Inge Wettig-Danielmeier ist tot
So manchesmal habe ich mich über sie geärgert. Warum traut sie sich jetzt nicht, warum macht sie schon wieder Kompromisse?! So manchesmal aber habe ich wohl auch den knallharten inneren Widerstand unterschätzt, den sie zu überwinden hatte, Widerstand von Männern wie Frauen. Sie, Inge Wettig-Danielmeier, ist gerade 60 geworden und eine der integersten und feministischsten Frauen in der SPD. Sie gilt als die Grabenkämpferin der 218-Reform, die Mutter der Quote und Strategin der Frauenmacht. Heute ist die Ex-AsF-Vorsitzende die Schatzmeisterin der Partei. "Die Härte der Auseinandersetzung hat mich von einem eher fröhlichen zu einem herben Typ gemacht", gestand sie jüngst. Ich habe in Bonn mit ihr gesprochen und finde: Stimmt nicht! - ALICE SCHWARZER
Inge Wettig-Danielmeier erzählt: "Meine Mutter hatte immer Angst, dass ich mein Ziel nicht erreiche. Jetzt hat sie Angst, dass ich mich verrechne... Als Schatzmeisterin der SPD bin ich seit 1992 zuständig für die Haushaltsfragen, die Parteienfinanzierung und den ganzen Unternehmensbereich der SPD. Die SPD hat sich ja seit dem Ende des Sozialistengesetzes, seit Beginn dieses Jahrhunderts Immobilien zugelegt, ist in Druckereien eingestiegen, hat eigene Zeitungen rausgegeben, hat Buchläden initiiert und schließlich Gaststätten eröffnet. Das war ein immenses Vermögen, das 1933 zu großen Teilen von den Nazis enteignet worden ist und dann - zunächst in den alten, jetzt in den neuen Ländern - zum Teil wieder zurückgegeben wurde. Heute schätzen Experten den Wert der Zeitungsbeteiligungen auf etwa 800 Millionen Mark. Dazu kommen die Immobilien.
Wir haben eine strikte Trennung zwischen Parteihaushalt und Unternehmensbereich. Den Unternehmensbereich haben wir immer als eine Art Tafelsilber geführt, eine Art Notgroschen für den Fall, dass es der Partei mal wieder an den Kragen geht. In der Vergangenheit hat die Partei ziemlich geäst, und so ist der Unternehmensbereich in den 70er Jahren zusammengebrochen. Bei den Medien haben wir eigentlich "nur" noch Minderheitsbeteiligungen. Eigene Zeitungen waren auf Dauer schwer zu halten - nicht zuletzt wegen der Begehrlichkeiten der Spitzenfunktionäre, die am liebsten Hofberichterstattung hatten...
Der Haushalt des Parteivorstandes hat ein Volumen von etwa 70 Millionen im Jahr. Die Einnahmen der SPD insgesamt kommen zu grob einem Drittel aus der Parteienfinanzierung, knapp zwei Drittel sind Beiträge, und etwa acht Prozent Spenden. Bei der CDU gehen die Spenden bis zu 20%, bei der FDP zu Wahlzeiten bis zu 30%.
Ich habe nie im Entferntesten daran gedacht, Schatzmeisterin zu werden.
Früher wurden bei Wahlkämpfen Schulden gemacht. Heute sparen wir dafür. 1994 konnten wir das Wahlkampfjahr ohne Schulden abschließen. Ich habe sorgfältig geplant und eine Controllingfirma ins Haus geholt, die musste jede Ausgabe überprüfen.
Parteienfinanzierung ist ein schwieriger Job geworden, seitdem es weniger zu verteilen gibt. Frauen lässt man ja immer erst dann ans Geld, wenn es Schwierigkeiten gibt. Sicher auch, weil sie weniger korruptionsverdächtig sind. Aber genau das macht mir andererseits Probleme. Ich lege auf Durchsichtigkeit und Kontrolle Wert. Auch im Unternehmensbereich ging manches unkontrolliert über die Bühne; einige Leute haben Geld abgezockt, und jetzt geht das nicht mehr. Ich glaube, das war der Hauptanstoß für den Angriff von Focus auf mich, dass nun nicht mehr so gemauschelt werden konnte.
