Ende der Tabus: Es wird diskutiert!

Boris Rosenkranz und Stefan Niggemeier machen "Übermedien". Foto: Jan Zappner/Übermedien.
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Das hatten sich Stefan Niggemeier & Co vermutlich einfacher vorgestellt. Denn bisher liefen solche voreingenommenen Artikel gegen EMMA ja immer nach Schema F ab: Ein selbsternanntes „gerechtes“ Medium – in diesem Fall Übermedien – stellt eine Behauptung in den Raum - in diesem Fall: EMMA sei zwar nicht rassistisch, aber spiele den Rassisten und Rechten in die Hände - und schon tobt ein Shitstorm. Gegen EMMA. Und nicht nur gegen uns. So oder so ähnlich läuft das bei allen Stimmen, die es sich erlauben, den politisierten Islam zu kritisieren.

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Und bisher standen diese KritikerInnen relativ alleine da. Zu schwer wiegt das Stigma des Rassismus-Vorwurfs, sodass sich gerade die aufgeklärten und liberalen Stimmen nicht getraut haben, auch nur einen Hauch Bedenken zu formulieren. Denn wer will schon als "rechts" stigmatisiert werden? Darum fällt es diesmal auf: Der Kalkül ist nicht aufgegangen. Schon als Übermedien den Artikel „EMMA und der Beifall von rechts" am 2. Juli veröffentlichte, wurden Zweifel an der Seriosität des Artikels laut. Seit Alice Schwarzer nun ihre Replik „Die rassistische EMMA“  veröffentlicht hat, ist die Debatte durch die Decke gegangen.

"Ich habe auch schon einige Texte in der EMMA veröffentlicht und bin stolz darauf!", schreibt zum Beispiel Ali E. Toprak, Bundesvorsitzender der kurdischen Gemeinde in Deutschland, auf Facebook. "Das ist Journalismus in der Tradition der Aufklärung: Nicht den einzelnen Menschen herabsetzen, aber mit Kritik an Verhaltensweisen konsequent und begründet sein. So ist die Position von EMMA im Kopftuchstreit", sagt Nicklas Hermes. "EMMA und Alice Schwarzer rassistisch? Das ist ja absurd! EMMA erhebt ihre Stimme ja gerade für die Unterdrückten und Diskriminierten aller Couleur! Weiter so! Macht Mut und gibt Kraft!", findet Mirjam Aaron-Zach. 

Und auch auf Twitter ist der Zuspruch für EMMA immens:

Der Vorwurf, das "rechte Spektrum" zu bedienen, hatte ja nicht nur EMMA getroffen, sondern auch ihre Follower. Zum Beispiel den deutsch-türkischen Ex-Muslim Ali Utlu aus Köln. Auch den Twitter-Account der Imamin Seyran Ates hatte Übermedien dem „rechten Spektrum“ zugeordnet. Und der deutsch-israelische Psychologe Ahmad Mansour blieb ebensowenig verschont von diesem Urteil. Was bei vielen Twitter-NuzterInnen zu Recht auf Irritation stieß. Na gut, es gab auch Ausnahmen - Patrick Bahners (FAZ) zum Beispiel.

Und auch Übermedien schien die Absurdität, nicht nur EMMA, sondern u.a. auch Seyran Ates und Ahmad Mansour dem rechten Spektrum zuzuordnen, nicht zu bemerken.

Zumindest bis vorgestern abend, sieben Tage nach der Veröffentlichung (!), nicht ...

Nun sind wir aber sehr gespannt, wie die Sache weitergeht ...

Aktualisierte Fassung vom 11. Juli 2018, 14 Uhr.

PS: Eben, fünf Stunden nach Onlinegang dieser Meldung, erreichte uns folgende Präzisierung von Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz. Wir korrigieren unseren an der Stelle in der Tat ungenauen Text entsprechend und veröffentlichen gerne diese Reaktion:

Sehr geehrte "Emma"-Redaktion, sehr geehrte Frau Schwarzer,

Sie schreiben auf Ihrer Internetseite: "Ein selbsternanntes 'gerechtes' Medium – in diesem Fall Übermedien – stellt eine Behauptung in den Raum – in diesem Fall (mal wieder) 'EMMA ist rassistisch' – und schon tobt der Shitstorm." (https://www.emma.de/artikel/reaktionen-auf-die-rassistische-emma-335921).
Diese Aussage ist falsch. Wir behaupten nicht, dass "Emma" rassistisch ist, weder sinngemäß noch wörtlich.

Auf Twitter schreiben Sie, auf uns bezogen: "In ihren Augen sind #EMMA, @SeyranAtes und @AhmadMansour__ u.a. Rassisten." (https://twitter.com/EMMA_Magazin/status/1016346034325393408)
Diese Aussage ist falsch. Wir behaupten nicht, dass "Emma" und die anderen Genannten Rassisten sind, weder sinngemäß noch wörtlich.

