Im Prostituiertentreff La Strada

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Nicki sitzt auf der Wartebank und krallt nervös ihre langen pinken Fingernägel in die Leopardentasche. Dabei ­ge­hört sie gar nicht zu denen, die auf die ­gynäkologische Untersuchung warten. Sie hat keinen Zettel mit einer Nummer ­bekommen, wie die Mädchen, die sofort wieder raus auf die Straße müssen, weil es sonst Ärger gibt. Eine Stunde herumsitzen und warten, nur weil eine Unterleibschmerzen hat? Nicht drin. Dafür sorgen schon die Herren, die breitschultrig in ­Lederjacken oder Jogginganzügen durch die nur wenige Schritte entfernten Rotlicht-Gassen der Stuttgarter Altstadt stolzieren und dabei der einen oder anderen, die hier in hochhackigen Stiefeln steht, etwas zurufen, das auch in einer unverständlichen Fremdsprache deutlich nach Kommando klingt.

Diejenigen, für die zu langes Warten auf den Arztbesuch also vielleicht noch mehr Schmerzen mit sich brächte, bekommen von Sabine Constabel einen Nummern-Zettel und stecken von Zeit zu Zeit den Kopf durch die Milchglas-Tür des La Strada, um zu prüfen, ob sie schon dran sind. Eine Treppe höher erwartet sie dann Dr. Friedrich Spieth, der hier jeden Donnerstagabend ab halb acht in der Arztpraxis im ersten Stock die Prostituierten der Altstadt untersucht, kostenlos. Eine Kranken­versicherung hat hier keine, dafür grassieren Syphilis, Chlamydien oder chronische Eileiter-Entzündungen.

Nicki muss heute abend nicht mehr zu Dr. Spieth. Sie war schon letzte Woche bei ihm und weiß, was sie hat: Sie ist schwanger. Im wievielten Monat? „Gute Frage“, sagt sie und lächelt verlegen. Von ihrem Freund oder einem Freier? Schwer zu sagen.

Nicki ist 20, sagt sie jedenfalls, und 2008 aus Ungarn hierhergekommen, aus einer Kleinstadt „sehr weit von Budapest“. Der Vater ist tot, die Mutter musste allein für sie und ihre zwei Geschwister sorgen. Nicki hat eine Krankenschwesternschule besucht und auch abgeschlossen. Als Krankenschwester gearbeitet hat sie nicht, sie hätte damit in Ungarn nur 200 Euro pro Monat verdient. „In Ungarn alles schwer“, sagt sie.

Eine Tante, die in der Stuttgarter Altstadt anschaffte, bot ihrer Nichte an, nach Deutschland zu kommen. Nicki kam. Und die ersten Männer kamen. „Das war sehr schwer“, sagt sie. Nach zwei Jahren und mehreren Tausend Freiern hat die zarte junge Frau heute 300 Euro Schulden beim Betreiber des Laufhauses, in dem sie arbeitet. Da zahlt sie nämlich 100 Euro für das winzige Zimmer. Pro Tag. Das macht bei 30 Euro pro Verkehr hundert Freier pro Monat allein für die Miete.

Und jetzt ist Nicki schwanger, von wem auch immer. Sie will das Kind bekommen. Und irgendwie aufhören in der Altstadt. Wie das gehen soll, weiß sie noch nicht. „Will ich mit Sabine besprechen.“

Sabine Constabel hat noch keine Zeit für eine Besprechung. Die Sozialarbeiterin rotiert. Es ist halb neun, Rush Hour im La Strada. Viermal die Woche öffnet um 18 Uhr das Café in Trägerschaft der Caritas seine Tür in der Jakobstraße, und ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlerinnen gibt den Frauen, was sie gerade brauchen: eine Mahlzeit oder einen heißen Tee; Kondome oder Medikamente; eine ­Dusche oder einen Deutschkurs. Oder einen ­Teddybär. Auch heute stellt Constabel wieder einen Pappkarton mit Bären, Hasen und Enten auf die Theke. „Der ist immer am schnellsten leer“, sagt sie.

