„Der Staat hat keine Antworten!“

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Wie kamen Sie auf die Idee zu dieser Serie?

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Uli Kreikebaum Im Sommer 2017 haben die „Bläck Fööss“ im Pascha ein Konzert gegeben, über das wir kritisch berichtet haben. Darüber haben sich die „Bläck Fööss“ beschwert und erklärt, das sei doch eine ganz normale Sache. Doch ist Prostitution eine ganz normale Sache? Viele von uns waren der Ansicht, dass sie das nicht ist. Hinzu kam das neue Prostituiertenschutzgesetz, das jetzt seit zwei Jahren in Kraft ist.

Tim Stinauer Wir haben auch festgestellt, wie wenig wir eigentlich über Prostitution wissen. Wie viele Frauen arbeiten in Köln in diesem Gewerbe? Wir haben festgestellt, dass es fast zweitausend sind. Wer verdient wieviel damit? Wie hoch ist der Anteil der Kriminalität?

Kreikebaum Und natürlich: Wie hoch ist der Anteil der Frauen, die das nicht freiwillig machen? 

Haben Sie in Ihrer Redaktion dafür kämpfen müssen?

Stinauer Nein, im Gegenteil! Das Problem war eher: Wie können wir das stemmen? Die Recherche hat sich dann über ein Jahr gezogen.

Kreikebaum Wir wollten ja auch mehr als 20 Minuten zwischen Tür und Angel mit den Menschen sprechen. Das sind oft Menschen, die es nicht gewöhnt sind zu reden. Zum Teil können sie auch nicht gut Deutsch, einige Gespräche liefen auch mit Übersetzern. Uns war wichtig, die Menschen hinter den Klischees zu sehen.

Haben Sie Dinge erfahren, mit denen Sie nicht gerechnet hatten?

Stinauer Was mich am meisten bewegt hat, war das Schicksal der Frau, die wir Amira genannt haben. Die wurde mit 19 von einem Mann in klassischer Loverboy-Manier abhängig gemacht. Er hat ihr dann alles abgenommen, Pass und Geld, und sie mit dem Gürtel geschlagen. Das war eine total sympathische, kluge Frau und ich konnte mir zuerst überhaupt nicht vorstellen, dass die vor sieben Jahren auf so jemanden reingefallen ist. Sie hat dann erzählt, wie perfide er das geplant und gemacht hat. Ich fand auch bemerkenswert, dass sie den Mut hatte, das alles zu erzählen. Sie hat gesagt: „Ich will andere Frauen warnen!“

Kreikebaum Und wir haben erlebt, dass das kein Einzelfall ist. Allein wir haben bei unserer Recherche schon ein halbes Dutzend Frauen gesprochen, die über lange Zeit für einen Zuhälter unter Zwang gearbeitet haben.

Uli Kreikebaum und Tim Stinauer recherchierten für den KStA zum Thema Prostitution. - Foto: Arold Krasniqi
Uli Kreikebaum und Tim Stinauer recherchierten für den KStA zum Thema Prostitution. - Foto: Arold Krasniqi

Sie haben auch mit Armin Lobscheid gesprochen, dem Geschäftsführer des Pascha, das ein so gennantes Laufhaus ist und insgesamt 140 Zimmer an die Frauen vermietet, für 160 Euro - am Tag. Lobscheid erklärte, es sei ein „Ammenmärchen“, dass so viele Prostituierte einen Zuhälter haben.

Kreikebaum Das sehe ich anders. Es sind einfach sehr viele, hinter denen ein Mann steht. Sei es ein Zuhälter von außen, aber auch familiärer Zwang.

Stinauer Wenn da Väter, Brüder, Cousins oder Freunde die Frauen hier zum Anschaffen zwingen, ist es für die Polizei enorm schwierig, in so eine Familienstruktur reinzukommen.

Kreikebaum Zwei Drittel aller Prostituierten in NRW sind Rumäninnen oder Bulgarinnen, ein großer Teil aus Sinti- und Roma-Familien. Da müsste man ganz früh intervenieren, mit Sozialarbeit und Sprachkursen. Und natürlich mit Strafen für diejenigen, die die Frauen zwingen, sich zu prostituieren. Die Frauen müssten auch auf den Ämtern viel kompetenter und respektvoller behandelt werden. Wir haben bei unserer Recherche immer wieder Frauen erlebt, die dort vor die Wand laufen – und die nur mit Hilfe von Dritten wie „Sisters“ oder dem „Sozialdienst Katholischer Frauen“ überhaupt Land sehen und aussteigen können.