Ich bin studierte Sozialwirtin, eine Kombination aus Jura, Volkswirtschaft und Politikwissenschaft. Meine Diplomarbeit habe ich über innerparteiliche Strukturen und Parteienfinanzierung geschrieben und zu diesem Thema auch noch eine Doktorarbeit angefangen, die ich nicht abgeschlossen habe, weil ich zwischendurch in den Landtag kam und dann auch Kinder hatte. Wie das eben so kommt.
Aber ich habe nie im Entferntesten daran gedacht, Schatzmeisterin zu werden. Als Björn Engholm mir den Vorschlag machte, dafür zu kandidieren, habe ich ihn für verrückt erklärt. Mich haben immer in erster Linie Bildungspolitik und Frauenpolitik interessiert.
In der Frauenpolitik war ich so engagiert, dass ich sie als junge Frau jahrelang nicht betreiben konnte. Ich kriegte Wutanfälle. Ich brauchte erst Erfahrung, musste "ausgebufft" sein, um mit den Attacken und der Ignoranz fertig zu werden. Ich habe immer wieder daran gedacht aufzuhören. Ich habe ja unendliche Niederlagen durchstehen müssen in der niedersächsischen Landtagsfraktion. Ich weiß heute nicht mehr, warum ich da überhaupt so lange geblieben bin. Ich kam 1972 in den Landtag und habe dort bis 1990 Bildungspolitik gemacht. Formell war ich Hochschulsprecherin, aber mit meiner Frauenpolitik war ich dort immer als Linksaußen verschrieen.
Das ging bis aufs Messer. Obwohl ich im Niedersächsischen Landtag nie Frauenpolitik gemacht habe, nie über Frauen geredet habe - außer über die Probleme von Wissenschaftlerinnen und Lehrerinnen - war ich verhasst. Einmal hat mich ein Journalist gefragt, was ich denn mache, wenn sich die Gleichstellung in der Partei nicht durchsetzen ließe. Ich habe gesagt, in dem Fall wäre die SPD nicht mehr meine Partei. Da drohte Schröder mir mit einem Partei-Ausschlussverfahren - mit klammheimlicher Zustimmung meiner Freunde aus der Landtagsfraktion. Geschehen ist natürlich nichts.
Als ich 1972 in die SPD-Landtagsfraktion kam, gab es dort außer mir nur noch eine andere Frau, von 75 Abgeordneten. Die ging immer mit den Männern auf Kneipentour und war ein netter Kumpel. Und ich war nicht nett. Weder kochte ich Kaffee, noch hatte ich vor, über Schöße zu rutschen, wie es damals üblich war bei vielen Vorstandsfrauen, vor allem vor Wahlen.
Gegen Küsschen hier und Küsschen da habe ich prinzipiell nichts, aber wenn es als politisches Mittel eingesetzt wird, kotzt es mich an. Wohlmeinende Genossen rieten mir: "Inge, musst du immer deine Meinung sagen? Du tust dir einen Tort an, du wirst hier nie was!" Aber sie brauchten mich eben, sie hatten sonst niemanden, der so viel wie ich vom Wissenschaftsbetrieb verstand. Deshalb haben sie mich auch respektiert.
Genossen rieten mir: "Musst du immer deine Meinung sagen? So wirst du hier nie was!"
Das Niedersächsische Schulgesetz Anfang der 70er Jahre wäre ohne mich nicht durchgesetzt worden. Da war viel Mitbestimmung für Schüler drin. Trotzdem hat die Fraktion mich in Sachen Frauen - und Atompolitik – nie gemocht. Ich bin ja keine theoretische Marxistin. Das haben mir die Oertzens in der SPD immer vorgeworfen, dass ich gar keine "wirkliche Linke" bin – was immer eine Linke ist. Aber in dieser Landtagsfraktion galt ich als linksaußen.
