Im Prostituiertentreff La Strada

Nicki sitzt auf der Wartebank und krallt nervös ihre langen pinken FingernĂ€gel in die Leopardentasche. Dabei ­ge­hört sie gar nicht zu denen, die auf die ­gynĂ€kologische Untersuchung warten. Sie hat keinen Zettel mit einer Nummer ­bekommen, wie die MĂ€dchen, die sofort wieder raus auf die Straße mĂŒssen, weil es sonst Ärger gibt. Eine Stunde herumsitzen und warten, nur weil eine Unterleibschmerzen hat? Nicht drin. DafĂŒr sorgen schon die Herren, die breitschultrig in ­Lederjacken oder JogginganzĂŒgen durch die nur wenige Schritte entfernten Rotlicht-Gassen der Stuttgarter Altstadt stolzieren und dabei der einen oder anderen, die hier in hochhackigen Stiefeln steht, etwas zurufen, das auch in einer unverstĂ€ndlichen Fremdsprache deutlich nach Kommando klingt.

Diejenigen, fĂŒr die zu langes Warten auf den Arztbesuch also vielleicht noch mehr Schmerzen mit sich brĂ€chte, bekommen von Sabine Constabel einen Nummern-Zettel und stecken von Zeit zu Zeit den Kopf durch die Milchglas-TĂŒr des La Strada, um zu prĂŒfen, ob sie schon dran sind. Eine Treppe höher erwartet sie dann Dr. Friedrich Spieth, der hier jeden Donnerstagabend ab halb acht in der Arztpraxis im ersten Stock die Prostituierten der Altstadt untersucht, kostenlos. Eine Kranken­versicherung hat hier keine, dafĂŒr grassieren Syphilis, Chlamydien oder chronische Eileiter-EntzĂŒndungen.

Nicki muss heute abend nicht mehr zu Dr. Spieth. Sie war schon letzte Woche bei ihm und weiß, was sie hat: Sie ist schwanger. Im wievielten Monat? „Gute Frage“, sagt sie und lĂ€chelt verlegen. Von ihrem Freund oder einem Freier? Schwer zu sagen.

Nicki ist 20, sagt sie jedenfalls, und 2008 aus Ungarn hierhergekommen, aus einer Kleinstadt „sehr weit von Budapest“. Der Vater ist tot, die Mutter musste allein fĂŒr sie und ihre zwei Geschwister sorgen. Nicki hat eine Krankenschwesternschule besucht und auch abgeschlossen. Als Krankenschwester gearbeitet hat sie nicht, sie hĂ€tte damit in Ungarn nur 200 Euro pro Monat verdient. „In Ungarn alles schwer“, sagt sie.

Eine Tante, die in der Stuttgarter Altstadt anschaffte, bot ihrer Nichte an, nach Deutschland zu kommen. Nicki kam. Und die ersten MĂ€nner kamen. „Das war sehr schwer“, sagt sie. Nach zwei Jahren und mehreren Tausend Freiern hat die zarte junge Frau heute 300 Euro Schulden beim Betreiber des Laufhauses, in dem sie arbeitet. Da zahlt sie nĂ€mlich 100 Euro fĂŒr das winzige Zimmer. Pro Tag. Das macht bei 30 Euro pro Verkehr hundert Freier pro Monat allein fĂŒr die Miete.

Und jetzt ist Nicki schwanger, von wem auch immer. Sie will das Kind bekommen. Und irgendwie aufhören in der Altstadt. Wie das gehen soll, weiß sie noch nicht. „Will ich mit Sabine besprechen.“

Sabine Constabel hat noch keine Zeit fĂŒr eine Besprechung. Die Sozialarbeiterin rotiert. Es ist halb neun, Rush Hour im La Strada. Viermal die Woche öffnet um 18 Uhr das CafĂ© in TrĂ€gerschaft der Caritas seine TĂŒr in der Jakobstraße, und ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlerinnen gibt den Frauen, was sie gerade brauchen: eine Mahlzeit oder einen heißen Tee; Kondome oder Medikamente; eine ­Dusche oder einen Deutschkurs. Oder einen ­TeddybĂ€r. Auch heute stellt Constabel wieder einen Pappkarton mit BĂ€ren, Hasen und Enten auf die Theke. „Der ist immer am schnellsten leer“, sagt sie.

