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Okonjo-Iweala: Echte Prinzessin

Ngozi Okonjo-Iweala - Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images
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Ngozi Okonjo-Iweala ist eine echte Prinzessin. Ihr Vater Chukwuka Okonjo, der vor zwei Jahren starb, war König von Ogwashi-Uku, sprich: Chef eines Stammes in der 50.000-EinwohnerInnen-Stadt 400 Kilometer westlich von Lagos. Als Chukwuka Okonjo im Jahr 2007 König wurde, war Tochter Ngozi allerdings schon 53 und Direktorin bei der Weltbank in Washington. Zuvor war sie drei Jahre lang Finanzministerin und ein Jahr lang Außenministerin von Nigeria gewesen.

Und jetzt wird Ngozi Okonjo-Iweala Generalsekretärin der Welthandelsorganisation (WTO). Zum ersten Mal hat der 1994 gegründete Bund mit 164 Mitgliedsstaaten und Sitz in Genf einen weiblichen Chef und zum ersten Mal einen schwarzen.

Damit tritt die Ökonomin, die in Harvard studierte und am MIT promovierte, ein in die wachsende Riege der Frauen, die die Finanz- und Handelsgeschicke der Welt lenken: Die Bulgarin Kristalina Georgiewa, die den Internationalen Währungsfonds (IWF) von der Französin Christine Lagarde übernahm, die jetzt die Europäische Zentralbank (EZB) leitet. Und jetzt ist also auch die Welthandelsorganisation in Frauenhand.

Ngozi Okonjo-Iweala mit Christine Lagarde - Foto: Stephen Jaffe/IMF/Getty Images
Ngozi Okonjo-Iweala mit Christine Lagarde - Foto: Stephen Jaffe/IMF/Getty Images

Wie so oft, kommt die Frau, wenn der Karren im Dreck steckt. Bei der WTO ist die Lage nicht nur deshalb schwierig, weil Donald Trump die WTO „schrecklich“ fand und deshalb die Neubesetzung von Posten so lange boykottierte, bis die Organisation quasi handlungsunfähig war. Verschärfend hinzu kommt: Ngozi Okonjo-Iwealas Vorgänger, der Brasilianer Robert Azevedo, galt als schwacher Bremser und trat im Sommer 2020 zurück.

„Die WTO braucht eine andere Art der Führung“, erklärt die neue WTO-Chefin und lässt keinen Zweifel daran, dass ihr diese neue Art „sehr liegt“. Denn: „Ich bin eine verhandlungsstarke und tatkräftige Reformerin.“ Ihr Sohn Uzodinma, eins von vier Kindern, die die Ökonomin mit dem Neurochirurgen Ikemba Iweala hat, formuliert es so: „Meine Mutter ist eine sehr mächtige Frau. Sie weiß, wie sie die Dinge geregelt haben will, und wenn du es nicht so machst, bekommst du Ärger.“

Prinzessin Ngozi Okonjo-Iweala hat schon als Kind gelernt, nicht zimperlich zu sein. Bis zu ihrem neunten Lebensjahr wuchs sie bei ihrer Großmutter auf, denn Vater Chukwuka studierte bis 1962 Mathematik in Nürnberg und Köln. Auch Mutter Kamene verließ Ogwashi-Uku und wurde Professorin für Soziologie. „Ich tat alles, was ein Dorfmädchen tut: Wasserholen, mit meiner Großmutter auf den Bauernhof gehen, alle Hausarbeiten. Ich sah aus erster Hand, was es bedeutet, arm zu sein“, sagt die WTO-Chefin. „Ich kann jederzeit auf dem Fußboden schlafen.“

Als Ministerin nahm Okonjo-Iweala den Kampf gegen die in Nigeria weit verbreitete Korruption auf. Das hatte Folgen. Im Jahr 2012 wurde ihre damals 82-jährige Mutter entführt. Die Entführer verlangten den Rücktritt der Tochter. Die Sache ging glimpflich aus: Nachdem Tochter Ngozi sich allen Forderungen verweigerte, wurde die Mutter nach fünf Tagen freigelassen.

Ngozi Okonjo-Iweala mit ihren Eltern
Ngozi Okonjo-Iweala mit ihren Eltern

Die neue Generalsekretärin der Welthandelsorganisation will nun „Ländern, die sich als Globalisierungsverlierer sehen, zu mehr Wohlstand verhelfen“. Dazu gehört auch, die dramatischen Folgen der Corona-Krise einzudämmen. Ngozi Okonjo-Iweala setzt sich für Handelsregeln ein, die sicherstellen, dass auch Länder, die keine eigene Impfstoffproduktion haben, zu erschwinglichen Preisen beliefert werden. Denn: „In einer Pandemie ist man immer nur so sicher wie das schwächste Glied in der Kette.“

Außerdem soll die Welthandelsorganisation „die größere Beteiligung von Frauen am internationalen Handel erleichtern, insbesondere in Entwicklungsländern.“ Nicht nur nigerianische Frauenrechtlerinnen wie Josephine Effah-Chukwuma setzen auf Ngozi Okonjo-Iweala: „Sie hat die Frauen stolz gemacht. Sie hat gezeigt, dass eine Frau in einem patriarchalischen und frauenfeindlichen Land wie Nigeria sich behaupten und eine solche Leistung erbringen kann.“ Die neue WTO-Chefin sieht das genauso: „Afrika kann stolz darauf sein, dass eine seiner Töchter fähig ist, diesen Job zu machen.“

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