Janelle Monáe: Die Frau der Stunde

Foto: Jonas Holthaus
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Mrs. Monáe, für Ihre Filme werden Sie bejubelt, Ihre neuen Songs werden mit Spannung erwartet. Und dann halten Sie auch noch eine wichtige Ansprache nach der anderen. Wie fühlt es sich an, die Frau der Stunde zu sein?
Es ist eine gute Zeit für Veränderungen. Und es ist mir eine Ehre, bei diesen Veränderungen eine Rolle spielen zu dürfen. Es war ein sehr großer Kraftaufwand, diese Bewegungen ans Laufen zu bringen. Das habe nicht ich gemacht, das waren sehr starke Frauen an der Graswurzel. Jetzt bewegt sich etwas und mich macht es stolz, dass ich das nun verstärken kann. Das betrachte ich als meine Aufgabe.

Warum eigentlich entstehen wichtige ­Bewegungen wie „Times’s Up“, „Me Too“ oder „Black Lives Matters“ gerade jetzt?
Das soziale Klima war unerträglich geworden, wir bekommen aktuell eine Ahnung davon, wie groß der Scheiß noch werden könnte, der da auf uns zukommt. Menschen, die schon seit Jahren marginalisiert werden, müssen befürchten, dass sich ihre Lage noch verschlechtert, weil es ein machtvolles Patriarchat gibt, das ganz offen sagt: „Unser Ziel ist es, diejenigen am Rande noch weiter nach draußen zu schieben.“ Ständig zu erfahren, dass das eigene Leben weniger bis gar nichts zählt – das macht Menschen psychologisch fertig.

Einige weiße Männer behaupten von sich, sie gehörten ebenfalls zu Vergessenen.
(lächelt) Das kann ich mit Blick auf die Strukturen des von männlichen Weißen geschaffenen Patriarchats nicht ernst nehmen. Wie könnte ich das, wenn ich sehe, dass der Führer der freien Welt ein weißer Mann ist, der Frauen nicht respektiert, der das Leben von Schwarzen nicht respektiert, der Immigranten nicht respektiert – also die Gruppe, die dafür verantwortlich ist, dass die Vereinigten Staaten von Amerika überhaupt erst entstanden sind? Es ist doch erschreckend, dass die Mächtigen die Vorstellung verbreiten, dass es die Immigranten, Flüchtlinge oder sexuell anders Lebenden sind, die die Sicherheit Amerikas gefährden. Was für schamlose Lügen! Das weiße Patriarchat raubt uns die ­Sicherheit. Es behauptet, für das Leben zu sein und nach der Bibel zu leben, aber das klingt in meinen Ohren wie Hohn, denn sie beschützen unsere Leben nicht. Sonst hätten sie zum Beispiel längst die Waffengesetze verschärft. Und „Pro-Life“ sind sie nur, wenn es um das Leben der Weißen geht. Oder darum, die Regeln für Abtreibungen immer weiter zu verschärfen.

Was sich dann wieder gegen Frauen richtet.
Ja, es ist ein seit Generationen etabliertes Spiel, religiöse Anschauungen zu benutzen, um Regeln aufzustellen, die unsere Rechte und unsere sexuelle Freiheit und Selbstbestimmtheit einschränken. Denken Sie an den Keuschheitsgürtel, er ist ein Relikt aus der düsteren Vergangenheit, aber in den Köpfen existiert er weiter, denn der Grundgedanke lautet: Sexualität ist etwas Böses, also muss man die Frauen davor schützen. Was das Patriarchat aber eigentlich meint, ist: kontrollieren. Aber was bildet sich eine mächtige Gruppe eigentlich ein, eine andere zu dominieren und ihr ­Leben zu entwerten? Warum sollte sie das dürfen? Weil sie mehr Geld besitzt?

Geld bedeutet Macht. Immer schon.
Deshalb dürfen wir nicht darauf warten, dass sich das Regime ändert. Wir Marginalisierten müssen diese Veränderungen selbst anstoßen.

Wie entstehen diese Veränderungen?
Es gibt eine neue Generation von Frauen, aber auch von anderen marginalisierten oder gefährdeten Gruppen, die diese Macht nicht mehr akzeptieren. Diese Menschen sagen: „Nein, derjenige, der da spricht – der spricht nicht in unserem Namen, wir distanzieren uns kraftvoll und lautstark vom ihm.“ Hinzu kommt, dass diese neue Generation nicht mehr den Erzählungen der Älteren glaubt. Sie glaubt nicht an die Märchen von einem besseren Amerika, dass es einmal gegeben haben soll, von den guten alten Zeiten.

