In der aktuellen EMMA

„Frauen sollten öfter masturbieren!“

Für Nina Brochmann (li) und Ellen Stokken Dahl ist die Selbstbefriedigung eins ihrer Lieblingsthemen. - Foto: Anne Valeur
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Bis vor etwa 20 Jahren haben viel mehr Männer als Frauen masturbiert. Inzwischen be­frie­digen sich 84 Prozent der Frauen selbst. Ist Selbstbefriedigung tatsächlich für Mädchen und Frauen selbstverständlich geworden oder schämen sich viele immer noch dafür?

Ellen: Beides. Viele Frauen masturbieren und fühlen sich damit wohl. Aber das Thema ist trotzdem irgendwie tabu, gerade bei jungen Frauen. Die tun es, sprechen aber oft nicht mit anderen Frauen darüber. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir keine Sprache dafür haben. Das Wort Masturbation klingt ja sehr medizinisch. Fast, als ob es eine Krankheit wäre.

Nina: Wir haben keine Sprache für die weibliche Masturbation. Für die männliche haben wir im Norwegischen eine ganze Reihe Begriffe, zum Teil ganz lustige wie „am Lachs ziehen“ oder „den Fahnenmast polieren“. Für Frauen gibt es solche Ausdrücke nicht.

Im Deutschen ist es genauso. Da haben wir für die männliche Selbstbefriedigung Ausdrücke wie „Mütze, Glatze“ oder „Fünf gegen Willi“. Für die weib­liche gibt es aber keine Pendants.

Nina: Wir machen die Erfahrung, dass es bei Mädchen ganz stark vom Freundeskreis abhängt, wie offen sie mit Selbstbefriedigung umgehen. Es gibt Mädchen, die masturbieren ganz selbstverständlich, seit sie 13 sind, und sprechen mit ihren Freundinnen darüber. In anderen Communitys hingegen herrscht totales Schweigen.

Ellen: Bei Jungen ist es hingegen durchweg selbstverständlich, dass sie masturbieren. Ein Junge, der das nicht tut, würde als ziemlich seltsam betrachtet. Als jemand, der komischerweise keinen Spaß mit seinem Körper hat und dem sexuell etwas fehlt. Bei Mädchen haftet der Selbstbefriedigung etwas Schmutziges an.

Ellen: Das Tabu kommt ja auch daher, dass Frauen lange suggeriert wurde, ohne Mann gäbe es keine befriedigende Sexualität. Dieser Glaube an das männliche Sex-Monopol nimmt aber zunehmend ab. Dafür haben wir ein anderes Problem: Frauen geben sich meist selbst die Schuld, wenn sie nicht erregt sind oder keinen Orgasmus haben.

Welche Fragen stellen euch Mädchen und Frauen zur Selbstbefriedigung?

Ellen: Es ist schockierend, dass wir zu diesem Thema praktisch keine Fragen gestellt bekommen.

Nina: Deshalb haben wir das Thema zu einem unserer Lieblings-Themen gemacht und reden von uns aus ganz viel darüber. Weil wir wissen, dass Mädchen unsicher damit sind und wir ihnen diese Unsicherheit nehmen wollen. Kürzlich waren wir an einer Schule zu einer Veranstaltung mit Teenagern zwischen 16 und 18 Jahren. Da haben wir auch sehr viel über Selbstbefriedigung geredet. Anschließend kamen ein paar Mädchen zu uns und sagten: „Oh, das war wirklich sehr erhellend! Wenn ich nach Hause komme, werde ich gleich als erstes masturbieren!“. (lacht)

Das heißt, sie hatten vorher noch nie masturbiert?

Ellen: Das haben wir nicht gefragt. Aber wir hatten eben in unserem Vortrag erklärt, dass Masturbation etwas Schönes, Positives und Gesundes ist. Das war für sie offenbar ein neuer Blick auf die Selbstbefriedigung.

Ist Selbstbefriedigung denn für Mädchen immer noch so schuldbehaftet?

Nina: Wir schreiben gerade an einem neuen Buch für Mädchen über die Pubertät. Dafür haben wir uns viele andere Bücher über die Pubertät angeschaut. Was uns da wirklich betroffen gemacht hat, ist, dass in den Abschnitten für die Jungen die Masturbation ausführlich behandelt wird. Das Thema wird beim Namen genannt, auch die Ejakulation. Außerdem wird erklärt, dass alle Jungen das tun. In den Abschnitten für die Mädchen wird das Thema aber meist gar nicht erwähnt. Und wenn es erwähnt wird, wird es nicht Masturbation genannt, sondern umschrieben mit Begriffen wie „sich selbst berühren“. Es geht auch nicht darum, wie lustvoll Selbstbefriedigung ist, oder gar um den Orgasmus. Stattdessen heißt es, das Mädchen müsse sich dafür „nicht schämen“. Anstatt es positiv auszudrücken und zu sagen: „Es ist gesund und total normal!“ Oder: „Viele Mädchen lieben es, sich selbst zu berühren!“ Warum haben wir ein solches Problem damit, das zu sagen? Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir Angst haben, unsere Mädchen zu sexualisieren. Wir haben das beim Schreiben selbst gemerkt: Wir wollen den Druck, unter dem Mädchen heutzutage in dieser übersexualisierten Welt stehen, nicht auch noch erhöhen. Das ist eine Gratwanderung. Denn natürlich möchten wir unsere Mädchen vor sexuellen Übergriffen schützen. Aber gleichzeitig möchten wir Sexualität auch normalisieren.