Einmal in der Woche kommt eine ­ehrenamtliche Masseurin. „Die Frauen werden ja nie richtig berührt“, erklärt Constabel. „Eine Massage hilft, im Körper zu bleiben.“ Obwohl, schiebt sie mit dem ihr eigenen Sarkasmus hinterher, „das in diesem Job ja eigentlich gar nicht wünschenswert ist“. Wenn eine aussteigen will aus diesem Job, der den Ausstieg aus dem eigenen Körper erfordert, ist Sabine Constabel, die seit 20 Jahren für das Stuttgarter Gesundheitsamt Prostituierte berät, da. Ohne Hilfe schafft es kaum eine.

Jetzt steht die blonde Frau im schwarzen Kleid auf robusten Stiefeln hinter der Theke und schaufelt zwei schwarzhaa­rigen Mädchen ihre selbstgekochte ­Minestrone auf die Teller. Nachdem die beiden noch je einen Berg Auflauf verschlungen haben, verlassen sie das La Strada mit zwei Tüten voll Stullen und Obst. Proviant für die Nacht. Oder für Kolleginnen, die sich keine Pause im La Strada erlauben können.

Zwei weitere Mädchen brauchen einen Nummernzettel; eine dritte hat Zahnschmerzen und möchte eine ­Schmerz­tablette; eine vierte steht vor der Theke, blickt an Brötchen und Keksen vorbei und sagt: „Gäll!“ „Was?“ fragt Constabel. „Gäll!“ wiederholt die junge Schwarze, deren Wortschatz offenbar begrenzt ist, und zeigt auf eine Schublade. „Ach so“, sagt die ­Sozialarbeiterin und greift nach einer Tube Gleitgel. „Auch Gummis?“ Die Schwarze schüttelt den Kopf und geht.

Constabel wirft einen Blick in den Pappkarton mit den Stofftieren. Sie sind alle weg. „Sabine, kommst du mal?“ ruft jemand in der Küche. Es wird noch dauern, bis sie sich mit Nicki zusammensetzen kann.

Eine Schwangerschaft ist im La Strada nichts Besonderes, die Statistik von Dr. Spieth weist für 2010 allein von Januar bis September 40 aus, also eine pro Woche. „Sie arbeiten ohne Gummi und verhüten nicht“, sagt Sabine Constabel. Wundern tut sie das nicht, so wie die 51-Jährige nach zwei Jahrzehnten Arbeit mit Prostituierten eigentlich überhaupt nichts mehr wundert. Schon gar nicht das Mantra von der „selbstbestimmten Prostituierten“, das vor allem von grünen wie roten PolitikerInnen vorgebetet wird.

Constabels Erstaunen darüber, dass in Deutschland die Menschenverachtung und Brutalität, die sich in den benachbarten Altstadt-Gassen abspielen, vor zehn Jahren per Gesetz zur Normalität erklärt wurden, hat sich inzwischen gelegt. Am Anfang war sie noch fassungslos darüber, dass seit der Prostitutionsreform von 2001 in den Talkshows so getan wird, als ob nicht existierte, was sie, die Sozialarbeiterin, tagtäglich ­erlebt: Dass die Mädchen und Frauen im La Strada verabscheuen, was sie tun und nur zu gut wissen, dass es sie krank macht an Körper und Seele.

„Ich sag immer: Es isch moderne Sklaverei“, sagt Helga Beck, eine von 30 Ehren­amtlerinnen, die im La Strada arbeiten. Sie ist, wenn man so will, eine Wutbürgerin. Nur ist die Stuttgarterin nicht wütend über die Bahnhofsbauer, sondern auf die Freier, die „die Not der Frauen auch noch ausnutzen“. Die 70-Jährige weiß als Kriegs­kind, was Not ist, und sie weiß es auch, weil sie lange in Spanien gelebt hat und deshalb viele Geschichten von Frauen aus Ecuador oder Kolumbien gehört hat, die im La Strada gestrandet sind. „Wir sind hier für viele Frauen die einzige Anlaufstelle“, erzählt die Rentnerin. Deshalb geht Helga Beck mit, wenn eine Frau vor Gericht muss, oder besucht sie im Krankenhaus. Mit Wut erfüllt die Mutter eines Sohnes auch, was ihr die Roma-Frauen erzählen, die von ihren eigenen Vätern und Brüdern in die Prostitution geschickt werden. „Die Frauen werden in ihren ­Familien behandelt wie der letzte Dreck und versorgen die Männer noch mit!“