Nostalgie betäubt.
Ja, denn diese guten alten Zeiten gab es für die Marginalisierten nicht. Nicht für die Schwarzen, nicht für die Frauen. Gleichzeitig entdecken wir Frauen ein neues Wir-­Gefühl. Wir erkennen, dass wir zusammen stärker und miteinander verbunden sind, dass wir gleiche Erfahrungen gemacht haben und mit vereinten Kräften die Taktiken des weißen Patriarchats offenlegen.

Was sind das für Taktiken?
Es gibt die offensichtlichen Dinge: sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen, ungleiche Bezahlungen. Aber es gibt noch andere Taktiken, zum Beispiel diejenige, uns Frauen gegeneinander auszuspielen. Ich erkenne das Spiel mittlerweile, und viele andere Frauen auch.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich habe einen sehr eigenen Kleidungsstil entwickelt, früher bin ich häufig in einem Smoking aufgetreten. Ich habe ihn als mein Outfit gewählt, weil er für mich eine Art Arbeitskleidung symbolisiert – es ist eine Hommage an meine Eltern, die ­damals in Kansas Teil der Arbeiterklasse waren: meine Mutter war Hausverwalterin, mein Vater Fernfahrer, beide trugen klassische Arbeitsklamotten. Ich arbeite im Showbusiness – daher ist der Smoking für mich eine passende Arbeitskleidung. Einige haben diesen Stil dann als eine Kritik meinerseits an andere Arten von Outfits missdeutet, was schon falsch ist. Dann gingen sie aber noch weiter und fragten: „Darf man heute als Frau noch so viel Haut zeigen? Sollte man es nicht wie Janelle Monáe machen?“ Und schon hatte man anderen Frauen nahegelegt, sie dürften nicht selbst über ihren modischen Stil entscheiden. Das ist eine ziemlich hinterlistige Methode des Patriarchats, um Frauen ihre Selbstbestimmung zu nehmen. Denn ­natürlich haben wir alle selbst die Kontrolle über unseren Körper. Darum muss es gehen: Wir müssen unsere Kontrolle ­zurückgewinnen.

Sowohl Ihre Alben als auch der sehr erfolgreiche schwarze Superheldenfilm „Black Panther“ gelten als Werke des Afrofuturismus. Was genau verbinden Sie damit?
Ein Zusammentreffen der afrikanischen Diaspora mit den Ideen von Science-Fiction. So entsteht eine Utopie aus schwarzer Perspektive heraus, die Idee einer anderen und besseren Zukunft, die Alternativen bereithält zu der Gegenwart, in der wir leben. Wir kennen den weißen Futurismus, er ist im Mainstream längst etabliert. Aber es muss auch eine Utopie der Marginalisierten geben; ich denke, dass diese Utopien noch mehr Kraft besitzen, wenn man sie aus der Perspektive Afri­kas heraus erzählt. Afrofuturismus ist unser Zugriff auf die Zukunft. Er basiert auf unseren Träumen, unseren Wünschen.

Dieses Genre ist nicht neu.
Nein, es gibt die Musik von Sun Ra, die schon in den 50er-Jahren entstanden ist. Es gibt die Bücher von Octavia Butler aus den 80er-Jahren. Ich fühle mich geehrt, als Teil dieser Gemeinschaft der Afrofuturisten gesehen zu werden.

Schon Ihre ersten Songs spielten mit der Idee von Androiden – genannt „The Other“ – in einem Land Afrikas.
Ja, ich war schon immer von Science-Fiction fasziniert, schon als Mädchen habe ich die Bücher der Reihe „Goosebumps“ gelesen, in der Kinder in gruselige oder mysteriöse Situationen kommen und sich Auswege ausdenken müssen. In der Schule und später an der Uni habe ich mit dem kreativen Schreiben begonnen, ich habe mir eine Welt erschaffen, in der die Dinge anders funktionieren als in der Wirklichkeit, wie ich sie erfahren hatte. Schon bald entwarf ich dann „The Other“, also „die Anderen“, um klar zu zeigen, wie es sich anfühlt, als „anders“ wahrgenommen zu werden und eine Stimme zu finden, ohne sein „Anderssein“ aufzugeben.

