Heimweh nach dem Traurigsein

Fotos: Katharina Behling, Peter Grüschow
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Was habe ich denn gemacht in der Nacht, als die Mauer fiel?

Ich habe den Abend mit Freundinnen verbracht, nur ein paar Straßenecken vom Weltgeschehen entfernt, und dann: habe ich geschlafen. Ich habe das Weltgeschehen tatsächlich verschlafen, und während ich schlief, war der Topf nicht umgerührt worden, sondern umgestoßen und in Scherben gegangen. Am Morgen erfuhr ich: Man braucht nun gar keine Töpfe mehr.

In der Gesellschaft, in die ich hineingeboren worden war, hatten die gründlichsten Kritiker der Regierung diese Regierung nur überholt im Hoffen. Das Hoffen hatte ich also gelernt, und die Vorläufigkeit und das Besserwissen und das Warten. Und nun aber? Nun wurden die, die es falsch gewusst hatten, nicht ersetzt, sondern ganz und gar abgeschafft. Und die es besser gewusst hätten, ­saßen plötzlich in einem leeren Theater. Von Freiheit war plötzlich viel die Rede, aber mit diesem Begriff Freiheit, frei schwebend in ­allen möglichen Sätzen, konnte ich wenig ­anfangen. Reisefreiheit? (Aber wird man die Reisen denn auch bezahlen können?) Oder Meinungsfreiheit? (Und wenn meine Meinung dann niemanden mehr interessiert?) Einkaufsfreiheit? (Und was kommt nach dem Einkauf?) Die Freiheit war ja nicht geschenkt, sie hatte einen Preis, und der Preis war mein gesamtes bisheriges Leben. Der Preis war, dass das, was sich eben noch Gegenwart genannt hatte, nun Vergangenheit hieß. Unser Alltag war kein Alltag mehr, sondern ein überstandenes Abenteuer, unsere Sitten plötzlich eine Attraktion. Das Selbstverständliche hörte innerhalb weniger Wochen auf, das Selbstverständliche zu sein. Eine Tür, die sich nur alle hundert Jahre auftut, hatte sich aufgetan, aber nun waren auch die hundert Jahre für immer um. Meine Kindheit gehörte von nun an ins Museum.

Als ich kürzlich die Zeitung aufschlug, las ich einen Nachruf auf meine Grundschule.

Ja, tatsächlich, ehemalige Schüler hatten eine Traueranzeige für das Gebäude, in dem ich als Kind acht Jahre lang zur Schule gegangen war, in die Zeitung gesetzt. In stillem ­Gedenken trauern wir heute um den Abriss unserer Schule. Diese inzwischen erwachsenen Schüler aber hatten in der außergewöhnlich langen Anzeige nicht nur von ­ihrer Trauer gesprochen, sondern vor allem vom Alltag in und mit dieser Schule, die 1973/74 in dem Tal zwischen den Ostberliner Hochhäusern der Leipziger Straße und dem Westberliner Springer-Hochhaus gebaut worden war – ein Standard-Neubauklotz, der nach der Wende noch etwa zehn Jahre als Gymnasium diente, dann verlassen wurde, dann weitere zehn Jahre leerstand und allmählich von Bäumen, Büschen, Unkraut überwuchert wurde. Ein schweigender Ort, mit dem Sportplatz zusammengenommen vielleicht einen Quadratkilometer groß, gleich um die Ecke vom Trubel des Checkpoint Charlie, der Weltattraktion für alle, die wissen wollen, wie sich die Mauer angefühlt hat. Und nur eine Viertelstunde Fußweg vom Potsdamer Platz entfernt, mit seinen gläsernen Palästen.

Wo gäbe es das sonst noch in einer der Hauptstädte der westlichen Welt, dass mitten im Zentrum eine Brache einfach so daliegt, ein totes Stück Land, ein gestorbenes Stück Alltag einer anderen Zeit? Den Ground Zero in New York verwandelte man, sobald der Schutt fortgeräumt war, sofort wieder in eine Baustelle, und am Rand dieser Baustelle entstand sofort ein Museum zum Gedenken an die bei dem Anschlag aufs World Trade Center ums Leben Gekommenen. Aber in unserer Schule war ja niemand gestorben. Es hatte, gottseidank, keinen Krieg gegeben und kein Attentat. An unserer Schule ließ sich, nachdem sie von den Behörden aufgegeben worden war, nichts weiter ablesen als das Warten der neuen Gesellschaft auf ein Grundstück in bester Lage.

Als ich hingehe, um den Trümmerhaufen zu besichtigen, steht vom hinteren Treppenhaus gerade noch ein kleiner Rest. Das war das Treppenhaus, das zu meiner Zeit zu den naturwissenschaftlichen Fachräumen geführt hat. In den Hofpausen standen in der Nische zwischen dessen Außenseite und dem eigentlichen Schulgebäude die Jungen aus meiner Klasse in engem Kreis beieinander und wandten allen anderen den Rücken zu, um heimlich zu rauchen. Als dann einer von ihnen mein Freund wurde, war ich das erste Mädchen, das in den Hofpausen auch dort stehen und allen anderen den Rücken zuwenden durfte.

