Großmeisterin Pähtz: Schachmatt!

Schachgroßmeisterin Elisabeth Pähtz. Foto: Lennart Ootes.
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Elisabeth Pähtz sitzt mit unbeweglicher Miene vor dem Schachbrett. Sie und ihr Gegenüber fixieren die schwarz-weißen Figuren. Im Saal könnte man eine Stecknadel fallen hören. So geht es minutenlang. Nichtkenner dürften an dieser Stelle in den Dämmerschlaf fallen. Elisabeth hingegen ist innerlich in heller Aufregung. Welche Eröffnung? Sizilianisch oder Französisch? Welche Variante? Welcher Spielertyp ist ihr Gegenüber? Intuitiv? Taktisch aggressiv? Oder doch strategisch positionell?

Im Spiel rekapituliert sie Partien ihrer vergangenen Siege. Ja, die Scheveninger-Variante muss es sein. Elisabeth zieht. Schachmatt.

Schachgroßmeisterin Beth in "Damengambit". Foto: Netflix.
Schachgroßmeisterin Beth in "Damengambit". Foto: Netflix.

Schach gilt als Kampf der Gehirne, als psychologische Kriegsführung. In vergangenen Jahrhunderten haben Kriegsherren sich mit Schach auf die Schlacht vorbereitet. Bis heute ist Schach Männersache geblieben. Doch einige Frauen spielen auch – und einige wenige nehmen es mit Männern auf.

Elisabeth Pähtz: Sie ist nicht nur Großmeisterin, der höchste Titel für TurnierspielerInnen, und die derzeit stärkste deutsche Schachspielerin – sondern auch die einzige Frau in den Top 100 der Welt. Und auf Platz 20 der Weltrangliste führt sie die deutschen Frauen an. 2018 gewann sie die Europameisterschaft der Frauen im Schnellschach, bei der Weltmeisterschaft 2017 die Bronzemedaille, nebenher „ein paar“ Deutsche Meisterschaften der Frauen. Die interessieren sie allerdings nicht wirklich, die Konkurrenz ist einfach zu schwach. Das ist keine Arroganz, sondern die Faktenlage. Seit Elisabeth fünf Jahre alt ist, spielt sie Schach.

Ihr Vater, ein Schachgroßmeister, hat den zwei Jahre älteren Bruder und die Tochter auf Turniere mitgenommen. Auch die Mutter spielt leidenschaftlich Schach. Elisabeths fotografisches Gedächtnis ist ihr größtes Ass im Ärmel. Und ihr Pokerface. Niemand sieht ihr an, wenn sie in den Krieg zieht. Der Hype um „Das Damengambit“ gefällt ihr, aber: „Eine Frau, die sich wie in der Serie bei den Männern durchsetzt, werden wir nicht mehr erleben.“ Warum nicht? „Wenn 100 Jungs und Mädchen gleich gefördert würden, dann würde eines Tages diese oder jene an der Spitze stehen. Davon sind wir aber Lichtjahre entfernt.“ Die Schachgroßmeisterin führt das Beispiel des 16-jährigen Vincent Keymer an. „Er gilt als das größte Talent im deutschen Schach. Seine Voraussetzungen sind schon jetzt deutlich besser, als es meine je waren. Er hat gigantische Sponsoren. Hätte er die gleichen Sponsoren bekommen, wenn er ein Mädchen wäre? Ich behaupte: Ganz sicher nicht!“

Klare Worte fand Elisabeth Pähtz auch 2019. 15 Jahre lang hatte sie für eine bessere Bezahlung durch den Schachverband gekämpft. Ihr Lohn in der Nationalmannschaft war im Schnitt um 1.500 Euro geringer als der der Männer – obwohl sie viel mehr Medaillen geholt hatte. Bei der Schacholympiade 2008 hatten die deutschen Spielerinnen sogar ihre Hotelzimmer teilen müssen, damit das Zimmer für einen zweiten Trainer bezahlt werden konnte. Die Männermannschaft brachte gleich drei Trainer mit.

Aus Protest gegen diese Ungleichbehandlung trat Elisabeth Pähtz schließlich aus der Frauen-Nationalmannschaft aus. Sie pausierte ein Jahr lang – dann gab das neue Präsidium des Schachverbandes nach und sagte ihr den gleichen Lohn zu. Damit ist Pähtz heute die einzige Schachspielerin in Deutschland, die gleich bezahlt wird wie ihre männlichen Kollegen.