Wobei Sie heute längst im Mainstream angekommen sind – und der Film „Black Panther“ auch.
Ja, und das ist großartig. Wir sind alle sehr stolz auf den Film und seine Erfolge an der Kinokasse, denn dieses ökonomische Argument haben wir immer wieder gehört: „Ein Film mit ausschließlich schwarzen Schauspielern kann nicht erfolgreich sein.“ Nun, kann er doch. Das Argument ist entkräftet, jetzt kann es weitergehen. Was wir wollen, ist die Anerkennung, dass diese Geschichten es wert sind, erzählt zu werden. Und wenn wir durch den Erfolg einen Vorbehalt aus der Welt schaffen können, nämlich dass eine solche Geschichte nicht erfolgreich sein kann, dann ist das gut. Das Publikum hat gesprochen. Jetzt hoffe ich, dass „Black Panther“ kein Einzelfall bleibt, sondern dass es nun weitergeht, dass die Welt erkennt, dass wir Schwarzen genauso ein Recht darauf haben, uns unsere Science-­Fiction-Welten aufzubauen und komplizierte, aber faszinierende Charaktere zu erschaffen. Wir wollen diese Freiheit auch haben.

Wie würden Sie in dieser Hinsicht Ihre Rolle definieren?
Ich sehe mich als Autorin. Wobei ich schon als junges Mädchen auf der Bühne stand, und das, was ich oder andere geschrieben hatten, aufführte: als Schauspielerin, Tänzerin oder Sängerin. Ich glaube auch nicht, dass man sich dabei auf eine Art der Performance festlegen muss. Ich fühle eine Verantwortung, weiter Dinge zu erschaffen – und zwar auf vielen verschiedenen künstlerischen Ebenen.

Sie haben sich intensiv mit Fritz Langs Film „Metropolis“ auseinandergesetzt, wie kam es dazu?
Mein kreativer Partner Chuck Lightning sagte mir eines Tages, es gäbe da einen uralten Stummfilm eines Deutschen, den ich mir unbedingt ansehen müsse, weil er mich für meine Arbeit inspirieren werde. „Metropolis“ war der erste Stummfilm überhaupt, den ich gesehen habe, und Chuck hatte recht: Der Film erzeugte bei mir eine sehr große Resonanz. Es gibt in dieser Story eine Zweiklassengesellschaft, die Oberen lassen die Unteren für sich ­arbeiten, beuten sie aus. Wobei die Ausbeuter alles unternehmen, damit die Ausgebeuteten ihre Lage nicht verbessern können. Der Film ist eine Dystopie – für mich war „Metropolis“ aber die Realität.

Inwiefern?
Ich erlebte die Welt genau so in Kansas City, wo ich aufwuchs, meine Eltern wurden in ihren Jobs unterdrückt, und zwar nicht von einzelnen Chefs, sondern systematisch. Sie hangelten sich von Gehaltsabrechnung zu Gehaltsabrechnung, es gab kein Herauskommen aus diesem System. Dabei musste man nur ein Dutzend Blocks weiterfahren, und man erkannte eine andere Welt, die Welt der Unterdrücker. Ich fand es absolut erstaunlich, dass ein deutscher Filmemacher aus den 20er-Jahren diese Welt erschaffen hatte, die mich viele Jahre später in Kansas City verzweifeln ließ. Hinzu kommt der zentrale Satz am Ende des Films, wenn sich die Unterdrücker und die Unterdrückten doch die Hand geben und Wandel unausweichlich ist: „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein.“ Genau das will ich mit meiner ­Musik erreichen, sie soll Menschen zusammenbringen, sie soll dafür sorgen, dass derjenige, der auf der Party neben Ihnen zu „Make Me Feel“ tanzt, in diesem Augenblick Ihre Schwester oder Ihr Bruder ist – vollkommen egal, welches Geschlecht oder welche Hautfarbe sie oder er hat. Das ist für mich von großer Bedeutung, denn ich kenne eine Welt, in der es noch zwei verschiedene Trinkwasserspender gab: einen für die Weißen, einen für die Schwarzen.

Wobei Ihre Welt heute eine ganz andere ist: Sie sind ein Star.
Möglich. Aber wenn ich das Make-up abnehme, nach Hause fahre – dann bin ich nicht mehr Janelle Monáe. Dann bin ich eine junge schwarze Frau in den Vereinigten Staaten. Dann bin ich eine Schwester für meine Schwestern, eine Tochter für meine Eltern. Und ich bin Mitglied einer großen Familie, die mehrere Mitglieder durch die Waffengewalt der Weißen verloren hat. Diese Bedrohung ist akut, erst vor gut zwei Jahren ist meine Cousine ­erschossen worden, man hat den Täter bis heute noch nicht gefasst. Die Ungerechtigkeit bleibt. Sie ist Teil fast jeder Geschichte einer schwarzen Familie. Ob in den USA, in Afrika oder anderswo.