Einmal in der Woche kommt eine ­ehrenamtliche Masseurin. „Die Frauen werden ja nie richtig berĂŒhrt“, erklĂ€rt Constabel. „Eine Massage hilft, im Körper zu bleiben.“ Obwohl, schiebt sie mit dem ihr eigenen Sarkasmus hinterher, „das in diesem Job ja eigentlich gar nicht wĂŒnschenswert ist“. Wenn eine aussteigen will aus diesem Job, der den Ausstieg aus dem eigenen Körper erfordert, ist Sabine Constabel, die seit 20 Jahren fĂŒr das Stuttgarter Gesundheitsamt Prostituierte berĂ€t, da. Ohne Hilfe schafft es kaum eine.

Jetzt steht die blonde Frau im schwarzen Kleid auf robusten Stiefeln hinter der Theke und schaufelt zwei schwarzhaa­rigen MĂ€dchen ihre selbstgekochte ­Minestrone auf die Teller. Nachdem die beiden noch je einen Berg Auflauf verschlungen haben, verlassen sie das La Strada mit zwei TĂŒten voll Stullen und Obst. Proviant fĂŒr die Nacht. Oder fĂŒr Kolleginnen, die sich keine Pause im La Strada erlauben können.

Zwei weitere MĂ€dchen brauchen einen Nummernzettel; eine dritte hat Zahnschmerzen und möchte eine ­Schmerz­tablette; eine vierte steht vor der Theke, blickt an Brötchen und Keksen vorbei und sagt: „GĂ€ll!“ „Was?“ fragt Constabel. „GĂ€ll!“ wiederholt die junge Schwarze, deren Wortschatz offenbar begrenzt ist, und zeigt auf eine Schublade. „Ach so“, sagt die ­Sozialarbeiterin und greift nach einer Tube Gleitgel. „Auch Gummis?“ Die Schwarze schĂŒttelt den Kopf und geht.

Constabel wirft einen Blick in den Pappkarton mit den Stofftieren. Sie sind alle weg. „Sabine, kommst du mal?“ ruft jemand in der KĂŒche. Es wird noch dauern, bis sie sich mit Nicki zusammensetzen kann.

Eine Schwangerschaft ist im La Strada nichts Besonderes, die Statistik von Dr. Spieth weist fĂŒr 2010 allein von Januar bis September 40 aus, also eine pro Woche. „Sie arbeiten ohne Gummi und verhĂŒten nicht“, sagt Sabine Constabel. Wundern tut sie das nicht, so wie die 51-JĂ€hrige nach zwei Jahrzehnten Arbeit mit Prostituierten eigentlich ĂŒberhaupt nichts mehr wundert. Schon gar nicht das Mantra von der „selbstbestimmten Prostituierten“, das vor allem von grĂŒnen wie roten PolitikerInnen vorgebetet wird.

Constabels Erstaunen darĂŒber, dass in Deutschland die Menschenverachtung und BrutalitĂ€t, die sich in den benachbarten Altstadt-Gassen abspielen, vor zehn Jahren per Gesetz zur NormalitĂ€t erklĂ€rt wurden, hat sich inzwischen gelegt. Am Anfang war sie noch fassungslos darĂŒber, dass seit der Prostitutionsreform von 2001 in den Talkshows so getan wird, als ob nicht existierte, was sie, die Sozialarbeiterin, tagtĂ€glich ­erlebt: Dass die MĂ€dchen und Frauen im La Strada verabscheuen, was sie tun und nur zu gut wissen, dass es sie krank macht an Körper und Seele.

„Ich sag immer: Es isch moderne Sklaverei“, sagt Helga Beck, eine von 30 Ehren­amtlerinnen, die im La Strada arbeiten. Sie ist, wenn man so will, eine WutbĂŒrgerin. Nur ist die Stuttgarterin nicht wĂŒtend ĂŒber die Bahnhofsbauer, sondern auf die Freier, die „die Not der Frauen auch noch ausnutzen“. Die 70-JĂ€hrige weiß als Kriegs­kind, was Not ist, und sie weiß es auch, weil sie lange in Spanien gelebt hat und deshalb viele Geschichten von Frauen aus Ecuador oder Kolumbien gehört hat, die im La Strada gestrandet sind. „Wir sind hier fĂŒr viele Frauen die einzige Anlaufstelle“, erzĂ€hlt die Rentnerin. Deshalb geht Helga Beck mit, wenn eine Frau vor Gericht muss, oder besucht sie im Krankenhaus. Mit Wut erfĂŒllt die Mutter eines Sohnes auch, was ihr die Roma-Frauen erzĂ€hlen, die von ihren eigenen VĂ€tern und BrĂŒdern in die Prostitution geschickt werden. „Die Frauen werden in ihren ­Familien behandelt wie der letzte Dreck und versorgen die MĂ€nner noch mit!“