Sie haben die Frauen auch danach gefragt, was sie vom Prostituiertenschutzgesetz halten.

Stinauer Eine Antwort, die ganz häufig kam, war: Ich würde Prostitution erst ab 21 erlauben. Dann wären die jungen Frauen, die besonders oft Opfer von Zuhältern werden, schonmal raus. Und sie müssten erstmal eine Ausbildung machen. Und dann käme Prostitution für sie wahrscheinlich gar nicht mehr in Frage.

Das geplante Alterslimit hat die SPD leider aus dem Gesetz wieder herausverhandelt. Frauen unter 18 zu verbieten, sich zu prostituieren, sei ein „Verstoß gegen die Berufsfreiheit“, lautet das Argument.

Kreikebaum Es mehren sich aber jetzt die Stimmen in der SPD, die umschwenken.

Der Kölner Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach hat Ihnen gesagt, er sei für eine Bestrafung der Freier nach dem Beispiel Skandinaviens.

Ich glaube, da dreht sich gerade der Wind. Und ich glaube auch, dass es irgendwann die Freierbestrafung auch in Deutschland geben wird. Allerdings befürchte ich, dass man ein Verbot erlässt, ohne etwas an den Strukturen für die Frauen zu ändern. Und dann würden viele Frauen, denen es dreckig geht, in der Prostitution bleiben, aber halt in der Illegalität.

In der Illegalität sind Zehntausende Frauen in der Prostitution ja schon jetzt. Viele sind ja noch nicht einmal registriert.

Kreikebaum Es gibt aber auch mehrere tausend Frauen, die sich registriert haben. Und viele Etablissements mussten schon jetzt schließen, weil sie die Auflagen des Prostituiertenschutzgesetzes nicht erfüllen können.

Stinauer Wir haben auch immer wieder Frauen getroffen, die betonten, sie machten die Arbeit freiwillig – zum Beispiel, weil sie mit Prostitution deutlich mehr verdienen als mit einem Job an der Supermarktkasse. Für diese Frauen käme die Freierbestrafung einem Berufsverbot gleich.

Und wie waren die Reaktionen der Leserinnen und Leser auf Ihre Serie?

Stinauer Überwiegend positiv. Sie ist auch online sehr viel geklickt worden.

Kreikebaum Darüber waren wir in der Redaktion überrascht, weil wir befürchtet hatten, dass unsere doch eher älteren Leser das Thema ablehnen könnten. Viele schrieben, sie hätten über das Thema noch nie in der Bandbreite und so realistisch gelesen.

Das Gespräch führte Chantal Louis.

Hier geht es zur Serie "Köln im Rotlicht: So funktioniert das Geschäft mit der Prostitution" 

"Deutschland - Das Bordell Europas?" - Alice Schwarzer im Gespräch mit Sabine Constabel (Sisters e.V.) am 10.10, 19 Uhr, in der VHS Stuttgart 

SISTERS - für den Ausstieg aus der Prostitution! e.V.

Sozialdienst Katholischer Frauen e.V.

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Bordellkönig Rudloff: Gefängnis

2019: Rudloff als Angeklagter im Stuttgarter Landgericht. - Foto: Marijan Murad/dpa
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Ilias C. hatte „seine Frauen im Griff“, heißt es. Und das glaubt man sofort beim Anblick seiner enorm breiten Schultern, über denen sich sein olivgrünes Sweatshirt spannt, wenn man einen Blick auf seinen rasierten Stiernacken werfen kann, als er in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird. „Hardcore“ ist da in Runenschrift eintätowiert. Und wer dem Mann dann zuhört, wie er über zwei Stunden lang die Fragen der RichterInnen beantwortet, weiß: Die Frauen, die für Ilias C. anschafften, taten besser, was er sagte. Und Ilias C. sagte: „Ihr seid die ersten, die morgens im Bordell sind und die letzten, die wieder rauskommen.“

Als Jasmin B., die für ihn anschaffte, einmal wagte zu sagen, dass sie aufhören wolle, schrieb er ihr eine SMS: „Wenn du nicht so enden willst wie die Anna, dann beweg deinen Arsch!“ Mit der Anna war es schlimm geendet. Sie hatte gar nicht ganz aufhören wollen, aber statt der FKK-Clubs nur noch die reichen Stammfreier bedienen. Ilias C., der in der Zuhälter-Szene den Spitznamen „der Schlitzer“ trägt, richtete Anna derart zu, dass, so vermerkt es das Polizeiprotokoll, „das Blut bis an die Decke spritzte“.

