Alice Schwarzer schreibt

Esther Bejarano: Lebensfroh

Foto: Peter Bisping
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Nach einer Stunde hält es die rund 200 SchülerInnen der Gesamtschule und des Gymnasiums in Siegburg nicht mehr auf den Stühlen: Standing Ovations für die Hip-Hop-Band Bejarano & Microphone Mafia. Deren Sängerin und Star ist auf dieser Tour Esther Bejarano: 95 Jahre alt, 1,47 Meter klein – und KZ-Überlebende. Ich stehe mitten unter den Jugendlichen und höre ebenfalls nicht auf zu klatschen. Selten habe ich eine so mitreißende und lebensfrohe Stunde erlebt wie diese.

Dabei hatte der Abend in dem hochmodernen Kulturzentrum der Diözese Köln sehr ernst begonnen. Bejarano hatte aus ihren „Erinnerungen“ vorgelesen – was auch die Kids rechts und links neben mir sehr still werden ließ.

Nach einer „sehr fröhlichen Kindheit“ war auch das jüngste der vier Kinder von Kantor Loewy in Saarlouis in die Mahlräder der deutschen Geschichte geraten. Die Eltern waren schon im Herbst 1941 deportiert und ermordet worden: Im Wald noch neben der selbst ausgehobenen Grube füsiliert. Auch die älteste Schwester hat das KZ nicht überlebt. Esther kommt 1942 nach Auschwitz. Sie hat Glück im Unglück. Die gelernte Pianistin landet, nach mörderischer Fronarbeit im Steinbruch, als Akkordeonspielerin im so genannten „Mädchen­orchester“. Das spielt am Tor von Auschwitz für Ankommende zu Selektionen und für Ausrückende zur Zwangsarbeit auf – die bewaffnete SS im Rücken.

Es folgen die Stationen: Ravensbrück, Todesmarsch, Flucht mit anderen „Mädchen“. Und der Moment, den die kleine Frau da vorne mit der so jungen Stimme „nie vergessen“ wird: Wie in dem mecklenburgischen Dorf von der einen Seite die amerikanischen und von der anderen die sowjetischen Befreier einrücken. Die sieben Überlebenden laufen den Amerikanern ent­gegen, zeigen die auf den linken Arm tätowierten Nummern – Esther ist die Nr. 41949 – und wurden von den GIs auf die Panzer gezogen und umarmt. Wenig später fallen die russischen und die amerikanischen Soldaten sich in die Arme. Und am Abend tanzen sie mit den Überlebenden und Dorfmädchen um den Brunnen und um ein in Brand gesetztes ­Hitler-Bild. Und wer spielt Akkordeon? Esther.

So hätte es eigentlich bleiben können – aber es kam anders. Und auch darum engagiert Esther sich bis heute. Nach der Befreiung folgt ein Leben quer durch die Welt mit Endstation Hamburg, inzwischen an der Seite ihres Mannes Nissim Bejarano, den sie in Israel kennengelernt hatte. Nach dem Sinai-Krieg wollte Nissim „nie mehr auf Palästinenser schießen“. Die Familie floh Israel. Ihre beiden Kinder werden Musiker, die Tochter Edna singt zeitweise bei der Rockgruppe „The Rattles“ und Sohn Joram, 67, wird Jazzmusiker und ist an diesem Abend Teil des Trios.

Der dritte Mann ist Kutlu Yurtseven, 46, Deutschtürke, Kölner und Mitgründer der Microphone Mafia. Er ist in den 13 Jahren Zusammenarbeit ein zweiter Sohn für Esther geworden.

So stehen an diesem Abend zwar drei Generationen auf der Bühne, doch die Gemeinsamkeiten sind viel größer als die Unterschiede: Neben der Leidenschaft für die Musik verbindet sie auch die für die Politik und die Bereitschaft zum Widerstand. Kutlu rappt gegen Fremdenhass, Joram spielt Bass für die Lebenslust und Esther singt um ihr Leben.

Ganz zum Schluss stimmt sie an diesem Winterabend in Siegburg ein Lied an, das die SchülerInnen wohl nicht mehr kennen, das aber zwischen den beiden Weltkriegen ein Welthit war: „Du hast Glück, bei den Frauen, Bel Ami. So viel Glück, bei den Frauen …“ Es ist das Lied, das Esther in Auschwitz zur Probe für die Aufnahme ins Mädchenorchester vorgespielt hat. Und obwohl sie nie zuvor ein Akkordeon in der Hand gehabt hatte, überzeugte sie. Und überlebte. Du hast Glück im Leben, mutige Esther …

Standing Ovations. Nicht nur für die Musik, auch für die Haltung. Soviel Spaß kann das machen, Courage zu haben und gegen Menschenverachtung und Krieg aufzustehen.

INFORMATION
Esther Bejarano & Microphone Mafia auf Tour: www.kutlu.koeln – Bejaranos „Erinnerungen“ und die CD „Ama La Vita“: www.aldenterecordz.shop

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