„HĂ€tte man die RealitĂ€t zugrunde ­gelegt, wĂ€re das Prostitutionsgesetz nie ­verabschiedet worden“, bekrĂ€ftigt Sabine Constabel. „Aber im Fernsehen sitzen ­Lobby­istinnen oder bezahlte Frauen: Die kriegen 500 Euro dafĂŒr, dass sie erzĂ€hlen, wie geil sie Prostitution finden“, sagt ­Constabel. „Meine Frauen haben weder Kraft noch Zeit, sich in Talkshows zu ­setzen. Die sind damit beschĂ€ftigt zu ĂŒberleben.“

Rosa hat ĂŒberlebt. Knapp. Auch sie kommt aus Ungarn und ist im Kinderheim aufgewachsen. Als sie 16 oder 17 war, kam eine Frau und zahlte dem Heim Geld fĂŒr das MĂ€dchen. Sie und ihr Mann warteten keinen Tag lĂ€nger als nötig: An Rosas 18. Geburtstag gingen sie mit ihr in eine Disco. Da packte sie ein Gast. „Ich geweint“, erzĂ€hlt Rosa und streicht mit dem Finger vom Augenwinkel zur Wange. „Aber er ­gesagt: Ich habe fĂŒr dich bezahlt!“ Das war ihr erstes Mal. Es folgten viele weitere und noch mehr SchlĂ€ge, jahrelang. „Guck, ­geschlagen hier!“ sagt sie und zeigt auf eine Narbe an der Seite ihrer Stirn.

Mit 20 wurde Rosa schwanger. Nach der Niederkunft musste sie sofort wieder arbeiten. Als sie von der Straße zurĂŒck kam, war das Baby verschwunden. Ein zweites Ehepaar kaufte Rosa dem ersten ab, das Martyrium ging weiter. Sie war 33, als sie floh und nach Deutschland trampte. Sie sprach kein Wort Deutsch und landete in der Stuttgarter Altstadt.

Rosas großes GlĂŒck war, dass sie beim Schwarzfahren erwischt und zu Sozialstunden verdonnert wurde. Ein kluger Richter beschloss, dass sie die im La Strada ableisten sollte. „Ich ganz kaputt. Gib mir Arbeit“, sagte sie zu Sabine Constabel, die die Sache in die Hand nahm. Vor kurzem hat Rosa ihren ersten Job in der KĂŒche von McDonalds angetreten.

Wenn man die kleine Frau mit den verstrubbelten Haaren erlebt, wie sie, eifrig, liebenswĂŒrdig, aber beschrĂ€nkt, Brote schmiert und Tee bringt, und hört, wie sie mit wenigen Worten, die sie nach einem Jahr Deutschkurs gelernt hat, den Horror beschreibt, dann fragt man sich, wie das sein kann. Wie ein Mann ticken muss, der dafĂŒr zahlt, dass ihm diese Frau zu Diensten ist. Aber es kann nicht nur sein, es ist gang und gĂ€be. Frauen wie Rosa gibt es hier viele.

Fast 80 Prozent der knapp 3500 in Stuttgart offiziell registrierten Prostituierten sind laut Polizeistatistik AuslĂ€nderinnen, davon stammen zwei Drittel aus den sogenannten „neuen BeitrittslĂ€ndern“ der EU. Die Top Ten der „NeuzugĂ€nge“ in 2010 fĂŒhren RumĂ€nien und Bulgarien an. Von dort stammt fast die HĂ€lfte der 854 im vergangenen Jahr neu erfassten Frauen, weitere 100 kommen aus Ungarn. Die meisten von ihnen sind Roma. Die Ă€rmsten der Armen, diejenigen, die in ihrer Gesellschaft und ihren Familien-Clans auf der untersten Stufe stehen. Oft Analphabetinnen, die kein Wort Deutsch sprechen und busweise zum Anschaffen nach Deutschland verfrachtet werden, wo sie auf Gedeih und Verderb ihren ZuhĂ€ltern ausgeliefert sind. Und das nicht nur in Stuttgart.