Was passiert eigentlich, wenn eine Wand zusammenstürzt, wenn die Zimmerdecke auf den Fußboden stürzt, mit der Krümmung der Raumzeit?

Das Verschwinden von Orten hat immer zwei Phasen, das wird mir erst jetzt klar, als ich neben dem großen Trümmerhaufen den schlaffen Berg roter Gummimatten sehe, mit denen der Sportplatz belegt war. Die erste Phase: die Entleerung, das Über­wuchertwerden, Zusammenstürzen, aber Noch-da-Sein – und dann zweitens: das Weggewischtwerden und die Neubesetzung. Erst nach dem Wegwischen, dem Abräumen, dem Entsorgen kann etwas anderes an die Stelle treten, wo schon einmal etwas war.

Die verwahrloste Fermatenpause im Bezirk Mitte war immerhin noch eine Art Platzhalter für meine Erinnerung an diese Schule gewesen, die, wie es Schulen so an sich haben, durchaus nicht immer ein glücklicher Ort war. Eine Wildnis mitten im aufstrebenden Bezirk Berlin-Mitte, war dieser eine Quadratkilometer auch so etwas wie eine alte Zeit, die der neuen noch im Hals steckt, bevor sie endlich ausgespuckt werden kann.

Erst mit dem Glätten und Säubern der Oberfläche treten der verschwundene Ort und die mit ihm verschwundene Zeit nun ihren letzten Weg an, den Weg ins rein Geistige, wenn man so will, existieren von da an nirgendwo mehr sonst als in zum Beispiel meinen Gehirnwindungen und den Gehirnwindungen einiger anderer, finden in irgendeinem Gedächtnis ihre je andere letzte Zuflucht.

Der Platz vor dem Haupteingang der Schule war genau so groß, dass alle Schüler sich beim Fahnenappell dort im Karree aufstellen konnten. Dort stellten wir uns aber auch auf, wenn von der Schulleitung übungshalber der Feueralarm ausgelöst worden war. Und ab April oder Mai vollführten wir ebendort nach einer strengen, selbst­auferlegten Ordnung Sprünge über zusammengeknotete und zwischen zwei Mädchen­beinpaaren aufgespannte Gummibänder, Schlüppergummi nahm man dafür, und Gummihopse hieß das Spiel bei uns, heutzutage sagt man wohl Gummitwist dazu. Erste Höhe die Knöchel, zweite Höhe die Kniekehlen, dritte Höhe die Hüften, und einfacher waren die Sprünge, bei denen man mit den Füßen verschiedene Bewegungen ausführte, als die, bei denen man mit beiden ­geschlossenen Füßen über eines der Bänder springen mußte. Auf der Treppe, die von diesem Spiel-, Fahnenappell- und Feueralarmplatz zum Haupteingang hinaufführte, wurden auch die jährlichen Klassenfotos ­gemacht, stufenweise die Größeren hinter den Kleineren aufgestellt wie in einem Chor.

Ein Platz, der genau so groß ist, dass alle Schüler Platz haben, um sich beim Fahnenappell dort im Karree aufzustellen (Wo ist der blaue Faltenrock? Wo mein Käppi? Wieso hält das nicht? Komm her, ich steck es Dir mit der Haarklemma fest! Nicht, das tut weh!), so ein Platz ist mit Platten belegt, und wenn so ein Platz mit Platten belegt ist, kann man auf ihm auch sehr gut über ein Gummiband springen, das zwischen zwei Mäd­chenbeinpaaren aufgespannt ist. Ein Fahnen­appell kann Alltag sein, genauso wie ein Spiel, das Mädchen spielen, wenn das ­Wetter endlich so warm ist, dass man ­Kniestrümpfe anziehen kann.

Dort, wo dieser Platz war, stehen jetzt keine Schüler mehr, und das Wort Fahnenappell ist eine Vokabel, die ausgedient hat, ein Trümmerwort. Dort, wo nichts war, damit man sich ordnungsgemäß versammeln konnte, sind nun die Betonstücke des Gebäudes übereinanderhergefallen. Der Berg aus Beton­stücken betrifft mich, denn an einem von ihnen, sehe ich, kleben noch die kleinen blauen Fliesen aus der Mädchentoilette.

Habe ich diese Toilette gemocht? Kann man eine Schülertoilette überhaupt mögen? Freue ich mich denn nicht auf die Zukunft? Auf die lichtdurchfluteten Wohnungen oder Büroräume, die sich bald anstelle zum Beispiel dieser ehemaligen sozialistischen Schülertoilette erheben werden? Auf Granit, Edelstahl, Eichenholz – anstelle der Klassenzimmerwände mit Wandzeitungen, die Überschriften trugen wie: Aus dem Funken schlug die Flamme!, und auf leise schließende Fahrstühle anstelle der vielen Luft, in der die Schüler auf die Aufforderung: Für Frieden und Sozialismus – seid bereit! mit einem zackigen oder müden: Immer bereit! geantwortet haben?

