Eine Lehrerin wehrt sich!

Birgit Ebel (Mitte) in Herford mit jungen MitstreiterInnen der Anti-Salafismus-Initiative „extremdagegen“.
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Am 26. September 2019 flattert Birgit Ebel ein Strafbefehl über 5.000 Euro ins Haus. Zunächst versteht die Bielefelder Lehrerin, die an einer Schule in Herford Deutsch und Geschichte unterrichtet, gar nicht, worum es überhaupt geht. Als sie es schließlich begreift, ist sie zunächst fassungslos, dann wird sie „unheimlich wütend“.

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Eine Richterin vom Amtsgericht Herford hat Birgit Ebel der „üblen Nachrede“ für schuldig befunden. Anzeige erstattet hatten die türkischen Eltern eines Mädchens. Die 17-Jährige hatte sich am 13. Januar 2019 in Herford vor einen Zug geworfen, ihr Leben war nicht mehr zu retten. Knapp zwei Wochen ­später, am 25. Januar, postet Birgit Ebel einen Text auf Facebook. Darin schreibt sie unter anderem: „Ich frage mich, wie diejenigen, die sich durch ihr Handeln mitschuldig an dem Suizid des Mädchens gemacht haben, mit dieser Katastrophe klarkommen.“ Um diesen Post geht es.

Das Mädchen wurde gemobbt, als
Schlampe und Hure beschimpft

Birgit Ebel kannte das Mädchen nicht. Aber sie hatte gehört, was passiert war, denn das hatte sich auch an ihrer Schule wie ein Lauffeuer herum­gesprochen. Die 17-Jährige war auf einer Silvesterparty fotografiert worden: Drei Jungen hatten an der offensichtlich betrunkenen jungen Frau sexuelle Handlungen vorgenommen, die man wohl als sexuelle Übergriffe bezeichnen muss. Das Foto ging von Handy zu Handy, das Mädchen wurde als „Schlampe“ und „Hure“ beschimpft.

Die Familie des Mädchens erfuhr sehr wahrscheinlich erst an jenem 13. Januar von dem Foto. Denn an diesem Tag kam es zum Streit. Das berichtet eine enge Freundin des Mädchens, eine ehemalige Schülerin, die Ebel kannte. „Sie hat mir erzählt, dass sie am 13. Januar einen panischen Anruf der Mutter bekommen habe. Die Mutter fragte, ob sie wüsste, wo ihre Tochter sei. Es habe einen schlimmen Streit gegeben und sie habe nun Angst, dass die Tochter sich etwas antun könnte.“

Die muslimische Familie des Mädchens hängt ganz offensichtlich einer erzkonservativen Ausrichtung des Islam an. Sie frequentiert die örtliche Ditib-Moschee, in der auch die Trauerfeier für das Mädchen stattfand. Die Moschee war im April 2018 bundesweit in die Schlagzeilen geraten: Kleine Jungen in Kampfanzügen waren bei einer Feier zum 102. Jahrestag der Schlacht von Gallipoli (in der das Osmanische Reich 1916 die Alliierten im Ersten Weltkrieg besiegte) mit Waffen-­Attrappen durch die Moschee marschiert und hatten Krieg gespielt. Am Ende lagen einige von ihnen „tot“ als Märtyrer unter der türkischen Flagge, während sie von kleinen Mädchen mit Kopftüchern „betrauert“ wurden.

Lokalpolitiker waren entsetzt, bezeichneten die Aktion als „der Integration absolut abträglich“. Der Paderborner Bundestagsabgeordnete und CDU-­Vizevorsitzende Carsten Linnemann erklärte, der Vorfall zeige, dass „Parallelgesellschaften nicht nur existieren, sondern dass sie sich auch verfestigen“. Auch Birgit Ebel kritisierte das Kriegs­spektakel in der Moschee scharf. „Diese Art nationalistischer Aufstachelung kommt auch zu uns an die Schulen“, erklärte sie.

Bereits im Sommer 2014 hat die Lehrerin, aktiv bei Terre des Femmes und Mitglied der Grünen,  die Initiative „extremdagegen“ gegründet: ein Deradikalisierungs-Projekt gegen die Agitation der Salafisten, die auch in Herford erfolgreich ihr Unwesen treiben. Dank ihres unermüdlichen Engagements gilt Ebel bundesweit als kundige Islamismus-­Expertin – und ist als solche so manchen in Herford und anderswo ein Dorn im Auge. Zu denen dürfte auch die besagte DITIB-Moschee gehören.

