Eine Lehrerin wehrt sich!

Birgit Ebel (Mitte) in Herford mit jungen MitstreiterInnen der Anti-Salafismus-Initiative „extremdagegen“.
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Am 26. September 2019 flattert Birgit Ebel ein Strafbefehl über 5.000 Euro ins Haus. Zunächst versteht die Bielefelder Lehrerin, die an einer Schule in Herford Deutsch und Geschichte unterrichtet, gar nicht, worum es überhaupt geht. Als sie es schließlich begreift, ist sie zunächst fassungslos, dann wird sie „unheimlich wütend“.

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Eine Richterin vom Amtsgericht Herford hat Birgit Ebel der „üblen Nachrede“ für schuldig befunden. Anzeige erstattet hatten die türkischen Eltern eines Mädchens. Die 17-Jährige hatte sich am 13. Januar 2019 in Herford vor einen Zug geworfen, ihr Leben war nicht mehr zu retten. Knapp zwei Wochen ­später, am 25. Januar, postet Birgit Ebel einen Text auf Facebook. Darin schreibt sie unter anderem: „Ich frage mich, wie diejenigen, die sich durch ihr Handeln mitschuldig an dem Suizid des Mädchens gemacht haben, mit dieser Katastrophe klarkommen.“ Um diesen Post geht es.

Das Mädchen wurde gemobbt, als
Schlampe und Hure beschimpft

Birgit Ebel kannte das Mädchen nicht. Aber sie hatte gehört, was passiert war, denn das hatte sich auch an ihrer Schule wie ein Lauffeuer herum­gesprochen. Die 17-Jährige war auf einer Silvesterparty fotografiert worden: Drei Jungen hatten an der offensichtlich betrunkenen jungen Frau sexuelle Handlungen vorgenommen, die man wohl als sexuelle Übergriffe bezeichnen muss. Das Foto ging von Handy zu Handy, das Mädchen wurde als „Schlampe“ und „Hure“ beschimpft.

Die Familie des Mädchens erfuhr sehr wahrscheinlich erst an jenem 13. Januar von dem Foto. Denn an diesem Tag kam es zum Streit. Das berichtet eine enge Freundin des Mädchens, eine ehemalige Schülerin, die Ebel kannte. „Sie hat mir erzählt, dass sie am 13. Januar einen panischen Anruf der Mutter bekommen habe. Die Mutter fragte, ob sie wüsste, wo ihre Tochter sei. Es habe einen schlimmen Streit gegeben und sie habe nun Angst, dass die Tochter sich etwas antun könnte.“

Die muslimische Familie des Mädchens hängt ganz offensichtlich einer erzkonservativen Ausrichtung des Islam an. Sie frequentiert die örtliche Ditib-Moschee, in der auch die Trauerfeier für das Mädchen stattfand. Die Moschee war im April 2018 bundesweit in die Schlagzeilen geraten: Kleine Jungen in Kampfanzügen waren bei einer Feier zum 102. Jahrestag der Schlacht von Gallipoli (in der das Osmanische Reich 1916 die Alliierten im Ersten Weltkrieg besiegte) mit Waffen-­Attrappen durch die Moschee marschiert und hatten Krieg gespielt. Am Ende lagen einige von ihnen „tot“ als Märtyrer unter der türkischen Flagge, während sie von kleinen Mädchen mit Kopftüchern „betrauert“ wurden.

Lokalpolitiker waren entsetzt, bezeichneten die Aktion als „der Integration absolut abträglich“. Der Paderborner Bundestagsabgeordnete und CDU-­Vizevorsitzende Carsten Linnemann erklärte, der Vorfall zeige, dass „Parallelgesellschaften nicht nur existieren, sondern dass sie sich auch verfestigen“. Auch Birgit Ebel kritisierte das Kriegs­spektakel in der Moschee scharf. „Diese Art nationalistischer Aufstachelung kommt auch zu uns an die Schulen“, erklärte sie.

Bereits im Sommer 2014 hat die Lehrerin, aktiv bei Terre des Femmes und Mitglied der Grünen,  die Initiative „extremdagegen“ gegründet: ein Deradikalisierungs-Projekt gegen die Agitation der Salafisten, die auch in Herford erfolgreich ihr Unwesen treiben. Dank ihres unermüdlichen Engagements gilt Ebel bundesweit als kundige Islamismus-­Expertin – und ist als solche so manchen in Herford und anderswo ein Dorn im Auge. Zu denen dürfte auch die besagte DITIB-Moschee gehören.

Die Pädagogin bespricht den Fall im Unterricht mit ihren SchülerInnen

In ihrem Facebook-Post vom 25. Januar erwähnt Ebel, dass die Trauerfeier dort stattgefunden hat. Und sie schreibt: „In einer Gesellschaft und Kultur, die so derartig absurd mit Sexualität und vorehelicher Sexualität umgeht, die so frauenfeindlich ist und die vielbeschworene Jungfräulichkeit bis zur Ehe einfordert, sind Mädchen und Frauen faktisch in einer permanent lebensbedrohlichen Situation.“

Als Birgit Ebel an diesem Tag in die Schule geht, hat sie Ausdrucke ihres Textes dabei. In einer zwölften Klasse behandelt sie gerade Kleists „Die Marquise von O“, die Geschichte einer jungen Frau, die durch eine Vergewaltigung schwanger und von ihren Eltern verstoßen wird. Am Ende heiratet sie den Vergewaltiger, um ihre Ehre zu retten. Die Pädagogin findet es naheliegend, den Selbstmord des Mädchens als aktuelles Beispiel für Frauenfeindlichkeit und Doppelmoral mit ihren SchülerInnen zu besprechen.

