Ein Plädoyer für das Unkraut

Brunhilde Bross-Burkhardt in ihrem Garten - mit Unkraut. © Edgar Burkhardt
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Als studierte Vegetationskundlerin mag ich generell alle Pflanzen, auch diejenigen, die als Unkräuter abgestempelt sind. Als gärtnernder Privatmensch stehe ich den Unkräutern allerdings zwiespältig gegenüber. Unkräuter sind für mich, ich bekenne es, Lust und Last zugleich. In letzter Zeit schlägt das Pendel eher zur Last hin aus. Denn objektiv betrachtet vereinnahmt der Umgang mit dem Unkraut, mit dem überbordenden Aufwuchs auf Gemüse- und Staudenbeeten und an Wegrändern, doch ziemlich viel von meiner knappen Zeit, die ich als gärtnernde Autorin überhaupt im Garten zubringen kann.

Unkraut ist Ausdruck der Persönlichkeit

Ich hadere manchmal mit mir, dass ich eine solch nutzlose Arbeit verrichten muss und weit und breit niemand da ist, der sie mir abnehmen könnte. Vor Jahrzehnten musste ich mir solche Gedanken noch nicht machen. Anfangs war mein Garten noch ziemlich unkrautfrei. Doch der unkrautfreie Zustand war nur von kurzer Dauer. Rasch entwickelte sich eine vielfältige Vegetation, denn ich greife nicht allzu rigoros ein und lasse manche Pflanze stehen, die blüht und ihre Samen ausstreut. Ich finde wild aufkommende Pflanzen mit ihren besonderen Gestalten ebenso ästhetisch wie Zierpflanzen. Mir gefällt es, wenn die Nesselblättrige Glockenblume unverhofft im Staudenbeet auftaucht oder wenn die Zaunwinde einen Maschendrahtzaun erobert.

Ich finde, dass mein leicht verunkrauteter Garten auch Ausdruck meiner Persönlichkeit ist, die Neues, Ungeplantes zulässt, die streng Geregeltes und Abgezirkeltes überhaupt nicht mag. Ich lasse der Natur gerne ihren Lauf.

Überall, wo ich mich aufhalte, regis­triere ich, welche Arten an diesem speziellen Standort wachsen und kann aus der Zusammensetzung vieles über den Boden und das Kleinklima ablesen. Weil sie Standorteigenschaften ziemlich genau anzeigen, werden viele Unkräuter deshalb in der Fachsprache auch als Zeigerpflanzen bezeichnet.

Der Acker-Schachtelhalm beispielsweise deutet immer auf Staunässe und Stauschichten im Bodenuntergrund hin. Besonders interessant finde ich Ödland und Bahndämme. Bahnfahrten und Wartezeiten auf Bahnhöfen sind nie langweilig für mich, weil sich im Bahnschotter eine besondere Flora zeigt. So finde ich es auch hochinteressant, über Jahrzehnte die Vegetationsentwicklung in meinem Garten ­beobachten zu können. Manche Pflanzenarten kommen, andere ziehen sich zurück. So war vor Jahren die Acker-Lichtnelke – ein betörend duftender Abendblüher – plötzlich auf meinen Gemüsebeeten. Wärmeliebende Arten wie die Hühnerhirse oder der Vielsamige Gänsefuß sind ebenfalls eingewandert und breiten sich auf den Beeten aus. In Kästen und Töpfen kamen plötzlich einzelne Pflanzen des schön und lange blühenden Schmalblättrigen Hohlzahns auf. Den sehe ich sonst nur auf Bahndämmen. Der Hornfrüchtige Sauer­klee mit seinen rötlichen Blättern und dottergelben Blüten hat sich schon länger in Töpfen und im Erdbeerbeet angesiedelt und hält sich hartnäckig.