Die Pädagogin bespricht den Fall im Unterricht mit ihren SchülerInnen

In ihrem Facebook-Post vom 25. Januar erwähnt Ebel, dass die Trauerfeier dort stattgefunden hat. Und sie schreibt: „In einer Gesellschaft und Kultur, die so derartig absurd mit Sexualität und vorehelicher Sexualität umgeht, die so frauenfeindlich ist und die vielbeschworene Jungfräulichkeit bis zur Ehe einfordert, sind Mädchen und Frauen faktisch in einer permanent lebensbedrohlichen Situation.“

Als Birgit Ebel an diesem Tag in die Schule geht, hat sie Ausdrucke ihres Textes dabei. In einer zwölften Klasse behandelt sie gerade Kleists „Die Marquise von O“, die Geschichte einer jungen Frau, die durch eine Vergewaltigung schwanger und von ihren Eltern verstoßen wird. Am Ende heiratet sie den Vergewaltiger, um ihre Ehre zu retten. Die Pädagogin findet es naheliegend, den Selbstmord des Mädchens als aktuelles Beispiel für Frauenfeindlichkeit und Doppelmoral mit ihren SchülerInnen zu besprechen.

Ebel redet mit ihren SchülerInnen auch über den tragischen Fall von Amanda Todd: Die 15-jährige Kanadierin hatte sich 2012 das Leben genommen, nachdem sie mit Nacktbildern im Internet zunächst erpresst und dann von ihren MitschülerInnen gemobbt worden war. Nach der Stunde ­sammelt sie die Zettel wieder ein.

In der Lokalpresse wird die Richterin jedoch behaupten, die Lehrerin habe an ihrer Schule „Flugblätter verteilt“. „Das stimmt einfach nicht“ widerspricht Ebel. Dennoch steht es so im West­falen-Blatt, das am 18. Oktober über die „Flugblatt-Aktion“ der Lehrerin berichtet – ohne je die Betroffene selbst dazu gefragt zu haben.

Als Birgit Ebel nach den Herbstferien wieder in die Schule kommt, wird sie von feixenden muslimischen Schülern empfangen. „Na, Frau Ebel, wie war’s im Knast?“ Und in den sozialen Medien wird die Forderung nach einer Kündigung der Lehrerin laut.

Soll hier eine unbequeme Stimme zum Schweigen gebracht werden?

Doch es melden sich auch viele andere solidarische Stimmen zu Wort, darunter prominente Herforder Politiker und solche, die Justiz und Presse scharf kritisieren, wie etwa der Vorsitzende des Bielefelder Integrationsrats, Mehmet Ali Ölmez. „Ich weiß aus eigener Erfahrung nur zu gut, was geschieht, wenn man in diesen Zeiten Kritik an der Türkei, am fundamentalistischen Islam und der oft fragwürdigen Praxis vieler Moscheen formuliert“, schreibt Ölmez. „Es folgen massive verbale Angriffe, zuweilen Anzeigen und Kampagnen per Unterschriftenlisten und im Internet. Dasselbe tritt ein, wenn man über Frauenunterdrückung, Zwangsheirat, ausgeübten Fastenzwang, Verschleierung von Frauen, das Kinderkopftuch, die repressive Sexualerziehung und ein falsches Verständnis von ‚Familienehre‘ und ‚Schande‘ spricht oder schreibt. Mein Rücktritt wurde bereits mehrfach durch feindselig motivierte Kampagnen gefordert.“

Ein weiterer Leserbrief-Schreiber stellt sich die Frage, „inwieweit die DITIB die Anzeige gegen die Pädagogin forciert hat“. Und ein weiterer schreibt: „Für mich hat das ein Geschmäckle, als solle hier eine unbequeme, weil ehrliche Stimme zum Schweigen gebracht werden.“ Und ein dritter: „Diese Frau ist ein Vorbild in Sachen Zivilcourage. Ich hoffe sie lässt sich nicht den Mund verbieten.“

Das hat Birgit Ebel nicht vor. Sie findet es ungeheuerlich, dass dieser Post, „in dem ich noch nicht mal einen Namen genannt habe, nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt sein soll!“. Gegen den Strafbefehl hat sie Einspruch eingelegt. Der Termin für die Gerichtsverhandlung stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

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Lehrerinnen fordern: Handelt!

Julia Wöllenstein, Ingrid König und Ute Vecchio: "Es wird nicht besser, sondern immer schwieriger." - Foto: Bettina Flitner
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Warum sind Sie eigentlich gekommen? Welche Erwartungen verbinden Sie damit, mit EMMA zu sprechen?

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Ingrid König Ich habe früher gedacht, dass sich Schule immer weiterentwickelt. Wir arbeiten fleißig und dann wird alles immer besser. Und irgendwann habe ich gemerkt: Es wird gar nicht besser, son­dern schlechter. Ich hatte eine sehr große türkische Community. Von denen haben sich viele kleine Häuschen oder Eigen­tumswohnungen gekauft und sind in andere Stadtteile gezogen. Denn Gries­heim-Mitte ist die Bronx von Frankfurt. Deren Kinder hatten Respekt vor Lehrern und haben mit uns kommuniziert, auch wenn sie nicht gut Deutsch konnten. Das lief alles ganz gut, gerade übrigens für die Mädchen. Wir haben ganz viele türkische Mädchen aufs Gymnasium geschickt. Vor etwa 15 Jahren ist das Ganze langsam gekippt.