Nein, es geht merkwürdigerweise gar nicht darum, ob das, was jetzt ersetzt wird, erfreulich oder unerfreulich war, gut oder böse, ehrlich oder unehrlich. Es war einfach Zeit, die tatsächlich auf diese, mir bekannte Weise vergangen ist und in diesen Räumen aufgehoben war. Es geht um Zeit, die einmal eine Gegenwart war, und zwar eine allgemeine Gegenwart, die meine persönliche Gegenwart mit einschloss. Zeit, zu der ein bestimmter Begriff von Zukunft gehörte, der mir vertraut war, wenn diese Zukunft selbst auch noch in weiter Ferne liegen mochte. Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war, ist ein schöner Satz von Karl Valentin. Was aus der lichten Zukunft geworden ist, auf die wir in dieser Schule vorbereitet werden sollten, weiß ich inzwischen. Die Mühen der Ebene. Die Ebene war zu weit gewesen. Aber jetzt? Jetzt gibt es wieder eine Zukunft. Oder fallen Gegenwart und Zukunft jetzt für immer in eins? Und wird vielleicht mit den Ruinen, die nun ein für allemal abgeräumt werden, auch die Vergangenheit ein für allemal abgeschafft? Kommen wir nun für immer in einer Zeit an, die für alle Zeit Gültigkeit haben soll?

Jetzt, wo der Keller, in dem an manchen Tagen eine Impfstelle eingerichtet war, und der Essensaal, in dem es noch solche Gerichte wie Blutwurst mit Sauerkraut gab, und die Aula, in der unsere Bilder aus dem Kunstunterricht aufgehängt waren, in Trümmern liegen, sehe ich, dass in Entsprechung zu den zwei Phasen des Verschwindens, von denen vorhin die Rede war, auch meine Trauer zwei Phasen hat: Mit dem allmählichen Verfall dieses Ortes habe ich zuerst nur konkret um Impfstelle, Essensaal oder Aula getrauert, natürlich nicht um die Räume als solche, aber um diese Räume als nach und nach verrottendes Bühnenbild meines Kinderalltags – als könnte auch so ein Alltag, der längst vorbei ist, noch im nachhinein alt und schwach werden.

Mit dem Wegwischen der Trümmer aber beginnt bei mir eine grundsätzlichere Art von Trauer, die über meine eigene Bio­graphie hinausreicht: Die Trauer über das Verschwinden einer solchen sichtbaren ­Verwundung eines Ortes, über das Verschwinden kranker oder gestörter Dinge und Räume, die Zeugnis davon ablegen, dass eine Gegenwart nicht mit allem fertig wird, fertig wird, wie es so passend heißt. In dieser zweiten Phase, der Phase der Säuberung, trauere ich um das Verschwinden des Unfertigen oder Kaputten an sich, dessen, was sich bis dahin sichtbar einer Eingemeindung verweigert hat, um das Verschwinden des Drecks, wenn man so will. Wo Gras einfach so wächst, wo sich Unrat ansammelt, tritt eine Relativierung menschlicher Ordnung ein. Und das ist angesichts der Tatsache, dass wir selbst allesamt sterblich sind, nie schlecht fürs Nachdenken.

Wo die sozialistischen Architekten die bösen Geister aussperren wollten, fehlte gottlob der Beton oder er riss wenigstens. Es war auch nicht alles auf einmal zu schaffen. Ersatzteile waren ein Problem. Und außerdem: Wem gehört überhaupt Volkseigentum? Wen kümmert es? Während ich ein Kind war, erzählte in dieser Stadt alles, was ich sah, immer auch davon, dass die Gegenwart des sozialistischen Versuchs noch nicht allzu lange von der Gegenwart eines Krieges entfernt war. Das Unfertige und die Vision der lichten Zukunft, das Zerstörte und die Baustellen der neuen Welt existierten noch nebeneinander und waren jederzeit zu besichtigen. Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft ­zugewandt, hieß die erste Zeile der DDR-­Nationalhymne, das eine war ohne das andere nicht zu denken, die Zukunft nicht ohne die Ruinen. Und ein Kind lernt ja zunächst nur durch die Dinge, die da sind, es lernt durch das Sehen dessen, was da ist, was paral­lel existiert. Die Geschichten kommen erst später, die eigenen Erfahrungen. Für ein Kind sind Ruinen anderer Zeiten, die es bei seiner Geburt vorfindet – ebensowenig wie Krankenhäuser, in denen es noch niemanden, der ihm nahesteht, hat leiden sehen, oder Friedhöfe, in deren Erde es noch keinen Freund, keine Großmutter, keinen Großvater, nicht Vater oder Mutter begraben musste – zunächst ja keine Orte der Trauer. Nicht einmal Orte der Angst, weil ihm auch zur Angst die Erfahrung fehlt. Meine, nennen wir es einmal so, Liebe zum Dreck, zum Unfertigen und zu den Ruinen war, als ich ein Kind war, eine unbelastete Liebe, und mein Lernen fand allein durch die Gegenwart solcher beschädigten Orte und Räume statt, durch ihr bloßes Dasein, dadurch, dass ich mit ihnen meine Lebenszeit teilte.

