Gruppe 8 Pionierinnen

1971 starteten die Frauen ihre Revolution, "Kvinno" (Frau) war ihr Sprachrohr, quasi die schwedische EMMA.
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1965 bekam Gunilla Thorgren, gerade Anfang 20, ihr erstes Kind. Ungewollt. Krippen- und Kitaplätze waren eine Seltenheit. Eine alleinerziehende Mutter zu sein bedeutete, nicht studieren zu können und am Rand der Gesellschaft zu leben. Gunilla Thorgren aber wollte eine Zukunft, für sich selbst und für ihre Tochter Lotta. Sie beschwerte sich telefonisch beim Bildungsminister Olof Palme (der später als Ministerpräsident berühmt wurde und 1986 durch ein Attentat starb). In den 1960er-Jahren konnte eine Schwedin ihren Bildungsminister einfach per Telefon anrufen, so tief wurzelte das basisdemokratische Selbstverständnis. Palme wiegelte ab. Gunilla hörte ein wenig später von der „Gruppe 8“, die von acht Studentinnen 1968 an der Universität Uppsala gegründet wurde. Die Gruppe kam über das Diskutieren anfangs nicht hinaus. Bis die pragmatische alleinerziehende Mutter zu den acht Akademikerinnen stieß. 

„Ich wollte, dass sich endlich was bewegt, ich wollte konkret werden“, erzählt Gunilla heute lachend in den vielen Interviews, die sie immer wieder geben muss. Sie stellte Fragen wie: Wie viele Kindergartenplätze kann man für den Preis eines Kampfflugzeugs einrichten? Warum verdienen Männer für gleiche Arbeit mehr Geld? Warum entscheiden Männer, ob Frauen abtreiben dürfen?

1970 stieß die rebellische Thorgren zur „Gruppe 8“. Nun waren sie schon neun und bald waren sie Hunderte. Es strömten Frauen aus ­linken Organisationen ebenso wie Hausfrauen hinzu. Vor dem Parlament in Stockholm entrollten sie Banner mit Slogans wie „Frauenkampf ist Klassenkampf“ oder „Weine nicht, geh zum Angriff über“ oder „Kitaplätze für alle“. 

1971 gründete Gunilla mit der Gruppe 8 das Kvinnobulletinen (Frauen-Zeitschrift), quasi die schwedische EMMA. Fortan hatten die Feministinnen eine Stimme und organisierten Protestmärsche, Aktionen oder Ausstellungen. Eine schlug ein wie eine Bombe. 1972 brachte die Gruppe 8 die Ausstellung „Frauen“ ins Moderne Museum in Stockholm. Mit allem, was dazu gehört: Menstruation, Abtreibung, sexuelle Ausbeutung, häusliche Gewalt. 13.000 Menschen kamen im ersten Monat. Die Bericht­erstattung explodierte. Gunilla Thorgren und Co. wurden als sexuell frustrierte Weiber verhöhnt. Sie seien hässlich, neurotisch und hysterisch. Das Übliche. 

Da traf es sich gut, dass es dem an Boden­schätzen reichen und nicht durch den Krieg geschwächten Schweden Ende der 1960er-Jahre wirtschaftlich sehr gut ging. Das Land brauchte Arbeitskräfte. Die Frauen waren willkommen. Der Staat baute die Kinderbetreuung aus, liberalisierte die Abtreibung. Das uneingeschränkte Recht auf den eigenen Körper wurde für die schwedischen Frauen unantastbar. Außerdem veränderte der Staat das Steuersystem auf eine Weise, die in Sachen Gleichberechtigung als revolutionär betrachtet werden kann. Seit 1971 werden erwerbs­tätige EhepartnerInnen in Schweden individuell besteuert. Bis dahin wurde das Einkommen der Frau bei der Steuerberechnung automatisch zu dem des Mannes hinzugerechnet, sodass wegen der Progression ein sehr hoher Steuersatz fällig wurde. Die Familien verloren bis dato sogar Geld. Thorgren erzählt: „Die Steuerreform veränderte alles für uns Frauen.“ Auch die Sozialversicherung wurde auf einen rein individuellen Ansatz umgestellt. 

Die Gruppe 8 und ihre Mitstreiterinnen erkämpften Ende der 1960er Vollzeitjobs für Mütter bei verringerter Gesamtarbeitszeit, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, und auch der Pornografie ging es an den Kragen. 

Gegen Ende der 1980er-Jahre löste sich die Gruppe nach und nach auf, ihre vielen Aktivistinnen waren und sind noch immer einflussreiche Stimmen in der schwedischen Diskussion um Gleichstellung. Auch fanden viele Frauen aus der Gruppe ihren Weg in die Wissenschaft. Bekannte Gender-Forscherinnen, Schriftstellerinnen und Meinungsmacherinnen gingen aus ihr hervor. 

Gunilla Thorgren ist Journalistin geworden, erst mit dem Kvinnobulletinen, dann als Chefredakteurin einer anderen Zeitschrift. Nach der Ermordung Palmes ging sie in die Parteienpolitik, sorgte als Staatssekretärin für Kultur dafür, dass staatliches Geld zu mindestens 40 Prozent an Frauen vergeben wurde. Die heute 75-Jährige ist mit dem Schriftsteller Per Olov Enquist ­verheiratet, zu Tochter Lotta kamen noch zwei weitere Kinder hinzu. Zu ihren größten Lastern zählt: Schnupftabak kauen. 

 

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