„Hätte man die Realität zugrunde ­gelegt, wäre das Prostitutionsgesetz nie ­verabschiedet worden“, bekräftigt Sabine Constabel. „Aber im Fernsehen sitzen ­Lobby­istinnen oder bezahlte Frauen: Die kriegen 500 Euro dafür, dass sie erzählen, wie geil sie Prostitution finden“, sagt ­Constabel. „Meine Frauen haben weder Kraft noch Zeit, sich in Talkshows zu ­setzen. Die sind damit beschäftigt zu überleben.“

Rosa hat überlebt. Knapp. Auch sie kommt aus Ungarn und ist im Kinderheim aufgewachsen. Als sie 16 oder 17 war, kam eine Frau und zahlte dem Heim Geld für das Mädchen. Sie und ihr Mann warteten keinen Tag länger als nötig: An Rosas 18. Geburtstag gingen sie mit ihr in eine Disco. Da packte sie ein Gast. „Ich geweint“, erzählt Rosa und streicht mit dem Finger vom Augenwinkel zur Wange. „Aber er ­gesagt: Ich habe für dich bezahlt!“ Das war ihr erstes Mal. Es folgten viele weitere und noch mehr Schläge, jahrelang. „Guck, ­geschlagen hier!“ sagt sie und zeigt auf eine Narbe an der Seite ihrer Stirn.

Mit 20 wurde Rosa schwanger. Nach der Niederkunft musste sie sofort wieder arbeiten. Als sie von der Straße zurück kam, war das Baby verschwunden. Ein zweites Ehepaar kaufte Rosa dem ersten ab, das Martyrium ging weiter. Sie war 33, als sie floh und nach Deutschland trampte. Sie sprach kein Wort Deutsch und landete in der Stuttgarter Altstadt.

Rosas großes Glück war, dass sie beim Schwarzfahren erwischt und zu Sozialstunden verdonnert wurde. Ein kluger Richter beschloss, dass sie die im La Strada ableisten sollte. „Ich ganz kaputt. Gib mir Arbeit“, sagte sie zu Sabine Constabel, die die Sache in die Hand nahm. Vor kurzem hat Rosa ihren ersten Job in der Küche von McDonalds angetreten.

Wenn man die kleine Frau mit den verstrubbelten Haaren erlebt, wie sie, eifrig, liebenswürdig, aber beschränkt, Brote schmiert und Tee bringt, und hört, wie sie mit wenigen Worten, die sie nach einem Jahr Deutschkurs gelernt hat, den Horror beschreibt, dann fragt man sich, wie das sein kann. Wie ein Mann ticken muss, der dafür zahlt, dass ihm diese Frau zu Diensten ist. Aber es kann nicht nur sein, es ist gang und gäbe. Frauen wie Rosa gibt es hier viele.

Fast 80 Prozent der knapp 3500 in Stuttgart offiziell registrierten Prostituierten sind laut Polizeistatistik Ausländerinnen, davon stammen zwei Drittel aus den sogenannten „neuen Beitrittsländern“ der EU. Die Top Ten der „Neuzugänge“ in 2010 führen Rumänien und Bulgarien an. Von dort stammt fast die Hälfte der 854 im vergangenen Jahr neu erfassten Frauen, weitere 100 kommen aus Ungarn. Die meisten von ihnen sind Roma. Die ärmsten der Armen, diejenigen, die in ihrer Gesellschaft und ihren Familien-Clans auf der untersten Stufe stehen. Oft Analphabetinnen, die kein Wort Deutsch sprechen und busweise zum Anschaffen nach Deutschland verfrachtet werden, wo sie auf Gedeih und Verderb ihren Zuhältern ausgeliefert sind. Und das nicht nur in Stuttgart.