Ruinen waren in meiner Kindheit ein ­alltäglicher Anblick gewesen, und zwar ebendiese Ruinen, die mich nichts gekostet ­hatten, die, in deren Wirklichkeit ich hineingeboren worden war. Hatte ich meine ersten Rendezvous mit dem schon erwähnten Freund aus meiner Klasse nicht in der Ruine des Deutschen Doms gehabt, zwischen Unkraut und schartigen Steinblöcken? War ich nicht über eine Birke, deren starke Äste bis zum zweiten Stock hinaufreichten, in die Ruine des Neuen Museums hinübergeklettert, auf die noch heile Hälfte eines Museumsgangs, um die Statuen dort anzuschauen, von denen niemand sonst wusste? Die Statuen, als Torso gedacht, nun aber von einem Krieg, der sie nichts anging, noch mehr verstümmelt. Hatte mein Vater nicht jedesmal, wenn wir in unserem Trabi am Alex vorbeifuhren, auf den Bauzaun gegenüber vom Roten Rathaus gezeigt, und an die biedermeierlichen mumifizierten Toten erinnert, die er als Student in den unzerstört gebliebenen Katakomben der Nikolaikirche gefunden hatte, und die wahrscheinlich noch ­immer dort unter den Trümmern des leergebombten Gevierts lagen? Ich kannte die Einschusslöcher im Sockel der Humboldt-Universität und der Staatsbibliothek und all der anderen großen Gebäude in Berlin-Mitte, ich wusste zu jeder Zeit, wie es aussieht, wenn ein Baum aus einer Dachrinne wächst, wusste, wie es ist, wenn man aus einem Zimmer einen Ausblick hat auf einen Luftschutzbunker, und kannte die blassen Farben, mit denen sich an einer übriggebliebenen Ziegelwand ablesen ließ, wo einmal ein Badezimmer, eine Küche, eine Speisekammer gewesen war. Stahlträger. Verkohlte Balken. Wände mit nichts dahinter. Räume, in denen es auf tote Tauben regnet, weil kein Dach da ist. Brandmauern, die bei Sonnenuntergang schöne Silhouetten machen. ­Abgesperrte Gelände. Leerstellen und Sack­gassen mitten in Berlin-Mitte.

Als Kind habe ich die Ruinen geliebt. Es waren heimliche Orte, unbesetzte Orte, wo das Unkraut kniehoch wuchs, und zu denen uns kein Erwachsener folgte. Es waren manchmal auch gefährliche Orte, Orte mit schönem Ausblick, Orte, an denen wir Entdeckungen machen konnten, die nur uns allein gehörten. Ruhige Orte, an denen nichts passierte, als dass die Wolken darüber hinwegzogen. Orte, an denen man durch mehrere Stockwerke und leergebrannte Fenster hindurch den Himmel ­sehen konnte. Orte, an denen Hirtentäschel wuchs, und die Herzen davon konnte man essen. Es waren Orte, die Landschaft waren, mitten in der Stadt. Spät erst habe ich verstanden, dass auch das, was meinem kind­lichen Blick vertraut war, in Wahrheit eine zerstörte andere Zeit war, die der neuen im Hals steckt, bevor sie endlich ausgespuckt werden kann. Einen Unterschied allerdings gab es: Dass die Ruinen da standen, kostete damals nichts. Die Zeit lief nicht, die Zeit stand. Kein Mensch redete über Geld. Das Privateigentum an Grund und Boden war abgeschafft. Die Immobilien machten ihrem Namen alle Ehre: Sie waren da und bewegten sich einfach nicht.