Als dann mehr Frauen in die Fraktion kamen, habe ich sie systematisch organisiert. Das hat auch geklappt. Die Heidi Alm-Merk sagt heute: "Wenn ich nicht auf dich gehört hätte, wäre ich nie Ministerin geworden." Ich habe mich zu Anfang mit denen hingesetzt und gesagt: "Leute, wir sind nur soundsoviele. Überlegt, geht in folgende Ausschüsse, wir machen das strategisch so und so." Wir sind relativ schnell vorangekommen, und natürlich hat sich die Wut der Männer auf mich konzentriert, weil sie genau wussten, ich stand dahinter.
Wenn es darauf ankam, habe ich immer als AsF-Vorsitzende mit verhandelt. Ich habe gedroht: Leute, das ist gar kein Problem, das machen wir öffentlich. Anders geht's ja nicht. Parteiloyalität um jeden Preis - das machen die Männer ja auch nicht.
Es ist hart, emotional hart. Mein Mann hat mich dabei unterstützt. In der Zeit war er Europa-Abgeordneter, ab 1979. Er hat nicht ein Mal ein Wort der Kritik geäußert, er hat immer zu mir gehalten. Wenn ich mal total kaputt nach Hause kam und mir einen angesoffen habe, hat er eben auch zu mir gehalten. Ich war sicher durchaus nicht immer erfreulich! Ich weiß, dass er angegiftet worden ist wegen seiner blöden Frau.
Meinen Mann habe ich kennengelernt, als wir beide gemeinsam in einen Juso-Vorstand in Göttingen gewählt wurden. Wir haben ja gemeinsam die Revolution gegen die Alte Garde, Egon Franke und Genossen, gemacht. Wir waren allerdings keine Stamos (dogmatische Sozialisten) oder Anti-Revisionisten, sondern reformorientierte Linke. Wir waren gegen die Art der Politik, die die Frankes gemacht haben: abstrafen und kungeln. Wir wollten Offenheit.
So war ich das von meiner Mutter gewohnt. Sie war gelernte Textilverkäuferin. Ihr Vater war Lokomotivführer. Er war nationalliberal und stark christlich-reformiert: Weißbrot durfte man höchstens am Sonntag essen. Meine Großmutter hätte gern mal ein Stück Torte gegessen, aber in der Woche? Nein! Streng und gerecht ging es da zu. Wenn meine Mutter krank war, kam er angereist, band sich die Schürze um, und übernahm den Haushalt. Und das war oft. Das hat übrigens auch mein Vater gemacht, bevor er vermisst wurde. Er hatte als Ingenieur, früher Maurer, fürs Heeresbauamt Festungen gebaut...
Wenn mein Vater zurückgekommen wäre, hätte ich vielleicht größere Schwierigkeiten gehabt. Meine Mutter war nach dem Krieg allein mit zwei Kindern, und es ging ihr oft nicht gut. Sie war nicht gerne Hausfrau. Eigentlich hat sie sich immer nach der Berufstätigkeit gesehnt. Sie hat versucht, mir alles zu ermöglichen. Aber als ich verheiratet war, machte sie sich Sorgen um meine Ehe: "Kind, du kümmerst dich überhaupt nicht um Klaus' Klamotten." Ich war absolut nicht bereit, auch nur einen Gedanken auf seine Sachen zu verschwenden. Dann kam sie gelegentlich, um ihrem Schwiegersohn die Klamotten zu machen...
Meine Mutter sorgte sich: "Kind, du kümmerst dich überhaupt nicht um Klaus' Klamotten"
Doch als ich 1954 nach England wollte, war ich 18. Das hat sie gefördert. Sie hätte mich auch gern aufs Gymnasium geschickt. Aber das kostete damals Schulgeld, über 30 Mark im Monat. Die Mittelschule kostete nur 14 Mark. Und wir hatten zu dritt 70 Mark in der Woche zum Leben. Ich war es von klein auf gewohnt, meine Mutter zu unterstützen. Ich bin mit zehn Jahren hamstern gefahren. Ich fuhr ganz allein über Land und hackte Kartoffeln aus. Im Hamstern war ich nicht gut. Andere wegdrängen, um selbst dranzukommen, das konnte ich nicht. Daher bin ich für die Politik eigentlich gar nicht so richtig geeignet.