Ab Anfang 2000 veränderte sich die türkische Community. Die Mütter fin­gen an, Kopftücher zu tragen. Das hatten wir früher nicht, da hat höchstens mal die Omma eins getragen, wenn sie die Familie besuchte. Dann kamen Afghanen und Marokkaner dazu. Dann reichte das Kopftuch nicht mehr und es kamen die schwarzen Gewänder. Vor drei, vier Jah­ren kamen dann die vollverschleierten Mütter. Da musste ich mich noch mit meinem Schulamt rumschlagen, weil ich gesagt habe: Auf meinen Schulhof kommt niemand, der nicht sein Gesicht zeigt. Und ich frage mich: Wo will denn dieses Land hin? Deshalb habe ich auch mein Buch geschrieben: Es soll nicht nochmal jemand sagen, er hätte es nicht gewusst. Interessant, diese Veränderung ab Ende der 1990er. Mitte der 1990er hat ja die Agitation der Islamisten in den muslimi­schen Communities begonnen.

Julia Wöllenstein Ich bin ja erst seit sechs Jahren im Schuldienst und mitten in diese Entwicklung reingekommen. Ein Schlüssel-Erlebnis, bei dem ich dachte, so kann es nicht weitergehen, war: Ich hatte ein kurdisches Mädchen in der Klasse, die älteste von sechs Geschwistern. Sie wurde vom Vater permanent geschlagen und beschimpft und musste immer die Dönerbude putzen. Wir haben zwei Jahre gebraucht, bis das Jugendamt mal in diese Familie reingeguckt hat. Einmal bin ich nachts mit einer Kollegin zum Haus gefahren, weil das Mädchen mich angerufen hatte. Sie kam mir ohne Schuhe und Strümpfe mit der kleinen Schwester auf dem Arm entgegengerannt.

Die Mutter ist dann irgendwann selbst zur Polizei geflüchtet, aber weil die Frauenhäuser alle überfüllt waren, wurde die Familie dann in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Da konnte der Vater sie erreichen und sie ging mit den Kindern wieder zurück zu ihm. Und das Allerschlimmste war für mich: Es lief dann ein Gerichtsverfahren und ein Psychologe hat ein Gutachten geschrieben. Der bestätigte, dass eine Kindeswohlgefährdung vorläge und Gefahr im Verzug wäre. Aber der letzte Satz war: Man müsse die Kultur der Familie berücksichtigen, und unter diesen Umständen empfehle er es nicht, die Kinder aus der Familie zu nehmen.

König Das ist es eben! Die Mehrheitsge­sellschaft gibt diese Kinder auf.

Vecchio Wir haben doch unser Grundgesetz!

Wöllenstein Eben! Das müsste bloß durchgesetzt werden. Deshalb habe ich mein Buch geschrieben.

Vecchio In meinen Deutsch-Klassen sitzen Kinder aus vielen Nationen, von Venezuela bis Marokko. Und ich habe die ganzen drei Jahre kein einziges Kopftuch gesehen, weil viele Familien gerade vor den religiösen Fundamentalisten geflohen sind. Wir fragen die Eltern immer, ob ihr Kind in den Religionsunterricht gehen soll. Und viele antworten: „Um Himmels Willen, kein Religionsunterricht!“ Wir haben aber an unserer Schule ganz ähnliche Erfahrungen, wie sie Ingrid König und Julia Wöllenstein schildern: 98 Prozent Ausländeranteil, sozialer Brennpunkt, es regnet zwar noch nicht durchs Dach, aber viel fehlt nicht mehr. Ich habe die Bücher der beiden Kolleginnen gelesen. Zuerst war ich beim Titel „Von Kartoffeln und Kanaken“ skeptisch, aber der Inhalt ist ja meilenweit davon entfernt, rassistisch zu sein. Das Problem ist: Es gibt viel zu wenig Austausch unter Kolleginnen und Kollegen. Lehrer sind irgendwie immer Einzelkämpfer. Deshalb habe ich mich auf den Austausch mit zwei so erfahre­nen Kolleginnen gefreut.

Welche Probleme haben Sie im Schulalltag?

König Die Kinder, die heute in die erste Klasse kommen, können nicht mal die Hälfte von dem, was sie vor zehn Jah­ren konnten. Ich habe zum Beispiel so ein Wimmelbuch, das ich den Kindern immer beim Aufnahmegespräch zeige. Da sieht das Kind verschiedene Situationen, die es beschreiben soll. Zum Beispiel einen Apfelbaum, wo der Opa die Äpfel pflückt, oder ein Haus mit Loch im Dach, wo es reinregnet. Früher hätten 80 Prozent der Kinder gesagt: „Da ist ein Loch im Dach, das muss repariert werden!“ Heute kennen viele Kinder noch nicht einmal Wörter wie „pflücken“ oder „Dach“ – obwohl sie in Deutschland geboren sind. Vecchio Diesen Rückgang in der Sprach­entwicklung gibt es bei deutschen Kindern allerdings auch. Das liegt auch am unkritischen Medienkonsum vom Kleinstkindalter an. Ich kenne Mütter, die sind stolz darauf, dass ihre Kinder mit nicht mal zwei Jahren den Fernseher anmachen können. Die finden das super. Dann haben sie am Sonntag ihre Ruhe.