Wahrscheinlich habe ich in dieser Zeit gelernt, mit dem Unfertigen zu leben, und mit dem Bewusstsein, dass Häuser, die für die Ewigkeit gebaut sind, nicht ewig halten. Erst als Erwachsene habe ich erfahren, dass Hitler seine Großbauten für das Tausendjährige Reich unter anderem auch dafür konzipiert hat, dass sie nach den tausend Jahren immerhin noch großartige Ruinen abgeben würden. Am zerstörten Berlin dann konnte man sehr gut studieren, was von einer Kuppel übrigbleibt, und was von einem Warenhaus, konnte ohne viel Mühe lernen, dass sich in einem Mietshaus in den unteren zwei Etagen noch immer ganz gut leben läßt, auch wenn die oberen beiden weggebombt sind. Und dieses Wissen ist eines von der Art, das man nicht wieder vergessen kann. Heute noch rechne ich, ganz ohne besonders nachzudenken, alle Einkaufspassagen in Ruinen von Einkaufspassagen um, lasse Staubwolken in Edelboutiquen sich aufbäumen, stelle mir vor, wie die Glasverkleidungen der Bürohäuser in Scherben gehen und herabrauschen, dahinter dann die nackten Büros, in denen niemand mehr sitzt. Ich weiß wohl, wie es wäre, wenn alle Gummibäume in den Wohnzimmern und alle Geranien auf den Balkons verdorrten, weil keiner mehr da wäre, sie zu gießen, oder weil die, die noch da wären, Dringenderes zu tun hätten, als sich um ihre Pflanzen zu kümmern. Ich sehe Brunnenbecken voller Schutt, ich sehe Straßen, die unbefahrbar geworden sind, und überlege, welche meiner Möbel wohl noch auf einem Stück Fußboden stehen werden, wenn es die Wohnung im Ganzen nicht mehr gibt. Ebenso wusste ich immer schon, wie die Menschen, die mir in der U-Bahn als Kinder, Jugendliche oder Erwachsene im besten Alter gegenübersaßen, mit 80 Jahren aussehen würden, ich konnte gar nicht anders, als auch diese Menschen in ihre eigenen Ruinen umzurechnen, in kranke, in weise, verwüstete oder überreife Ruinen von Gesichtern und Körpern, ich wusste von dem Verfall, der ihnen bevorstand und sah ihn in immer anderer Gestalt. Dieses zwanghafte Umrechnen ist mir bis heute geblieben, so als sei der Verfall dessen, was es gibt, eben die zweite Hälfte der Welt, ohne die sich nichts denken läßt.

Und zugleich lebte ich selbst mitten auf einer Baustelle, die dort nur sein konnte, weil vorher nichts, oder doch fast nichts mehr da war – ohne dass mir damals bewusst gewesen wäre, was ich da erlebte. Und so ist es wahrscheinlich immer: Man braucht das ganze eigene Leben, um das ­eigene Leben zu enträtseln. Schicht um Schicht legt sich Wissen auf die Vergangenheit und lässt sie immer wieder neu wie eine Vergangenheit aussehen, die man zwar gelebt hat, dabei aber gar nicht kannte.

Ich fange an mit meinem Leben als Schülerin, ich wachse, und die Häuser um unser Haus wachsen auch. Mit meinem eigenen bewussten Leben beginnt auch das sozialistische Leben der Leipziger Straße, die heute auf den Potsdamer Platz zuführt, damals aber an der Mauer zu Ende war. Heute weiß ich, dass die Leipziger Straße vor hundert Jahren eine enge, beliebte und sehr ­belebte Geschäftsstraße war, mit Tabak­läden und Pferdebahn, Sandsteinschnörkeln an den Häusern und Frauen mit schönen Hüten. Jüdische Tuchfabriken hatte es noch zu Beginn der 30-er Jahre des letzten Jahrhunderts in dem Viertel gegeben. Aber als ich ein Kind war, gab es das alles nicht mehr, und ich wusste nicht, dass etwas dort fehlte, oder wer. Heute weiß ich auch, dass die Hochhäuser, in deren einem ich wohnte, durchaus in propagandistischer Absicht als Pendant zum Hochhaus des Springer-­Verlags auf der Westseite gebaut wurden, aber als ich ein Kind war, freute ich mich einfach, wenn wir an Silvester von der Terrasse oberhalb des 23. Stockwerks auf die vielen Lichter blicken konnten.

Als Schüler lasen wir die Zeit für unsere sozialistischen Hofpausen von einer Leuchtanzeige im Westteil der Stadt ab, die über die Mauer hinweg zu sehen war. Dass das Gebäude, an dem die Leuchtanzeige angebracht war, neben der Zeitanzeige auch die Aufschrift „B.Z.“ leuchten ließ, um für eine Zeitung, die wir nicht kannten, zu werben, interessierte uns nicht. Zum Sonntagsspaziergang führten meine Eltern mich ans Ende der Leipziger Straße, in das Viertel unmittelbar  vor der Mauer, da war es still wie auf einem Dorf, es gab glatten Vorkriegsasphalt, auf dem sich gut Rollschuh laufen ließ, da hatte die Buslinie ihre Endhaltestelle, und es gab keinen Durchgangsverkehr. Da war die Welt zuende. Nichts Schöneres für ein Kind, als da aufzuwachsen, wo die Welt zuende ist.