Einen „immensen Anstieg“ dieser Frauen im Prostitutionsgewerbe seit der EU-Erwei­terung stellt auch das Bundeskriminalamt in seinem Lagebild „Ware Mensch – Men­schenhandel in Deutschland“ fest. „Sie sind in einem schlechten gesundheitlichen Zustand und verfĂŒgen oftmals ĂŒber ­Gewalterfahrung. Sie bieten nicht selten ungeschĂŒtzten Verkehr zu Dumpingpreisen an.“ Das kann Sabine Constabel nur bestĂ€tigen. „Die Frauen machen fĂŒr 10 Euro alles. Von dem, was sie verdienen, dĂŒrfen sie vielleicht 200 Euro im Monat behalten und davon schicken sie noch 100 Euro nach Hause. Sie selbst haben oft Hunger.“

Es waren auch Roma-Frauen, mit de­nen die sogenannten Flatrate-Bordelle bestĂŒckt wurden, die 2009 in ganz Deutschland eröffneten. Eins davon im nur zehn Kilometer entfernten Fellbach. Dicke Hummer-GelĂ€ndewagen fuhren durch die Königstraße, die hiesige Einkaufsmeile, und warben fĂŒr die billige Ware im Pussy- Club: Zum Pauschalpreis von 70 Euro tagsĂŒber, abends 100, gab es „Sex mit allen Frauen so lange du willst, so oft du willst und wie du willst!“ Das Angebot reichte von Analsex ĂŒber Gangbang bis zum Oralverkehr „natur“, sprich: ohne Kondom.

Dass die Stuttgarter Nachrichten ĂŒber „HintermĂ€nner aus Bulgarien“ berichtet hatten, die die Frauen „in großen Gruppen vor allem in den Siedlungsbereichen der Roma in Bulgarien oder RumĂ€nien anwerben“, hielt viele, sehr viele MĂ€nner nicht davon ab, das SuperschnĂ€ppchen zu nutzen. 1700 Freier kamen laut Polizei allein am ersten Wochenende.

Ein Sturm der EntrĂŒstung brach los, aber schon bald konnte man in der Presse lesen, die Frauen im Pussy-Club verstĂŒnden die ganze Aufregung nicht, das Flatrate-Bordell sei doch ein „prima Arbeitsplatz“. Über so viel NaivitĂ€t der Journalisten kann sich das La Strada-Team nur wundern. Sie wissen es besser. Einige der Frauen aus dem Pussy-Club brandeten in der Jakobstraße an und berichteten, wie „prima“ sie die BeglĂŒckung der Freier-Massen fanden. „Sie haben gesagt: Nach dem dritten spĂŒren wir nichts mehr“, erzĂ€hlt Sabine Constabel. „Die dissoziieren sich weg.“

Dennoch: Die Polizei konnte das ĂŒble Treiben im Pussy-Club nicht stoppen. „Wir können nach Lage der Dinge und der Gesetze zur Zeit nichts unternehmen“, hieß es zunĂ€chst. Schließlich schob die Justiz „hygienische MĂ€ngel“ vor, nahm die rumĂ€nische „GeschĂ€ftsfĂŒhrerin“ wegen Verdacht auf Steuerhinterziehung fest und schloss den Club. In anderen StĂ€dten blieben die Flatrate-Bordelle ­geöffnet. Keine gesetzliche Handhabe, hieß es in Wuppertal oder Berlin.

Und auch das, was in den LaufhĂ€usern und auf dem Straßenstrich um die Ecke des La Strada Alltag ist – die Wucherpreise fĂŒr die Zimmer, die Abzocke durch die ZuhĂ€lter, die ihre Frauen zu 14 Stunden-Schichten auf die Straße schicken – lĂ€uft hier Tag fĂŒr Tag weiter. „Was hier passiert“, sagt Sabine Constabel und lĂ€chelt ein kaltes LĂ€cheln, „ist alles höchst legal“.

Theoretisch ist es das eigentlich nicht, denn ZuhĂ€lterei ist nach wie vor strafbar. Nur: Praktisch kann die Polizei das kaum mehr nachweisen. Als die rot-grĂŒne ­Koa­li­tion das Prostitutionsgesetz beschloss, das am 1. Januar 2002 in Kraft trat, schaffte sie mit der „Sittenwidrigkeit“ der Prostitution zugleich auch einen Passus ab, der fĂŒr die Ermittler zentral war, um ZuhĂ€lter und MenschenhĂ€ndler zu verfolgen: die „Förderung der Prostitution“. Mit diesem Paragrafen konnte die Polizei quasi immer einen Anfangsverdacht konstruieren, um hinter die Kulissen eines Bordells oder einer „Beziehung“ zu schauen. Diese Zeiten sind vorbei, Prostitutionsreform sei Dank.