Das Problem mancher Kinder ist auch, dass sie nicht in der Lage sind, langfristig zu denken. Entweder, weil sie auf einer jahrelangen Flucht nir­gendwo Wurzeln schlagen konnten, häufiger auch bei Sinti und Roma. In einer Flüchtlingsunterkunft hat mich ein Roma-Mädchen mal gefragt, wie viele Wochen ich schon in Deutsch­land wäre. Ich habe geantwortet, dass ich in Deutschland geboren bin und schon 56 Jahre hier lebe. Das hat sie gar nicht verstanden, sie hat immer wieder gefragt: „Aber wie viele Wochen sind das denn?“ Und wenn ich lerne, dann ist das ja etwas, was ich für die Zukunft tue. Unmittelbar habe ich oft keinen Nutzen davon, sondern es nimmt mir die Zeit zum Fußballspielen weg.

Wöllenstein Oder die Mädchen sagen uns ganz direkt: „Ich heirate ja sowieso.“ Ich bin mit einer Klasse in den Film „Nur eine Frau“ gegangen (in dem es um den „Ehrenmord“ an Hatun Sürücü geht, Anm. d. Red.). Das war auch eine harte Nummer. Da kam dann von dem einen oder anderen Jungen aus Syrien der Spruch: „Hat er gut gemacht! Jetzt ist sie zwar tot, aber das musste ja sein!“

König Eine Kollegin aus der Nachbar­schule hat erzählt, dass sich im Musik­unterricht muslimische Jungen auf den Boden gesetzt und erklärt hätten: Muslime singen nicht! Die Musiklehre­rin ist weinend zusammengebrochen und hat sich krank gemeldet.

Und wie hätten Sie darauf reagiert?

König Wenn Kinder im Unterricht nicht auf die Anweisung der Lehrkraft hören, lasse ich die Kinder von den Eltern abholen.

Vecchio Genau. Anruf – und tschüss! Ich würde vielleicht noch beim Imam anrufen und klären, ob das wirklich so ist. Und dann einen Elternabend zu dem Thema machen. Man darf sowas auf keinen Fall auf sich beruhen lassen.

Wöllenstein Es ist sehr wichtig, dass wir immer sofort sanktionieren und Kon­takt zum Elternhaus suchen. Aber unsere Sanktionsmöglichkeiten wer­den immer weniger. Welche haben Sie denn überhaupt noch?

Vecchio Wenn bei mir jemand zu spät kommt, und sich das im Laufe der Tage auf eine Stunde summiert, holen wir die Stunde nach und fangen wieder von vorn an zu zählen. Das wirkt.

Dürfen Sie das denn?

Vecchio Ich mache das. Der Schüler hat schließlich Stoff verpasst – und den holen wir nach.

Wöllenstein Wir haben einen ziemlich coolen Hausmeister, der hat immer ziemlich viel zu putzen und zu tragen. Allerdings könnten sich da Eltern beschweren, und dann müssten wir es auch lassen.

König Bei uns muss schon mal jemand auf einen Ausflug verzichten.Sie sind offenbar alle drei strenge Lehre­rinnen.

Vecchio Nicht streng, konsequent. Und auf Augenhöhe, also nicht von oben runter, sondern mit gegenseitigem Res­pekt. Also: „Ich schätze dich. Aber dein Verhalten schätze ich grad nicht, das geht mir auf den Senkel!“ Und solche Maßnahmen sind ja auch nur ein Teil der Lösung. Als erstes gucke ich: Warum kommt das Kind eigentlich zu spät? Wird es zu Hause nicht geweckt? Dann kann man ihm einfach einen billigen Wecker geben. Diese Kinder kommen aus Schulsystemen, die viel straffer organisiert und wesentlich strenger sind. Die wundern sich dann manch­mal, wie das bei uns läuft. Ich selbst achte darauf, dass alle die Regeln ein­halten. Aber in den Regelklassen geht es schon mal über Tisch und Bänke, und wenn sie von dort in meine Klasse zurückkommen, sagen sie: „Hier ist es aber leise!“ Ich übe mit den Kindern die Leitplanken ein: Ich lasse ausreden, ich höre zu, ich benutze keine Schimpfwör­ter. Am Ende des Schultages stelle ich mich immer in die Klassentür und jedes Kind wird mit Handschlag und Augen­kontakt verabschiedet. In ihren Kultu­ren ist es oft unhöflich, einem Erwach­senen in die Augen zu gucken. Bei uns wäre es aber unhöflich, das nicht zu tun. Das heißt: Eine konsequente Lehrerin zu sein bedeutet mehr Arbeit.

König Ja, wesentlich mehr Arbeit.