Als ich ein Kind war, war die eine Hälfte der Stadt für mich ein Ganzes, und noch heute weiß zwar mein Verstand, aber nicht mein Gefühl, dass die Stadt erst jetzt wieder so funktioniert, wie sie gewachsen ist und gemeint war. Hundert Male kann ich zum Beispiel die Chausseestraße entlangfahren, die vom Ostberliner Stadtbezirk Mitte in den Westberliner Wedding führt und inzwischen wieder eine ganz normale Straße ist, und doch fahre ich alle hundert Male über einen Grenzübergang. Dieses Wieder-Zusammenwachsen ist für mich kein Wieder-Zusammenwachsen, sondern eine recht willkürliche Addition, eben weil ich als Kind die beiden Hälften von Berlin nicht als eine Stadt erlebt habe. Ich sehe, wie auf der mir vertrauten Seite die Funk­tionen einer kapitalistischen Metropole wieder in die Gebäude einziehen, die ihnen, fünfzig Jahre zuvor, schon einmal gehört haben, und begreife jetzt, dass diese Gebäude schon immer mehr wussten, als sie mir erzählen konnten. Haus der Schweiz, wie hatte es mich immer gewundert, dass mitten unter den sozialistischen Linden dieses eigentümlich gebaute Haus, in dessen Erdgeschoss ein Lebensmittelladen war, so hieß. Inzwischen aber gehört das Haus wieder Banken und Versicherungen, wie bei seiner Erbauung. Und dennoch – was ich mit dem Gefühl eines Kindes nicht gelernt habe, kann ich mit dem Gefühl einer Erwachsenen nicht nachholen. Jemandem wie meinem alten Nachbarn, der seine Brötchen vor dem Krieg immer auf der anderen Seite der Straße geholt hat, dort, wo dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, Westen war, ist es wohl genau andersherum ergangen. Der hat mit dem Gefühl eines Kindes das ganze Berlin gelernt, für den war die Mauer, denke ich mir, wohl achtundzwanzig Jahre lang eine Subtraktion.

Als ich ein Kind war, unterschied ich nicht zwischen den Ruinen, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte, und den Brachflächen und städtebaulichen Absurditäten, die durch den Mauerbau entstanden waren.  Für mich, die ich in den 70-er Jahren ein Kind war, waren die Häuser, an ­denen noch in Nazi-Frakturschrift Molkerei oder Kohlehandlung stand, während dort längst keine Molkerei und keine Kohlehandlung mehr waren, ein genauso alltäglicher Anblick wie die versperrten Eingänge zu den seit dem Mauerbau stillgelegten U-Bahn-Stationen. Altes Papier und trockenes Laub wehte der Wind zum Fuß dieser Treppen, die dreißig Jahre lang niemand hinunterging; die Fahrgeräusche dieser Westberliner U-Bahn-Linien, die, ohne anzuhalten, unter dem Osten Berlins verkehrten, waren zwar durch die Lüftungsgitter manchmal bis hinauf zu uns Ostkindern zu hören, und wir kannten auch die warme Luft, die uns aus diesen unerreichbaren Schächten anwehte, aber wir lernten, dass ebenso, wie städtische Molkereien und Kohlehandlungen für immer verschwinden können, unter unseren Füßen auch Wege verlaufen, die nicht für uns bestimmt sind, dass über unseren Köpfen auch Flugzeuge fliegen, mit denen wir niemals fliegen werden, wir hörten die Handwerker auf den Baugerüsten in Westberlin hämmern und bohren, und wussten, dass eine ganze Welt, die so nah schien, ­dennoch unerreichbar sein konnte.

Zugleich aber lernten wir, wenn man es einmal andersherum ansieht, dass es neben der Welt, die wir kannten, ganz in der Nähe überhaupt eine zweite Welt gab. Wir lernten, ohne zu lernen, einfach nur durchs Dasein in dieser Stadt und durchs Leben in diesem Leben, dass das, was man greifen konnte, nicht alles war. Dass sich andere Welten verbargen in der Erde, über die wir liefen, und in dem Himmel, dessen Wolken ungerührt über Ostteil und Westteil der Stadt dahinschwammen. Als Kind war ein Leerraum für mich nicht das Zeugnis eines Mangels, sondern ein Ort, der von den Erwachsenen entweder auf­gegeben oder verboten worden war und ­daher nun, in der Phantasie, ganz und gar mir gehörte.

Oft stand ich bei meiner Großmutter zu Hause im Wohnzimmer an der Gardine und sah mir das große Haus an, das hinter der Mauer, drüben, zu sehen war. Es mochte eine Schule sein oder eine Kaserne. Am Morgen war dieses Haus ganz sonnenbeschienen. Es gefiel mir, und ich fragte mich, was da für Leute wohnen oder arbeiten mochten. Die Mauer, die mich von dem Stadtteil trennte, in dem das Haus stand, und die Spanischen Reiter vor der Mauer, auch der wahrscheinlich verminte Sandstreifen, auf dem die Spanischen Reiter standen, und der Grenzposten, der direkt unter mir patrouillierte, interessierten mich wesentlich weniger. Während meine Großmutter schimpfte, weil ihr ein Staubtuch, das sie über die Balkonbrüstung zum Trocknen aufgehängt hatte, auf den Grenzstreifen hinuntergeweht und dadurch für immer verloren war, beobachtete ich das Haus. Abends waren die Fenster dieses Hauses lange hell, jedes Fenster mit dem gleichen Neonlicht, also waren es wahrscheinlich doch keine Wohnungen. Ein Leerraum ist ein Raum für Fragen, nicht für Antworten. Was man nicht kennt, ist unendlich.

