„Es handelt sich um Sexualisierung“

Serap Güler, CDU-Staatssekretärin für Integration in NRW. - Foto: CDUFraktionNRW/Screenshot youtube
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Wie kam es zu dem aktuellen Vorstoß für ein Kopftuchverbot für muslimische Mädchen unter 14 Jahren in NRW?
Es geht vor allem um junge Mädchen im KiTa- und Grundschulalter. In Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrern ist mir geschildert worden, dass mehr muslimische Kinder ein Kopftuch tragen als etwa vor zehn Jahren.

Auf Facebook haben Sie geschrieben: „Einem jungen Mädchen ein Kopftuch überzustülpen ist keine Religionsausübung, sondern pure Perversion.“ Der Post wurde von Facebook gelöscht. Wie ging es danach weiter?
Ich habe mich gewundert, dass mein Post gelöscht wurde. Und ich habe viele Anfragen dazu erhalten. Es war mir wichtig, klar zu stellen, dass nicht ich das war, sondern Facebook und habe das wiederum öffentlich gepostet. Nachdem einige Medien daraufhin bei Facebook nach dem Grund für die Löschung gefragt haben, hat Facebook den Fehler eingeräumt und den Post wiederhergestellt.

Wie begründen Sie Ihre Forderungen? Und: Wie nehmen Sie die Situation an Schulen und Kitas wahr?
Es geht hier nicht um eine Debatte über Religion oder religiöse Symbole, sondern um die freie Entfaltung des Kindes. Denn auch nach islamischer Lehre muss kein Mädchen vor der Pubertät ein Kopftuch tragen. Und wenn man sich einmal die Hintergründe anschaut, warum Frauen im Islam ihr Haupt bedecken sollen, dann ist die Antwort: Um ihre Reize vor Männern zu verhüllen. Insofern handelt es sich daher bei jungen Mädchen nicht um die freie Religionsausübung, sondern um ihre Sexualisierung. Damit habe ich als Frau und als Muslimin ein Problem. Das Kopftuch an KiTas und an Schulen ist kein Massenphänomen und gehört auch nicht zu den dringlichsten Problemen. Aber es hat in den letzten Jahren zugenommen. Das dürfen wir nicht ignorieren.

In Österreich wird ein vergleichbarer Vorstoß von FPÖ-Chef Strache von manchen als "Rechtspopulismus" bzw. "Rassismus" bezeichnet. Welche Reaktionen erhalten Sie?
Von Seiten grüner oder linker Politiker, die sich ansonsten bei diesem Thema für die Speerspitze der Bewegung definieren, gibt es kritische Stimmen. Beleidigungen und Beschimpfungen gerade von muslimischen Männern erhalte ich derzeit täglich – damit kann ich aber leben. Denn auf der anderen Seite bekommen wir enorm viel Zuspruch von muslimischen Frauen, auch von denen, die selbst ein Kopftuch tragen, aber sich ebenso dagegenstellen, dass jungen Mädchen ein Kopftuch aufgesetzt wird. Sie haben die Debatte verstanden: Es geht uns nicht um ein Kopftuchverbot als solches, sondern um die Sexualisierung des Kindes.

Sie kommen selbst aus einer muslimischen Familie – Ihre Mutter trägt Kopftuch. Wie nehmen sie denn die aktuelle Debatte über das Kopftuch bei Mädchen in der muslimischen Community wahr? Und: Hat sich seit 2015 etwas verändert?
Nicht erst seit 2015. Das Kopftuch ist heute mehr denn je für viele auch ein Identifikationsmerkmal. Wenn sich eine junge Frau dazu entschließt, ein Kopftuch zu tragen, muss das in einer freien Gesellschaft auch weiterhin ihr Recht bleiben – dafür trete ich genauso ein, auch wenn ich selbst keins trage. Ich habe diese Entscheidung zu akzeptieren und zu respektieren. Bei jungen Mädchen fällt so eine Entscheidung aber nicht unbedingt freiwillig und ist oft vom Umfeld abhängig.

Erste Ansprechpartner in diesen Fragen waren bislang die islamischen Verbände, also der Zentralrat der Muslime oder die DITIB. Wie schätzen Sie das ein?
Es gibt auch unter den Vertretern der islamischen Verbände einige, die ein Kopftuch bei jungen Mädchen für falsch halten. Das ist in Beschlüssen der Deutschen Islam Konferenz auch dokumentiert. Deshalb wäre es wünschenswert, dass sie sich jetzt öffentlich dazu äußern. Denn noch mal: Auch der Islam schreibt das Tragen eines Kopftuches in jungen Jahren nicht vor.

Die neue Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, spricht sich gegen ein Kopftuchverbot aus. Was entgegnen Sie?
Es ist nachvollziehbar, dass die neue Staatsministerin für Integration des Bundes als Aufschlag ein eigenes Thema besetzen möchte. Ich habe diese Debatte auch nicht als Integrationspolitikerin, sondern als Muslimin angestoßen. Uns geht es in NRW bei diesem Thema vor allem um die Chance auf Selbstbestimmung und freie Entscheidung.

Das Gespräch führte Alexandra Eul

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