Die LobbyistInnen argumentierten geschickt: Jeder Bordellbesitzer, der es den Prostituierten ein bisschen nett mache, zum Beispiel mit einem hĂŒbschen Aufenthaltsraum, mache sich damit schon der Förderung der Prostitution schuldig, hieß es. Deshalb gehöre der „diskriminierende“ Paragraf abgeschafft.

HĂŒbsche AufenthaltsrĂ€ume fĂŒr Prostituierte hat Hauptkommissar Wolfgang Hohmann allerdings bisher noch keine gesehen. „Ich wĂŒsste nichts, was sich fĂŒr die Frauen seit Inkrafttreten des Prosti­tutionsgesetzes verbessert hat“, sagt der Leiter des Stuttgarter „Ermittlungsdienstes Prostitution“. DafĂŒr lachen sich die MĂ€nner, die mit diesen Frauen ihr Geld verdienen, ins FĂ€ustchen.
Der Kommissar weiß genau, wo die ZuhĂ€lter der Stuttgarter Altstadt sitzen: etwa drei Gehminuten von seinem PrĂ€sidium entfernt. „Das CafĂ© Mistral ist das Stammlokal der Chefs, die was zu sagen haben. Nebenan im Haus 49 und im Domino hockt das Fußvolk, die sogenannten ‚Ameisen‘.“ Aber dieses Wissen nĂŒtzt ihm nichts.

Und das, obwohl die Polizei in ganz Baden-WĂŒrttemberg in Sachen Strafverfolgung im Prostitutions-Milieu zu den effizientesten Behörden in Deutschland gehört. In Stuttgart ist der „Ermittlungsdienst Prostitution“, eine spezialisierte Sondereinheit, an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr im Einsatz. „Ein Luxus“, sagt Hohmann. 3000 Kontrollen fĂŒhrt seine Abteilung im Jahr durch. Da, wo die Frauen sehr oft ausgetauscht werden, „sind wir manchmal dreimal in der Woche“.

Die Ermittler achten auf verdĂ€chtige ­Indizien: Hat die Frau ihren Pass dabei oder muss der von irgendwelchen MĂ€nnern erst herbeigeschafft werden? „Wir versuchen dann, die Frauen ins PrĂ€sidium zu bekommen. Allein, ohne einen ‚Dolmetscher‘. Aber die ZuhĂ€lter mĂŒssen auch gar nicht zwingend mitkommen. Die Frauen sind so eingeschĂŒchtert, dass sie auch so den Mund halten. Oder sie sagen offen: ‚Ich behalte 300 Euro, dann hab ich doppelt so viel wie zu Hause. Die anderen 8000 Euro liefere ich halt ab.’“ Die Roma-Frauen, sagt Hohmann, seien heute das, was die Junkies frĂŒher waren: Die letzten in der Kette.

Auch Junkies kommen ins La Strada, aber sie sind seltener geworden. Susie zum Beispiel, die Tschechin mit den feuerroten Haaren und dem Piercing in der Unterlippe, ist nach Substitutionsprogramm und Therapie jetzt seit fĂŒnf Monaten clean. Als sie mal wieder einen riesigen Abszess hatte, hat sie aufgehört, erzĂ€hlt sie, und zeigt eine zehn Zentimeter lange Narbe an ihrem Unterarm. „Joi!“ sagt Rosa.

Susies Eltern gingen nach Deutschland, als sie zwölf war und ließen die Tochter bei einer Tante. Mit 17 kam sie nach und heiratete zu frĂŒh. Nach der Scheidung „ist fĂŒr mich die Welt zusammengestĂŒrzt“. Vier Jahre lang ging Susie anschaffen, um das Heroin zu finanzieren. „Meine Psyche hat das nicht verpackt“, sagt sie. „Ich könnte das nie wieder machen.“ Außerdem seien „die Preise irgendwie kaputt­gegangen.“

FrĂŒher waren es Junkies wie Susie, die die Preise drĂŒckten, aber seit die Methadonprogramme der StĂ€dte greifen, ist ­zumindest diese Gruppe Prostituierter kleiner geworden. Statt der mageren Skelette mit den schwarzen ZĂ€hnen stehen jetzt die stummen Schwarzhaarigen aus Osteuropa dort. Deren ZuhĂ€lter setzen auf das „Discounter-Prinzip“, erklĂ€rt Hauptkommissar Hohmann. „Viele MĂ€nner, die wenig zahlen.“ FĂŒr deutsche Prostituierte sei das „eine Art FrĂŒhverrentungs­programm“, denn so manche, die schon lange nicht mehr konnte, hört jetzt endgĂŒltig auf. „Die leben dann von Hartz IV und ein paar Stammfreiern.“

FĂŒr die Stuttgarter Altstadt jedenfalls sind die Discount-Frauen ein Jungbrunnen. Die LaufhĂ€user und Bars in der ­Leonhardstraße und der Weberstraße waren eigentlich totgesagt. Lido Bar und Nachtclub Madeleine hatten schon bessere Zeiten gesehen, die MĂ€dchen im „Girls, Girls, Girls“ waren auch nicht mehr die JĂŒngsten. „Und dann“, sagt Wolfgang Hohmann, „kamen das Prostitutionsgesetz und die EU-Erweiterungen“.