Einen „immensen Anstieg“ dieser Frauen im Prostitutionsgewerbe seit der EU-Erwei­terung stellt auch das Bundeskriminalamt in seinem Lagebild „Ware Mensch – Men­schenhandel in Deutschland“ fest. „Sie sind in einem schlechten gesundheitlichen Zustand und verfügen oftmals über ­Gewalterfahrung. Sie bieten nicht selten ungeschützten Verkehr zu Dumpingpreisen an.“ Das kann Sabine Constabel nur bestätigen. „Die Frauen machen für 10 Euro alles. Von dem, was sie verdienen, dürfen sie vielleicht 200 Euro im Monat behalten und davon schicken sie noch 100 Euro nach Hause. Sie selbst haben oft Hunger.“

Es waren auch Roma-Frauen, mit de­nen die sogenannten Flatrate-Bordelle bestückt wurden, die 2009 in ganz Deutschland eröffneten. Eins davon im nur zehn Kilometer entfernten Fellbach. Dicke Hummer-Geländewagen fuhren durch die Königstraße, die hiesige Einkaufsmeile, und warben für die billige Ware im Pussy- Club: Zum Pauschalpreis von 70 Euro tagsüber, abends 100, gab es „Sex mit allen Frauen so lange du willst, so oft du willst und wie du willst!“ Das Angebot reichte von Analsex über Gangbang bis zum Oralverkehr „natur“, sprich: ohne Kondom.

Dass die Stuttgarter Nachrichten über „Hintermänner aus Bulgarien“ berichtet hatten, die die Frauen „in großen Gruppen vor allem in den Siedlungsbereichen der Roma in Bulgarien oder Rumänien anwerben“, hielt viele, sehr viele Männer nicht davon ab, das Superschnäppchen zu nutzen. 1700 Freier kamen laut Polizei allein am ersten Wochenende.

Ein Sturm der Entrüstung brach los, aber schon bald konnte man in der Presse lesen, die Frauen im Pussy-Club verstünden die ganze Aufregung nicht, das Flatrate-Bordell sei doch ein „prima Arbeitsplatz“. Über so viel Naivität der Journalisten kann sich das La Strada-Team nur wundern. Sie wissen es besser. Einige der Frauen aus dem Pussy-Club brandeten in der Jakobstraße an und berichteten, wie „prima“ sie die Beglückung der Freier-Massen fanden. „Sie haben gesagt: Nach dem dritten spüren wir nichts mehr“, erzählt Sabine Constabel. „Die dissoziieren sich weg.“

Dennoch: Die Polizei konnte das üble Treiben im Pussy-Club nicht stoppen. „Wir können nach Lage der Dinge und der Gesetze zur Zeit nichts unternehmen“, hieß es zunächst. Schließlich schob die Justiz „hygienische Mängel“ vor, nahm die rumänische „Geschäftsführerin“ wegen Verdacht auf Steuerhinterziehung fest und schloss den Club. In anderen Städten blieben die Flatrate-Bordelle ­geöffnet. Keine gesetzliche Handhabe, hieß es in Wuppertal oder Berlin.

Und auch das, was in den Laufhäusern und auf dem Straßenstrich um die Ecke des La Strada Alltag ist – die Wucherpreise für die Zimmer, die Abzocke durch die Zuhälter, die ihre Frauen zu 14 Stunden-Schichten auf die Straße schicken – läuft hier Tag für Tag weiter. „Was hier passiert“, sagt Sabine Constabel und lächelt ein kaltes Lächeln, „ist alles höchst legal“.

Theoretisch ist es das eigentlich nicht, denn Zuhälterei ist nach wie vor strafbar. Nur: Praktisch kann die Polizei das kaum mehr nachweisen. Als die rot-grüne ­Koa­li­tion das Prostitutionsgesetz beschloss, das am 1. Januar 2002 in Kraft trat, schaffte sie mit der „Sittenwidrigkeit“ der Prostitution zugleich auch einen Passus ab, der für die Ermittler zentral war, um Zuhälter und Menschenhändler zu verfolgen: die „Förderung der Prostitution“. Mit diesem Paragrafen konnte die Polizei quasi immer einen Anfangsverdacht konstruieren, um hinter die Kulissen eines Bordells oder einer „Beziehung“ zu schauen. Diese Zeiten sind vorbei, Prostitutionsreform sei Dank.

Die LobbyistInnen argumentierten geschickt: Jeder Bordellbesitzer, der es den Prostituierten ein bisschen nett mache, zum Beispiel mit einem hübschen Aufenthaltsraum, mache sich damit schon der Förderung der Prostitution schuldig, hieß es. Deshalb gehöre der „diskriminierende“ Paragraf abgeschafft.