Meine Tante, die mir immer die schönsten Westpakete aus der anderen Hälfte Berlins schickte, wohnte in der Sickingenstraße. Die Adresse stand auf dem Packpapier. Sickingenstraße. Der Trompeter von Sickingen, habe ich meine ganze Kindheit über gedacht, und dabei ist es der Trompeter von Säckingen. Und der Trompeter von Säckingen konnte, das war mir eigentlich schon damals klar, auf gar keinen Fall derjenige Trompeter sein, an den ich dachte, wenn ich das Lied vom Kleinen Trompeter sang: Von all unsern Ka-ameraden, war keiner so lieb und so gut, als unser kleiner Trompeter, ein lustiges Rotgardistenblut, ein lustiges Rotgardistenblut. Aber wenn man ein Kind ist, wundert es einen nicht, wenn der barocke Bürgersohn aus Säckingen in der unerreichbaren Sickingenstraße in Westberlin das kommunistischen Trompeterlied Erich Weinerts singt, das mich jedesmal zu Tränen rührte, und so war für mich, als ich ein Kind war, die Sickingenstraße eine schöne Straße, eine schöne Straße im unerreichbaren Westen, in der es nach Ariel und nach Jacobs Krönung duftet, während der kleine Trompeter den melo­diösen Heldentod sterben muss.

Nach dem Mauerfall dann habe ich meine Tante irgendwann einmal besucht, und die Sickingenstraße war, wie könnte es anders sein, durchaus nicht schön und duftend, sondern laut und schmutzig, und die Wohnung meiner Tante befand sich in einem bescheidenen Nachkriegsbau aus den fünfziger Jahren, zwei Zimmer, Küche, Bad, dunkel, mit niedrigen Decken, Schrankwand, Sammeltassen, Sofaecke. Aus dem gardinenverhangenen Fenster blickte ich auf das gegenüberliegende Haus mit der Überschrift Arbeitsamt und auf die vielen traurigen Männer, die davorstanden und offenbar darauf warteten, dass das Amt endlich aufmachte. Noch durchs geschlossene Fenster hindurch hörte ich bis ins stille Wohnzimmer meiner Tante hinein das Lärmen der nahen Stadt­autobahn. Der freigelassene Westen sah also gar nicht so aus, roch gar nicht so, hörte sich gar nicht so an wie der Westen, als er noch in meinem Kinderkopf seine Blüten trieb.
Von der anderen Seite her aber war das Unbekannte, das sich wie ein Vakuum mit Geschichten füllt, wahrscheinlich genauso groß. Grau sei Ostberlin gewesen, sagen diejenigen, die vom Westen aus sich in den Ostteil hinübergewagt haben. Erst jetzt kann ich mir vorstellen, was für ein Abenteuer es damals gewesen sein mag, nach ­Erlegung des Eintrittsgeldes in so eine verbotene Zone hineinzugehen. Als ich als Halbwüchsige später in der Nähe des Grenzübergangs Friedrichstraße wohnte, schenkten mir manchmal Westler, die ihr zwangsumgetauschtes Geld im Osten nicht losgeworden waren, ihre Zwanzig-Mark-Scheine. Diese Westler sahen so aus, als ob sie sich ein wenig dafür schämten, dass sie mich wie eine Bettlerin behandelten, sie ­sahen auch so aus, als verstünden sie ganz und gar nicht, wie dieser Osten eigentlich funktioniert, und sie sahen so aus, als ob sie froh seien, wieder dorthin zurückkehren zu können, wo sie sich auskannten.

Dabei war das östliche Berlin, glaube ich heute, nachdem ich den Westen kenne, wahrscheinlich gar nicht um so viel grauer als das westliche, nur fehlten die Werbeplakate und Leuchtreklamen an den zerschossenen Wänden und vor den Trümmerlücken. Ja gut, der Putz fiel von den Wänden der Häuser im Prenzlauer Berg, und manche Balkons durften wegen Baufälligkeit nicht mehr betreten werden, ja. Die Haustüren wurden nicht abgeschlossen, weil Privat­eigentum uninteressant war, und deswegen pinkelte manchmal ein Betrunkener in einen Hausflur. Gut.

Ich aber erinnere mich, Grau hin, Grau her, vor allem an eine Art von beinahe kleinstädtischer Ruhe, die bei mir als Kind den tiefen Eindruck erzeugte, zu Hause zu sein – in einer abgeschlossenen und daher ganz und gar sicheren Welt. Von außen gesehen, mochte unser sozialistischer Alltag exotisch anmuten, aber wir selbst waren uns ja kein Wunder und auch kein Schrecken, sondern Alltag, und in diesem Alltag waren wir unter uns. Das einzige, was uns Kinder mit der sogenannten großen, weiten Welt da draußen verband, waren zum einen die Westpakete, die aber nicht alle bekamen, und zum anderen die internationale Solidarität, der weltweite Kampf für die Freilassung von Luis Corvalan oder von Angela Davis zum Beispiel, und den übersetzten wir als Schulkinder in sehr überschaubare Schmalzstullenbasare oder Altstoffsammlungen. Biedermeierlich waren die Möbel meiner Eltern, und unser Geld leicht wie ­Spielgeld. Unmündig sein, solange man unmündig war, tat nicht weh. Als Kind liebt man, was man kennt. Nicht das, was für Erwachsene schön ist. Oder für Fremde. Sondern einfach das, was man kennt. Man ist froh, dass man etwas kennt. Und diese Freude brennt sich ein und verwandelt sich in das Gefühl, zu Hause zu sein. Und ich, ja ich also liebte das häßliche, das sogenannte graue, das von aller Welt vergessene östliche Berlin, das mir vertraut war, und das es zumindest in der Gegend, in der ich ein Kind war, nicht mehr gibt.