Staunend hat er erlebt, wie „GeschĂ€ftsleute“ mit einem Standbein in RumĂ€nien baden-wĂŒrttembergischen AuslĂ€nderbehörden einen „Businessplan“ vorlegten und den skeptischen Beamten mit dem Gesetzestext vor der Nase herumwedelten. Er beobachtete bestĂŒrzt, wie plötzlich wieder Freier in der Altstadt auftauchten und erklĂ€rten: „Was willsch du? Des isch doch e normales GschĂ€ft!“

Hauptkommissar Wolfgang Hohmann ist, folgt man dem Klischee, ein typischer Schwabe. Seinen Ärger ĂŒber die gesetzlich verordnete Hilflosigkeit lĂ€chelt er weg, seine Wut bremst er mit steifen Formulierungen aus: „Was die soziale Betreuung der Prostituierten angeht, sind wir noch nicht ganz auf dem richtigen Weg“, sagt er. Oder: „Man muss als Gesetzgeber ein Ziel erkennen lassen.“

Und wenn es ganz hart kommt, macht er einen Scherz. Zum Beispiel, wenn man ihn fragt, wie er es fand, dass so mancher Journalist die baden-wĂŒrttembergische Polizei der „Spießigkeit“ ­bezichtigte, weil die Schwaben die einzigen waren, die die Flatrate-Bordelle unter ­VorwĂ€nden rigoros dichtmachten. „Das isch gut fĂŒr den Verkauf unserer Autos“, sagt er und lĂ€chelt. „Da denket die Leut: Wer so kleinlich ist, der setzt auch jede Schraube richtig ein.“ Einige Leute, so hofft Hohmann, kamen allerdings doch ins GrĂŒbeln angesichts dessen, was sich da im Pussy-Club abspielte. „Das war hoffentlich erhellend fĂŒr diejenigen, die das Unwesen der Prostitution nicht erkannt haben“, erklĂ€rt er. „Ein Weckruf.“

Die PolitikerInnen aber scheinen vor sich hin zu dĂ€mmern. Daran Ă€nderten auch die bedrĂŒckenden Ergebnisse der Evaluation des Prostitutionsgesetzes nichts, die Ursula von der Leyen als Frauenministerin im Januar 2007 verkĂŒndete: kaum noch Kontrollmöglichkeiten fĂŒr die Polizei, kaum Ausstiegsprojekte und immer noch kein Gesetz gegen die Freier von Zwangsprostituierten. Passiert ist ­seither – nichts.

Das brennendste Problem dabei ist: Ohne die Aussage der Frau geht nichts, ist keine Strafverfolgung der kriminellen HintermĂ€nner möglich. Aber diese ­Aus­sage bekommen Hohmann und seine Kollegen in den seltensten FĂ€llen. Und das gilt nicht nur fĂŒr die Roma-Frauen aus RumĂ€nien, die kein Straßenschild lesen können und oft nicht einmal wissen, in welcher Stadt sie sich befinden.

Gerade hat Hohmann einen Fall aus dem Escort-Bereich, der gemeinhin als schick und „selbstbestimmt“ gilt. Die Frau, um die es geht, verdient 8000 bis 10000 Euro im Monat und hat ihrem „Freund“ bereits drei Eigentumswohnungen erarbeitet. „In zweien wohnen Bruder und Mutter des Mannes, in der dritten er selbst. Aber die Frau sagt uns: ‚Nein, ich will nicht ins Grundbuch, und ich brauche auch keine Konto-Vollmacht.‘ ­Ähn­liche FĂ€lle haben wir hier jede Woche.“

Im Gegensatz zu den PolitikerInnen sind allerdings inzwischen die Polizeichefs der LĂ€nder aufgewacht: Am 18. November 2010 forderte die Innenministerkonferenz die Bundesregierung einstimmig und entschieden auf, das fatale Prostitu­tionsgesetz zu reformieren. Denn: „Die bestehende Gesetzeslage ist völlig unzureichend.“ Der Gesetzgeber trage der ­Tat­sache, dass es sich um ein „extrem kriminogenes Milieu“ handle, in keinster Weise Rechnung.

