Kampfansage: Fearless Ruth

Kampfansage mit Ginsbergs Kragen: Das "Fearless Girl" in New York. Foto: imago images
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Der weiße Kragen über der schwarzen Robe war ihr Markenzeichen: Richterin Ruth Bader Ginsburg, die Vorkämpferin für Frauenrechte, die am 18. September mit 87 Jahren an Krebs gestorben ist. Nun trägt das „Fearless Girl“ an der New Yorker Wall Street ihren Kragen. Es ist eine Ehrung – und eine Kampfansage zugleich.

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Das furchtlose Mädchen aus Bronze mit wehendem Kleid und Pferdeschwanz, die Hände in die Hüften gestützt, blickt den heranstürmenden Bullen, einer Statue und Symbol für aggressiven Kapitalismus, kampfbereit entgegen. Eigentlich wollte die Künstlerin Kristen Visbal mit dem Mädchen auf den Mangel an weiblichen Führungskräften auf dem Finanzmarkt aufmerksam machen, als die Statue 2017 am Weltfrauentag enthüllt wurde. Doch mittlerweile ist das „furchtlose Mädchen“ zu einem Symbol für Frauen weltweit geworden, die sich mutig den Ungerechtigkeiten dieser Welt stellen und ihnen den Kampf ansagen. Das hat auch Ruth Bader Ginsburg zeitlebens getan. Der Satz „I dissent.“ – ich widerspreche, wird der Satz ihres Lebens. Sie widersprach oft – immer dann, wenn Frauenrechte mit Füßen getreten wurden.

Ich verlange von unseren Brüdern, dass sie ihre Füße von unserem Nacken nehmen!

Die jüdische Pelzhändler-Tochter aus Brooklyn war in den 1950ern eine von nur neun Jura-Studentinnen in Harvard. In den 1970er Jahren kippte sie als Rechtsanwältin ein frauendiskriminierendes Gesetz nach dem anderen. 1993 ernannte Bill Clinton die kämpferische Juristin zur Obersten Richterin am Supreme Court, als zweite Frau in der Geschichte. Sie wurde mit 96 zu drei Stimmen bestätigt. Eine größere Mehrheit hat noch nie jemand bekommen.

Am Obersten Gerichtshof kämpfte sie erfolgreich für die Legalität von Schwangerschaftsabbrüchen, gegen die Todesstrafe, für die Gleichbehandlung Homosexueller und für die als Obamacare bekannte Gesundheitsversorgung. Mit Zitaten wie: „Ich verlange keine Bevorzugung meines Geschlechts. Alles, was ich von unseren Brüdern verlange, ist, dass sie ihre Füße von unserem Nacken nehmen,“ wurde sie Teil der Popkultur und erhielt den Titel "Notorious R.B.G." in Anspielung auf den Rapper Notorious B.I.G.

Mit ihrem Mann Martin war sie 56 Jahre verheiratet. „Er war der erste Mann, der sich auch für mein Gehirn interessierte", sagte sie über ihn. Er stellte später seine eigene Karriere als Steueranwalt zurück und engagierte sich in der Erziehung und Betreuung der beiden Kinder für die damalige Zeit ungewöhnlich stark. Die Frage, ob sich das Juristenpaar oft gegenseitig Ratschläge gibt, verneinte Martin Ginsburg selbstironisch: „Sie gibt mir keine Ratschläge beim Kochen. Und ich gebe ihr keine Ratschläge für die Rechtsprechung.“ 2010 starb „Marty“ an Krebs. Seine Abschiedsnotiz: „Liebste Ruth. Du bist der einzige Mensch, den ich in meinem Leben geliebt habe. Was für eine Freude war es zu sehen, wie du an die Spitze des Rechts vorgedrungen bist.“

Mit Ginsbergs Tod steht das höchste Gericht der USA vor einer Zäsur

Am Tag ihres Todes trug New York, ihre Heimatstadt, Blau. Die Brooklyn Bridge, der Tower of Freedom, der Central Park und viele andere monumentale Bauten wurden in Ginsbergs Lieblingsfarbe angestrahlt. Ginsburg, die um ihr nahendes Lebensende wusste, wollte es unbedingt bis zur Wahl schaffen. Denn mit ihrem Tod steht das höchste Gericht der USA vor einer Zäsur. Die Republikaner sehen die große Chance, die konservative Ausrichtung des Gerichts zu zementieren – auf Kosten der Frauenrechte. Das in den USA hochumstrittene Recht auf Abtreibung könnte fallen. Der Kampf um Ginsbergs Nachfolge hat bereits begonnen - ein "Fearless Girl" ist nicht in Sicht.

Zu ihrer Amtseinführung 1993 im Rose Garden des Weißen Hauses sagte Ruth Bader Ginsberg in Gedenken an ihre verstorbene Mutter: „Ich bete, dass ich all das bin, das sie gewesen wäre, wenn sie in einem Zeitalter gelebt hätte, in dem Frauen nach dem Höchsten streben können und Töchter genauso wertvoll sind wie Söhne.“

In ihrer Profession hat sie zweifelsohne das Höchste erreicht. Die USA brauchen furchtlose Mädchen wie Ruth Bader Ginsburg dringender denn je. Die ganze Welt braucht sie.

Tipp: Das ZDF zeigt in der Mediathek die Doku "RBG - ein Leben für die Gerechtigkeit"

 

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Ein Leben für die Gerechtigkeit

Ruth Bader Ginsburg war in den 1950ern eine von nur neun Jura-Studentinnen in Harvard.
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"Von allen Menschen, die ich kenne, kommt sie einem Superhelden am nächsten!“ Nicht nur für Gloria Steinem ist Ruth Bader Ginsburg eine feministische Ikone, die mit ihren bahnbrechenden Urteilen „das Leben für amerikanische Frauen verändert hat“. Das Gesicht der 85-jährigen Richterin – von ihren VerehrerInnen RBG genannt – am Supreme Court prangt in den USA auf T-Shirts und Kaffeetassen.

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Eine beeindruckende Dokumentation (von Betsy West und Julie Cohen) zeigt, wie die jüdische Pelzhändler-Tochter aus Brooklyn in den 1950ern eine von nur neun Jura-Studentinnen in Harvard wird – und ab Anfang der 1970er als Rechtsanwältin ein frauendiskriminierendes Gesetz nach dem anderen kippt.

1993 ernennt Bill Clinton die kämpferische Juristin zur Obersten Richterin am Supreme Court. Dort stimmte sie u. a. 2015 für die Legalisierung der Homo-Ehe. Auch in Europa werden wir bald mehr von RBG hören, denn ihr neuer Kollege heißt Brett Kavanaugh.

„Ich verlange keine Bevorzugung meines Geschlechts“, sagt Ginsburg. „Alles, was ich von unseren Brüdern verlange, ist, dass sie ihre Füße von unserem Nacken nehmen.“

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