Das alles ist unstrittig. Ilias C., 40 Jahre alt, gebürtig aus Ostanatolien, im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit, wurde im August 2012 wegen schweren Menschenhandels und gefährlicher Körperverletzung zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Weil er auf vorzeitige Entlassung hofft, hat er sich bereiterklärt, in diesem Prozess vor dem Landgericht Stuttgart auszusagen. Denn in diesem Prozess geht es gar nicht um ihn, sondern um einen Mann, der bis vor nicht allzu langer Zeit sehr gern gesehener Gast in den Talkshows war, von Jauch bis Maischberger. Jürgen Rudloff, Besitzer mehrerer Großbordelle, darunter das Paradise in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart.

In ebenjenes Paradise hat Ilias C. „seine“ drei Frauen geschickt. Sie mussten alle Einkünfte bei ihm abliefern, 10.000 bis 20.000 Euro kamen so pro Monat zusammen. Dafür bedienten sie im Paradise die Freier, von elf Uhr morgens bis nachts um zwei oder drei Uhr.

Und inzwischen hat Jürgen Rudloff zugegeben, dass sein Großbordell nur so funktionieren konnte: Indem brutale Zuhälter wie Ilias C. Frauen in sein Etablissement schickten. Ansonsten hätte er nicht gewährleisten können, dass immer genug Frauen da sind, um den Freiern zu Diensten zu sein.

Bei Rudloffs Talkshow-Auftritten hatte das allerdings noch ganz anders geklungen. Da nannte der Großbordellier die Freier noch „Gäste“ und die Frauen, die von Zuhältern wie Ilias C. in sein Bordell geprügelt wurden, „Damen“. Der Gentleman im dunkelblauen Anzug und offenen weißen Hemd durfte den ZuschauerInnen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens das Märchen von der „sauberen“ Prostitution in seinem Etablissement erzählen, in dem er eigentlich nichts weiter sei als eine Art Hotelier.

Dabei ist keine profunde Kennerschaft des Rotlicht-Milieus nötig, um zu wissen, dass Bordelle angewiesen sind auf ihre Zulieferer, die die benötigte Ware liefern: Frauen. So funktioniert das System Prostitution. Aber es bedurfte der Hart­näckigkeit der Stuttgarter Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft, Deutschlands Vorzeige-Bordellier auch nachzuweisen, dass er das wusste, und dass selbstverständlich auch Rudloffs Bordelle nach diesem System funktionierten.

Die Ermittler trugen mit Razzien oder Telefonüberwachungen die Beweise zusammen, die in ein Mammut-Verfahren mit insgesamt 15 Beschuldigten mündeten, dass 2014 begann. Die ersten elf waren Zuhälter wie Ilias C. Alle wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Nun galt es, dem „Bordellkönig“, der sich dank der fatalen rot-grünen Prostitutionsreform von 2002 inzwischen „Bordellunternehmer“ nennen und reichlich „Investoren“ für das Paradise gewinnen konnte, nachzuweisen, dass er Bescheid wusste: Dass die „Damen“ in seinem Bordell keineswegs immer „freiwillig“ anschafften.

Am 27. September 2017 wurde Rudloff, der sich zeitweise ins Ausland abgesetzt hatte, verhaftet. Der Vorwurf lautete: „Beihilfe zum schweren Menschenhandel und Zuhälterei“ sowie „versuchte gewerbs- und bandenmäßige Förderung des Menschenhandels“. Plus „gewerbsmäßiger Betrug“, denn offenbar hatte Rudloff seine Investoren übers Ohr gehauen, darunter so illustre Männer wie Willi Weber, Ex-Manager von Michael Schumacher.

Weber hatte, ganz wie seine Mit-Investoren, offenbar keinerlei Hemmungen, sein Geld in das lukrative Geschäft mit der Ware Frau zu stecken. Was in anderen Ländern wie Schweden, Frankreich oder Irland unvorstellbar wäre, weil Prostitution dort als Verstoß gegen die Menschenwürde gilt und sich alle Profiteure folglich automatisch strafbar machen – nicht aber die Prostituierten. Dass Deutschland hingegen dank der Reform von 2002 zur europäischen Drehscheibe des Menschenhandels und zum Paradies für Freier wurde, daran hat sich auch durch das Prostituiertenschutzgesetz der Großen Koalition nichts geändert. Es trat am 1. Juli 2017 in Kraft, nachdem die SPD alles herausverhandelt hatte, was BordellbetreiberInnen und Zuhältern hätte schaden können.

