Badinter: Darum schweigen alle!

Foto: Imago/Leemage, Confédération des Juifs de Frande et des amis d'Israël
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Am 4. April 2017 drang der 27-jährige Kobili Traore aus Mali in dem Pariser Quartier Belleville gegen vier Uhr nachts in die Wohnung seiner Nachbarin Sarah Halimi ein. Er folterte die 65-Jährige fast eine Stunde lang (später werden rund zwanzig Brüche an ihrem Körper und im Gesicht festgestellt). Die Schreie von Sarah ­Halimi hallen durch das ganze Haus, längst haben Nachbarn die Polizei alarmiert. Drei Beamte sind angerückt und stehen vor der verschlossenen Wohnungstür der Frau. Sie bleiben untätig.

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Nach etwa einer Stunde stößt Traore die sterbende Halimi aus dem Fenster im dritten Stock in den Innenhof. Dazu ruft er: „Allahu Akbar“ und „Das ist die Rache für mein Volk“. Danach betet er. Jetzt erst dringt die Polizei in die Wohnung ein. Traore lässt sich ohne Widerstand verhaften.

Der Mörder wird nicht ins Gefängnis, sondern als „psychisch gestört“ in die Psychiatrie eingewiesen. Obwohl sich herausstellt, dass Traore vielfach vorbestraft ist, Drogen und Gewalttaten, und dass er den Tag vor der Untat in einer als radikal-islamistisch bekannten ­Moschee im 11. Arrondissement verbracht hat.

Doch die Staatsanwaltschaft kann „kein antisemitisches Motiv“ erkennen. Frankreich steckt mitten im Wahlkampf. Die Medien werden über das Verbrechen an Sarah Halimi erst zwei Monate später, Ende Mai berichten. Und bis heute hat es keine öffentliche Debatte über den Fall gegeben – und schon gar keine öffentlichen Proteste.

Im Oktober ergriff die französische Philosophin und Schriftstellerin Elisabeth Badinter, deren jüdische Familie vom Holocaust betroffen war, in dem Magazin L’Express das Wort. Die 73-Jährige äußert sich zum ersten Mal in ihrem Leben öffentlich zum Antisemitismus.

PS: Am 4. Oktober wurden in dem Pariser Vorort Noisy- le-Grand antisemitische Parolen an das Haus einer ­jüdischen Familie geschmiert. Kurz zuvor hatten Mitschüler in Paris eine Zehnjährige krankenhausreif ­geschlagen. Begründung: Sie sei Jüdin.

Sie haben sich noch nie zum Antisemitismus geäußert. Warum tun Sie es heute?
Elisabeth Badinter Ausschlaggebend ist für mich das, was mit Sarah Halimi passiert ist. Das mediale und politische Schweigen über das Martyrium der Frau macht mir schwer zu schaffen. Ich habe nicht verstanden, wie Frankreich zwei Monate lang dazu schweigen konnte. Ich halte Frankreich nicht für antisemitisch, aber nach Sarah Halimi spüre ich das Bedürfnis zu reden.