Sind Sie von Ihren Eltern politisiert worden?
Ja, meine Eltern haben mich dazu angetrieben, zur Wahl zu gehen. Zur Wahl zu gehen war keine Normalität in unserer Nachbarschaft. Auch meine Großmutter war in dieser Hinsicht sehr engagiert, ich bin zu einem großen Teil von ihr erzogen worden, in ihren jungen Jahren war sie in Aberdeen, Mississippi eine Sharecropperin, sie hat also für einen weißen Plantagen­besitzer auf dessen Land gearbeitet, dafür ein bisschen Geld behalten, einen gewichtigen Anteil aber auch abgeben müssen. Durch dieses System blieb die ökonomische Abhängigkeit von den Weißen intakt, das Leben blieb unfrei. Daher war das Wahlrecht eine große Sache für meine Großmutter, dadurch erhielt sie eine Stimme – und diese war genau so viel wert wie die Wahlstimme des Großgrundbesitzers. Für sie war Wahlrecht eine bedeut­same Errungenschaft, und es war offensichtlich, dass sie ihre Familie dazu antrieb, dieses Recht auch zu nutzen. Ihre Eltern hatten keine Chance gehabt, ihre Stimme abzugeben. Sie hatte das Recht – also wurde es genutzt. Sie war in dieser Hinsicht eine strenge Herrscherin in ihrem Matriarchat, und ich bin ihr dankbar dafür. Nun müssen wir alles daransetzen, noch mehr Menschen deutlich zu machen, was für ein mächtiges Geschenk das Wahlrecht ist. Nach dem Ergebnis der letzten Wahl ist nun klar: Es geht ums Ganze.

Welche politische Haltung hat Ihnen Ihre Familie mit auf den Weg gegeben?
Bringe Liebe mit in die Welt – aber sei nicht naiv. Gehe also nicht davon aus, dass der Rest der Welt dich so liebt, wie du es tust. Wenn du zur Seite trittst und deine Familie, deine Szene verlässt, dann wirst du merken, dass es anderswo an Wärme fehlt. Rassismus kennt keine Rasse, kennt keine Klasse. Jeder hat das Potenzial, auf die falsche Seite zu rutschen. Ich auch. Wie wir alle muss ich höllisch aufpassen, dass diese negativen Verhaltensweisen ­keinen Einfluss gewinnen. Ich verurteile es, wenn Menschen ihre Macht missbrauchen. Aber ich bin ständig selbst in ­Gefahr, dies zu tun.

Was ist Ihre Methode, sich selbst davor zu schützen?
Ich mache mir klar, dass wir Menschen miteinander verbunden sind. Ich sitze jetzt hier in diesem tollen Hotel, ich war bei der Grammy- und Oscar-Verleihung, stehe bald auf großen Bühnen – aber ich lebe dennoch nicht auf einer Insel. Das muss ich mir klarmachen. Wir sind alle Teil eines großen, lebenden und atmenden Organismus, ich bin im Kern genauso ein Mensch wie diejenigen, deren Verhalten ich verurteile. Aber ich weiß, welche Aufgabe vor mir steht: Ich muss widerstehen. Immer wieder: widerstehen.

Spätestens nach Ihrer Rede bei den Grammy Awards werden Sie als eine Frau wahrgenommen, die bei der Bewegung vorangeht. Damit steigen die Erwartungen. Wann wird daraus eine Last?   
Ich fühle eine Verantwortung, ja. Aber ich spüre keine Last, weil ich weiß, für wen ich spreche: Für die marginalisierten Menschen, für die sonst nur wenige sprechen. Ich mache niemandem einen Vorwurf, der diese Verantwortung nicht spürt. Für mich ist es eine Berufung, auf der anderen Seite weiß ich aber genau, dass ich nicht perfekt bin. Ich bin keine Heilige, keine Retterin. Ich mache Fehler, leiste mir Eigenheiten. Manchmal sogar sehr bewusst, weil ich nicht die Rolle einnehmen möchte, allen zu gefallen. Aber ich werde immer aufstehen, wenn ich merke, dass Tyrannen diejenigen bedrängen, für die ich eine Verantwortung fühle. Darum habe ich diese Rede bei den Grammys gehalten: Es gibt diese Tyrannen in der Musikindustrie, es ist eine ­Industrie, die ich liebe, ich bin ein Teil von ihr. Deshalb muss ich mich umso mehr zu Wort melden, wenn ich erkenne: Hier findet Machtmissbrauch statt.