Wöllenstein Hinzu kommt ja, dass wir diese ganzen Sanktionen dokumentie­ren müssen. Dabei geht eine Menge Zeit drauf. Aber man engagiert sich halt, weil einem diese Kinder am Her­zen liegen. Wir sind eine Schule, die sehr offensiv für ihre Schüler kämpft und nie ein Blatt vor den Mund genommen hat. Wir sind deshalb für das Schulamt unbequem. Aber die Schüler haben berechtigte Hoffnungen, wenn sie in dieses Land kommen. Unsere Schülerinnen und Schüler kommen aus 56 Nationen und gefühlte 98 Prozent haben einen Migrationshin­tergrund. Und die, die keinen haben, erfinden sich einen.

Wie bitte?

Wöllenstein Ja! Eins der deutschen Mäd­chen betont immer, dass sie eigentlich aus Russland käme. Und auch zu mir sagen die Kinder: „Sie sehen so pol­nisch aus, Sie können doch nicht nur deutsch sein!“ 98 Prozent Migrationshintergrund?

Wo sind denn die deutschen Kinder?

Vecchio In anderen Stadtteilen.

Wöllenstein Genau. Das ist struktureller Rassismus. In unserem Viertel wohnen nur wenig deutsche Familien. Und die deutschen Eltern wissen ganz genau, wie sie es schaffen, ihre Kinder nicht auf „so eine“ Schule zu schicken. König Genau. In unserem Stadtteil herrscht eine enorme Arbeitslosigkeit. In unserem Einzugsbereich liegen Stra­ßenzüge, deren Kriminalitätsrate zu den höchsten von Frankfurt gehört. Und in diesen Vierteln werden dann auch noch die Flüchtlingsfamilien untergebracht?

Wöllenstein Klar, in den Villenvierteln würden sich die Leute ja aufregen. Das ist doch der Punkt: Die Mehrheitsgesell­schaft guckt weg. Und dann zeigen sie noch mit dem Finger auf Schulen wie unsere. Das finde ich total verlogen. Was könnte man denn gegen diese Trennung der Welten tun?

Wöllenstein Es muss Begegnungsmöglichkeiten geben! Ein Beispiel: Unser Stück „Kartoffelkanaken“, in dem wir uns mit der Bedeutung von Herkunft und Heimat auseinandersetzen, hat an den Hessischen Schultheater-Tagen teilgenommen und gewonnen. Wir waren dort mit anderen Theatergruppen drei Tage lang zusammen. Wir haben in unserer Gruppe 14 Mädchen mit Migrationshintergrund und einen deutschen Jungen, den Max, der ist blond und hat blaue Augen. Und als wir wieder zurückfuhren, sagten die Mädchen zu mir: „Frau Wöllenstein, wir haben gestern mit den Jungs aus der anderen Gruppe gesprochen. Die sahen ja alle aus wie der Max, die waren alle blond und hatten blaue Augen. Wir wussten gar nicht, dass es davon so viele gibt!“

Im Ernst?

König Sicher! Meine Kinder meinen ernsthaft, Deutschland sei ein musli­misches Land, in dem auch ein paar Christen leben!

Wöllenstein Ich habe dann gesagt: „In Deutschland gibt es ganz viele Deutsche.“ – „Aber die waren voll nett!“ – „Wieso sollten die denn nicht nett zu euch sein?“ – „Das sind doch Deutsche, die mögen uns doch nicht!“ Da läuft es mir kalt den Rücken runter. So weit ist es jetzt schon! Meine Schüler haben das Gefühl: Die Deutschen sind nicht bei uns auf der Schule, weil die uns nicht mögen. Dabei kennen die meisten gar keine Deutschen.

Aber kommen die Kinder denn nie aus ihrem Viertel raus?

Vecchio Normalerweise nein, es gibt enorme Hemmschwellen. Deswegen mache ich mit meiner Klasse die Klassenfahrten immer nur innerhalb von Köln. Sie kommen raus aus ihrem Stadtteil und lernen die wichtigsten Orte und Gebäude in Köln kennen. Sie lernen, Fahrpläne zu lesen und sich in eine Bahn zu setzen. Jetzt biete ich für die ganze Schule eine AG Stadtteilerkundung an. Ich gehe mit meiner Klasse auch bewusst in deutsche Restaurants. Und da werden sie nett bedient. Einmal haben wir das „römische Köln“ angeschaut und kamen bei Kölns größtem Essbesteck-Geschäft vorbei. Da habe ich den Jugendlichen erklärt, dass meine Eltern schon dort bei ihrer Hochzeit das Besteck ausgesucht haben. Und dann kam ein älterer Herr, der das wohl mitbekommen hatte, aus dem Geschäft und hat allen Pänz einen wunderschönen Löffel mit einer Gravur geschenkt. Und das sind die positiven Erlebnisse, die die Kinder brauchen – nicht das Geschenk, aber die Zuwendung der „Einheimischen“ – das Gefühl „Ich bin nicht in Feindesland“.

König Meine Kinder haben durch die „Arche“ (ein Verein, der an der Grundschule den Kindern Frühstück, Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, Spiele etc. anbietet, Anm. d. Red.) nur positive Erfahrungen mit Deutschen. Aber nach der Schule gehen manche halt in eine Moschee, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Und da hören sie dann, die Ungläubigen seien schlecht und hassen sie.