Wir bitten Sie hiermit, diese falschen Aussagen unverzüglich zu berichtigen.

Mit freundlichem Gruß
Stefan Niggemeier, Boris Rosenkranz/ Übermedien GmbH

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Alice Schwarzer schreibt

Die rassistische EMMA

Alice Schwarzer in Algerien. © Bettina Flitner
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EMMA ist rassistisch. Oder aber spielt zumindest den Rassisten in die Hände. Das sollte nun endlich mal statistisch bewiesen werden! Also beobachtete der Datenanalyst Luca Hammer im Auftrag von Fearless Democracy ein halbes Jahr lang, von Januar bis Juni 2018, die Follower von EMMA auf Twitter – und die linke Netzzeitschrift Übermedien stürzte sich mit Verve auf das Resultat, Schlagzeile: „EMMA und der Beifall von rechts“.

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Eine richtige
Antwort auf die
falsche Frage

Doch schade: Die Geschichte wurde zum Bumerang. Denn sie beweist genau das Gegenteil. Nur 10 bis 15 Prozent (Ja, was denn nun: 10 oder 15?) aller Follower kommen laut dieser Studie aus dem sogenannten „rechten Spektrum“ – 85 bis 90 Prozent hingegen sind Feministinnen, Linke, PolitikerInnen, WortführerInnen und internationale Organisationen. EMMA dankt. Das ist mal eine ermutigende Feststellung.

Doch wer ist nun diese Minderheit von Rechten, die EMMA liest? Laut Übermedien zählt die Studie dazu zum Beispiel auch Seyran Ates und Ahmad Mansour, beide muslimischer Herkunft. Warum? Die deutsch-türkische Anwältin und alternative Imamin erlaubt sich, das Kopftuch zu kritisieren („Passt zu der Agenda der Rechten“). Und der deutsch-israelische Psychologe kämpft gegen Männlichkeitswahn und „Gewalt im Namen der Ehre“ (Passt anscheinend nicht zur Agenda der Linken). Nun, bei so einer Definition von „rechts“ schrumpfen die echt rechten LeserInnen von EMMA nochmal kräftig: von einer Minderheit zur verschwindenden Minderheit.

Doch eigentlich ist das alles völlig uninteressant. Denn es ist gar nicht die Frage. Schließlich kann es nicht vorrangig darum gehen, wer EMMA liest, sondern sollte es darum gehen, was EMMA schreibt. Die Leserschaft ist nur dann ein entscheidendes Kriterium für eine Zeitschrift, wenn sie aus kommerziellen oder ideologischen Gründen vorrangig für eine bestimmte Zielgruppe schreibt. Das ist bei EMMA in der Tat nicht der Fall. EMMA schreibt weder mit Blick auf Anzeigen noch für Beifall von der „richtigen“ Seite.

EMMA schielt weder auf Anzeigen
noch auf Beifall

Aber was schreibt EMMA denn so, dass sie bei Fearless Democracy – gegründet von Gerald Hensel, dem Initiator der fragwürdigen Aktion #KeinGeldFürRechts - und dem von dem (selbst)gerechten Stefan Niggemeier gemachten Mediendienst Übermedien in Verdacht gerät, rassistisch zu sein? Um diese Frage geht es in diesem Text kaum, und wenn, dann mit falschen Unterstellungen.

Eine der vielen falschen Unterstellungen lautet: In EMMA würde undifferenziert und pauschal über das Kopftuch berichtet (das für diese Kreise zum Symbol eines „islamischen Feminismus“ avanciert ist). Wie wär’s denn mal mit EMMA lesen?! Da wird seit Jahrzehnten höchst differenziert über das Kopftuch geschrieben und scharf unterschieden zwischen den subjektiven, psychischen Motiven, aus denen Frauen Kopftuch tragen können, und der objektiven, politischen Symbolik des Kopftuches. Vor allem aber gibt EMMA seit 1977 auch MuslimInnen das Wort und hütet sich vor Stellvertreterpolitik.

Ja, es stimmt, EMMA hat ausführlich über die Realität der Silvesternacht 2015 in Köln berichtet. Als eine von wenigen medialen Stimmen. In Übermedien liest sich das so: „EMMA benennt und skandalisiert die sexualisierte Gewalt der Männer überwiegend nordafrikanischer Herkunft in der Silvesternacht. Allerdings appelliert sie damit an Vorurteile und Stereotype, die in der Gesellschaft ohnehin schon verbreitet sind. Eine gefährliche Dynamik entsteht: Rechtsextreme und die AfD greifen den ursprünglich feministischen Diskurs über sexualisierte Gewalt auf und machen mit ihm gegen Einwanderung mobil.“

Was für die AfD ein leichtes Spiel ist, da Linke, Liberale, ja sogar Konservative wegsehen und schweigen. Sie sind es, diese Realitätsleugner, die Menschen, denen bisher Rassismus fern war, in die Arme von Rechten treiben!