Es liefert 
Informationen über den Garten

Bei den Neueinwanderern ist oft nicht klar, wie sie in den Garten gelangten; ob sie von alleine (also durch Zuflug, über Tiere, über verunreinigtes Saatgut oder mit Blumenerde) aufkamen. Oder ob nicht ich selbst es war, die ihnen zum Einzug in meinen Garten verhalf. Denn ich streife oft durch die Botanik und bringe da sicher manchmal unabsichtlich Fruchtstände und einzelne Samen in den Garten mit – als Anhängsel an Schuhen oder Kleidung oder mit Wildblumensträußen.

Auch manche Kulturpflanzen sind verwildert und suchen sich ihren Platz. Ich bezeichne diese Arten gerne als „Gartenvagabunden“. Die Rede ist von der Süßdolde mit ihren farnartigen Blättern, von der Kronen-Lichtnelke mit ihren samtigen bläulich-grünen Blättern oder vom duftigen Gelben Lerchensporn.

Bei mir dürfen sie alle leben. Fast alle. Die den Boden durchziehenden Wurzelunkräuter Acker-Schachtelhalm, Giersch und Acker-Winde, die viel Jätarbeit mit sich bringen, möchte ich nicht im Garten haben. Und Brombeerranken und Gehölzsämlinge entferne ich ebenfalls. Denn sonst würde mein Garten in kürzester Zeit zum Gebüsch und schließlich zu einer Art Wald.

Auch ökologisch wirtschaftende Bauern und Gärtner müssen pflügen, hacken, abflammen und das Unkraut mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen. Denn sonst würden die konkurrenzkräftigen Unkräuter die schwächeren Nutzpflanzen bedrängen oder gar verdrängen, sodass es nichts mehr zu ernten gäbe.

In meiner privaten Umgebung stehe ich mit meiner toleranten Einstellung zum Unkraut auf ziemlich verlorenem Posten. Ich brauche mich nur in den Gärten in meiner Nachbarschaft umzuschauen. Da bleibt kein einziges wild aufkommendes Kraut stehen. Die Nachbarn, die ich insgeheim als „Kehrwochengärtner“ bezeichne, zupfen, rupfen und kratzen mit Inbrunst jedes Kraut aus den Fugen oder hacken es vom Beet. „Unkraut“ muss weg, es muss bekämpft werden. Der Garten soll aufgeräumt sein wie ein Wohnzimmer. Und dieses Ziel wird mit vielen im Gartencenter angepriesenen Gerätschaften und viel Energie verfolgt. Die harmlose Taubnessel wird genauso ausgerissen wie die Wilde Waldrebe oder der Efeu.

Wenigstens nehmen die Kehrwochengärtner keine Herbizide, sondern gehen mechanisch vor und verbringen so ihre Tage auf Kissen oder Knieschonern kniend dem Unkraut hinterherarbeitend. Irgendwie kann ich es da schon verstehen, dass sie, wenn ihnen das Knien doch zu viel wird, gleich den Garten zupflastern oder zuschottern, um die Mühe des Unkrautjätens vom Hals zu haben.

Und scheinbar macht es manchen Angst!

Meine Erklärungen und Hinweise auf die wichtige ökologische Funktion der Unkräuter, selbst über den direkten Nutzen als Bienenweidepflanzen, wollen meine Nachbarn nicht hören. Manchmal höre ich unschöne Begriffe, wenn sie von Pflanzen sprechen. „Dreck“ ist noch ein harmloser Ausdruck. Die Kehrwochengärtner wollen auch gar nicht wissen, wie die Arten heißen, geschweige denn, wie sie sich vermehren und ausbreiten, welchen Insekten und Schmetterlingen sie Lebensraum bieten. Ich stelle mir vor, dass unkontrolliert wachsende Vegetation Urängste in ihnen weckt. Urängste vom Verschlungenwerden in der Wildnis ... Ein weites Feld für die Tiefenpsychologie tut sich da auf.