Ellen: Es ist normal, dass schon kleine Mädchen ihren Körper erforschen. Aber darüber, dass Mädchen Freude und Lust an ihrem eigenen Körper haben, können wir nicht reden. Dafür findet es unsere Gesellschaft normal, dass wir dreijährigen Mädchen String-­Tangas anziehen. Das ist Sexualisierung!

Und was habt ihr selbst in eurem neuen Buch über Selbstbefriedigung geschrieben?

Nina: Wir bringen das Thema nicht mit Scham in Verbindung. Wir sagen einfach, dass die meisten Mädchen es schön finden, sich selbst zu berühren. Wir sagen, dass nicht alle Mädchen im gleichen Alter Interesse daran haben, dass aber die Mehrheit im Teenager-­alter Erfahrungen damit macht.

Ellen: Wir verklausulieren nichts und sind ziemlich direkt. Wir erklären, dass manche Mädchen es mögen, den Duschkopf zu verwenden, andere nicht, und dass die allermeisten Mädchen ihre Klitoris berühren. Wir sprechen die Worte deutlich aus und benennen natürlich auch die weiblichen Genitalien. Viele junge Frauen denken ja, dass ihr äußeres Genital „Vagina“ heißt, dabei ist das die Vulva.

Hat die Tatsache, dass Mädchen und Frauen seltener masturbieren als Jungen und Männer auch damit zu tun, dass sie unzufriedener mit ihrem Körper sind?

Ellen: Auf jeden Fall! Das ist ja ein Teufelskreis: Wenn du deinen Körper nicht magst, weil du ihn unzulänglich findest, masturbierst du nicht. Und wenn du nicht masturbierst, vergibst du eine tolle Möglichkeit, dich mit deinem Körper wohler zu fühlen.

Nina: Kürzlich habe ich eine Studie gelesen, die der Frage auf den Grund gehen wollte, was es mit den so genannten „Dick Pics“ auf sich hat. Sie wollten herausfinden, warum Männer Fotos von ihren Penissen machen und sie an Frauen schicken. Dabei kam heraus, dass ein hoher Prozentsatz der Männer davon erregt wurde, sich ihren eigenen erigierten Penis anzuschauen. Daraus schließen sie, dass Frauen davon ebenfalls erregt werden – was allerdings selten der Fall ist, wie andere Studien herausgefunden haben. Jedenfalls zeigt diese Studie den Unterschied: Männer sind stolz auf ihr Genital. Und das fängt ja bei kleinen Jungen schon an. Bei Mädchen fördern wir nicht, dass sie stolz auf ihre Genitalien sind. Denen sagen wir, dass sie sie besser verstecken sollen.

Bei Sex gilt ja immer noch – oder vielleicht wieder verstärkt – das Bild: „Richtiger“ Sex ist Penetration. Überträgt sich das auf die Art, wie Mädchen und Frauen masturbieren?

Nina: Dazu gibt es eine aktuelle Studie, die die Stiftung „OMGYes!“ zusammen mit der Universität von Indiana gemacht hat. Dabei kam heraus, dass die Mehrheit der Frauen ihre Klitoris stimuliert. Die Minderheit führt etwas in ihre Vagina ein, aber das tun die Frauen in der Regel zusätzlich zur Stimulation der Klitoris.

Eine aktuelle Studie zeigt, dass Männer masturbieren – egal, ob sie in einer Beziehung sind oder nicht. Frauen hingegen masturbieren viel seltener, wenn sie in einer Beziehung sind.

Nina: Ja, Frauen scheinen Sex mit jemand anders und mit sich selbst eher als Entweder-Oder zu sehen und nicht so sehr als etwas, was sich gegenseitig besser machen kann. Sie vergessen, dass Masturbation die Lust erhöht und auch die Fähigkeit, Orgasmen zu haben. Gerade für Frauen, die unzufrieden mit dem Sex mit ihrem Partner sind, kann Selbstbefriedigung eine gute Möglichkeit sein, den Sex besser zu machen.

Ellen: Aber Selbstbefriedigung ist natürlich mehr als ein Mittel zum Zweck. Sie ist für sich selbst etwas Schönes.

Nina: Genau. Masturbation ist sehr gesund! Wenn du vor dem Einschlafen masturbierst, schläfst du besser. Masturbation setzt Neurotransmitter frei, die Glücksgefühle auslösen, sie wirkt also wie ein Antidepressivum. Und wir sehen in Studien, dass Frauen, die masturbieren, ein positiveres Körperbild haben als Frauen, die das nicht tun. Selbstbefriedigung macht also glücklicher, reduziert Stress und hilft gegen Schlafstörungen. Es gibt also viele gute Gründe dafür, dass Frauen noch viel öfter masturbieren ­sollten!

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