Mein Impetus, in die Politik zu gehen, war meine Benachteiligung als Mädchen. Schon als kleines Kind nannten mich die Verwandten "Edith August", weil ich eigentlich ein Junge hätte werden sollen. Mein Vater hieß Eduard August. Über Ungerechtigkeiten konnte ich schon als Kind Zustände kriegen. Als Achtjährige bin ich einmal über meinen Großvater so in Wut geraten, weil er meine Großmutter ungerecht behandelt hat, dass ich abgehauen bin. Ich wollte keine Minute mehr unter einem Dach mit ihm bleiben.
Auch bei Erwachsenen, die Kinder prügelten, bin ich immer dazwischengegangen. Ich wurde selber verprügelt, von beiden Eltern. Sie hielten das für eine notwendige Erziehungsmaßnahme, die mindestens einmal im Jahr fällig war. Es lag immer ein Stock griffbereit auf dem Küchenschrank. Einmal war ich so empört, dass ich wochenlang kein Wort mehr mit ihnen geredet habe.
"Mein Impetus, in die Politik zu gehen, war meine Benachteiligung als Mädchen"
In England arbeitete ich als Haushaltshilfe in einem College an der Universität von Manchester. Der Job war sehr hart. Später habe ich auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt und sogar ein Jahr in Amerika studiert, habe dort auch gearbeitet.
Zurück in Deutschland musste ich nach Göttingen, weil es nur dort meinen Ausbildungsgang gab. Ich bin dort hängengeblieben. 1963 habe ich meinen Mann kennengelernt. Ich hätte nicht geheiratet, ich war für freies Zusammenleben. Aber das wollte er unter keinen Umständen. 1965 haben wir geheiratet. Die Namensänderung hat länger gedauert als die ganze Trauung, weil die Beamten auf mich eingeredet haben, dass ich es doch bitte lassen sollte. Ich war stur: "Ich verlasse dieses Haus nicht, bis ich meinen Namen wieder habe!"
Diese Heiraterei... Heute ist es ja üblich, aber damals bin ich in meinen linken Kreisen übel angegangen worden: "Sag mal, findest du dich denn so berühmt, dass du unbedingt deinen Namen anhängen musst?"
Mein Mann ist ein Kopfmensch. Für ihn war klar: Zum Sozialismus gehört, dass alle Menschen gleich sind. Und da er gelernt hat, seine Emotionen in den Griff zu kriegen, hat er die Sau eben nicht rausgelassen. Oder wenn, hat er's immer begriffen. Er war sehr verwöhnt. Sowas hatte ich überhaupt noch nie erlebt. Seine Mutter hatte ihm noch als Erwachsenem die Brote geschmiert und die Schuhe geputzt. Mit mir musste er sich von heute auf gestern umgewöhnen und völlig anders leben. Als er keine saubere Wäsche mehr hatte, zog er die dreckige Wäsche wieder an, bis er irgendwann angefangen hat, sie selber zu waschen.
"Ich habe immer darauf bestanden, dass mein Mann unsere Vereinbarungen einhält."
Vor der Geburt unserer Tochter haben wir vereinbart, uns die Arbeit zu teilen. Als er sich nicht daran hielt, habe ich ganz rabiat Druck gemacht. Das hat gezogen. Ich habe immer darauf bestanden, dass er die Vereinbarungen einhält. Anfangs hatten wir eine Einzimmerwohnung. Ich würde das Frühstück machen, während er die Wohnung aufräumt. Er blieb im Bett liegen. Das habe ich eine Woche mitgemacht. Ab der nächsten Woche gab's für ihn dann kein Frühstück mehr. Ich setzte mich geruhsam an den Tisch und aß. Da war ich rigoros. Das hatte sicher auch verrückte Züge, aber anders hätte ich mich nie durchsetzen können.