Wie waren denn die Reaktionen auf Ihre Bücher?

König Ich kenne ja meine Fundamentalisten. Einige wollten eine Demonstration gegen mich organisieren. Aber die Vorsitzende des Elternbeirats, eine türkischstämmige Muslima, hat das verhindert. Ich habe dann einen Elternbrief geschrieben und allen angeboten, zu mir zu kommen, wenn sie Fragen haben. Einige, die wirklich an einem Austausch interessiert waren, sind dann auch gekommen. Von den Hardlinern kam aber niemand, weil die nur daran interessiert sind, Rabatz zu machen.

Wöllenstein In meiner eigenen Klasse war es okay, weil die mich gut kennt. Die Parallelklasse war aber völlig aufgepeitscht, die haben mein Foto mit Hakenkreuzen beschmiert und Fotos davon auf WhatsApp und Instagram gepostet. Und da kamen Sprüche wie: „Die machen wir fertig! Die mobben wir raus!“ Zuerst war ein richtiges Gespräch gar nicht möglich, weil es nur ein großes Geschrei gab. Die Schüler haben mir vorgeworfen, ich würde alle Muslime über einen Kamm scheren. Ich hab ihnen gesagt, dass das nicht stimmt und dass sie das Buch lesen müssten. Die Situation hat sich dann beruhigt, weil ich jeden Tag wieder freundlich lächelnd die Klassentür aufgeschlossen habe. Da merkte man die Irritation: Das soll jetzt die Rassistin sein, die Mädchen mit Kopftuch hasst? Eine befreundete Lehrerin hatte große Probleme mit dem Buch und wir haben oft darüber diskutiert, ob meine in ihren Augen intoleranten Ansichten wirklich laut ausgesprochen werden sollten. Ihre Schülerinnen trügen das Kopftuch eben freiwillig. Dass ich diese Freiwilligkeit hinterfrage, wird mir oft als Intoleranz ausgelegt, aber ich bleibe dabei. Ich finde diese Gespräche zwar anstrengend, aber auch wichtig. Das ist genau der Austausch, in den wir gehen müssen.

König Vor allem für die Mädchen ist es nicht einfach! Für die mit Kopftuch nicht – und für die ohne auch nicht.

Werden die Mädchen ohne Kopftuch unter Druck gesetzt?

Wöllenstein Und wie! Immer mehr Jungen drangsalieren die Mädchen, wenn ein Haar unter dem Kopftuch rausguckt. Da bin ich auf 180. Wir sind gleichberechtigt!

Vecchio Mädchen sind in der Schule oft besser. Und das ist eine Möglichkeit, ihnen eins auszuwischen.

Wöllenstein Die Jungen mischen sich immer mehr ein in die Art, wie die Mädchen sich anziehen und wie sie sich geben. Wir haben einen Jungen, der das bei seiner zwei Jahre jüngeren Schwestern nicht tut, und der wird jetzt immer von seinen Schulkameraden unter Druck gesetzt: „Deine Schwester ist ne Schlampe! Wie die rumläuft! Da musst du was machen!“ Der Druck auf die Jungen ist ja auch enorm.

Vecchio Wir versuchen, mit einem Theaterprojekt solche Rollen aufzubre­chen. Einmal im Jahr laden wir ein päda­gogisch ausgerichtetes Theater-Ensemble in die Schule ein. Die Schülerinnen und Schüler entwickeln das Stück dann selbst und da setzen sie sich dann auch mit solchen Themen auseinander.

Wöllenstein Zu mir kamen auch schon Jungen und sagten, sie wollten in der Theaterklasse was über Respekt machen. Jetzt machen wir den „Ehrkönig“.

Nochmal zu den Reaktionen. Wie haben denn Ihre Vorgesetzten darauf reagiert, dass Sie mit Ihrer Kritik an die Öffentlichkeit gegangen sind?

Wöllenstein Meine Schulleitung und das Kollegium stehen voll hinter mir. Das Schulamt jubelt natürlich nicht. Es ist ja auch kein Geheimnis, dass ich mit meiner Forderung, das dreigliedrige Schulsystem abzuschaffen, damit alle Kinder bis zum Haupt- bzw. Realschulabschluss zusammen zur Schule gehen, nicht der aktuellen Bildungspolitik folge, die das Gymnasium ab der fünften Klasse für eine gute Idee hält. Letztendlich lassen sie mich aber gewähren, und das ist ihnen ja erstmal hoch anzurechnen.

König Mich hat der damalige Amtsleiter zu sich zitiert, nachdem ich vor der Bundestagswahl in der Sendung „Klartext, Frau Merkel!“ gewesen war. Ich saß dann also vor dem Amtsleiter und zwei Dezernenten. Die erklärten, ich hätte die Schule und die Stadt Frankfurt diskreditiert. Dann haben wir den Clip geschaut, der in der Sendung über unsere Schule gezeigt wurde und in dem die Probleme zu sehen sind: das marode Schulgebäude, dass wir Kinder haben, denen wir morgens beim Zähneputzen helfen müssen und dass wir das alles mit unserem Personal nicht schaffen. Da sagten die: „Sie diskreditieren Ihre Schüler!“ Ich habe geantwortet: „Nein. Meine Schüler wissen, dass ich für sie da bin.“ Nun sind Sie ja eine erfahrene, selbstbewusste und streitbare Person. Wie einschüchternd hätte so etwas auf jemand anderen gewirkt!