Mit meinem Sohn streife ich im Sommer, wenn wir auf dem Land sind, manchmal gemeinsam umher, krieche mit ihm durch zerlöcherte, windschiefe Zäune auf verlassene Grundstücke ehemaliger Betriebsferienlager, öffne die Türen leerstehender Bungalows, nicht einmal abgeschlossen sind die, und blicke mit ihm stumm auf die sorgsam zusammengelegten Wolldecken am Fuß der Doppelstockbetten, auf die bei einer lang, lang zurückliegenden Abreise ordnungsgemäß vorgezogenen Gardinen und auf die Mitropa-­Tassen, die irgend jemand vor fünfundzwanzig Jahren frisch abgewaschen ins Küchenregal gestellt hat. Blicke mit ihm, ohne dass einer von uns ein Wort sagt, auf all das, was wie durch eine Verwünschung unverändert erhalten geblieben ist, seit die letzten sozialistischen Urlauber dort ihren Jahresurlaub verbracht haben, unmittelbar bevor zu Beginn der 90-er Jahre ihre Betriebe abgewickelt wurden, und sich eine Abwesenheit, die nur zwei Tage dauern sollte, in eine Abwesenheit für immer verwandelt hat.

Für immer nun Milchpause in dem Museum, das meine Erinnerung ist, ich trinke Vanillemilch aus einer kleinen dreieckigen Tüte, beim Trinken weicht die Öffnung langsam auf, ich denke an die Fallbleistifte, die wir aufschraubten und als Blasrohr für Papierkügelchen verwendeten, denke an die Zettel, die wir uns schrieben und zusteckten, an die Lachkrämpfe, die meine beste Freundin und ich hinten in der letzten Reihe bekamen, ich weiß noch, wie wir kippelten oder hinter der aufgeklappten Federmappe mit Nadeln und Knöpfen und Radiergummis spielten, und erinnere mich auch gut an den Morgen, an dem ich zum ersten Mal mit einer Brille auf der Nase in den Unterricht kommen musste, und alle sagten, ich sähe jetzt aus wie Lilo Hermann, die antifaschistische Widerstandskämpferin, die im Schulbuch abgebildet war und uns damals abgrundtief häßlich zu sein schien, nur weil sie eine Hornbrille getragen hatte; am ­lebendigsten aber ist meine Erinnerung an den Tag, an dem ich mitten im Unterricht aufstand, quer durch den Raum ging und dem Jungen, der mich immer ärgerte, eine Ohrfeige gab, um Eindruck zu machen – und dann aber von diesem Knaben zurückgeohrfeigt wurde: eine äußerst unritterliche und daher nicht erwartete Revanche. Bis in die Pause hinein war der rote Fleck auf meiner Wange zu sehen gewesen. Wenige Tage später schien es ganz selbstverständlich, daß genau dieser mein Freund wurde.

Der Ort, an dem all dies statthatte, ist jetzt flach geworden wie ein zusammengeklapptes Buch, neben dem stehe ich und weiß: Da drin habe ich lesen gelernt. Die Wüste sei nicht das Gegenteil von einem Berg, sondern nur ein hingestreuter Berg, hat der Bergsteiger Reinhold Messner einmal gesagt. Mein ganz normaler Schulalltag, der letztendlich nicht viel anders war als tausend andere Schulalltage auch, ist erst durch den Abriss des Ortes, an dem er stattgefunden hat, und durch das Verschwinden der Gesellschaft, die diesen Ort geprägt hat, etwas ­Bemerkenswertes geworden. All das, was man nicht mehr sehen kann, steckt dafür nun, lebendiger denn je, in meinem Kopf. Natürlich nur für einige Zeit, denn Erinnerungen sind ja in sterbliches Fleisch eingeschrieben, und werden sich also, je älter ich werde, desto mehr verwischen und verwirren, werden schließlich mit mir endgültig weggewischt werden, damit dort, wo ich mit meinen Erinnerungen an alles Mögliche auf der Welt herumspaziert bin, jemand anderes herumspazieren und sich an etwas anderes erinnern kann.

Information:
Der Text ist, mit freundlicher Genehmigung des Verlages, ein Vorabdruck aus der Essaysammlung (Jenny Erpenbeck: Kein Roman Texte 1992 bis 2018), die Ende September erscheint (Penguin Verlag, 24 €)

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