Natürlich muss man Kompromisse machen, wenn man mit Mann und Kindern lebt. Aber doch nur unter der Bedingung, dass er von gleich zu gleich ist. Und wenn der Mann dazu nicht bereit ist, muss er eben gehen. Wenn du nicht immer wieder die Machtfrage stellst, ist die Sache erledigt.
Ich glaube, dass wir unser Familienleben mit drei Töchtern nur so hingekriegt haben, weil wir beide so berufsorientiert sind, dass uns keiner ein X für ein U vormachen kann. Wir haben immer gemeinsam Lösungen gefunden.
Ich habe das mit der Partei so gemacht wie in meiner Ehe: ich habe immer ernstgemacht. Das ist kein Spiel, es geht um die Macht. Wie jetzt wieder beim 218. In Bayern gilt Bundesrecht, verdammt nochmal! Die können nicht machen, was sie wollen. Was wir jetzt durchgesetzt haben, ist zwar nicht das Gelbe vom Ei, aber es ist viel besser als das, was wir 1969 hatten. Und das lasse ich mir auch nicht von Bayern kaputtmachen.
"1968 legte ich mich auf einer SPD-Frauenkonferenz mit Annemarie Renger an."
Frauenpolitik habe ich seit 1966 in der SPD gemacht. 1969/70 stand ich auf dem Marktplatz in Göttingen und habe Unterschriften für die Reform des §218 gesammelt. 1968 hatte ich mich in Saarbrücken zum ersten Mal auf einer SPD-Frauenkonferenz mit Annemarie Renger angelegt. Sie hielt eine Rede gegen die studentischen Revoluzzer, die unsere schöne Gesellschaft madig machen. Da bin ich wutentbrannt nach vorne und habe sie gefragt, wie sie als Frauenbeauftragte der Partei eine Gesellschaft verteidigen könne, in der wir als Frauen keine gleichen Rechte haben. Ich habe nur zehn Minuten geredet, und weiß nur noch, wie hinterher alle wie die Geier auf mich stießen und mich fertigmachten, weil ich es gewagt hätte, zu reden und die große Vorsitzende Annemarie Renger anzugreifen. Das war so schlimm, dass ich aufs Klo geflüchtet bin.
Später, als es keiner merkte, kam Käthe Strobel, SPD-Gesundheitsministerin und Präsidiumsmitglied, und tröstete mich: Beruhige dich, Kind, du hast ja manches Richtige gesagt. Und Marlies Kutsch aus der IG Bergbau, die später Deutschlands erste Frauenbeauftragte wurde, hat mich in ihre Organisation eingeladen, damit ich dort meine "revolutionären Thesen" verbreite! Die Frankfurter Rundschau schrieb ganz euphorisch über die Saarbrücker Konferenz: "Der Zopf ist ab bei den SPD-Frauen." Der war natürlich noch lange nicht ab!
Anbiederei bei den Männern macht dich als Frau noch unfreier als du ohnehin schon bist. Natürlich hat man es damit auf der einen Seite leichter. Andererseits haben die Männer schließlich großen Respekt vor einer, die sich nicht anbiedert - wenn sie es überlebt.
Auf der nächsten Bundesfrauenkonferenz 1970 ging es weiter - ich hochschwanger. Renger verbot uns jedes Kopiergerät. Wir waren so ungefähr 30 Aufmüpfige, und wir haben zu allen Problemen Resolutionen gemacht. Wir haben verlangt, dass die Frauenorganisation demokratisch aufgebaut wird, sich selbst ihre Vorstände wählt.