Schon über die Vorsilbe „un“ mit ihrem abwertenden Beiklang lässt sich sinnieren. Sie rückt das Unkraut in die Nähe des Unglücks bzw. Unbills. Oder die Redewendung „Unkraut vergeht nicht“. Der Duden versteht unter Unkraut Pflanzen, die zwischen Nutzpflanzen wild wachsen „und deren Entwicklung behindern“. Diese Definition bezieht sich jedoch nur auf den Ackerbau und den Gartenbau und greift etwas kurz. Wer von Unkraut spricht, meint damit Kraut im Plural. Ein Unkraut kommt selten allein – es erscheinen viele Exemplare einer Art und/oder eine Vielzahl von Arten. Aus der Tatsache, dass seit einiger Zeit viele den Begriff Unkraut gerne umschiffen und lieber von Beikraut oder Wildflora sprechen, kann man schließen, dass ein Umdenken im Gange ist und eine gewisse Toleranz Raum greift. Hoffnung für das „Unkraut“.

Den Gundermann oder das Pfennigkraut unter Sträuchern einfach wachsen lassen, das wäre schon ein Anfang. Unkräuter geradezu als Aushängeschild eines Gartens, als bewusst gesetzter Kontrapunkt zu den um sich greifenden steinernen, öden Vorgärten gesetzt, das wäre doch etwas! Ein Plädoyer also für Brennnessel, Ehrenpreis & Co., die mit ihren interessanten Formen und vielfältigen ökologischen Funktionen Garten- und Siedlungsräume bereichern. Ich bekenne mich dazu!

Brunhilde Bross-Burkhardt
Die Agrarwissenschaftlerin lebt in Langenburg/Baden-Württemberg. Sie hat sich der Botanik und dem biologischen Land- und Gartenbau verschrieben.

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Der Text ist ein Nachdruck aus: Die Philosophie des Gärtnerns (Hrsg. Blanka Stolz, Mairisch Verlag, 18.90 €)

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Die Wildblumensammlerin

Karin Böhmer sammelt selten gewordene Wildblumen. © Christopher Mavrič
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Wer zu Karin Böhmer vordringen möchte, wird im Innenhof ihres alten Gehöfts zuerst einmal von vier großen Ziegen mit angstgeweiteten Augen empfangen, die einen so entgeistert anstarren, als hätte man sich vom Mars kommend neben ihnen materialisiert. Nebenan im Stall blöken Schafe. Klopft man dann zwischen Büscheln von weiß blühendem Bärlauch und lila Taubnesseln an die niedrige Haustür aus Holz, ertönt von drinnen ein heiseres, rhythmisches Keuchen, das nur vage an Hundegebell erinnert. Die Tür öffnet sich, heraus stürmt erst Karin Böhmers alter Hund Bärli, ein begeistert wedelnder schwarz-weiß-braun gefleckter Australian Shepherd, gefolgt von Karin Böhmer selbst, die schon Mitte April die gut ­gebräunte Gesichtsfarbe all jener besitzt, deren Arbeit sich großteils unter freiem Himmel abspielt.

Von 900 Wild-
blumenarten sammelt Böhmer die Samen

Im Moment sei Hauptbestellzeit, aber heute sei ein ruhiger Tag, sagt Karin Böhmer kurz darauf bei einer Tasse Tee in ihrer Küche, um sogleich von einem im Minutentakt scheppernden Telefon eines Besseren belehrt zu werden. Sie schaltet es grinsend auf lautlos. Drei Katzen, die wohlig hingestreckt auf Sesseln und Fensterbrett lagern, schauen kurz auf. „Die Katzen sind ganz besonders wichtig“, erklärt sie. Wichtig sind sie deswegen, weil es hier auf dem Hof im winzigen Waldviertler Dorf Voitsau, wo Karin Böhmer seit 30 Jahren lebt, vor allem um eins geht: um Saatgut, das nicht von Mäusen gefressen werden soll, genauer gesagt: um die Samen von Wildblumen, die Karin Böhmer sammelt und vertreibt. Das ist ihre Arbeit.