Schachgroßmeisterin Judit Polgár. Foto: Bettina Flitner.
Schachgroßmeisterin Judit Polgár. Foto: Bettina Flitner.

Die finanzielle Benachteiligung der Schachspielerinnen ist die eine Seite, die andere läuft subtiler ab. „Ich bin 1998 mit 13 in die Nationalmannschaft eingetreten – da war es noch eine ganz klare Zweiklassengesellschaft. Es gab viel mehr Trainingsangebote für Männer, Länderkämpfe wurden ihnen bezahlt, wir Frauen sollten froh sein, überhaupt dabei zu sein. Vieles ist in den letzten Jahren besser geworden, aber mit der Geringschätzigkeit der Männer hatten und haben wir weiterhin zu kämpfen“, erzählt Pähtz.

Ein Beispiel für die Herabsetzung von Frauen im Schach war 1994 eine Schachpartie zwischen der Ungarin Judit Polgár (der damals besten Schachspielerin der Welt) und dem Russen Garri Kasparow (dem damaligen Schachweltmeister). Kasparow verstieß unter Zeugen gegen die heilige Regel, eine Figur, die man berührt hat, auch zu ziehen („berührt-geführt“). Niemand widersprach, auch der Schiedsrichter nicht. Und als Polgár den mehrfachen Weltmeister in einem späteren Spiel schlug, erklärte Kasparow: „Es liegt nicht in der Natur von Frauen, Schach zu spielen.“

Judit Polgár vergleicht den Schach-Boom für Frauen durch „Das Damengambit“ mit der Aufregung um das Match von 1972 in Island zwischen dem damals amtierenden Weltmeister Boris Spasski und seinem Herausforderer Bobby Fischer. Knallen in der Netflix-Serie die Geschlechter aufeinander, waren es 1972 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zwei Supermächte: die USA und die Sowjetunion. Ein Krieg der Worte (und Preisgelder) prägte die Partien, die Stimmung war explosiv. Polgár heute: „Beim Kampf der Geschlechter geht es auch um zwei Supermächte. „Das Damengambit“ hat in Ungarn und vielen anderen Ländern eine WahnsinnsDebatte über Ungleichheit und Sexismus im Schach ausgelöst. Das gab es noch nie!“

Ihre ungewohnte Stärke hat Judit Polgár ihrem Vater zu verdanken, selbst Großmeister. Der hatte sich zum Ziel gesetzt, alle drei Töchter zu Weltmeisterinnen zu machen. Denn er fand: „Frauen können das Gleiche wie Männer!“ László Polgár, Vater von Zsuzsa, Zsóphia und Judit, war schon in den 1970er Jahren davon überzeugt, dass Begabungen nicht angeboren seien, sondern anerzogen würden. Er startete ein Experiment. Zusammen mit seiner Frau Klára, einer Lehrerin, beschloss er, die drei Töchter nicht in die öffentliche Schule zu schicken. Sie unterrichteten die drei von zu Hause aus, förderten sie gezielt in strategischem Denken. Das Experiment gelang. Alle drei Töchter wurden höchst erfolgreich im Schach. Die Jüngste ging durch die Decke.

Judit besiegte ihren Vater bereits im Alter von fünf Jahren. Als Elfjährige schlug sie zum ersten Mal einen Großmeister, mit 15 errang sie selbst diesen Titel – und zwar als bis dato jüngster Mensch überhaupt. 2005 nimmt Judit als erste Frau an der Weltmeisterschaft der Herren teil. Später spielte sie sich auf Platz acht der Weltrangliste.

Bis heute ist Judit Polgár damit die mit Abstand erfolgreichste Schachspielerin aller Zeiten. 2014 zog die Ungarin sich aus dem Turnierbetrieb zurück, sie trainiert heute die ungarische Männer-Nationalmannschaft, gibt Meisterklassen, kommentiert große Turniere und hat ein eigenes Schach-Programm für SchülerInnen entwickelt.