Die Minister fordern eine „Zulassungspflicht“ fĂŒr Bordelle. Sie wollen eine Meldepflicht fĂŒr Prostituierte, die EinschrĂ€nkung der Werbung fĂŒr Prostitution (vor allem fĂŒr Praktiken ohne Kondom) und sie wollen dem „besorgniserregenden Trend zu Flatrate-Clubs und Gang-Bang-Veranstaltungen“ Einhalt gebieten. Die Innenminister fordern ein „flĂ€chendecken­des Angebot an Ausstiegshilfen“. Projekte wie das La Strada, das nach 15 Jahren seinen Umzug aus dem Souterrain in die neuen, hellen RĂ€ume zum Teil aus Spenden finanzieren musste. Auch die Unmen­gen Essen, die im CafĂ© benötigt werden, stammen aus Spenden: Den Löwenanteil steuert die Stuttgarter Tafel bei und wenn auf einer Betriebsfeier etwas ĂŒbrig bleibt, dann setzt sich Sabine Constabel ins Auto und holt es ab.

21.30 Uhr. Das La Strada leert sich langsam. Constabel muss noch mal los. Zwei MĂ€dchen sind schwanger. Dr. Spieth hat ihr Namen, Laufhaus und Zimmernummer aufgeschrieben. Der Nightclub Uhu liegt um die Ecke, nur eine ­Geh­minute entfernt, die Holzstufen des engen Hausflurs knarren altersschwach. Auf dem Weg zu Zimmer 10 im zweiten Stock ­verteilt Sabine Constabel Kondome und Lebkuchen an die quasi nackten jungen Frauen, die in den TĂŒrrahmen stehen. „Kommt ins La Strada!“ sagt sie.

Die TĂŒr zu Nummer 10 ist geschlossen. „Selmin“ steht in Schnörkelschrift daran, aber „Selmin“ ist keine TĂŒrkin, der Name auf Constabels Blatt hat eine ­rumĂ€nische Endung. Die TĂŒr geht auf, ein maximal 20-jĂ€hriger junger Mann kommt entspannt lĂ€chelnd aus dem Zimmer. Drinnen steht ein erschreckend mageres MĂ€dchen mit riesigen todernsten Augen. Sie spricht kein Wort Deutsch. Eine Zimmernachbarin kommt zum Übersetzen. Ja, sie weiß, dass sie schwanger ist. Nein, sie will das Kind nicht kriegen. Ja, sie will einen Abbruch. Nein, sie hat kein Geld, um ihn zu ­bezahlen. „Das mit dem Geld regle ich. Aber du darfst nach dem Abbruch zwei Wochen lang nicht arbeiten“, erklĂ€rt ­Sabine Constabel. Das MĂ€dchen schĂŒttelt den Kopf. „Das geht nicht“, ĂŒbersetzt die andere.

Ein neuer Freier steht in der TĂŒr, um die 50, Bart, Typ Lehrer oder Sozialarbeiter. „Hier ist grad besetzt!“ schnauzt Sabine Constabel. Der Mann geht zum nĂ€chsten Zimmer. „Wir mĂŒssen uns beeilen. Du hast nur noch eine Woche Zeit, danach ist der Abbruch in Deutschland illegal“, erklĂ€rt die Sozialarbeiterin. Dann mĂŒsse sie das vielleicht in RumĂ€nien machen lassen, entgegnet „Selmin“, dort gebe es Leute, die fĂŒr Geld AbbrĂŒche durchfĂŒhrten, egal, in welchem Monat. „Aber dann ist es schon sehr groß“, erklĂ€rt Constabel. Die Schwangere nickt. Constabel macht mit ihr einen Termin fĂŒr die nĂ€chste Woche aus. Sie kann nur hoffen, dass sie kommt.