Auf den ersten Blick mag man das für eine äußerst randständige Beschäftigung halten, gar für ein Orchideenfach im wörtlichen Sinn, denn auch heimische Orchideenarten wie das extrem rare Stattliche Knabenkraut stehen auf der Liste der rund 900 Wildblumenarten, von denen Karin Böhmer und ihr kleines Team von Mitarbeiterinnen Samen ­sammeln – auf Feuchtwiesen und Wie­sen­rainen, Trockenrasen und an Gehölz­rändern, auf Magerwiesen und Schotterflächen. Insgesamt 12 Hektar ökologisch wertvoller Flächen rund um Voitsau hat Karin Böhmer dafür gepachtet. Dazu kommen noch ein paar Hundert Hektar Flächen in der Steiermark, in Kärnten und im Burgenland – von Hochalmen über Flusstäler bis zu Auwäldern. Seit 2013 darf Karin Böhmer auch in aus­gewählten niederösterreichischen Naturschutzgebieten sammeln. Für einzelne geschützte Arten, die auf ihren Pacht­flächen rund um Voitsau wachsen, hat sie zudem eine eigene Sammel-Erlaubnis von der Naturschutzabteilung des Landes Niederösterreich.

Das Stattliche Knabenkraut zum Beispiel blüht im Mai gleich am Ortsrand von Voitsau an einem schmalen Trockenrasenhang. Viele Hundert dieser hohen, streng geschützten Wildorchideen mit ihren aus lila Einzelblüten zusammen­gesetzten Blütenähren wachsen hier auf ­einem kleinen Fleck. Die Knabenkraut-Trockenwiese ist das Produkt von rund 2.000 Jahren bäuerlicher Fürsorge und beherbergt mehr als hundert Pflanzenarten, erzählt Karin Böhmer, die die Wiese von einem Bauern aus dem Ort ­gepachtet hat. Sie lässt sie mähen und das Heu zu Heudrusch ausdreschen. Zusätzlich sammelt sie hier auch händisch die Samen verschiedener Wildpflanzen. So bleibt die alte Wiese erhalten, ihre Samen kommen in Umlauf und verbreiten sich. „Wiesen sind Kulturlandschaften, die in ihrem Erhalt auf den Menschen angewiesen sind, weil sie gemäht oder beweidet werden müssen, um nicht zu verwalden.“ Der Wiesen-Besitzer bekommt zusätzlich zur Pacht noch eine EU-Naturschutz-Zahlung. In Summe ist das etwa gleich viel, wie er mit dem Holz einer Aufforstung hätte verdienen können.

Normalerweise ist das Aufforsten das typische Schicksal uralter Wiesenflächen wie dieser. Nach modernen bäuerlichen Standards geben sie mit ihrem niedrigen, artenreichen Bewuchs als Futterwiese zu wenig her. Ihre arbeitsintensive Pflege zahlt sich demnach nicht aus. Deshalb sieht man auf den Hügeln ringsum viele junge Fichtenwälder. Ungezählte Waldviertler Wiesen sind in den letzten Jahrzehnten solchen Waldmonokulturen ­gewichen. Doch langsam findet ein Umdenken statt. Und genau deshalb läutet auch Karin Böhmers Telefon so oft.