Judit Polgár hatte sich immer geweigert, reine Frauenturniere zu spielen: „Getrennte Veranstaltungen für Jungen und Mädchen lösen das Problem des geringeren Anteils an weiblichen Schachspielern nicht. Mädchen müssen besser gefördert werden, Trainer müssen sie inspirieren und Mädchen müssen sich in den Vereinen wohl fühlen, sonst gehen sie. Und wenn TrainerInnen ein hochtalentiertes siebenjähriges Mädchen sehen, dann sollten sie ihr nicht sagen, dass sie Weltmeisterin bei den Damen werden kann. Sie sollen ihr sagen, dass sie die Beste der Welt werden kann.“

Das Ausnahmetalent hätte auch den Kampf der Geschlechter gern gewonnen. Polgár: „Ich hielt deshalb 26 Jahre lang den ersten Platz, weil mein Ziel war, bei den Männern an die Spitze vorzustoßen. Ich wollte der Weltmeister bei den Männern werden. Leider habe ich das nicht geschafft.“

Bis heute ist Schach eine der letzten Männerdomänen. Gleichzeitig gelten schachspielende Männer nicht als „echte Kerle“, sondern eher als die Art Mann, die im Sport kläglich versagt und von den Mitschülern in den Papierkorb gestopft wird. Noch 2015 veröffentlichte der englische Großmeister Nigel Short in New In Chess, dem Leitmedium der Schachwelt, einen viel beachteten Artikel, der Frauen jegliche Brillanz im Schachspiel qua Geschlecht absprach: „Frauen können von Natur aus nicht so gut Schach spielen wie Männer“, schrieb er, „schon allein wegen ihrer Gehirnstruktur.“

Eine solch systemische Verachtung hat Folgen. Von über 91.000 Mitgliedern im Deutschen Schachbund sind heute 8.000 Frauen. Selbst im Boxen ist das Verhältnis ausgeglichener. Weltweit kommt in den gemischten Wettkämpfen auf 15 Männer eine Frau. „Die eine Frau“ im Schach, das war einst Vera Menchik, die 1930 – 70 Jahre vor Judit Polgár! – die Männer herausforderte. Die 1906 in Moskau geborene Menchik besiegte in London zweimal den Weltmeister Max Euwe und wurde die erste Weltmeisterin der Geschichte. In den Wirrungen der russischen Revolution war Vera mit ihrer Mutter und Schwester in England gelandet. Ihr Vater, ein Tscheche, verließ die Familie. Doch zuvor brachte er seinen Töchtern das Schachspielen bei. Für die neunjährige Vera, die der englischen Sprache noch nicht mächtig war, wurde Schach gleichzeitig Trost und Schlüssel für die neue Welt. Ganz wie Serienstar Beth ackerte sich auch Vera durch Gemeindesäle und Turnhallen, schlug Lokalgröße um Lokalgröße. Da es bald auf öffentlichen Turnieren keine Frauen mehr gab, die Vera noch schlagen konnte, setzte sie sich zu den Männern an den Tisch. Anfangs wurde sie von ihren Kollegen nicht ernst genommen – bis sie die ersten internationalen Turniere unter Männern gewann.

Als der Weltschachbund FIDE (Fédération Internationale des Échecs) 1927 die erste Weltmeisterschaft im Frauenschach ausrief, gewann Vera das Turnier mit links. Und wurde zur Siegerin jeder weiteren Frauen-Weltmeisterschaft: Hamburg 1930, Prag 1931, Folkestone 1933, Warschau 1935, Stockholm 1937 und Buenos Aires 1939.

In der Frauenschachwelt war Menchik der umjubelte Star – doch in der Männerwelt schlug ihr nur Spott und Hohn entgegen. Einer der Großmeister, der Österreicher Albert Becker, hatte sogar die grandiose Idee, einen Verlierer-Club zu gründen, den er spöttisch den „Vera-MenchikClub“ nannte. Alle männlichen Spieler, die gegen Vera verloren, sollten dort Mitglied werden. Ironie der Geschichte: Albert Becker wurde dann selbst das erste Mitglied des Klubs. Und zahlreiche Großmeister folgten ihm.

Anna Musytschuk (li.) und ihre ältere Schwester Marija. Foto: David Llada.
Anna Musytschuk (li.) und ihre ältere Schwester Marija. Foto: David Llada.

Als Schachprofi schrieb Vera Artikel für Fachzeitschriften, gab Unterrichtsstunden und Vorführungen. 1935 reiste sie für Turniere durch die Sowjetunion und begeisterte die Frauen dort dermaßen, dass ein Jahr später 5.000(!) Frauen an der Qualifikation zur Sowjetischen Meisterschaft teilnahmen.