Als Rudloff noch als Gentleman galt, bei dem die „Damen“ im Paradise arbeiteten, freiwillig natürlich, hatte Alice Schwarzer in einer der quälenden Talkshows, damals noch mit Jauch, zu ihm den prophetischen Satz gesagt: „Sie sind das letzte Glied in einer langen Kette von Verbrechen.Für das, was Sie tun, würden Sie in anderen Ländern im Gefängnis landen.“ Spät, aber dennoch sollte sie recht behalten. Jetzt droht dem Gentleman auch in Deutschland Gefängnis dafür, wie er mit der Ware Frau handelt.

So beredt Jürgen Rudloff in den Talkshows stets aufgetreten war, vor Gericht schwieg er. Er wurde vertreten von drei Anwälten und einer Anwältin: Andrea Combé (ihres Zeichens auch ehemalige Verteidigerin von Jörg Kachelmann). Doch die Schlinge zog sich zu. Durch Aussagen wie die von Ilias C. in dessen Handy die Nummer des Paradise-­Geschäftsführers Reiner M. eingespeichert war. Zuhälter und Geschäftsführer hatten nachweislich SMS ausgetauscht. Auch Ibrahim I. sagte aus. Der Zuhälter, der seinen Frauen, die im Paradise anschafften ein Tageslimit von zehn Freiern verordnete – „Sonst gab’s Ärger“ – bezeichnete Jürgen Rudloff als Freund, mit dem er sich regelmäßig zum Frühstück verabredet habe.

Schließlich entschloss sich Reiner M., dem Gericht einen so genannten Deal anzubieten. Seine Aussage gegen Rudloff und dessen „Pressesprecher“ Michael Beretin gegen eine moderate Strafe für ihn, den Geschäftsführer. Am 21. Dezember verurteilte das Landgericht Stuttgart Reiner M. wegen Beihilfe zum Menschenhandel zu zwei Jahren Haft auf Bewährung.

Nun dauerte es nur noch fünf Wochen, bis auch Jürgen Rudloff und Michael Beretin beim Gericht nach den Bedingungen für eine Verständigung, vulgo: Deal, fragten. Das Gericht stellte bei einem „qualifizierten Geständnis“ Bordellbesitzer Rudloff eine Strafe zwischen vier Jahren und neun Monaten und fünf Jahren und drei Monaten in Aussicht. Michael Beretin müsse mit drei bis dreieinhalb Jahren rechnen. Unter der Bedingung, dass beide ein „qualifiziertes Geständnis“ ablegen.

Der Bordellbetreiber und sein „Presse­sprecher“ willigten ein. Beretin stimmte der „Verständigung“ zu, räumte den Vorwurf der Beihilfe zum Menschenhandel ein, ohne sich im Detail zu erklären. Jürgen Rudloff wurde deutlicher: „Ich habe andere die Drecksarbeit machen lassen“, gab er zu. Er habe gewusst, dass seine „Security“, die im Paradise von den Hells Angels gestellt wurde, „Druck auf die Frauen ausgeübt“ habe. Er wusste auch, dass die Zuhälter, die teilweise freien Eintritt hatten, im Paradise ein und aus gingen, nicht nur, um die eigenen Frauen zu kontrollieren, sondern auch, um neue Frauen „anzuwerben“. Der Einfluss der Rockergruppen, nicht nur der Hells Angels, sondern auch der United Tribuns, sei im Laufe der Jahre immer größer geworden.

Bei Redaktionsschluss von EMMA stand noch nicht fest, ob sich das Gericht in seinem Urteil, das für März erwartet wird, mit diesen Geständnissen zufriedengeben würde. Es ist jedoch wahrscheinlich.

Mit diesem Urteil wird Rechtsgeschichte geschrieben. „Erstmals ist es gelungen, die Verbindung zwischen den Betreibern und den Zuhältern und Menschenhändlern offenzulegen“, sagt Sabine Constabel. Die Stuttgarter Sozialarbeiterin, die seit 30 Jahren Ausstiegsbegleitung im Rotlichtmilieu macht und dabei immer wieder auch Paradise-Opfer betreute, erklärt: „Jetzt können alle Betreiber davon ausgehen, dass sie in Haftung genommen werden.“ Das allerdings nur, wenn auch der politische Wille zum Kampf gegen den Handel mit der Ware Frau da ist – und damit auch der Rückhalt für ­Polizei und Staatsanwaltschaften. Stuttgart hat ­vorgemacht, wie das geht. Zeiten ändern sich.

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