Hübsche Aufenthaltsräume für Prostituierte hat Hauptkommissar Wolfgang Hohmann allerdings bisher noch keine gesehen. „Ich wüsste nichts, was sich für die Frauen seit Inkrafttreten des Prosti­tutionsgesetzes verbessert hat“, sagt der Leiter des Stuttgarter „Ermittlungsdienstes Prostitution“. Dafür lachen sich die Männer, die mit diesen Frauen ihr Geld verdienen, ins Fäustchen.
Der Kommissar weiß genau, wo die Zuhälter der Stuttgarter Altstadt sitzen: etwa drei Gehminuten von seinem Präsidium entfernt. „Das Café Mistral ist das Stammlokal der Chefs, die was zu sagen haben. Nebenan im Haus 49 und im Domino hockt das Fußvolk, die sogenannten ‚Ameisen‘.“ Aber dieses Wissen nützt ihm nichts.

Und das, obwohl die Polizei in ganz Baden-Württemberg in Sachen Strafverfolgung im Prostitutions-Milieu zu den effizientesten Behörden in Deutschland gehört. In Stuttgart ist der „Ermittlungsdienst Prostitution“, eine spezialisierte Sondereinheit, an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr im Einsatz. „Ein Luxus“, sagt Hohmann. 3000 Kontrollen führt seine Abteilung im Jahr durch. Da, wo die Frauen sehr oft ausgetauscht werden, „sind wir manchmal dreimal in der Woche“.

Die Ermittler achten auf verdächtige ­Indizien: Hat die Frau ihren Pass dabei oder muss der von irgendwelchen Männern erst herbeigeschafft werden? „Wir versuchen dann, die Frauen ins Präsidium zu bekommen. Allein, ohne einen ‚Dolmetscher‘. Aber die Zuhälter müssen auch gar nicht zwingend mitkommen. Die Frauen sind so eingeschüchtert, dass sie auch so den Mund halten. Oder sie sagen offen: ‚Ich behalte 300 Euro, dann hab ich doppelt so viel wie zu Hause. Die anderen 8000 Euro liefere ich halt ab.’“ Die Roma-Frauen, sagt Hohmann, seien heute das, was die Junkies früher waren: Die letzten in der Kette.

Auch Junkies kommen ins La Strada, aber sie sind seltener geworden. Susie zum Beispiel, die Tschechin mit den feuerroten Haaren und dem Piercing in der Unterlippe, ist nach Substitutionsprogramm und Therapie jetzt seit fünf Monaten clean. Als sie mal wieder einen riesigen Abszess hatte, hat sie aufgehört, erzählt sie, und zeigt eine zehn Zentimeter lange Narbe an ihrem Unterarm. „Joi!“ sagt Rosa.

Susies Eltern gingen nach Deutschland, als sie zwölf war und ließen die Tochter bei einer Tante. Mit 17 kam sie nach und heiratete zu früh. Nach der Scheidung „ist für mich die Welt zusammengestürzt“. Vier Jahre lang ging Susie anschaffen, um das Heroin zu finanzieren. „Meine Psyche hat das nicht verpackt“, sagt sie. „Ich könnte das nie wieder machen.“ Außerdem seien „die Preise irgendwie kaputt­gegangen.“

Früher waren es Junkies wie Susie, die die Preise drückten, aber seit die Methadonprogramme der Städte greifen, ist ­zumindest diese Gruppe Prostituierter kleiner geworden. Statt der mageren Skelette mit den schwarzen Zähnen stehen jetzt die stummen Schwarzhaarigen aus Osteuropa dort. Deren Zuhälter setzen auf das „Discounter-Prinzip“, erklärt Hauptkommissar Hohmann. „Viele Männer, die wenig zahlen.“ Für deutsche Prostituierte sei das „eine Art Frühverrentungs­programm“, denn so manche, die schon lange nicht mehr konnte, hört jetzt endgültig auf. „Die leben dann von Hartz IV und ein paar Stammfreiern.“

Für die Stuttgarter Altstadt jedenfalls sind die Discount-Frauen ein Jungbrunnen. Die Laufhäuser und Bars in der ­Leonhardstraße und der Weberstraße waren eigentlich totgesagt. Lido Bar und Nachtclub Madeleine hatten schon bessere Zeiten gesehen, die Mädchen im „Girls, Girls, Girls“ waren auch nicht mehr die Jüngsten. „Und dann“, sagt Wolfgang Hohmann, „kamen das Prostitutionsgesetz und die EU-Erweiterungen“.

