Aktivistin würde einen eigenen Film füllen“, sagt Gloria Steinem, die Gründerin von Ms., die die Filme macher, genau wie die Juristin und Anti-Porno-Aktivistin Catharine MacKinnon, als Beraterin gewinnen konnten. „Der Film zeigt nicht das wahre Ausmaß der Brutalität“, erklärt Steinem, „und auch nicht, dass man jahrelang versucht hat, Linda unglaubwürdig und lächerlich zu machen“. Dennoch findet sie das Resultat gelungen: „Mir hat es die Tränen in die Augen getrieben, als ich daran dachte, wie sehr sich Linda darüber gefreut hätte, dass die Welt jetzt ihre wahre Geschichte sieht.“

Linda Marchiano starb 2002 bei einem Autounfall. Drei Jahre nach ihrem Tod feierte die Dokumentation „Inside Deep Throat“ über den „Tabubruch“ gegen das puritanische Amerika einen Welterfolg. Die Presse jubelte. Das Martyrium von Linda Lovelace erwähnt der Film mit keinem Wort – Übrigens: In Deutschland hat „Lovelace“ bisher keinen Kino-Verleih gefunden.

Mehr zum Film "Linda Lovelace - Pornostar" auf 3SAT.

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Outside Deep Throat

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Im Foyer des Kölner Cinedom helfen junge langhaarige Hostessen in schwarzen Tops (mit einem weit geöffneten blutroten Frauenmund als Logo) gerne weiter. „Inside Deep Throat? Die Treppe rauf, Kino 5. Viel Spahaß!“

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In Kino 5 erklärt ein blonder Jüngling im Nadelstreifensakko dem Publikum im Auftrag von Constantin Film, was in dem „Superfilm“ Sache ist. Superschade eigentlich, dass er zu jung ist, um damals selbst dabei gewesen zu sein. Es war nämlich bestimmt supercool, sich 1972 "Deep Throat" im Kino anzuschauen. Denn, weiß er, „es konnte passieren, dass die Nachbarreihe dabei mal eben ’n Blowjob gemacht hat.“ (Will sagen: Oralverkehr.) Hihi.

Am allercoolsten findet der junge Mann allerdings, wie viel Kohle ‚Deep Throat‘ den Machern gebracht hat. „Es hat 25.000 Dollar gekostet, den Film zu machen, und eingespielt hat er 600 Millionen!“

Nach der Vorführung sind alle noch zur Party in einem Kölner Club eingeladen. „Mit’n bisschen Gogo und kleinen Schweinereien.“ Höhö. Dann surrt der Projektor. "Inside Deep Throat", der Dokumentarfilm über "Deep Throat", beginnt.

"Deep Throat" ist der wohl berühmteste Pornofilm der westlichen Welt. Erstens, weil er der erste Pornofilm ist, der die Nische der schmierigen kleinen Pornokinos verließ, und in den großen Häusern Millionen einspielte (die übrigens alle von der Mafia kassiert wurden, die in den USA die Faust auf den Pornokinos hat).

Die „Handlung“: Eine Frau, die beim Sex nichts empfindet, geht zum Arzt. Der stellt fest: Kein Wunder, denn ihre Klitoris sitzt im Hals. Was im Rest des Films passiert, dürfte klar sein.

Der junge Mann im Nadelstreifen weiß folgendes nicht, darum erinnern wir: 1972, das war die Zeit der Frauenbewegung und die Zeit, in der Frauen ihre Lust entdeckten. Das körperliche Zentrum dieser Lust, das machten sie den Rein-Raus-Fans klar, ist die Klitoris (das physiologisch weibliche Pendant zum Penis). Dieses Lustorgan verpflanzten die Macher von "Deep Throat" (Tiefer Rachen) nun in den Frauenhals.

Doch angeblich war "Deep Throat" gar kein Angriff auf das aufkeimende (sexuelle) Selbstbewusstsein der Frauen, sondern eine kühne Attacke gegen die reaktionären, sexfeindlichen Puritaner. Im Zuge der „sexuellen Revolution“ galt der Film als „sexuell befreiend“. Promis von Jack Nicholson bis Jackie Kennedy zeigten sich an den Kinokassen.

Acht Jahre nach seinem Start wird "Deep Throat" noch einmal zum Politikum. Hauptdarstellerin Linda Boreman, Künstlername Linda Lovelace, veröffentlicht ein Buch, Titel "Ordeal" (Martyrium), deutscher Titel: "Die Wahrheit über Deep Throat". In diesem Buch schilderte die New Yorkerin, unter welchen Umständen sie zur gefeierten Pornoqueen wurde.

Mit 20 Jahren trifft die junge Frau aus dem ebenso puritanischem wie brutalem Elternhaus Chuck Traynor. Der Ex-Marine, Vietnam-Veteran und Jaguar-Fahrer hilft ihr zunächst, ihre Eltern zu verlassen, sodann entpuppt er sich als Ex-Bordellbesitzer auf der Suche nach einer neuen Einnahmequelle. Das „erste Mal“ soll in einem Hotelzimmer mit fünf Geschäftsmännern stattfinden. Als Linda sich weigert, droht Traynor ihr, sie zu erschießen.