König Deswegen macht ja auch niemand den Mund auf! Dann haben sie noch gefragt: Wollen Sie etwa die AfD unterstützen?

Vecchio Eben gerade nicht!

König Es sind doch gerade diejenigen, die die Probleme leugnen, die die Menschen zur AfD treiben.

Was könnten denn Lösungen für die Probleme sein?

Wöllenstein Die Bildungspolitik braucht mehr Wertschätzung. Es geht doch immer nur ums Sparen. Vecchio Wenn man Kinder und Jugend­liche in marode Schulgebäude steckt, dann zeigt man damit, dass man sie nicht wertschätzt. Und das hat Folgen. Was mir zunehmend auffällt, ist, dass der Respekt vor der Gesellschaft – ver­treten durch Lehrer – den Jugendlichen komplett verloren geht. Und dann bestehen sie Bewerbungsgespräche nicht oder fliegen aus Ausbildungen wieder raus.

König Ich sitze im Frankfurter Medien­zentrum, wo man uns über die neuen Entwicklungen informieren will. Da erklärt uns der Mann, dass man bei ihnen Kameras und Overhead-Projektoren ausleihen kann. Ich dachte, der macht einen Witz. Ich frage: „Und wann kriegen wir W-LAN?“ Da sagt er: „Stellen Sie sich mal vor, 200 Schulen wollen gleichzeitig ins Netz!“ Da sage ich: „Fragen Sie doch mal in Shanghai nach, wie das geht!“ Ich war fassungslos. Deutschland verliert komplett den Anschluss.

Vecchio Aber es fängt ja schon bei den Büchern an. Die passen überhaupt nicht mehr auf die Zielgruppe. Ich kann kein Gedicht mit altdeutschen Ausdrücken durchnehmen. Es kom­men Kinder in die Schule, die kein Wort Deutsch können.

Wöllenstein Wir müssten an bestimmten Schulen in der ersten Klasse „Deutsch als Zweitsprache“ unterrichten und nicht Deutsch, so wie wir das ursprünglich kennen. Das Problem ist aber: Die Politik hat kein Interesse daran, mit uns als Fachleuten ins Gespräch zu kommen.

König Die maroden Gebäude müssen saniert werden und wir brauchen eine gute Ausstattung. Und da muss genau nach dem Bedarf der jeweiligen Schule geschaut werden. Eine Kollegin von mir hat auf ihrer Schule lauter Kinder von Grünen. Die brauchen was anderes als unsere Schule. Bei der Lehrer-Ausbildung liegt einiges im Argen. Die sind nicht darauf vorbereitet, was sie heute an manchen Schulen vorfinden. Außerdem brauchen wir Sozialpädagogen und Erzieher an der Schule. Wir müssen auch die Grundschulen als Ganztagsschulen anbieten. Da können wir den Kindern etwas anderes anbieten als das, was sie aus dem Viertel kennen.

Wöllenstein Wir müssten eigentlich die Wohngebiete stärker durchmischen. Aber das ist natürlich eine Mammutaufgabe. Dann müssten wir aber zumindest nachmittags mehr Begegnung zwischen den Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Vierteln stattfinden lassen. Wir müssen die Jugendlichen miteinander in Kontakt bringen, und zwar außerhalb des Unterrichts, wo unsere Schüler immer abstinken werden. Da würden sie sich immer unterlegen fühlen. Ich habe gerade ein Projekt namens „Kulturbrücke“ initiiert. Eine elfte Klasse des Gymnasiums, auf das mein Sohn geht, wird zusammen mit Schülern unserer Schule ein gemeinsames Zirkusprojekt machen.

Vecchio So ein Zirkusprojekt machen wir einmal im Jahr auch. Da treffen dann Waldorf-Schüler auf etwas rustikalere Schüler und am Ende gibt es eine Aufführung mit stolzen Eltern. Wir müssen die Welt in die Schule reinholen, die Pänz aber gleichzeitig auch aus der Schule raus. Was ist denn eigentlich mit den Lehrer-Gewerkschaften?

Wöllenstein Die Reaktion der GEW auf mein Buch war sehr verhalten. Die haben gesagt: „Es könnte möglich sein, dass einzelne Lehrpersonen die Situation so wahrnehmen.“

König Die Politik müsste eine klare Stellungnahme dazu abgeben, was die Schulpflicht bedeutet. Ich müsste als Schulleitung sagen können: „An hessi­schen Schulen geht jedes Kind in den Schwimmunterricht oder auf Klassenfahrt!“ Oder: „Vollverschleierte Men­schen kommen nicht aufs Schulge­lände!“ Bei uns muss aber jede Schule wieder neu mit jedem Elternteil verhandeln. Und dann muss es die eine Schul­leiterin oder der eine Schulleiter ausba­den. Die Politik muss Verantwortung übernehmen und den Rahmen stecken.