Staunend hat er erlebt, wie „Geschäftsleute“ mit einem Standbein in Rumänien baden-württembergischen Ausländerbehörden einen „Businessplan“ vorlegten und den skeptischen Beamten mit dem Gesetzestext vor der Nase herumwedelten. Er beobachtete bestürzt, wie plötzlich wieder Freier in der Altstadt auftauchten und erklärten: „Was willsch du? Des isch doch e normales Gschäft!“

Hauptkommissar Wolfgang Hohmann ist, folgt man dem Klischee, ein typischer Schwabe. Seinen Ärger über die gesetzlich verordnete Hilflosigkeit lächelt er weg, seine Wut bremst er mit steifen Formulierungen aus: „Was die soziale Betreuung der Prostituierten angeht, sind wir noch nicht ganz auf dem richtigen Weg“, sagt er. Oder: „Man muss als Gesetzgeber ein Ziel erkennen lassen.“

Und wenn es ganz hart kommt, macht er einen Scherz. Zum Beispiel, wenn man ihn fragt, wie er es fand, dass so mancher Journalist die baden-württembergische Polizei der „Spießigkeit“ ­bezichtigte, weil die Schwaben die einzigen waren, die die Flatrate-Bordelle unter ­Vorwänden rigoros dichtmachten. „Das isch gut für den Verkauf unserer Autos“, sagt er und lächelt. „Da denket die Leut: Wer so kleinlich ist, der setzt auch jede Schraube richtig ein.“ Einige Leute, so hofft Hohmann, kamen allerdings doch ins Grübeln angesichts dessen, was sich da im Pussy-Club abspielte. „Das war hoffentlich erhellend für diejenigen, die das Unwesen der Prostitution nicht erkannt haben“, erklärt er. „Ein Weckruf.“

Die PolitikerInnen aber scheinen vor sich hin zu dämmern. Daran änderten auch die bedrückenden Ergebnisse der Evaluation des Prostitutionsgesetzes nichts, die Ursula von der Leyen als Frauenministerin im Januar 2007 verkündete: kaum noch Kontrollmöglichkeiten für die Polizei, kaum Ausstiegsprojekte und immer noch kein Gesetz gegen die Freier von Zwangsprostituierten. Passiert ist ­seither – nichts.

Das brennendste Problem dabei ist: Ohne die Aussage der Frau geht nichts, ist keine Strafverfolgung der kriminellen Hintermänner möglich. Aber diese ­Aus­sage bekommen Hohmann und seine Kollegen in den seltensten Fällen. Und das gilt nicht nur für die Roma-Frauen aus Rumänien, die kein Straßenschild lesen können und oft nicht einmal wissen, in welcher Stadt sie sich befinden.

Gerade hat Hohmann einen Fall aus dem Escort-Bereich, der gemeinhin als schick und „selbstbestimmt“ gilt. Die Frau, um die es geht, verdient 8000 bis 10000 Euro im Monat und hat ihrem „Freund“ bereits drei Eigentumswohnungen erarbeitet. „In zweien wohnen Bruder und Mutter des Mannes, in der dritten er selbst. Aber die Frau sagt uns: ‚Nein, ich will nicht ins Grundbuch, und ich brauche auch keine Konto-Vollmacht.‘ ­Ähn­liche Fälle haben wir hier jede Woche.“

Im Gegensatz zu den PolitikerInnen sind allerdings inzwischen die Polizeichefs der Länder aufgewacht: Am 18. November 2010 forderte die Innenministerkonferenz die Bundesregierung einstimmig und entschieden auf, das fatale Prostitu­tionsgesetz zu reformieren. Denn: „Die bestehende Gesetzeslage ist völlig unzureichend.“ Der Gesetzgeber trage der ­Tat­sache, dass es sich um ein „extrem kriminogenes Milieu“ handle, in keinster Weise Rechnung.

