In der aktuellen EMMA

"Ich wundere mich, dass es erst jetzt passiert."

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Seit 25 Jahren lebe ich, wenn ich mit meinem amerikanischen Mann in den USA bin, in einer kleineren Stadt an der Ostküste, eine halbe Stunde südlich von Philadelphia. Wilmington ist zu 50 Prozent schwarz; unsere überwiegend schwarzen Nachbarn sind eine Mischung aus Mittelstand und Kleinbürgertum. Eine Zeitlang hieß die Stadt „Murdertown, USA“ wegen der vielen tödlichen Schießereien, meist unter Schwarzen. Oft sind Drogen und Rivalitätskämpfe im Spiel, immer häufiger werden auch kleinere Auseinandersetzungen mit Waffen geregelt. Ein schwarzer Polizist erzählte mir: Früher hätten sich die Jugendlichen geprügelt, heute würde sofort eine Waffe gezückt.

Auch bei uns gibt es Gegenden, neigh bourhoods, in denen man abends und nachts besser nicht unterwegs ist. Nicht zuletzt auch, weil so viele Amerikaner mit Drogen zugedröhnt sind. Ich bin froh, dass in Deutschland der Waffenbesitz so streng geregelt ist. Bei der Aggressivität auf deutschen Autobahnen wäre mit einer Waffe im Handschuhfach unsere Bevölkerung deutlich dezimiert.

Was mir am Anfang am meisten aufgefallen ist: Die Menschen verstecken sich in ihren Häusern, meist sind die Jalousien unten, und nicht nur wegen der schwülen Hitze im Sommer. Das heißt, vor allem die Weißen verstecken sich. Die Gärten werden ordentlich gemäht – das einzige laute Geräusch, das Weiße von sich geben –, aber selten sieht man jemanden dort sitzen oder grillen. Die Outdoor-Aktivitäten finden mehr in den weißen suburbs statt, wohin die Angestellten direkt nach der Arbeit in der Innenstadt strömen. Zum Glück sind die schwarzen Nachbarn mehr zu sehen, schwatzen über den Zaun, unterhalten sich lautstark, fahren mit donnernden Stereoanlagen herum, sind einfach sichtbar und machen das Viertel lebendig.

Schockiert war ich bei meinem ersten Besuch in Baltimore. Auf der Rückfahrt über Landstraßen statt Highways Meilen und Meilen von vermüllten, verrotteten Mietshäusern, mit Brettern vernagelte Fenster. Von Schwarzen bewohnte  Häuser. Kinder und Eltern sind vor den Häusern, weil für einen Airconditioner das Geld nicht reicht. Bedrückende Armut und dumpfe Aussichtslosigkeit. In der Innenstadt schlafen Obdachlose auf U-Bahn-Schächten vor den wenigen Restaurants, in denen die Leute essen.

Gegenüber von Philadelphia, nur durch eine Brücke getrennt, liegt eine der ärmsten Städte Amerikas: Camden. Hier leben überwiegend Schwarze. In dieser Stadt wurden einst die Schallplatten von His Masters Voice hergestellt und es gab Industrie und Arbeitsplätze. Inzwischen ist selbst die Mafia weggezogen, weil es nichts mehr zu holen gibt. Und dennoch gibt es Schulen und Spielplätze und Familien. Und zerstörte Häuser, abgebrannte Grundstücke, Armut und Gewalt.

Erst wenn man durch Amerika abseits von Touristenpfaden fährt, wird einem klar, wie schrecklich gespalten das Land ist: in white and coloured, in rich and poor. Im Wahlkampf hatte Obama auch die schwarzen Communities direkt angesprochen, vor allem die Männer, selbst mehr Verantwortung zu übernehmen. Das Problem der bei den Ärmsten oft abwesenden Väter ist bekannt. Wenn dann die Mütter noch drogen- oder alkoholsüchtig sind, die Kinder ohne Aufsicht oder bei den überforderten Großeltern aufwachsen und in Gangs herumstreunen, ist der ewige Kreislauf vorgezeichnet.

Dazu kommen oft miserable öffentliche Schulen, unterbezahlte Lehrer, die oft das Lehrmaterial für die Kinder aus eigener Tasche bereitstellen müssen. Dass Jugendliche, die schulisch erfolgreich sind oder mit „whities“ verkehren, angepöbelt oder ausgestoßen werden, ist eine Folge dieser Gettoisierung.

Ein überdeutliches Zeichen dieser Nichtbeachtung der Ärmeren sind die Bushaltestellen, ohne Bedachung, ohne Sitzgelegenheiten, wo die Menschen, zu 99 Prozent Schwarze, bei Eiseskälte oder glühender Hitze, bei Schnee, Regen und Sturm auf den Bus warten müssen.

Auch unter Obama hat sich das nicht geändert. Doch seit Trump ist das Land gespaltener denn je; die weiße, bewaffnete Supremacy Demonstration offener denn je. Dass ausgerechnet die Ärmeren und Abgehängten einen narzisstischen, Reality-TV-Milliardär zum Präsidenten gewählt haben, ist tragisch, sagt aber auch viel über das Versagen der Vorgänger aus.

Und auch Hillary Clinton offenbarte im Wahlkampf mit ihrer Bemerkung, Trumps Wähler seien doch nur ein „basket of deplorables“, ein „Korb voller Erbärmlicher“, ihre riesige Distanz zu diesen Menschen.

Diese Probleme würden vielen Weißen erst jetzt klar, sagte Obama in Bezug auf die aktuellen Aufstände. Das ist absurd. Es war alles schon immer sichtbar. Mich erstaunt, dass das erst jetzt passiert – nach all den Jahren Abschottung, Polizei-Brutalität und Politikver sagen. Es war Zeit, dass etwas passiert.

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