Was kann man tun? Von einer Genehmigungspflicht fĂŒr Bordelle, wie die Innenminister sie fordern, erwartet sich die Expertin nicht viel. „Dieser Laden hier kriegt problemlos eine Genehmigung, denn es ist ja alles legal, was hier stattfindet. Dann ist er konzessioniert, na und? Wenn die Politiker etwas fĂŒr die Frauen tun wollen, dann sollen sie in Ausstiegshilfen investieren!“
Wie es mit Nicki weitergehen wird, weiß Sabine Constabel noch nicht. Sie ist skeptisch, denn da ist noch Nickis „Freund“, der, wie sie sagt, an zwei Tagen die Woche in einem Imbiss arbeitet. „Der muss erst weg“, weiß die Sozialarbeiterin aus Erfahrung. „So lange der von ihrer ­Arbeit profitiert, wird es schwer fĂŒr sie aufzuhören.“ Sie plant, Nicki in einem Mutter-Kind-Heim unterzubringen. „Wir sind hier in Stuttgart gut vernetzt. Und das ist wichtig, denn eine Frau, die sich Jahre oder Jahrzehnte prostituiert hat, muss man oft ĂŒber lange Zeit ganz eng begleiten.“
Wenn es dann klappt, dann sind das die Erfolge, die dafĂŒr sorgen, dass Sabine Constabel ihren Job auch nach 20 Jahren immer noch gern macht. Rosa ist so ein Fall.

22.15 Uhr. Sabrina mag noch nicht gehen. Sie ist 70, sieht aus wie eine indonesische Prinzessin und war frĂŒher mal ein Mann. Heute trĂ€gt sie Jeans und ein rotes Sweatshirt, aber in ihrem Korb hat sie ein schwarzes Kleid mit goldenem GĂŒrtel dabei, das sie stolz zeigt. Als TĂ€nzerin und Animierdame ist sie um die ganze Welt ­getingelt. Jetzt schafft sie es noch nicht mal mehr bis Amsterdam, um dort ihre Schwester zu besuchen. Das Geld reicht nicht. Und in dem Dorf bei Stuttgart, in dem sie ihre schwĂ€bischen Nachbarn verschreckt, „ist es unendlich einsam. Alle Kontakte sind im Milieu. Wir kommen da nicht raus“. Gott sei Dank gebe es das La Strada. „Das ist mein zweiter Wohnsitz.“

Bea ist eher selten hier. „Eine der wenigen, die halbwegs gesund aus der Sache rausgekommen sind“, sagt Sabine Constabel. Die 60-jĂ€hrige Bayerin hat in einem Apartmenthaus angeschafft, aus „panischer Angst vor ZuhĂ€ltern“ immer allein. Aber sie hat mitbekommen, wie ihre Nachbarinnen von MĂ€nnern verprĂŒgelt wurden und ihnen trotzdem einen Pelzmantel zu Weihnachten schenkten. Wie viele Frauen in ihrem Haus ohne ZuhĂ€lter gearbeitet haben, wie sie? „Keine“, sagt Bea knapp.

Ein MĂ€dchen mit zwei weiteren im Schlepptau steht plötzlich vor der Theke und zeigt auf ihren Unterleib. Ob sie noch zum Doktor könne? Der hat seit einer halben Stunde Feierabend. „Schlimm“, sagt sie. „Frieder, nimmst du noch jemanden?“ ruft Sabine Constabel in den ersten Stock. „Ja!“ ruft der zurĂŒck.

22.40 Uhr. Dr. Friedrich Spieth hat den Arztkittel gegen eine Lederjacke getauscht und macht sich fertig zum Gehen. Sabine Constabel schaut durch ihre Lesebrille auf ihr Tabak-PĂ€ckchen und dreht sich eine. Die KĂŒche ist aufgerĂ€umt, die Tische sind abgewischt. Nur auf einem liegt noch etwas flauschiges Braunes. Da öffnet sich die Milchglas-TĂŒr. Das MĂ€dchen mit den ­Unterleibschmerzen kommt noch mal ­herein. Sie scannt die Tische und entdeckt das braune Etwas. Es ist ihr Teddy. Sie stopft ihn hastig ihre schwarze Tasche und nimmt ihn mit in die Altstadt-Gassen.

Am nĂ€chsten morgen um halb zehn steht die Frau mit der schwarzen Handtasche und dem braunen TeddybĂ€ren auf hochhackigen Stiefeln an dem kleinen Platz an der ­Leonhardstraße. Sie starrt ins Leere.

La Strada – spenden!
Nach unserer Reportage ĂŒber das Stuttgarter Prostituierten-CafĂ© „La Strada“ erreichten uns viele Nachfragen erschĂŒtterter LeserInnen: Wie können wir helfen? Sozialarbeiterin Sabine Constabel und rund 30 Ehrenamtlerinnen versorgen die Frauen im „La Strada“ mit Beratung, Essen, Medikamenten etc. Sie können Spenden bestens gebrauchen: Caritasverband Stuttgart e. V., Konto-Nr. 2015189, BLZ 60050101, BW-Bank, Stichwort: La Strada.

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