"Wir waren ungefähr 30 Aufmüpfige und machten zu allen Problemen Resolutionen"
Die AsF gab es dann ab 1973. Wir AsF-Frauen, die versucht haben, die SPD-Frauen zu reformieren, haben uns 1977 durchgesetzt. Bloß ist das gar nicht so stark nach außen gedrungen. Wir hatten die Schaffung von kommunalen Frauenbeauftragten durchgesetzt. Das Konzept wurde von den Genossen nur halbherzig angegangen. Der schlimmste Widerstand kam von den Frauen selber, auch von Antje Huber. Die fanden, dass wir spinnen. Mit der Einführung kommunaler Frauenbeauftragter haben wir uns heute ein ganz neues Potential von Frauen herangezogen.
Die AsF hatte damals zwei Defizite. Wir hatten überhaupt keinen Kontakt zu den Gewerkschaftsfrauen. Und wir hatten keinen Kontakt zur autonomen Frauenbewegung. Bis wir Anfang der 80er den Internationalen Frauentag wiederbelebt haben und dazu sogar Alice Schwarzer eingeladen haben... Eine Rehabilitierung für alles, was ihr auch aus unseren Reihen angetan worden ist - und ein frauenpolitisches Signal.
Es war aber für Frauen auch objektiv schwierig, voneinander zu erfahren - Frauensachen kamen in den 70ern nicht in die Zeitung. Die Jusos konnten den größten Blödsinn erzählen - sofort waren sie in der Presse. Uns Frauen haben die Medien einfach totgeschwiegen.
Doch wenn ich in all den Jahren etwas richtig Hartes durchgestanden und gewonnen habe, so war es die Programmdebatte. Die hat sechs Jahre gedauert, von 1984 bis 1990. Das ging da so hart zu, dass selbst Heidi Wiezcorek-Zeul heulend rausgerannt und nicht wiedergekommen ist. Es ging darum, die Gleichstellung von Mann und Frau in allen Lebensbereichen im Parteiprogramm zu verankern, auch die Gleichstellung im Familienleben. Was da los war, kann man sich gar nicht vorstellen. Ich habe so eine Art, statt "man" "du" zu sagen. Ich sagte also: "Ihr schickt eure Frauen in die Vororte. Und dann sitzt dann deine Frau da als grüne Witwe - und dann sagst du, das ist ein gleiches Leben? Von der Öffentlichkeit ausgeschlossen?" Da ist Klose ausgeflippt, total. Ich wusste gar nicht, dass seine Frau so lebt… Und der Eppler ist ausgeflippt. Der sah den Wert seiner Hausfrau infrage gestellt.
"Was beim Thema Gleichstellung in der Familie los war, kann man sich nicht vorstellen!"
Das war ja das Problem: Wir SPD-Frauen stellten das von diesen SPD-Männern gelebte Leben in Frage. Wir haben denen klar gesagt: "Ihr habt eure Frauen miserabel behandelt - auch wenn ihr sie in die wunderschönste Villa gesetzt habt und ihr eine Haushaltshilfe gegeben habt: Ihr habt sie von der menschlichen Entwicklung abgeschnitten." Die Reaktion der Genossen war furchtbar.
Es war Horst Ehmke, der uns nachher den Rücken stärkte und dafür sorgte, dass der ganze Laden nicht auseinandergeflogen ist. Heidi war abgedüst und heulte. Ilse Brusis war nicht da, die stand als Gewerkschafterin wegen anderer Sachen mit dem Rücken zur Wand. Ich heulte auch, war wütend, aber ich ließ die doch nicht etwas formulieren, was mir nicht passte! Horst Ehmke sagte schließlich auf seine schnoddrige Art: Sagt mal, findet ihr nicht, dass die Frauen hier recht haben? Was würdet ihr eigentlich sagen, wenn ihr so behandelt würdet? Dann hat er sich den Eppler zur Brust genommen. Dann wurde eine große Pause gemacht, und dann setzten wir uns hin und formulierten. Unter anderem auch: "Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden."