Die Staatsanwaltschaft war zunächst ­zurückhaltend.
Man wusste sehr früh, dass die 65-jährige Frau geschlagen und aus dem Fenster gestoßen worden war. Zeugen haben Sätze gehört wie „Das ist die Rache für mein Volk“. Und da recherchiert die Presse nicht? Befragt nicht die Nachbarn? Am Anfang dachte ich sogar, es handele sich um eine Fake News – so ungeheuerlich war das Verbrechen, und vor allem dass niemand darüber sprach.
Im Mai 1990 sind 34 Grabsteine in Carpentras vandalisiert worden. Da haben 200.000 Menschen in Paris demonstriert, darunter Präsident Mitterand. 2006 hat die Folterung und Ermordung eines jungen Juden, Ilan Halimi, kaum noch Reaktionen hervorgerufen. Warum?
Ilan Halimi war von einer selbsternannten „Gang der Barbaren“ getötet worden mit dem Argument: „Juden haben Geld“. Die Täter waren keine Rechten, sondern Muslime. Die Linke sah also keine Notwendigkeit zu protestieren. Es gab keinen großen Schulterschluss von Republikanern und Universalisten wie früher, nur die jüdische Gemeinde protestierte.
In diesen 16 Jahren – zwischen Carpentras und dem Fall Ilan Halimi – ist für einen Teil der jungen Generation, und vor allem die Linken, der Antizionismus wichtiger geworden als der Antisemitismus. Das ist eine historische Zeitenwende. Seit der Affäre Dreyfus (1894) waren sich linke Kräfte mehr oder weniger einig in ihrer Kritik des Antisemitismus. Heute ist Israel für dieselben Kräfte das Böse an sich. Und alle Juden werden automatisch mit der Politik Israels in Verbindung gebracht. Daneben gibt es eine schweigende Mehrheit, die diese Übergriffe bedauert, aber keine Notwendigkeit sieht, dagegen zu protestieren.

Wie kann man sich das erklären?
Die häufigsten Gewalttaten gegen Juden werden heute von Islamisten begangen. Die Linke fürchtet die Stigmatisierung ­aller Muslime – und schweigt lieber, statt „Öl ins Feuer zu gießen“. Sie wollen auf der Seite der ärmsten Opfer sein, und die Muslime sind ihrer Meinung nach die neuen Verdammten dieser Erde. Lassen Sie mich klarstellen: Selbstverständlich sind auch arabo-muslimische Franzosen Opfer von Rassismus, was man in aller Entschiedenheit verurteilen muss. Und selbstverständlich kann man auf keinen Fall alle Muslime des Antisemitismus ­bezichtigen. Das versteht sich von selbst. Aber wie kann man das Schweigen der Linken nach Ilan Halimi, Mohamed ­Merah und Sarah Halimi erklären?

Und die Intellektuellen?
Muslimische Intellektuelle haben in Frankreich am 26. Juli 2016 ein Manifest veröffentlicht. Das war ein guter Text, über die Notwendigkeit der Reform des Islam in Frankreich und ihre eigene Verantwortung. Aber in der Liste der von ihnen aufgezählten Opfer der letzten Jahre – Karikaturisten, feiernde Jugendliche, ein Polizisten-Ehepaar, Kinder; die Frauen und Männer, die den 14. Juli feierten; ein Priester, der die Messe zelebrierte – da fehlten die jüdischen Opfer: die im ­Supermarkt Hyper Cacher (am Tag des ­Attentates von Charlie Hebdo) oder die von Merah.
„Ein bedauerliches Versehen“, hieß es anschließend. Aber so ein Vergessen hat eine Bedeutung. Man vergisst keine Rendez-vous d’amour, aber man vergisst manchmal den Termin bei einem Zahnarzt. Dann hieß es, man habe die Juden vermutlich nicht erwähnt, um die Mehrheit der Muslime nicht vor den Kopf zu stoßen.

Wenn vom Antisemitismus die Rede ist, ist oft zu hören, dass die jüdische Gemeinde „übertreibe“ bzw. „dramatisiere“. Was meinen Sie?
Erinnern Sie sich an die propalästinensische Manifestation im Juli 2014? Da hörte man Rufe wie „Juden raus!“ und „Tod den Juden!“ Hat man jemals solche Rufe über eine andere Kategorie Franzosen gehört? In so manchen Quartiers ist man heute besser kein Jude. Und Rektoren öffentlicher Schulen schicken inzwischen jüdische Kinder „aus Sicherheitsgründen“ auf jüdische Schulen. Man hält den Antisemitismus für ein Problem der Juden. Aber ich sage meinen Mitbürgern: Lasst die Juden in diesem Kampf nicht allein! Sonst haben wir ihn schon verloren.

Das hier gekürzte Interview erschien in dem Wochenmagazin L‘Express

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