„‚Zieh deine Kleider aus, oder du bist eine tote Nutte!‘, sagte er. Plötzlich wusste ich, dass er mir nichts vormachte. Er würde mich erschießen. Ich zog stumm meine Kleider aus, Tränen rannen mir übers Gesicht, ich zitterte am ganzen Körper. Jener Tag, jene Stunde, jener Augenblick war der Wendepunkt in meinem Leben. Und ich frage mich: Würde ich dasselbe wieder tun? Würde ich das alles noch einmal durchmachen? Nein. Heute hätte ich mich für die Kugel entschieden.“

Linda Boreman wird Chuck Traynors Gefangene. Er behält alles Geld (inclusive der 1.200 Dollar, die sie später für "Deep Throat" bekommt), sie muss ihn um Erlaubnis fragen, wenn sie duschen, schlafen, essen will. Er schlägt und tritt sie grün und blau, zwingt sie mit vorgehaltener Waffe zum Sex mit Hunden. Er führt ihr Gartenschläuche in den After ein und dreht auf. Und er „übt“ mit ihr, wie sie ihre Halsmuskulatur so entspannen kann, dass sie einen Penis komplett aufnehmen kann – ihre Schlüsselqualifikation für "Deep Throat".

Acht Jahre später wird Linda Boreman, die Hauptdarstellerin des „Befreiungs“-Pornos "Deep Throat", zur Kronzeugin der Feministinnen im Kampf gegen Pornografie und Sexualgewalt.

Doch über all das erfahren wir in dem Dokumentarfilm von Fenton Bailey und Randy Barbato nur am Rande. Dafür alles über das prüde Amerika und die Richter, die "Deep Throat" auf den Index setzten mit dem Argument, der Film „bestärke die Frau im Glauben an einen klitoralen Orgasmus“. Was nicht ohne Ironie ist.

Folgt der Reigen der Pornografen. „Der Film zeigte auf, dass Frauen ein Recht auf ein eigenes Sexualleben haben“, erklärt Larry Flint, der in seinem Porno-Magazin Hustler als erster realistische Fotostorys über Vergewaltigungen zeigte. Playboy-Herausgeber Hugh Hefner, der darauf brannte, Linda Lovelace bei seinen Sexpartys bei der Penetration durch einen Hund zuzusehen und Schriftsteller Norman Mailer, der seine Ehefrau in einem „Anfall von Eifersucht“ erstach, stimmen zu. Hier geht es um die wahre Befreiung der Frau!

Und der Protest der Feministinnen? Prüde, männerfeindliche Zicken. Linda Boreman? Unglaubwürdig und hysterisch.

„Linda brauchte immer jemanden, der ihr sagte, was sie tun sollte. Dann war sie glücklich. Als sie Deep Throat drehte, war sie glücklich“, erzählt der Ex-Friseur und Deep Throat-Regisseur Gerard Damiano.

Bei Linda Boreman klingt das etwas anders. Die Filmcrew war im Nebenzimmer, als Chuck Traynor sie so zusammentrat, dass Linda laut um Hilfe schrie. Niemand kam. Regisseur Damiano gerät erst am nächsten Tag in Rage, als er die blauen Flecken an den Beinen seiner Hauptdarstellerin sieht. Sie werden überschminkt.

Und die Medienreaktionen 2005? „Linda Lovelace hatte Orangenhaut und Hängetitten“, ist der einzige Kommentar, den neon, das Magazin für den hippen Twen, dem Regisseur des Dokumentarfilms entlockt. Auch auf vier Seiten Playboy findet sich, klar, kein einziges Wort über Lindas Martyrium, im Gegenteil: „Goldkehlchen Lovelace genießt die Jahre als Filmstar.“

Im Spiegel ist Linda Boreman ebenfalls eine „haltlose junge Frau auf der Suche nach ihren 15 Minuten Ruhm“, aber immerhin erfahren die LeserInnen, dass sie ihre Rolle „angeblich unter Gewaltandrohung“ spielte. Angeblich. Linda Boreman selber kann zu all dem leider nichts mehr sagen: Sie starb im Jahr 2002 bei einem Unfall.
Vor dem Kölner Club Triple A bieten inzwischen langhaarige Studentinnen in Krankenschwester-Kostüm mit Häubchen und Strapsen à la Lovelace auf Silbertabletts die angekündigten „kleinen Schweinereien“ an: blutrote Weingummi-Münder. Der glatzköpfige Fotograf eines Regionalmagazins erscheint. „Schiebt sie euch rein, Mädels“, feuert er die Damen an. „Wir machen jetzt hier mal ’n bisschen Deep Throat!“ Die Lindas kichern.

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