Vecchio Der Rahmen ist ja da: unser Grundgesetz! Das müsste einfach durchgesetzt werden.

Wöllenstein Deshalb bin ich auch für ein Verbot des Kinderkopftuchs an Schulen. Wenn wir das hätten, kämen wir mit den Eltern wenigstens mal ins Gespräch. Und es geht mir dabei auch ums große Ganze: Ich möchte ihnen eine Idee davon geben, was es heißt, in einem Land zu leben, in dem Mädchen und Jungen gleichberechtigt sind. Die Mädchen müssen merken: Es passiert ihnen nichts, wenn sie das Kopftuch absetzen. Und dafür brauche ich die Politik!

Vecchio Dann muss ich den Mädchen auch die Welt zeigen. Denn oft ist es ja der Druck aus der Community, dem sie ausgesetzt sind.

Wöllenstein Genau. Kürzlich hat mir ein syrisches Mädchen erzählt, dass ihre Mutter, die mit den drei Kindern ohne Mann aus Syrien hierher geflüchtet ist, jetzt ständig angesprochen wird: Sie solle jetzt mal ein Kopftuch tragen! Sind alle in dieser Runde für ein Verbot des Kinderkopftuchs?

Vecchio Am Anfang steht erst einmal die grundsätzliche Auseinandersetzung auch mit Eltern und Imamen zum Thema „Ist das Kopftuch religiös geboten oder kulturell?“ Wenn den Eltern klar werden könnte, dass es im Koran gar nicht geboten ist und frau auch ohne Kopftuch eine gläubige Muslimin sein kann, dass ihre Ehre und ihr Schutz in Deutschland nicht von einem Kopftuch abhängen, und sie Argumente gegen den Druck der Community in die Hand bekommen, wäre schon vieles gewonnen. Ich denke, dass diese Kommunikation nicht über die, sondern mit den Menschen bis­lang zu kurz gekommen ist. Oft fehlt uns ja auch das Hintergrundwissen. Druck erzeugt Gegendruck und treibt immer weiter aus der Mehrheitsgesellschaft heraus.

König Ich bin gegen jede Kleidung, die ein Kind in seiner Entwicklung einschränkt. So bin ich auch ganz ent­schieden gegen das Kopftuch in der Schule. Ich bin eine entschiedene Anhängerin von Schulkleidung. Ich war viel im Ausland, wo Schulkleidung gang und gäbe ist, und habe gesehen: Das löst zentrale Probleme: den sichtbaren Unterschied von reich und arm und das sich womöglich anschließende Mobbing, wie auch die Kopftuchfrage, denn dessen Verbot muss Bestandteil davon sein.

Vecchio Ich habe Ihr Buch gelesen, Frau König, in dem ja auch Ihr Brandbrief an das Hessische Schulministerium und viele andere Petitionen abgedruckt bzw. erwähnt sind, und ich dachte: Wenn das nicht wirkt, was denn dann? Was können wir denn dann noch machen? Hier mal ein Vorschlag als Arbeitsgrundlage: Es gibt die „Fridays for Future“. Warum machen wir nicht einen „Monday for Schools“? Wir boykottieren den Unterricht am Montag und bauen in der Zeit die Schule wieder auf. Als erstes machen wir Workshops mit den Pänz: Was wollt ihr? Was braucht ihr? Was brauchen die Lehrer und wie kriegen wir das hin? Und dann, mit den Eltern zusammen: Wir reparieren und sanieren das Gebäude, soweit möglich, und wir überlegen, wie wir Unterricht neu denken müssen. So entsteht vor allem ein Gemeinschaftsgefühl von Schülern, Eltern und Lehrern. Und das jeden Montag, bis sich da oben was bewegt.

König und Wöllenstein (lachen) Gute Idee!

Das Gespräch führten Chantal Louis und Alice Schwarzer.

 

JULIA WÖLLENSTEIN ist Theaterpäda­gogin und Englisch-Lehrerin an einer Gesamtschule in Kassel. Sie veröffent­lichte 2019 „Von Kartoffeln und Kana­ken – Warum Integration im Klassen­zimmer scheitert“. Wöllenstein ist alleinerziehende Mutter dreier Kinder.

INGRID KÖNIG war bis zu ihrer Pensionierung im Februar 2019 Rektorin einer Grundschule in Frank­furt-Griesheim. Sie veröffentlichte im Februar 2019 das Buch „Schule vor dem Kollaps“. König hat zwei Kinder und drei Enkelkinder

UTE VECCHIO übernahm 2016 ihre erste zweijährige Sprachklasse an einer Realschule in Köln-Seeberg. Für den Dokumentarfilm „Klasse Deutsch“ wurden sie und ihre SchülerInnen ein Jahr lang begleitet. Vecchio hat vier Kinder.

 

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