Die Minister fordern eine „Zulassungspflicht“ für Bordelle. Sie wollen eine Meldepflicht für Prostituierte, die Einschränkung der Werbung für Prostitution (vor allem für Praktiken ohne Kondom) und sie wollen dem „besorgniserregenden Trend zu Flatrate-Clubs und Gang-Bang-Veranstaltungen“ Einhalt gebieten. Die Innenminister fordern ein „flächendecken­des Angebot an Ausstiegshilfen“. Projekte wie das La Strada, das nach 15 Jahren seinen Umzug aus dem Souterrain in die neuen, hellen Räume zum Teil aus Spenden finanzieren musste. Auch die Unmen­gen Essen, die im Café benötigt werden, stammen aus Spenden: Den Löwenanteil steuert die Stuttgarter Tafel bei und wenn auf einer Betriebsfeier etwas übrig bleibt, dann setzt sich Sabine Constabel ins Auto und holt es ab.

21.30 Uhr. Das La Strada leert sich langsam. Constabel muss noch mal los. Zwei Mädchen sind schwanger. Dr. Spieth hat ihr Namen, Laufhaus und Zimmernummer aufgeschrieben. Der Nightclub Uhu liegt um die Ecke, nur eine ­Geh­minute entfernt, die Holzstufen des engen Hausflurs knarren altersschwach. Auf dem Weg zu Zimmer 10 im zweiten Stock ­verteilt Sabine Constabel Kondome und Lebkuchen an die quasi nackten jungen Frauen, die in den Türrahmen stehen. „Kommt ins La Strada!“ sagt sie.

Die Tür zu Nummer 10 ist geschlossen. „Selmin“ steht in Schnörkelschrift daran, aber „Selmin“ ist keine Türkin, der Name auf Constabels Blatt hat eine ­rumänische Endung. Die Tür geht auf, ein maximal 20-jähriger junger Mann kommt entspannt lächelnd aus dem Zimmer. Drinnen steht ein erschreckend mageres Mädchen mit riesigen todernsten Augen. Sie spricht kein Wort Deutsch. Eine Zimmernachbarin kommt zum Übersetzen. Ja, sie weiß, dass sie schwanger ist. Nein, sie will das Kind nicht kriegen. Ja, sie will einen Abbruch. Nein, sie hat kein Geld, um ihn zu ­bezahlen. „Das mit dem Geld regle ich. Aber du darfst nach dem Abbruch zwei Wochen lang nicht arbeiten“, erklärt ­Sabine Constabel. Das Mädchen schüttelt den Kopf. „Das geht nicht“, übersetzt die andere.

Ein neuer Freier steht in der Tür, um die 50, Bart, Typ Lehrer oder Sozialarbeiter. „Hier ist grad besetzt!“ schnauzt Sabine Constabel. Der Mann geht zum nächsten Zimmer. „Wir müssen uns beeilen. Du hast nur noch eine Woche Zeit, danach ist der Abbruch in Deutschland illegal“, erklärt die Sozialarbeiterin. Dann müsse sie das vielleicht in Rumänien machen lassen, entgegnet „Selmin“, dort gebe es Leute, die für Geld Abbrüche durchführten, egal, in welchem Monat. „Aber dann ist es schon sehr groß“, erklärt Constabel. Die Schwangere nickt. Constabel macht mit ihr einen Termin für die nächste Woche aus. Sie kann nur hoffen, dass sie kommt.