Wie politisch kann Musik sein?
Sie kann über ihre Inhalte etwas bewegen, indem sie ein Bewusstsein schafft. Gegenüber Büchern oder Filmen besitzt sie einen Vorteil: Sie erreicht die Menschen direkter. Es ist sehr leicht, meine neuen Songs zu hören, wenn sie veröffentlicht werden, es kann beiläufig geschehen, an vielen Orten, über kleine Lautsprecher, Kopf­hörer oder in Clubs. Und dann ist die Musik da, dann entfaltet sie ihre Kraft und kann denjenigen, die sich ungehört und schwach fühlen, eine Ahnung von Stärke geben. Ich weiß, das klingt anmaßend, aber stellen Sie sich vor, Sie werden Ihr Leben lang an den Rand gedrängt – und dann hören Sie plötzlich eine Musik, die angesagt ist, die Ihnen gefällt und die Ihnen obendrauf zeigt: Die Zeit der ­Marginalisierung ist vorbei! Ich denke, man darf diese Kraft nicht unterschätzen.

Bei welchen Künstlern haben Sie selbst diese Kraft erfahren?
Lauryn Hill und Stevie Wonder, Erykah Badu und 2 Pac. Prince natürlich.

Ihre Single „Make Me Feel“ klingt sehr nach Prince …
Was nur ein Kompliment sein kann. (Pause) Prince ist für mich ein Mentor ­gewesen, ich vermisse ihn sehr. Teile des neuen Albums sind noch zusammen mit ihm entstanden, bevor er dann für uns alle überraschend die Frequenz seines ­Daseins gewechselt hat.

Sie sprechen nicht von seinem Tod.
Nein, denn er lebt ja weiter, seine Musik ist weiterhin da. Vielleicht sogar mehr denn je. Es gibt Künstler, die sterben nicht, die sind einfach zu überweltlich gut, zu exzellent. Auch Bowie stirbt nicht, oder haben Sie den Eindruck, dass seine Songs zuletzt an Kraft verloren ­haben? Ich bin mir sicher, dass die Musik von Musikern wie Prince oder Bowie von Generation zu Generation weitergetragen wird.

Sie haben Prince als Antrieb in vielerlei Hinsicht bezeichnet, in welchen Dingen neben der Musik noch?
Prince war kein Künstler, der bei seiner Musik an Männer und Frauen gedacht hat, diese Geschlechterzuordnungen waren ihm egal, es ging ihm um etwas viel Weiterreichendes, nämlich um die wirkliche Liebe. Aber Prince war auch ein Vorbild, als ich mein eigenes Künstlerkollektiv „Wondaland“ gegründet habe. Dass es so ein Projekt geben kann, hat mir Prince mit seinem Studio- und Labelkomplex „Paisley Park“ gezeigt: Ein Ort absoluter künstlerischer Freiheit, der trotzdem ökonomisch funktioniert.

Sie sind heute selbst eine Mentorin für andere Menschen?
Ja, es gibt sicherlich Leute, die sich meinen Weg anschauen und sich davon inspi­riert fühlen. Einige kommen zu mir, und ich berate sie. Zum Beispiel die ­anderen Künstler auf meinem Label. Wobei sich das eher wie Familie anfühlt: Man kümmert sich. Vor allem, wenn es darum geht, andere davor zu bewahren, die gleichen Fehler zu begehen.

Wann und vor was haben Sie Angst?
Ich habe ständig Angst, vor allen möglichen Dingen, aber wenn ich die Angst fühle, dann wähle ich die Freiheit.

Wie funktioniert das?
Wenn ich Angst vor einer Situation oder einer Entscheidung habe, dann frage ich mich: Was wird passieren, wenn alles gut geht? Und: Was ist dann das Schlimmste, das mir passieren kann, wenn es nicht gut geht? Und dann treffe ich meine Wahl. Das ist die Freiheit, die ich habe: mich für das eine oder das andere zu entscheiden. Nur muss ich diese Entscheidung aktiv treffen, ich darf nicht warten, bis mir etwas passiert, weil andere sich für mich entschieden haben. Freiheit gibt es niemals umsonst. Sie kostet immer die Kraft, aktiv eine Wahl zu treffen.

Angenommen, Sie schreiben einen afro­futuristischen Text und würden sich die erste Frau im Amt der Präsidentin der USA vorstellen. Wem käme dieses Bild nahe?
Es gibt aktuell sehr viele starke Frauen in den USA, darunter auch schwarze Frauen, die sichtbar sind. Michelle Obama ist eine von ihnen. Oder auch Oprah Winfrey, die seit vielen Jahren anderen Frauen Gehör verschafft. Beide könnten in diesem Amt bestehen, da bin ich mir sehr ­sicher. Aber die Entscheidung, ob sie es wollen, muss von ihnen ausgehen. Man sollte sich nicht in die Präsidentschaft drängen lassen. Weder von anderen noch von seinem eigenen Ego.

Das Interview erschien zuerst in Galore.

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