Wenn sich die Vielfalt reduziert, hat das fatale Konsequenzen

Die Anrufer bestellen bei ihr Wildblumen-Samenmischungen. Karin Böhmer erkundigt sich dann genau nach Standort, Sonneneinfall, Bodenbeschaffenheit, Wassergehalt und Mikroklima der Flächen, auf denen die gewünschten Pflanzen ausgesät werden sollen. Dann klettert sie, immer begleitet von Bärli, die schmale Wendeltreppe zu ihrem großen Dachboden hinauf, wo in hunderten Laden von alten Apotheker- und Greißlereischränken, in Kübeln und Bechern, Papiersäcken, Wannen und Schachteln die verschiedenen ­Samen lagern, fein säuberlich beschriftet mit ihrem botanischen Namen, Fundort, Datum und Menge. „Scabiosa triandra, Hausleiten, 50 g, 22.7.2015“ steht auf ­einem Zettel, der mit einer Wäscheklammer an einem im Holzgebälk aufgehängten, zusammen geknoteten Leintuch befestigt ist. „Bromus erectus, Hausleiten 2015“ steht auf einem anderen Bündel. Hausleiten ist der alte Flurname der steilen Hangwiese gleich hinter Karin Böhmers Hof.

Im Lauf der Saison wird der Dachboden immer voller mit Bündeln voller getrockneter Fruchtstände. Manche Pflanzen haben große Samen und lassen sich leicht sammeln, andere machen es ­einem schwer und sind besonders arbeits­intensiv. „Für eine Handvoll Veilchen brauchst du eine Stunde“, lacht Karin Böhmer. Bis zum Herbst sieht man dann vor lauter Bündeln mit Fruchtständen kaum mehr das Dachbodengebälk. Erst im Winter ist Zeit, die Rohsamen zu reinigen, bis nur mehr die reinen Samen ­übrigbleiben, die dann in die vielen Laden kommen. In diese greift Karin Böhmer dann, um für jeden Auftraggeber seine ­individuelle Mischung zusammenzustellen. „Die Aussaat funktioniert umso besser, je ähnlicher die neuen Standorte den Standorten sind, von denen die Samen herkommen“, erklärt sie, „und wir können von jedem Samen nachweisen, von welchem Naturstandort er stammt.“ Neuerdings existiert dafür auch ein Gütesiegel (www.rewisa.at).

In diesem für Außenstehende völlig undurchschaubaren Universum des Wildpflanzen-Saatguts bewegt sich Karin Böhmer mit der schlafwandlerischen ­Sicherheit einer initiierten Alchimistin. Sie ist die Einzige, die sich hier wirklich auskennt und für jeden Fall eine Lösung hat: Da fragen Weinbauern nach speziellen Trockenrasenuntersaaten für ihre Weingärten, Imker nach Bienentracht-­Mischungen. Hausgartenbesitzer wollen verschiedene Wildgemüsearten anbauen und suchen nach speziellen Pflanzen für feuchte Teichufer oder heißtrockene ­Garagendächer, für Dachterrassenbeete, Schotterflächenbegrünungen oder bunte Wildblumenwiesen. Landwirte klopfen bei Karin Böhmer an, weil sie Blühstreifen mit Pflanzen anlegen wollen, die besonders gern von Bienen besucht werden. Gemeinden, weil sie sich auf ihrem Ortsgebiet statt Rasenstücken vielfältige Blumenwiesen wünschen oder Ackerwildkräuter für den Ortsanger. Es sind viele Hunderte Aufträge im Jahr, immer häufiger stammen sie von Gemeinden und anderen öffentlichen Stellen. Auch Straßenbauprojekte, pharmazeutische Institute oder Nationalparks gehören zu Karin Böhmers Kunden.

„Viele Gegenden haben wirklich keine Blumen mehr, und jetzt brennt langsam ein bissl der Hut“, sagt Karin Böhmer. Nicht nur, weil sich Österreich im Rahmen der 1993 in Kraft getretenen internationalen Biodiversitäts-Konvention verpflichtet hat, bestimmte Pflanzenarten und die Vielfalt unterschiedlichster Ökosysteme zu erhalten, die stetig zurückgedrängt werden. Sondern auch, weil sich immer deutlicher zeigt, dass ohne Wildblumen bald auch die Insekten ausbleiben und mit ihnen die Befruchtung von Nutzpflanzen. „Die steirischen Obst- und Kürbisbauern haben Probleme mit der Bestäubung, weil es nur mehr so wenig Blütenvielfalt in der Gegend gibt“, ­erklärt Karin Böhmer. Wo – wie etwa auch im Innviertel –  fast nur mehr intensiv gedüngte Grünfutter- oder Ackerflächen mit ein paar wenigen Pflanzenarten existieren, schaut es bald traurig aus für die Vielfalt.