Was kann man tun? Von einer Genehmigungspflicht für Bordelle, wie die Innenminister sie fordern, erwartet sich die Expertin nicht viel. „Dieser Laden hier kriegt problemlos eine Genehmigung, denn es ist ja alles legal, was hier stattfindet. Dann ist er konzessioniert, na und? Wenn die Politiker etwas für die Frauen tun wollen, dann sollen sie in Ausstiegshilfen investieren!“
Wie es mit Nicki weitergehen wird, weiß Sabine Constabel noch nicht. Sie ist skeptisch, denn da ist noch Nickis „Freund“, der, wie sie sagt, an zwei Tagen die Woche in einem Imbiss arbeitet. „Der muss erst weg“, weiß die Sozialarbeiterin aus Erfahrung. „So lange der von ihrer ­Arbeit profitiert, wird es schwer für sie aufzuhören.“ Sie plant, Nicki in einem Mutter-Kind-Heim unterzubringen. „Wir sind hier in Stuttgart gut vernetzt. Und das ist wichtig, denn eine Frau, die sich Jahre oder Jahrzehnte prostituiert hat, muss man oft über lange Zeit ganz eng begleiten.“
Wenn es dann klappt, dann sind das die Erfolge, die dafür sorgen, dass Sabine Constabel ihren Job auch nach 20 Jahren immer noch gern macht. Rosa ist so ein Fall.

22.15 Uhr. Sabrina mag noch nicht gehen. Sie ist 70, sieht aus wie eine indonesische Prinzessin und war früher mal ein Mann. Heute trägt sie Jeans und ein rotes Sweatshirt, aber in ihrem Korb hat sie ein schwarzes Kleid mit goldenem Gürtel dabei, das sie stolz zeigt. Als Tänzerin und Animierdame ist sie um die ganze Welt ­getingelt. Jetzt schafft sie es noch nicht mal mehr bis Amsterdam, um dort ihre Schwester zu besuchen. Das Geld reicht nicht. Und in dem Dorf bei Stuttgart, in dem sie ihre schwäbischen Nachbarn verschreckt, „ist es unendlich einsam. Alle Kontakte sind im Milieu. Wir kommen da nicht raus“. Gott sei Dank gebe es das La Strada. „Das ist mein zweiter Wohnsitz.“

Bea ist eher selten hier. „Eine der wenigen, die halbwegs gesund aus der Sache rausgekommen sind“, sagt Sabine Constabel. Die 60-jährige Bayerin hat in einem Apartmenthaus angeschafft, aus „panischer Angst vor Zuhältern“ immer allein. Aber sie hat mitbekommen, wie ihre Nachbarinnen von Männern verprügelt wurden und ihnen trotzdem einen Pelzmantel zu Weihnachten schenkten. Wie viele Frauen in ihrem Haus ohne Zuhälter gearbeitet haben, wie sie? „Keine“, sagt Bea knapp.

Ein Mädchen mit zwei weiteren im Schlepptau steht plötzlich vor der Theke und zeigt auf ihren Unterleib. Ob sie noch zum Doktor könne? Der hat seit einer halben Stunde Feierabend. „Schlimm“, sagt sie. „Frieder, nimmst du noch jemanden?“ ruft Sabine Constabel in den ersten Stock. „Ja!“ ruft der zurück.

22.40 Uhr. Dr. Friedrich Spieth hat den Arztkittel gegen eine Lederjacke getauscht und macht sich fertig zum Gehen. Sabine Constabel schaut durch ihre Lesebrille auf ihr Tabak-Päckchen und dreht sich eine. Die Küche ist aufgeräumt, die Tische sind abgewischt. Nur auf einem liegt noch etwas flauschiges Braunes. Da öffnet sich die Milchglas-Tür. Das Mädchen mit den ­Unterleibschmerzen kommt noch mal ­herein. Sie scannt die Tische und entdeckt das braune Etwas. Es ist ihr Teddy. Sie stopft ihn hastig ihre schwarze Tasche und nimmt ihn mit in die Altstadt-Gassen.

Am nächsten morgen um halb zehn steht die Frau mit der schwarzen Handtasche und dem braunen Teddybären auf hochhackigen Stiefeln an dem kleinen Platz an der ­Leonhardstraße. Sie starrt ins Leere.

La Strada – spenden!
Nach unserer Reportage über das Stuttgarter Prostituierten-Café „La Strada“ erreichten uns viele Nachfragen erschütterter LeserInnen: Wie können wir helfen? Sozialarbeiterin Sabine Constabel und rund 30 Ehrenamtlerinnen versorgen die Frauen im „La Strada“ mit Beratung, Essen, Medikamenten etc. Sie können Spenden bestens gebrauchen: Caritasverband Stuttgart e. V., Konto-Nr. 2015189, BLZ 60050101, BW-Bank, Stichwort: La Strada.

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