Wie es weiter ging? Tragisch. Vera Menchik starb am 26. Juni 1944 bei einem deutschen Bombenangriff in ihrer Wohnung in London. Sie war 38 Jahre alt.

Zu Ehren Menchiks wird vom Weltschachbund FIDE seit 1957 der Vera-Menchik-Cup an die Siegermannschaft der Schach-Olympiade der Frauen verliehen, die alle zwei Jahre stattfindet. Und: Auch die Frauen der Sowjetstaaten halten ihr Vermächtnis hoch. Die Weltmeistertitel der Frauen blieben in der Folgezeit nach dem Zweiten Weltkrieg lange in russischer Hand.

Georgien, das Geburtsland von Stalin, wurde gar zum „Frauenland des Schachs“. Dort sind Schachspielerinnen bis heute absolute Stars, insbesondere Nona Gaprindaschwili, Maia Tschiburdanidse, Nana Alexandria und Nana Iosseliani. Dreißig Jahre in Folge brachten die vier den Weltmeistertitel nach Georgien. Nona Gaprindaschwili errang als erste Frau überhaupt den prestigeträchtigen Titel eines Großmeisters und verteidigte ihren Weltmeistertitel unglaubliche 15 Jahre lang. Ihre Karriere begann 1952 durch Zufall. Weil ihr ebenfalls im Schach erfolgreicher großer Bruder kurz vor einem Turnier krank wurde, durfte seine kleine elfjährige Schwester Nona einspringen – ein Star war geboren.

Gaprindaschwili und Alexandria wurden in den 1970er Jahren in Georgien so populär, dass nach ihnen Parfümsorten mit „Nana“ und „Nona“ benannt wurden, die in Flacons in der Form von Schachfiguren vertrieben wurden.

Die vier Ausnahme-Frauen wurden in Georgien nebenbei zu Vorreiterinnen der Emanzipation und sind bis heute eng befreundet. Der 2020 erschienene Film „Glory to the Queen“ setzt ihnen ein verdientes Denkmal. Nona Gaprindaschwili spielt bis heute erfolgreich Turnierschach, jetzt im Mai wird sie 80 Jahre alt.

2006 zog eine Nachbarin nach: die Ukrainerin Anna Musytschuk. Den Osteuropäerinnen ist nach 1945 in den realsozialistischen Ländern offensichtlich ein bisschen mehr Kopf zugestanden worden als den frisch geföhnten Frauen im Westen.

2016 wurde die heute 31-Jährige in Doha Doppelweltmeisterin im Schnell- und Blitzschach. Doch bei der darauffolgenden Weltmeisterschaft in Riad, in Saudi-Arabien, wo sie den Titel hätte verteidigen müssen, sagte sie ab. Grund: Sie hätte sich verschleiern müssen. „Ich habe beschlossen, keinen Schleier zu tragen und nicht begleitet werden zu wollen, wenn ich rausgehe“, erklärte Anna. Alles in allem: „Ich will mich nicht als Lebewesen zweiter Klasse fühlen.“ Das saudische Königshaus war not amused. Es hatte zwei Millionen Dollar Preisgeld ausgelobt, so viel wie nie zuvor, und damit die gesamte Schachelite aus aller Welt angelockt. Die Krönung dieser Werbeveranstaltung wären natürlich Schachspielerinnen mit verschleiertem Kopf gewesen. Ausgerechnet!

Die FIDE drückte angesichts des Preisgeldes beide Augen zu. Dank der konsequenten Haltung von Anna Musytschuk, die dort sehr viel Geld hätte verdienen können, wurde die von den Saudis als Imagekorrektur gedachte Schachweltmeisterschaft zum PR-Desaster. Die ganze Welt berichtete über den mutigen Protest der amtierenden Schachweltmeisterin der Frauen. Anna und ihre Schwester Marija (ebenfalls Weltmeisterin) schafften es als die „Musytschuk-Schwestern“ sogar auf eine ukrainische Briefmarke.

„Für Frauen geht es im Schach immer auch um Gleichberechtigung, es ist kein Sport wie jeder andere“, sagt Weltmeisterin Anna Musytschuk. „Andere Sportarten können sich auf anatomische Unterschiede von Männern und Frauen berufen, mehr Muskelkraft zum Beispiel. Für Schach gilt das nicht. Da zählt nur der Kopf.“

ANNIKA ROSS

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