Als Perspektive steht jetzt immerhin im Programm der Sechsstunden-Arbeitstag als Voraussetzung für gleiche Rechte und Pflichten von Frauen und Männern im Familienleben. Das aktuelle SPD-Programm ist ja zeitgleich mit der deutschen Einheit beschlossen worden. Das hat uns sehr geholfen bei der Durchsetzung der Quote in den neuen Ländern.
"Ich musste in die erste Reihe, weil ich merkte, die anderen machen es nicht"
Ich glaube, dass ich in der Frauenpolitik weniger Fehler gemacht habe, als ich sonst mache, weil ich mich mit den Frauen zusammen insgesamt wohler gefühlt habe. Mein Hauptproblem ist, dass ich keine geborene Politikerin bin. Mein Traum war: Ich werde mal Lehrerin und verdiene mir mit einem Halbtagsjob das Leben. Die andere Zeit sitze ich als stille Gelehrte. Für mich ist ein Wahlkampf, bei dem ich auf die Straße gehen und mich an die Leute ranschmeißen muss, schwierig. Ich bin keine Agitatorin. Ich bin sehr froh, wenn ich hinten sitze und sachorientiert arbeiten kann. Aber ich musste in die erste Reihe, weil ich merkte, die anderen machen's nicht.
Die Frauen heute müssen wieder härter kämpfen. Sie ballen zu wenig die Faust. Als wir damals die Quote durchgesetzt haben, habe ich den Frauen gesagt: Leute, dies ist nicht der Sieg. Dies ist eine Etappe. Wir müssen immer weiter aufpassen, sonst fallen wir wieder zurück. Nervtötende Beharrlichkeit - damit habe ich die Leute immer wieder zur Verzweiflung gebracht. Bei jedem Posten habe ich nachgefragt: Warum ist das keine Frau?
Die Männer haben es mit willfährigen Quotenfrauen versucht. Aber die Frauen, die sie als willfährig eingestuft hatten, konnten politisch nur überleben, wenn sie gut waren - und dazu mussten sie sich den kämpferischen Frauen anschließen. Deshalb haben sich die Quotenfrauen von Männergnaden meistens schließlich doch zumindest nicht gegen die kämpferischen Frauen gestellt.
Bei der CDU ist das - ein paar Jahre versetzt - nicht viel anders, bis auf die Sache mit dem §218. Da haben sie mehrere CDU-Abgeordnete aus dem Osten rausgekickt, weil die unseren Gruppenantrag unterstützt hatten. Aber es wachsen neue Frauen nach, die genauso denken. Die werden das Problem auch nicht los. - Deshalb hat Rita Süssmuth jetzt Probleme mit der Quote, weil sie diese Vorarbeit in ihrer Partei nicht gemacht hat.
Aber das ist Arbeit. Frauen werden nicht gewählt, indem man auf einer Konferenz sagt: Da fehlt noch eine Frau! Man muss vorher zu den Vorständen gehen und sie fragen: Wie wollt ihr die Quote erfüllen? Habt ihr genug Frauen? Diese Vorfeldarbeit überlassen viele Frauen heute leider wieder den Männern.
Auf Bundesebene wird es den Männern inzwischen selber peinlich, wenn sie die Frauenquote nicht erreichen, aber auf der kommunalen Ebene...
In den letzten Jahren als AsF-Vorsitzende habe ich bei jeder Neuwahl im Bundestag Schulungen für Kandidatinnen gemacht. Wir waren immer für die da. Wenn die Frauen in der Partei Krach hatten, bin ich hingefahren und habe den Frauen geholfen, sich zu wehren. Wir Frauen müssen uns gegenseitig unterstützen, auch wenn wir uns nicht mögen. Selbst wenn eine Frau viel Mist erzählt: Es gibt 100 Männer, die auch Mist erzählen, und die wir zuerst angreifen sollten, bevor wir diese eine Frau angreifen. Wir sollten nie vergessen: Eine durchschnittliche Frau ist mindestens so gut wie ein durchschnittlicher Mann."
Das Gespräch mit Inge Wettig-Danielmeier führte Alice Schwarzer, es erschien in der November/Dezember EMMA 1996.

