In der aktuellen EMMA

Die düstere Sehnsucht

Billie Eilish, 19 Jahre. - Foto: Jeff Kravitz/Getty Images
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In einem ihrer Videos kämpft sich Billie Eilish aus einem blubbernden Schlammloch. Als sie endlich festen Boden unter den Füßen hat, schleppt sie als eine Art schwarzer Engel riesige, schlammverklebte Flügel hinter sich her, so schwer, dass sie vor Anstrengung torkelt. Die leere Welt um sie herum brennt, ihre Schwingen fangen Feuer und man befürchtet das Schlimmste. Doch das Feuer brennt den Schlamm weg und am Ende steht das dustere Wesen mit ausgebreiteten Flügeln da. Titel des Songs: „All the Good Girls go to Hell.“

Billie Eilish ist 19 Jahre jung und im Moment die erfolgreichste Musikerin der Welt. Sie macht nicht nur Furore mit Klicks in Milliardenhöhe und Grammys in allen Hauptkategorien, sondern auch damit, dass sie offenbar tatsächlich durch eine Art Hölle gegangen ist – und offen darüber spricht. „Meine schlimmsten Momente waren, als hinge ich in einem niemals endenden schwarzen Loch. Ich weiß noch, wie ich im vergangenen Jahr auf dem Fußboden unseres Badezimmers saß und versuchte, an irgendwas Schönes zu denken. Ich saß dort sehr lange und mir fiel absolut nichts ein.“

Schon Billie Eilishs erster Hit „Ocean Eyes“, den sie mit 13 ins Netz stellte, war eine tieftraurige Ballade. Das Lied ging viral und verschaffte Billie und ihrem vier Jahre älteren Bruder Finneas, mit dem sie ihre Songs schreibt und produziert, eine erste Berühmtheit. Die Geschwister machten weiter mit ihrer melancholischen Musik, zu der Finneas seine pulsierenden Beats und Billie ihre abgründig-poetischen Texte beisteuerte. Die aktuelle, zweieinhalbstündige TV-Doku über Billie Eilish zeigt, wie ihr Erfolgs-Album entsteht, das im März 2019 erschien und sämtliche Rekorde brach. Der Titel der Doku ist ein Song-Zitat: „The World’s a Little Blurry“ (Die Welt ist ein bisschen verschwommen). Billie sitzt im Schneidersitz auf dem zerknautschten Bett in Finneas’ Zimmer, in dem – unfassbar für alle Musikproduzenten – das ganze Album komponiert und aufgenommen wurde. Der Titelsong des Albums wird von Monstern unter ihrem Bett handeln und heißen: „When we all fall asleep where do we go“.

„Schon mein ganzes Leben lang war ich eine traurige Person“, erklärt Billie Eilish. „Meine Songs über meine Depression oder Selbstmordgedanken sind eine Art Umarmung für die Kids. Viele Erwachsene denken, dass das schlecht ist. Ich hingegen glaube, dass es gut für jemanden ist, wenn er merkt, dass er mit solchen Gedanken nicht allein ist.“

So wird es sein. Billie Eilish trifft offenbar auf den Punkt die tief verzweifelte Stimmung Pubertierender auf Identitätssuche. Und dass sie nicht nur verzweifelt ist, sondern das auch artikuliert und damit großen Erfolg hat, das ist tröstlich für Millionen Billies auf der Welt.

Wer mit Eltern pubertierender Mädchen spricht, stößt allerdings auf Skepsis. Sicher, es sei toll, dass Billie Eilish, die aus Prinzip immer weite Klamotten trägt, weil sie nicht über ihren Körper beurteilt werden will, ein Gegenmodell zum Porno-Chic von Nicki Minaj, Rihanna & Co. ist. Natürlich sei es super, dass sie nicht den üblichen, leichtgewichtigen Seicht-Pop, sondern musikalisch ihr eigenes Ding macht. Aber müssen ihre Töchter wirklich diese morbiden Texte über Todessehnsucht und Selbstmordgedanken mitsingen?

Billies Eltern, beide Schauspieler, die sich mit kleinen Rollen und als Synchronsprecher durchschlugen, verloren in der Finanzkrise 2008 ihr Haus in Los Angeles. „We were poor as shit“, sagt Billie. Gar nicht cool in der Glamour-Stadt der Reichen und Schönen. Sie selbst verletzte sich in einer Tanzstunde so schwer, dass ihre Tanzkarriere, die sie eigentlich angestrebt hatte, zu Ende war.

Ein Mädchen, dem die liberalen Eltern wenig Grenzen setzten, schlägt vermutlich umso härter auf, wenn es an Grenzen stößt. Zumal, wenn es ein hochbegabtes und kreatives Mädchen ist.

Wer mit jungen Frauen spricht, hört dies: Es sei gut, dass Billie Eilish offen über ihre Depression spricht und damit ein Thema, das so viele Mädchen betrifft, aus der Tabuzone holt. Dass sie erzählt, wie es war, die megaschlanken Models vor Augen, aber real einen „kleinen, pummeligen Körper zu haben“. Wie es war, diesen Körper zu hassen und sich selbst zu verletzen. Warum es schädlich ist, einen Freund zu haben, der einen schlecht behandelt und dass man sich von ihm trennen sollte.

Billie Eilish spricht aber nicht nur über Probleme, sondern auch über Lösungen. Sie hat sich Hilfe geholt und eine Therapie gemacht. „Andere Menschen meinen, dich zu kennen – aber kennst du dich selbst?“, fragte kürzlich ein Interviewer. „Auf keinen Fall“, antwortete Billie. „Aber weißt du was: Ich bin gut mit mir befreundet.“

INFORMATION: Billie Eilish: Don’t smile at me (EP), When we all fall asleep where do we go (Album), Doku: The World’s a Little Blurry, Apple-TV+

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