Ebel redet mit ihren SchülerInnen auch über den tragischen Fall von Amanda Todd: Die 15-jährige Kanadierin hatte sich 2012 das Leben genommen, nachdem sie mit Nacktbildern im Internet zunächst erpresst und dann von ihren MitschülerInnen gemobbt worden war. Nach der Stunde ­sammelt sie die Zettel wieder ein.

In der Lokalpresse wird die Richterin jedoch behaupten, die Lehrerin habe an ihrer Schule „Flugblätter verteilt“. „Das stimmt einfach nicht“ widerspricht Ebel. Dennoch steht es so im West­falen-Blatt, das am 18. Oktober über die „Flugblatt-Aktion“ der Lehrerin berichtet – ohne je die Betroffene selbst dazu gefragt zu haben.

Als Birgit Ebel nach den Herbstferien wieder in die Schule kommt, wird sie von feixenden muslimischen Schülern empfangen. „Na, Frau Ebel, wie war’s im Knast?“ Und in den sozialen Medien wird die Forderung nach einer Kündigung der Lehrerin laut.

Soll hier eine unbequeme Stimme zum Schweigen gebracht werden?

Doch es melden sich auch viele andere solidarische Stimmen zu Wort, darunter prominente Herforder Politiker und solche, die Justiz und Presse scharf kritisieren, wie etwa der Vorsitzende des Bielefelder Integrationsrats, Mehmet Ali Ölmez. „Ich weiß aus eigener Erfahrung nur zu gut, was geschieht, wenn man in diesen Zeiten Kritik an der Türkei, am fundamentalistischen Islam und der oft fragwürdigen Praxis vieler Moscheen formuliert“, schreibt Ölmez. „Es folgen massive verbale Angriffe, zuweilen Anzeigen und Kampagnen per Unterschriftenlisten und im Internet. Dasselbe tritt ein, wenn man über Frauenunterdrückung, Zwangsheirat, ausgeübten Fastenzwang, Verschleierung von Frauen, das Kinderkopftuch, die repressive Sexualerziehung und ein falsches Verständnis von ‚Familienehre‘ und ‚Schande‘ spricht oder schreibt. Mein Rücktritt wurde bereits mehrfach durch feindselig motivierte Kampagnen gefordert.“

Ein weiterer Leserbrief-Schreiber stellt sich die Frage, „inwieweit die DITIB die Anzeige gegen die Pädagogin forciert hat“. Und ein weiterer schreibt: „Für mich hat das ein Geschmäckle, als solle hier eine unbequeme, weil ehrliche Stimme zum Schweigen gebracht werden.“ Und ein dritter: „Diese Frau ist ein Vorbild in Sachen Zivilcourage. Ich hoffe sie lässt sich nicht den Mund verbieten.“

Das hat Birgit Ebel nicht vor. Sie findet es ungeheuerlich, dass dieser Post, „in dem ich noch nicht mal einen Namen genannt habe, nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt sein soll!“. Gegen den Strafbefehl hat sie Einspruch eingelegt. Der Termin für die Gerichtsverhandlung stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

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Lehrerinnen fordern: Handelt endlich!

Julia Wöllenstein, Ingrid König und Ute Vecchio: "Es wird nicht besser, sondern immer schwieriger." - Foto: Bettina Flitner
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Sie kamen zu dritt und hatten einiges zu erzählen. Darüber, was sie an ihren Schulen erleben und was dort alles schiefläuft. Aber auch: was gut läuft. Mit beidem sind sie an die Öffentlichkeit gegangen. Zwei von ihnen, Ingrid König und Julia Wöllenstein, sind so besorgt über die Zustände, dass sie sogar ein Buch geschrieben haben: „Schule vor dem Kollaps?“ und „Von Kartoffeln und Kanaken“. Die dritte in der Runde, Ute Vecchio, hat sich mit ihrer Flüchtlingsklasse für die Filmdoku „Klasse Deutsch“ von einem Kamerateam begleiten lassen.

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Wir EMMAs hatten ja schon einiges gehört, als wir im Herbst 2017 für unser Dossier „Problem Schule“ mit zahlreichen Lehrerinnen gesprochen haben. Marode Gebäude, vernachlässigte Kinder oder muslimische SchülerInnen, die einen Film über Darwin ausbuhen, weil „Allah die Welt erschaffen hat“.

Ein großes Problem: Die völlig getrennten Welten

In dem Gespräch mit Ingrid König, Julia Wöllenstein und Ute Vecchio aber waren wir - Alice Schwarzer und Chantal Louis - regelrecht schockiert. Und zwar vor allem über die völlig getrennten Welten, in denen die Brennpunkt-SchülerInnen – von denen 98 Prozent einen Migrationshintergrund haben – und die deutschen SchülerInnen leben. Und auch von gleichgültigen oder resignierten KollegInnen. Oder von der repressiven Rolle der Schulbehörden, die nur eines wollen: keinen Ärger.

„Meine Kinder meinen ernsthaft, Deutschland sei ein muslimisches Land, in dem auch ein paar Christen leben“, berichtete Ingrid König von ihrer Frankfurter Grundschule. Und Julia Wöllenstein aus Kassel erzählte von einem Theatertreffen mit anderen Schulen, nach dem sich ihre Schülerinnen wunderten: „Wir wussten gar nicht, dass es so viele blonde Kinder mit blauen Augen gibt!“

Die drei erzählten von Kindern, die kaum Deutsch können, und Eltern, denen das egal ist. Aber sie berichteten auch von ihrem erfolgreichen Engagement für diese Kinder und ihrem Kampf darum, dass die Gesellschaft endlich hinschaut. „Man engagiert sich halt, weil einem diese Kinder am Herzen liegen,“ sagt Julia Wöllenstein.

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