Darum ist die Beschäftigung mit Wildblumenwiesen beileibe kein exotischer Zeitvertreib. Hört man Karin Böhmer, die auf der BOKU Landwirtschaft studiert hat, zu, versteht man rasch, um was für ein zentrales Thema es sich handelt. Nicht nur sind Wildblumenwiesen „die vielfältigsten Lebensräume in unseren Landschaften“. Während moderne, hochwüchsige, gedüngte Futterwiesen kaum für mehr als 10 bis 20 Pflanzenarten Lebensraum bieten, sind es auf alten Wildblumenwiesen bis zu 100 und mehr. Dementsprechend beherbergen sie nachgewiesenermaßen auch ein Zehnfaches an Insekten, Nagetieren, Spinnen oder Würmern. Dazu kommt: Der Boden unter solchen Wiesen ist so intensiv, dicht und tief bewurzelt, dass sie auch als Ero­sionsschutz, Wasserspeicher und Wasserreiniger eine wesentliche Rolle spielen. „Deswegen melden sich jetzt auch immer mehr Ziviltechniker, die uns mit der ­Begrünung von Retentionsbecken beauftragen, die jeder Bau von Straßen, Einzelhäusern, Siedlungen oder Gewerbegebieten verpflichtend braucht, damit dort Regenwasser zurückgehalten und gereinigt werden kann“, sagt Karin Böhmer, „Da wird jedem klar, was für einen direkten Nutzen die Vielfalt hat“.

Wiesen müssen als Teil der Kultur erhalten werden

Mindestens ebenso sehr bewähren sich gute Wildblumenflächen im Zusammenhang mit Wetterextremen. „Gedüngte Futtergrünflächen sind in extrem heißen Sommern richtig vertrocknet. Auf Wildblumenwiesen hingegen, wo 100 Arten wachsen, profitieren im einen Jahr die einen von mehr Trockenheit, im nächsten die anderen von mehr Regen.“ Solche Wiesen schauen jedes Jahr anders aus: gelebte Vielfalt sozusagen. Das kommt daher, dass Wildblumenwiesen es gewohnt sind, mit ­irgendeiner Form von Mangel oder ­Beschränkung umzugehen. Bei einer Magerwiese ist es der nährstoffarme Boden, bei Trockenrasen die geringe, bei Feuchtwiesen die sehr große Feuchtigkeitsmenge und bei Alm- und Bergwiesen die Beschränkung durch eine sehr kurze Vegetationsperiode. „Richtig vielfältige Wiesen müssen immer mit einem Mangel zurechtkommen. Deshalb leben dort auch so viele Arten nebeneinander, weil nie eine Art auf Kosten der anderen überhandnehmen kann.“

Und überhaupt, sagt Karin Böhmer, sollten alte Wiesen als Teil unserer Kultur und Tradition erhalten werden „wie alte Bauernhäuser“. Sagt’s, stopft sich zwei alte Polsterüberzüge unter den Gürtel und geht hinterm Haus die steile Hausleiten-­Wiese hinauf, wo gerade die Samenstände des gelben Frühlingsfingerkrauts und der Nelkensegge reif zum Sammeln sind. Dann sieht man Karin Böhmer wie so oft auf einer Wiese hocken und mit spitzen Fingern Pflanzensamen in Polsterbezüge klauben. Bärli ist immer mit dabei. Und auch ihre Ziegen, Schafe und Pferde sind nie sehr weit. Denn mit den vereinten Kräften von Mensch und Tier lassen sich alte Wiesen am besten pflegen.

Julia Kospach
 

Im Netz
www.wildblumensaatgut.at
und www.rewisa.at

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