Olga Neuwirth: Leben als Alien

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Eine Komponistin lässt sich nicht "wegjodeln" – und hat damit sogar Erfolg.

Ich lasse mich nicht wegjodeln", hat Olga Neuwirth im Jahr 2000 auf einer Demonstration gesagt. Damals ging es gegen den Rechtsaußen-Jodler Jörg Haider. Doch der Satz passt auch gut auf sie selbst. Mit ihren 34 Jahren ist die Komponistin seit mehr als zehn Jahren ein Begriff in der modernen klassischen Musik. Was fast schon eine Unverfrorenheit ist in dieser Kunstsparte, die bis heute fest in Männerhand ist. Doch Neuwirths Werke werden in den Konzertsälen von Wien bis New York aufgeführt und sind von internationalen Festivals zeitgenössischer Musik gar nicht mehr wegzudenken.
Ihre erste Oper, "Bählamms Fest" (Libretto: Elfriede Jelinek) wurde in Wien (1999) und Hamburg (2002) von Kritikern geradezu begeistert aufgenommen. Für die bevorstehenden Luzerner Festwochen wurde die junge Komponistin gar, neben dem ehrwürdigen Pierre Boulez, zum "Composer in Residence" ernannt. Der Erfolg hat Olga Neuwirth nicht mundtot gemacht. Sie protestierte gegen die Abschaffung des Kultur- oder Frauenministeriums in Österreich ebenso wie gegen den "Uraufführungswahn" in der zeitgenössischen Musik.
Was das für ein Gefühl ist, so mitten auf dem Highway des Erfolgs? "Ich komme mir vor wie ein Alien", sagt Olga Neuwirth, und lacht fröhlich. Dieses Alien ist sie eigentlich schon lange.  Man stelle sich ein Dorf in der Steiermark vor, in das sich Neuwirths Vater, der Jazzpianist, verirrt hat samt Frau, die ständig Literaten und Künstler ins Haus schleppt, während die Tochter Trompete und Fußball spielt und nicht ein einziges Mal in einem anständigen Rock gesichtet wird. "Die Leute haben schon komisch geschaut, aber die haben wahrscheinlich gedacht: Mit den Eltern musste das ja so kommen."
Für die junge Olga waren diese Freiheiten ganz normal. So normal wie das Komponieren. "Am Anfang hat mir eine gewisse Naivität sicher geholfen." Die hat man ihr dann allerdings schnell ausgetrieben, beim Studium an der Wiener Musikhochschule. Da wurde ihr klar: "Komponieren als Frau ist an sich schon okay. Man darf bloß nicht zu weit kommen, es bloß nicht ernst nehmen – oder gar ernst genommen werden wollen."
Aber eine Olga Neuwirth lässt sich nicht wegjodeln. Sie suchte Anregungen bei anderen Frauen. Bei der Kollegin Adriana Hölszky, die sie nicht nur das Komponieren lehrte, sondern auch das Durchhalten. "Sie sagte immer nur: Weitermachen, weitermachen, sich nicht beirren lassen." Und bei Elfriede Jelinek. Im zarten Alter von 16 hatte Olga Neuwirth die Schriftstellerin bei einem Kompositions-Workshop kennengelernt, war fasziniert, las alle ihre Bücher und schrieb ihr einen Brief. Der Anfang einer langen Freundschaft – und einer erfolgreichen Arbeitsgemeinschaft.
Elfriede Jelinek verdankt die Debütantin den ersten größeren Kompositionsauftrag: die Vertonung von zwei Jelinek-Hörspielen für die Wiener Festwochen. 1991 wurden sie uraufgeführt – und von da an hatte der Name Olga Neuwirth in der Szene einen Klang. Doch etwas anderes war vielleicht noch entscheidender: "Elfriede Jelinek war der einzige Mensch, der immer darauf vertraut hat, dass ich es schaffe."
Das hilft. Wenn auch nicht immer. Denn "wirklich geschafft habe ich es wahrscheinlich nie", sagt Neuwirth. "Bei jedem neuen Auftrag wird mir wieder dieses Misstrauen und diese Angst entgegengebracht, dass ein neues Stück vielleicht peinlich wird oder ein Skandal – und das ist auf Dauer ein bisschen anstrengend und zermürbend." Es erhöht außerdem den Erfolgsdruck: "Jeder Komponist erlebt Höhen und Tiefen. Aber ich glaube, ich als Frau kann mir keinen Ausrutscher leisten. Dann wär's aus."
Eine harte Erkenntnis. Aber was soll's, die Frau muss einfach weiterkomponieren: "Ich kann schließlich nichts anderes!" Also setzt Olga Neuwirth sich weiterhin jeden Morgen an den Schreibtisch ihrer Berliner Wohnung und lässt ihre Kompositionen wachsen. "Es fängt immer mit einer einfachen, für mich scheinbar zwingenden Idee an, die dann immer dichter und dichter wird. Bis es einen bestimmten Dichtheitsgrad erreicht und man eigentlich nicht mehr weiter kann." Abends hat die Komponistin frei. Dann geht sie ins Kino, ihre große Leidenschaft. Schließlich hat sie noch vor dem Kompositionsstudium in Wien ein Jahr lang in San Francisco Film studiert. Bilder und Sprache spielen auch darum eine zentrale Rolle in Neuwirths Musik.
Sie liebt es vieldeutig. Sie schätzt nicht zufällig den Countertenor, eine Stimme zwischen weiblich und männlich; oder die für sie so typischen vielschichtigen Mischungen aus Klassik und Elektronik, eisig zerbrechlich wie in "Bählamms Fest" oder dröhnend brutal wie in "The long rain". Diese Greifbarkeit der Neuwirthschen Klänge lockt die ZuhörerInnen tiefer und tiefer in ihre Welt. Kein Zweifel, diese Komponistin hat ihren ganz eigenen Ton gefunden. Da müsste die Musikwelt schon sehr laut jodeln, um diese Stimme wieder zu übertönen.

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