Kolumne: Meine liebe Familie

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"Friss meinen Staub“, rief mein Sohn Ben seinem Freund Alexander über die Schulter zu und heizte in seinem Kettcar mit Tempo 15 durch unsere Spielstraße. Tief im Sitz liegend, den einen Arm am Lenkrad, den anderen lässig an der Handbremse. An Alexanders Rückenlehne baumelt sogar ein Fuchsschwanz.

Wenn der Nachbar von gegenüber mit seinem Porsche nach Hause kommt, ziehen die beiden ihre Bremsen und grüßen ihn mit dem Victory-Zeichen.

Zwei Asphalt-Cowboys von fünf Jahren. Manchmal lassen sie ihre Kettcars aber auch mitten auf der Straße stehen. Zum Beispiel immer, wenn der Eiswagen kommt. Ich habe das Kettcar meines Sohnes – die Dinger sind wirklich furchtbar sperrig und schwer, quasi die SUVs der Kindergartenkinder – schon aus diversen Büschen gewuchtet, vom Spielplatz nach Hause geschoben und in den Kofferraum gehievt. Seitdem habe ich Rücken.

Was mir neben der Schwere des Geräts extrem negativ auffällt: Kaum ein Mädchen fährt eins. Die Mädchen aus unserer Nachbarschaft fragen Ben und Alexander immer ganz demütig, ob sie auch mal fahren dürfen. Und das 2020! Ich kann das gar nicht mitansehen.

History repeats itself. Wir Mädchen mussten immer schon Jungen fragen, ob wir „auch mal fahren dürfen“. Das war sogar im EMMA-Team so. Anett fragte beim Sven, Angelika beim Ralf, Alice beim Bruno, Chantal beim Ingo, Margitta beim Peter und ich beim Thorsten. Und wenn wir Glück und die Fahrzeugführer gute Laune hatten, dann durften wir gnädigerweise auch mal fahren.

Meine These: Viele von uns Frauen haben im Prinzip ein emotionsloses, bisweilen aber auch sehr angespanntes Verhältnis zu Fahrzeugen, weil wir als kleine Mädchen nie ein Kettcar oder eine ähnliche Seifenkiste haben durften. Wir haben es nie gelernt, mit fahrbaren Untersätzen in der Gegend herumzuprollen. Die sind nur was für Jungs.

So will es die Überlieferung. Das ist nicht nur ganz schön gemein, sondern auch furchtbar dumm. Folge: Die Firma Kettcar ist pleite. Die Zielgruppe war dann wohl doch zu einseitig definiert.

Und nun der Beweis meiner These: Die Rennfahrerin Ellen Lohr hatte schon als kleines Kind ein Kettcar. Das sagt ja wohl alles!

Dabei geht es mir in Wahrheit gar nicht um das Geprolle vieler Männer mit ihren Autos. Das finde ich eher peinlich. Es geht mir um mehr Selbstbewusstsein im Straßenverkehr. Wie oft lassen wir Frauen uns einen Parkplatz vor der Nase wegschnappen oder auf der Autobahn wegdrängeln?

Wie viele Frauen werden von ihrem Ehemann blöd angemacht, wenn ein Kratzer im Lack ist? Wie oft werden wir in einer Werkstatt süffisant belächelt, wenn wir sagen: „Da ist irgendwas kaputt!“? Selbst, wenn wir ein Auto kaufen wollen, werden wir oft nicht ernst genommen. Oder wir werden direkt zu den kleinen roten Frauenautos geschoben, die „mit geräumigem Kofferraum für die Einkäufe“.

Als ich meinen Führerschein machte, war der Standardwitz meines Fahrschullehrers, wenn eins von uns Mädchen den Gang etwas robuster einlegte: „Gehst du so auch mit deinem Freund um?“ Die Jungs hingegen fuhren dann „sportlich“.

Frauen und Autos, die Geschichte muss neu geschrieben werden. Und eines ist für mich nun so sicher wie das Super im Bleifrei: Meine Tochter Henriette wird zu Weihnachten ein eigenes wuchtiges Kettcar bekommen – und wenn das Christkind endgültig einen Bandscheibenvorfall
kriegt.

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