Realitätsleugner treiben
Menschen zu
den Rechten

Es sind dieselben IdeologInnen, die mein Buch „Der Schock“, das ich im Mai 2016 apropos der Silvesternacht veröffentlicht habe, bis heute als „rassistisch“ verleumden. Da sie offensichtlich die Anthologie nie wirklich gelesen haben, wissen sie noch nicht einmal, dass die Hälfte der acht AutorInnen muslimischer Herkunft ist. MuslimInnen, die verzweifelt an Linke und Liberale appellieren, endlich aufzuhören mit ihrem Kulturrelativismus, diesem gönnerhaften zweierlei Maß, und ihrer Komplizität mit den reaktionären Scharia-MuslimInnen – und stattdessen den Schulterschluss mit feministischen und linken MuslimInnen zu suchen und ihnen dieselben Menschenrechte zuzugestehen wie sich selbst.

Zuguterletzt werden EMMA in dem sich objektiv gebärdenden, doch unübersehbar parteilichen Text noch drei Artikel angekreidet, die – oh Schreck – „Rechte“ besonders häufig geklickt hätten: Erstens der Artikel von Necla Kelek im März 2015 über die damalige Integrationsbeauftragte Aydan Özoğuz. Darin belegt die Deutsch-Türkin mit Akribie das rückwärtsgewandte, reaktionären Muslimverbänden in die Hände spielende Islamverständnis ihrer Landsmännin und SPD-Politikerin. Zweitens ein Artikel aus dem Jahr 2009 von Seyran Ates: „Das Kopftuch ist zur Waffe geworden“. Und zuguterletzt ein aktueller Text von mir über die islamische Agitatorin Kübra Gümüsay, u.a. Mitinitiatorin des Hashtags #ausnahmslos. Die Deutsch-Türkin, mit Erfahrungen in den Islamismus-Hochburgen Kairo und London, hatte via Klage vergeblich versucht zu verhindern, dass EMMA über deren ideologischen Hintergrund und ihre politische Strategie berichtet.

EMMA soll all das nicht schreiben dürfen. Und warum nicht? Weil Rechte es lesen könnten. Lieber die Wahrheit verschweigen, als Unbequemes berichten und sich mit dem politischen Gegner auseinanderzusetzen? Doch es geht diesen Leuten ganz offensichtlich nicht um die Realität, es geht ihnen um ihre Ideologie. Diese Linken sind immer auf der richtigen Seite. In Frankreich werden sie übrigens „Islamo-Gauchisten“ genannt, parallel zu den „Islamo-Faschisten“.

Selbstverständlich wird EMMA weiter berichten, was sie relevant findet. Das tut sie seit 41 Jahren. Egal, wer es liest; selbst wenn es Übermedien ist. Denn EMMA steht in der Tradition der Aufklärung und richtet sich nicht nur an eine bestimmte Community, sondern an alle.

Früher war es die Klitoris-
verstümmelung. Jetzt ist es das Kopftuch.

Bisher ist EMMA leider eine der raren Stimmen in diesem Land, die kritisch über den Missbrauch des Islam und die Lage der Frauen in den islamischen Communitys und Ländern berichten - was schon aus Solidarität mit den demokratischen MuslimInnen geboten ist. Denn sie sind die ersten Opfer der Fundamentalisten; diese rechten Islamisten, mit denen weite Teile der westlichen Linken seit nun bald 40 Jahren so fatal sympathisieren. Der Sexismus des politisierten Islam scheint diese Linken nicht zu stören und auch nicht der Antisemitismus. Im Gegenteil. Gerade eskaliert der Antisemitismus in politisierten muslimischen Kreisen, im Namen der Kritik an Israel auch befeuert von westlichen Linken.

Übrigens: Gleich in den ersten Zeilen schreibt Übermedien: „Der Vorwurf, rassistisch zu sein, begleitet EMMA nahezu von Anbeginn.“ Das stimmt. Grund: EMMA berichtete in ihrer ersten Ausgabe 1977 über die Klitorisverstümmelung – wofür wir von Linken und auch so manchen Feministinnen scharf angegriffen wurden: Es handele sich dabei um „andere Sitten und eine andere Kultur“, und wir „privilegierten weißen WestlerInnen“ sollten uns da gefälligst raushalten. Haben wir zum Glück nicht getan. Wir haben uns kurzgeschlossen mit den Frauen in Afrika und in den arabischen Ländern sowie in den Communitys in Europa. Die kämpfen bis heute verzweifelt aber nicht erfolglos gegen dieses Verbrechen an Mädchen und Frauen.

Auf dieser Linie wird EMMA bleiben.

Alice Schwarzer

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